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Einstellung zu Geld ändert jenseits des Röstigrabens

In der Westschweiz hat Geld eine grössere symbolische und soziale Bedeutung als in den übrigen Landesteilen. Dies beeinflusst das Verschuldungsrisiko.

Wie hast dus mit dem Geld? Jugendliche am Ufer des Genfersees. (Bild: Keystone)

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Die Bedeutung, die junge Menschen in der Schweiz im Alter von 18 bis 30 Jahren dem Geld beimessen, ist homogen. Dies zeigt eine Studie der Universität Freiburg. Entgegen teilweise geäusserten Befürchtungen bringt die Mehrheit der Befragten zum Ausdruck, dass ihnen Werte wie Sparen, ein ausgeglichenes Budget oder Schuldenfreiheit sehr wichtig sind. Es lassen sich drei hauptsächliche Einstellungen zu Geld feststellen. Personen, die eher zur einen oder zur anderen Einstellung neigen, unterscheiden sich kaum nach soziodemografischen Merkmalen. Eine wichtige Ausnahme bildet die Sprachregion, die einen bedeutenden Einfluss hat. Die verschiedenen Einstellungen sind in der Westschweiz in höherem Ausmass festzustellen als in der übrigen Schweiz, wo Geld eine stärker utilitaristische und weniger soziale und symbolische Dimension aufzuweisen scheint. Die unterschiedlichen Einstellungen zu Geld beeinflussen nicht zuletzt das Verschuldungsrisiko.

Gemäss dem Bundesamt für Statistik sparen Westschweizerinnen und Westschweizer weniger als Personen in der Deutschschweiz. Zudem sind sie, wie auch die Bevölkerung der italienischen Schweiz, stärker verschuldet. Die gleiche Tendenz ist bei jungen Menschen zu beobachten: Deutschschweizer, die aus dem Elternhaus ausziehen, geben an, weniger finanzielle Schwierigkeiten zu haben, mehr zu sparen und weniger Zahlungsrückstände aufzuweisen als junge Menschen aus den anderen Landesteilen.[1]

Wie lässt sich dieses unterschiedliche Wirtschaftsverhalten erklären? Einige führen die Unterschiede auf das liberalere Staatsverständnis zurück, das in der Deutschschweiz im Vergleich zur lateinischen Schweiz besteht. Demnach verlassen sich Deutschschweizer stärker auf ihre eigenen Ressourcen und sparen tendenziell mehr.[2] Andere erklären sich die höhere Verschuldung in der lateinischen Schweiz damit, dass die Menschen «ungeduldiger» und weniger bereit seien, Konsumwünsche aufzuschieben.[3]

Solche Erklärungen sind zwar interessant, geben jedoch keine Auskunft darüber, ob in den einzelnen Sprachregionen ein spezifisches, kulturell bedingtes Verhältnis zu Geld besteht. In einer Studie[4] haben wir deshalb folgende zwei Fragen untersucht: Haben Personen in der Deutschschweiz, der Westschweiz und der italienischen Schweiz ein unterschiedliches Verhältnis zu Geld? Und falls dies zutrifft: Wie wirkt sich dieses Verhältnis auf ihr Wirtschaftsverhalten aus?

Die Studie ist Teil eines Forschungsprojekts der Universität Freiburg zur problematischen Verschuldung in der Schweiz, welches vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird. Im Jahr 2015 wurde eine Stichprobe von 5000 jungen Männern und Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz schriftlich kontaktiert und gebeten, einen Online-Fragebogen auszufüllen. Die Umfrage untersucht erstens die mit Geld verbundenen Einstellungen und Werte. Zweitens spricht sie die finanzielle Praxis (Sparen, Umgang mit Geld und Verschuldung) an, und drittens beobachtet sie die Verschuldung (Betrag, Art der Schulden und Gründe für die Verschuldung). Insgesamt nahmen 1390 Menschen teil.

Geld ermöglicht Unabhängigkeit

Die Auswertung zeigt: Die Art und Weise, wie Geld wahrgenommen wird, ist in der Schweiz homogen. Aus Sicht der grossen Mehrheit der befragten 18- bis 30-Jährigen bietet es die Möglichkeit, unabhängig zu sein. Tatsächlich wird Geld vor allem als Mittel wahrgenommen, um frei zu sein und das zu tun, was man möchte: 79 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage vollständig oder teilweise zu. 71 Prozent sehen Geld als Mittel, um die eigenen Ziele zu erreichen. Deutlich weniger sind der Meinung, es ermögliche ihnen, über mehr Macht zu verfügen (28%), soziale Anerkennung zu erhalten (21%) oder Freunde zu gewinnen (8%).

In Bezug auf die Werte, die von den Eltern vermittelt wurden, fällt vor allem eine seriöse und besonnene Haltung auf: 88 Prozent der Befragten geben an, ihre Eltern hätten ihnen häufig oder sogar sehr häufig gesagt, sie sollten nicht mehr ausgeben, als sie zur Verfügung hätten, sie sollten sparen (81%), oder sie sollten keine Schulden machen (75%). Nur 19 Prozent der Befragten erwähnten, Geld zum Vergnügen zu verwenden.

