Die Volkswirtschaft

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Wie entwickeln sich die Vermögen in der Schweiz?

Das Gesamtvermögen in der Schweiz nimmt stetig zu. Diese Entwicklung ist zwar positiv für die Finanzen der Kantone, gleichzeitig ist der Reichtum aber immer ungleicher verteilt.

Reiche Haushalte konnten ihr Vermögen seit deutlich 2003 vermehren. Privatjets im Engadin. (Bild: Alamy)

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Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Die Steuererklärungen der privaten Haushalte liefern Informationen über die Höhe der Vermögen. Eine Längsschnittstudie zeigt, dass das Gesamtvermögen in den letzten Jahren zwar stark gestiegen, es aber zunehmend ungleich verteilt ist. Der Vermögenszuwachs wirkt sich dabei positiv auf die lokalen öffentlichen Finanzen aus.

Seit der Einführung des Neuen Finanzausgleichs im Jahr 2003 stellen die kantonalen Steuerbehörden der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) aggregierte Informationen über die Vermögensverhältnisse der natürlichen Personen in ihrem Kanton zur Verfügung. In einer jährlichen Statistik bildet die ESTV die Vermögen der Haushalte in den verschiedenen Kantonen sowie die unterschiedliche Finanzkraft der Kantone ab (siehe Kasten 1).

Gemäss den neuesten verfügbaren Steuerdaten[1] lag das Gesamtvermögen der privaten Haushalte Ende 2015 in der Schweiz insgesamt bei 1792 Milliarden Franken. Das entspricht 215’166 Franken pro Kopf oder 43.40 Franken pro Quadratmeter Land. Das Gesamtvermögen beträgt das 5,35-Fache des gesamten «Nettoeinkommens» aller Haushalte im gleichen Jahr. Als Nettoeinkommen gelten die gemeldeten Einkommen ohne Sozialabzüge.

Zwischen den Kantonen gibt es deutliche Unterschiede (siehe Abbildung 1). So variiert das Pro-Kopf-Vermögen zwischen 99’099 Franken im Kanton Freiburg und 718’473 Franken im Kanton Schwyz. Besonders hohe Werte verzeichnen die Zentralschweiz (Schwyz, Nidwalden, Zug, Obwalden), die Ostschweiz (Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden), Graubünden (306’851 Franken) sowie die Kantone Zürich (266’735 Franken) und Genf (245’574 Franken). Am anderen Ende der Rangliste finden sich Freiburg (99’099 Fr.), Jura (100’762 Fr.), Solothurn (101’708 Franken) und Neuenburg (107’325).

Abb. 1: Durchschnittliches Pro-Kopf-Vermögen nach Kantonen (2015)

Quelle: ESTV / Die Volkswirtschaft

Kontinuierlicher Vermögenszuwachs

Zwischen Ende 2003 und Ende 2015 ist das Gesamtvermögen um nominal 754 Milliarden Franken gewachsen: Es erhöhte sich von 1038 Milliarden Franken auf 1792 Milliarden Franken. Ausser im Jahr 2008, als das Gesamtvermögen um 0,51 Prozent zurückging (siehe Abbildung 2), wuchs es stetig. Im Durchschnitt betrug der nominale Anstieg 4,66 Prozent pro Jahr. In diesem Zeitraum stiegen die Preise nach Angaben des Bundesamtes für Statistik (BFS) jährlich durchschnittlich um 0,31 Prozent, und die ständige Wohnbevölkerung nahm um 1,03 Prozent zu.

Abb. 2: Entwicklung des Gesamtvermögens der Haushalte in der Schweiz (2003–2015, nominal)

Quelle: ESTV / Die Volkswirtschaft

Auch beim Vermögenszuwachs weichen die einzelnen Kantone deutlich vom nationalen Durchschnitt ab (siehe Abbildung 3). Die höchsten jährlichen Zuwachsraten verzeichnen die Kantone Schwyz (+10,53%), Obwalden (+9,78%) und Genf (+7,65%). Am schwächsten wuchsen die Vermögen mit durchschnittlich 2,15 Prozent pro Jahr im Kanton Neuenburg. Dahinter folgen Bern (+2,66%) und Glarus (+2,71%).

