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Versicherungen stärken ökonomische Widerstandsfähigkeit

Wirtschaftsräume mit hoher Versicherungsdurchdringung erholen sich viel schneller nach einer Naturkatastrophe als solche, die ausschliesslich auf die Regierung angewiesen sind. Hurrikan im Golf von Mexiko. (Bild: Shutterstock)

Ist die Weltwirtschaft seit der Finanzkrise schockresistenter geworden? Leider nicht. Im Gegenteil: Die führenden Volkswirtschaften sind heute weniger gewappnet, Schocks zu absorbieren, als vor zehn Jahren. Es besteht Handlungsbedarf.

Mit Schockresistenz ist die Fähigkeit eines Systems gemeint, sich nach einem bedeutenden Schock zu erholen. Leider haben sich viele quantitative und qualitative Faktoren, die die ökonomische Belastbarkeit stärken, in den letzten Jahren abgeschwächt. Das globale Konjunkturwachstum ist signifikant gesunken, von rund 5 Prozent in 2006 auf etwas mehr als 3 Prozent in 2018. Die absoluten globalen Schuldenraten sind deutlich höher als noch vor zehn Jahren. Im ersten Quartal 2018 beliefen sie sich auf 319 Prozent des globalen BIP, verglichen mit 283 Prozent im 1. Quartal 2008. Inzwischen sind die Hauptakteure an den Finanzmärkten nicht mehr private Investoren, sondern Zentralbanken. Damit sinkt die Funktion der Märkte, über ihre Kurse Risiken zu signalisieren. Einige der ehemals offensten Märkte sind heute zudem protektionistischer als noch vor ein paar Jahren, dies vor allem in den Bereichen Handel und Personenfreizügigkeit.

Weshalb kümmert dies den Chefökonomen einer Rückversicherung? Versicherungen sind ein zentraler Bestandteil eines ausgeglichenen ökonomischen Systems. Sie sind ein Stabilisator und machen Wirtschaftssysteme schockresistenter. Dafür verantwortlich sind drei Gründe: Erstens profitieren Unternehmertum, Handel und Investitionen dank einer effizienteren Ressourcenallokation von einem bewussten Umgang mit Risiken. Dadurch können Risiken vermieden werden. Zweitens helfen Versicherungen der Gesellschaft, sich nach einem Schock dank finanziellem Schutz schneller zu erholen. Und drittens agieren Versicherungen als Intermediäre. Sie leiten Sparguthaben und Prämien zurück in die Realwirtschaft, fördern so das Wachstum und sorgen für eine gewisse Stabilität an den Finanzmärkten.

30’000 Milliarden Dollar

Die Versicherer verwalten rund 40 Prozent oder rund 30’000 Milliarden Dollar aller langfristigen, institutionellen Gelder. Sinnvolle regulatorische und politische Rahmenbedingungen könnten dafür sorgen, dass dieses Kapital in Projekte wie beispielsweise Infrastrukturinvestitionen fliesst, die ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum fördern.

Wirtschaftsräume mit hoher Versicherungsdurchdringung erholen sich viel schneller nach einer Naturkatastrophe als solche, die ausschliesslich auf die Regierung angewiesen sind. Allerdings gibt es über alle Gesellschaftsschichten hinweg nach wie vor grosse Versicherungslücken. Wir müssen verstehen, weshalb es diese Lücken gibt und welche Barrieren – auf der Angebots- und der Nachfrageseite – eine bessere Versicherungsabdeckung verhindern. Das Risikobewusstsein sowohl in den entwickelten als auch in den aufstrebenden Märkten zu schärfen oder mithilfe neuer Technologien für mehr Menschen erschwingliche Versicherungen zu entwickeln, sind nur zwei Ansatzpunkte, um die Situation zu verbessern. Die Versicherungslücken ganz zu schliessen, ist wohl Wunschdenken. Aber es muss unser Ziel sein, sie möglichst zu verringern – nicht nur zum Wohle der einzelnen Menschen, Unternehmen oder Staaten, sondern auch, um damit die Schockresistenz für die globale Wirtschaft zu erhöhen.

Chefökonom, Swiss Re Group, Zürich

Chefökonom, Swiss Re Group, Zürich