Drei Einstellungen zu Geld

Zwischen den verschiedenen Antworten bestehen starke Korrelationen, wie die statistischen Analysen zeigen. Anders gesagt liegt den untersuchten Variablen eine Struktur zugrunde, aus der sich verschiedene Einstellungen zu Geld ableiten lassen. Anhand dieser Einstellungen kann besser erfasst werden, welchen Bezugsrahmen die einzelnen Personen beim Treffen von finanziellen Entscheidungen heranziehen.[5] Wir haben drei dominante Einstellungen zu Geld ausgemacht. Bei der ersten Einstellung ist Geld mit «Prestige und Macht» verbunden: Es dient als Mittel, um sich Respekt und sozialen Status zu verschaffen. Geld wird als Machtinstrument, als Selbstzweck oder als Mittel für den Aufbau eines sozialen Netzes betrachtet. Die zweite Einstellung könnte man mit dem Bild eines «guten Verwalters» umschreiben. Sprich: Es steht eine seriöse und besonnene Haltung im Vordergrund, und dem Sparen oder der Zahlungsfähigkeit werden ein hoher Stellenwert beigemessen. Drittens gibt es eine «pragmatische Einstellung»: Hier wird Geld als Mittel zur Erreichung verschiedener Ziele betrachtet: frei sein, sich amüsieren usw.

Sprachregionale Unterschiede

Die drei Einstellungen sind in der Bevölkerung unterschiedlich verteilt. Während Männer, Personen ohne Schweizer Staatsangehörigkeit sowie Personen mit den höchsten Einkommen Geld häufiger mit Prestige und Macht in Verbindung bringen, ist die Einstellung des guten Verwalters bei Personen mit einem mittleren Bildungsstand stärker verbreitet. Der bedeutendste Parameter ist jedoch die Sprachregion: Je nach Landesteil sind die Einstellungen unterschiedlich verteilt.

Entgegen unseren Erwartungen zeichnet sich jedoch nicht jede Sprachregion durch eine spezifische Einstellung aus, sondern alle drei Einstellungen sind in der Westschweiz stärker ausgeprägt als in den übrigen Landesteilen. Dieses Resultat lässt sich so interpretieren, dass Personen in der Deutschschweiz und der italienischen Schweiz offensichtlich ein instrumentelleres Verhältnis zu Geld haben als Westschweizer. Sie messen ihm einen geringeren sozialen und symbolischen Wert bei. Demgegenüber scheint Geld für Personen in der Westschweiz stärker mit den sozialen Beziehungen und Machtverhältnissen verbunden zu sein.[6]

Auswirkungen auf die Verschuldung

Zusätzliche statistische Analysen (Modelle zur multivariaten logistischen Regression) bestätigen, dass jede Einstellung bestimmte Finanzverhalten begünstigt. Wird Geld mit Prestige und Macht in Verbindung gebracht, erhöht sich das Verschuldungsrisiko. Demgegenüber verringert die Einstellung des guten Verwalters die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit Rechnungen im Verzug ist. Hingegen haben die drei Einstellungen keine Auswirkung auf das Sparen, das tendenziell weniger durch persönliche Wahrnehmungen beeinflusst wird. Der Grund dafür ist, dass die meisten Befragten sparen: Rund 70 Prozent der jungen Menschen in der Schweiz legen Geld zur Seite. Im Jahr 2016 sparte ein Durchschnittshaushalt netto 18,8 Prozent des verfügbaren Einkommens.[7] In der Eurozone war der Anteil mit 5,6 Prozent deutlich tiefer.

Die Studie zeigt auf, dass in der Schweiz drei unterschiedliche Einstellungen zu Geld bestehen und dass diese das Verschuldungsrisiko positiv oder negativ beeinflussen. Da alle drei Einstellungen in der Westschweiz stärker verbreitet sind, lassen sich keine eindeutigen Aussagen zum Verschuldungsrisiko nach Sprachregion machen. Dennoch scheint klar: In den Programmen für Finanzerziehung oder Schuldenprävention sollten die drei Einstellungen stärker berücksichtigt werden, welche sich konkret auf die Wirtschaftspraxis auswirken können.

  1. Wernli und Henchoz (2015). []
  2. Eugster und Parchet (2013). []
  3. Guin (2017). []
  4. Henchoz et al. (2019). []
  5. Tang (1992): 201. []
  6. Polanyi, [1944] (1983). []
  7. OECD (2019). []

Assistenzprofessorin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Westschweiz Wallis; Lehrbeauftragte und Forscherin an der Universität Freiburg

Forscher, Departement für Sozialwissenschaften Soziologie, Universität Freiburg

Leiter der Abteilung Umfragen, Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (Fors), Professor an der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften, Universität Lausanne

Von der Forschung in die Politik

Aktuelle wissenschaftliche Studien aus der «Schweizerischen Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik» mit einem starken Bezug zur schweizerischen Wirtschaftspolitik erscheinen in einer Kurzfassung in der «Volkswirtschaft».

Literatur

  • Eugster, B. und Parchet, R. (2013). Culture and Taxes: Towards Identifying Tax Competition (Research Paper). Abrufbar auf der Website der Rechtsfakultät der Universität St. Gallen.
  • Guin, B. (2017). Culture and Household Saving (Working Paper Series no. 2069). European Central Bank.
  • Henchoz, C., Coste, T. und Wernli, B. (2019). Culture, Money Attitudes and Economic Outcomes, in: Swiss Journal of Economics and Statistics, Jg. 155(2).
  • OECD (2019). Household Savings, abgerufen am 16. August 2019.
  • Polanyi, K. ([1944] 1983). La grande transformation. Paris: Gallimard.
  • Tang, L.-P. T. (1992). The Meaning of Money Revisited. Journal of Organizational Behavior, 13, 197–202.
  • Wernli, B. und Henchoz, C. (2015). Les conséquences financières du départ du foyer parental. Une analyse longitudinale des données du Panel suisse de ménages. Swiss Journal of Sociology, 41(2), 311–328.

Assistenzprofessorin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Westschweiz Wallis; Lehrbeauftragte und Forscherin an der Universität Freiburg

Forscher, Departement für Sozialwissenschaften Soziologie, Universität Freiburg

Leiter der Abteilung Umfragen, Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (Fors), Professor an der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften, Universität Lausanne