Abb. 3. Durchschnittlicher jährlicher Vermögenszuwachs der Haushalte pro Kanton (2003–2015, nominal)

Quelle: ESTV / Die Volkswirtschaft

Sechs Kantone, deren durchschnittliches Pro-Kopf-Vermögen bereits 2003 über dem nationalen Durchschnitt lag, verzeichneten bis 2015 einen überdurchschnittlichen Vermögenszuwachs: Schwyz, Nidwalden und Zug sowie in geringerem Masse Graubünden und die beiden Appenzell. Diese vergleichsweise «reichen» Kantone sind somit noch «reicher» geworden (siehe Abbildung 4). Tiefere Zuwachsraten sind denn auch in neun Kantonen zu finden, deren durchschnittliches Pro-Kopf-Vermögen 2003 bereits unter dem nationalen Durchschnitt lag, nämlich in den Kantonen Neuenburg, Freiburg, Bern, Basel-Landschaft, Schaffhausen, Aargau, Jura, Solothurn und Waadt. Ihr Abstand zu den reichsten sechs Kantonen hat sich weiter vergrössert.

Demgegenüber verzeichneten Kantone, die 2003 ein relativ tiefes Pro-Kopf-Vermögen aufwiesen, überdurchschnittliche Wachstumsraten. Dies gilt insbesondere für Obwalden und Genf sowie weniger ausgeprägt für Uri, Tessin, Wallis, Luzern, Thurgau und St. Gallen. Schliesslich wiesen Zürich, Glarus und Basel-Stadt, deren durchschnittliches Pro-Kopf-Vermögen 2003 über dem nationalen Durchschnitt lag, unterdurchschnittliche Wachstumsraten auf.

Abb. 4. Durchschnittlicher jährlicher Vermögenszuwachs der Haushalte nach Kanton (2003–2015, nominal)

Lesebeispiel: 2003 lag das Nettovermögen im Kanton Nidwalden bei 331’467 Franken pro Kopf; zwischen 2003 und 2015 stieg es jährlich durchschnittlich um 6,87 Prozent. Gesamtschweizerisch betrug das durchschnittliche Nettovermögen pro Kopf 140’895 Franken. Hier betrug das durchschnittliche Wachstum 3,59 Prozent pro Jahr.

Quelle: ESTV / Die Volkswirtschaft

Mehr grosse Vermögen

Schweizweit zählte man 2015 knapp 5,24 Millionen Vermögenseinheiten. Gezählt wurden alle Vermögenswerte eines steuerpflichtigen Haushalts pro Kanton. Die meisten dieser Vermögenseinheiten in der Schweiz (55,46%) sind nicht höher als 50’000 Franken. Etwa ein Viertel der Einheiten wird sogar mit null beziffert. Gesamthaft machen kleine Vermögen von 50’000 Franken oder weniger nur 1,50 Prozent des gesamten Vermögens des Landes aus.

Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich die grossen Vermögen: Vermögen von über 1 Million Franken machen mit 299’540 Einheiten 5,72 Prozent aller Einheiten in der Schweiz aus und entsprechen 66,59 Prozent des Gesamtvermögens. Vermögen von über 10 Millionen Franken kommen mit 14’803 Einheiten auf 0,28 Prozent aller Vermögenseinheiten. Sprich: Sie vereinigen 30,34 Prozent des Gesamtvermögens der Schweiz auf sich.

Gemäss dem Gini-Koeffizienten hat in der Schweiz die Ungleichverteilung beim Vermögen zwischen 2003 und 2015 zugenommen: Der Index stieg in zwölf Jahren um 0,02804 Basispunkte auf 0,86046 Basispunkte per Ende 2015, wobei der Indexwert von 1 für eine «vollkommen ungleiche» Verteilung steht (siehe Kasten 2). Die Ungleichverteilung nahm kontinuierlich zu, ausser 2008, als nach dem starken Anstieg 2007 eine leichte Korrektur erfolgte (siehe Abbildung 5). Auch in den verschiedenen Kantonen ist der Gini-Koeffizient in diesem Zeitraum gestiegen (siehe Abbildung 6).

Die grossen Vermögen haben zwischen 2003 und 2015 besonders stark zugenommen. Dies zeigt ein Blick auf das 75. Perzentil, bei welchem 25 Prozent der Vermögen darüber (beziehungsweise 75 Prozent der Vermögen darunter) liegen: Dieser Wert (in Franken von 2015) stieg von 169’100 auf 200’700 Franken (+18,64%). Beim 90. Perzentils nahm der Wert um 32,53 Prozent zu: Er stieg von 476’500 auf 625’300 Franken. Der Wert des 99. Perzentils verzeichnete sogar ein Wachstum von 42,85 Prozent, von 2,68 auf 3,83 Millionen Franken.

Abb. 5: Gini-Koeffizient zur Ungleichverteilung der Haushaltsvermögen (2003–2015)

Quelle: ESTV / Die Volkswirtschaft

Abb. 6: Gini-Koeffizient zur Ungleichverteilung der Haushaltsvermögen nach Kanton (2003–2015)

Quelle: ESTV / Die Volkswirtschaft

Steigende Einnahmen der Kantone und Gemeinden

Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf die öffentlichen Finanzen und insbesondere auf die Steuern? Die kantonalen und kommunalen Behörden erheben eine Vermögenssteuer, wobei der Steuersatz bei kleinen Vermögen relativ tief ist, bei steigendem Vermögen aber rasch zunimmt.

Der Vermögenszuwachs − insbesondere bei den grossen Vermögen – wirkt sich positiv auf die Finanzen von Kantonen und Gemeinden aus. Gemäss den Statistiken der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV) haben die Kantone und Gemeinden 2015 bei den natürlichen Personen Vermögenssteuern in der Höhe von 6,6 Milliarden Franken erhoben. Gegenüber dem Jahr 2003, als sie 4,4 Milliarden Franken erhoben, entspricht dies einer Zunahme von 2,2 Milliarden Franken (im Durchschnitt +3,35% pro Jahr).

  1. Siehe Rudi Peters (2019): L’évolution de la richesse en Suisse de 2003 à 2015, abrufbar unter Estv.admin.ch.  []

Spezialist für Steuerstatistik, Abteilung Volkswirtschaft und Steuerstatistik, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Bern

Kasten 1: Was bedeutet «Vermögen» in der Steuerstatistik?

Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) erstellt seit 2003 jedes Jahr eine Vermögensstatistik der natürlichen Personen, welche das Reinvermögen von allen auf kantonaler Ebene steuerpflichtigen natürlichen Personen erfasst. Bei steuerpflichtigen Personen mit Vermögensteilen im Ausland werden nur die in der Schweiz besteuerten Vermögensteile berücksichtigt. In der Statistik sind auch Immobilien, Unternehmen und Betriebsstätten in der Schweiz enthalten, die im Besitz von Personen mit Wohnsitz im Ausland sind. Eine natürliche Person kann mehrfach erfasst sein, wenn sie steuerpflichtige Vermögensteile in zwei oder mehr Kantonen besitzt. Die Statistik listet das veranlagte Reinvermögen der natürlichen Personen per 31. Dezember – vor Berücksichtigung der verschiedenen Sozialabzüge – auf. Das tatsächliche Vermögen der natürlichen Personen wird in der Statistik jedoch tiefer bewertet, denn gewisse Vermögensbestandteile der Haushalte (wie etwa die Guthaben der 2. Säule oder der Säule 3a) sind darin nicht, andere (Wert der Immobilien, Guthaben aus Lebensversicherungen etc.) nur teilweise berücksichtigt.

Kasten 2: Der Gini-Koeffizient

Der Gini-Koeffizient oder auch Gini-Index wird häufig zur Darstellung von Ungleichverteilungen verwendet. Sein Wert liegt zwischen 0 und 1, wobei 0 eine «perfekt gleichmässige» Verteilung bedeutet, bei der alle Werte identisch sind. Ein Wert von 1 steht hingegen für eine «vollkommen ungleiche» Verteilung, bei der alle Werte im Besitz nur einer Person sind.

Spezialist für Steuerstatistik, Abteilung Volkswirtschaft und Steuerstatistik, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Bern