Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Arbeitszeit im digitalen Zeitalter»

Arbeit als Veränderungsmotor der Schweiz

Ein Blick auf die Geschichte zeigt: Arbeit ist mehr als Ökonomie, da sie eine soziale und eine politische Komponente aufweist und das Selbstwertgefühl von Menschen beeinflusst.

«Syt dihr öpper, oder nämet dihr Lohn?» Die Berner Patrizierin Madame de Meuron (1882–1980) äusserte sich abschätzig zu Lohnarbeit. (Bild: Keystone)

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Die Schweiz ist ein wirtschaftlich und kulturell stark verflochtenes Land. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts verlief der Industrialisierungsprozess in europäischen und globalen Kraftfeldern. Nicht nur in der Fabrikindustrie wurde die Arbeit durch Mechanisierung und wirtschaftliche Austauschprozesse geprägt. Zugleich war sie selbst ein wichtiger Veränderungsfaktor. Weit über ihre volkswirtschaftliche Bedeutung hinaus beeinflusst sie das Selbstverständnis und die Fremdwahrnehmung von Menschen. Und die sozialen Konflikte um die Arbeitsbedingungen und -entlohnung bestimmen massgeblich die Sozialstruktur. Heute steht die Wirtschaftspolitik vor der Aufgabe, nachhaltige Perspektiven eines Wandels der Arbeit aufzuzeigen, welche die Interessen von Lohnabhängigen berücksichtigen. So kann die Angst vor der Digitalisierung abgebaut und so können Menschen dazu motiviert werden, die neuen Chancen zu packen, welche die revolutionären Umwälzungen der Arbeitswelt bieten.

Eine Geschichte der Arbeit lässt sich nur als transnationale Verflechtungsgeschichte schreiben. So machte die industrielle Revolution nicht an der Schweizer Grenze halt. Auch die grossen Wirtschaftskrisen, verbunden mit gravierender Arbeitslosigkeit, waren stets grenzüberschreitende Phänomene. Das gilt ebenso für Innovationsschübe, Technologietransfers, Arbeitskämpfe und den Wandel der sozialpartnerschaftlichen Beziehungen zwischen Unternehmern und Belegschaften. Alle diese Vorgänge wirkten sich auf das breite Spektrum von Arbeitsformen und -bedingungen innerhalb der Schweiz aus. Gleichzeitig ist die Arbeit selbst ein Veränderungsfaktor, ohne den dieses Land nicht das geworden wäre, was es heute ist.

Die Alte Eidgenossenschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts war noch stark ländlich-bäuerlich geprägt; gleichzeitig gehörten einige Regionen wie das Zürcher Oberland oder das Appenzellerland, wo das Textilgewerbe florierte, zu den weltweit am stärksten industrialisierten Wachstumszentren. Im «Verlagssystem» produzierten Heimarbeiterhaushalte unter stetem Kostendruck und trugen das volle Risiko einer volatilen Wirtschaftskonjunktur. Immerhin konnten sie Arbeitsrhythmus und -intensität autonom bestimmen – was jedoch nur allzu häufig mit familiärer Selbstausbeutung einherging. Meist mussten auch die Kinder arbeiten.

Aus dem Zusammenwirken von Agrarmodernisierung, Fabrikindustrialisierung und Weltmarktkonkurrenz resultierten in der Folge einerseits neue Erwerbsmöglichkeiten, andererseits eine breite Verarmung, die als «Massenarmut» auch zum politischen Problem wurde. In den neu gegründeten Fabriken herrschte eine Herr-im-Haus-Mentalität: Die Patrons «regierten» mit Zuckerbrot (Unterstützungskassen, Arbeiterwohnungen) und Peitsche (Fabrikordnungen mit drakonischen Strafandrohungen). Zudem bekämpften sie konsequent die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Maschinen geben Takt an

Im ausgehenden 19. Jahrhundert weiteten sich die industrielle Produktionsbasis und das Spektrum an Dienstleistungsberufen (in Verkehr, Kommunikation, Handel, Tourismus, Ausbildung, Gesundheitswesen und Verwaltung) aus. Nicht nur in Grossunternehmen erhielt die «Herrschaft der Mechanisierung» (Sigfried Giedion), die sich schon in den protoindustriellen Familienbetrieben gezeigt hatte, eine neue Qualität. Die Arbeit der Menschen unterlag mehr denn je dem Maschinentakt. Mit dem ersten Eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877 (das vom pionierhaften Glarner Fabrikgesetz von 1864 inspiriert war) wurde der «Normalarbeitstag» geschaffen und die unternehmerische Willkür eingeschränkt. Doch die Arbeitsbedingungen blieben prekär. So betrug die tägliche Arbeitszeit noch immer elf Stunden, die Löhne waren niedrig, die Luft in den Arbeitsräumen schlecht, die Beleuchtung ungenügend, Temperatur, Lärm und Gestank oft unerträglich. Und die Unternehmer unterliefen die neu geschaffene obligatorische Haftpflichtversicherung bei Arbeitsunfällen systematisch. Die «soziale Frage», die damals intensiv diskutiert wurde, war zu einem Gutteil eine Frage der Arbeitsbedingungen. Verbesserungen brachten kollektive Arbeitsverträge, die ab 1911 Gesamtarbeitsverträge (GAV) genannt wurden und die ab 1941 für allgemeinverbindlich erklärt werden konnten. Diese GAV stellen bis heute das Rückgrat der schweizerischen Sozialpartnerschaft dar.

Um die Jahrhundertwende verschoben sich die Geschlechterbeziehungen in der Arbeitswelt. Stellten Frauen in der Textilindustrie oft den grössten Teil der Arbeitskräfte, so wurden sie nun in den neuen wirtschaftlichen Leitsektoren – Chemie, Elektroindustrie, Maschinenbau – durch Männer zurückgedrängt. In den Bereichen Gastgewerbe, Büro, Verkauf und Körperpflege entstanden typisch weibliche Berufsgruppen, die lohnmässig schlechter eingestuft wurden als die Männerberufe und die auch vonseiten der Gewerkschaften wenig Unterstützung fanden.

Seit dem Ersten Weltkrieg bildete sich die Frauenerwerbsquote zurück. Einer ähnlichen Logik folgte die «Unterschichtung» des schweizerischen Arbeitsmarktes durch Arbeitsmigranten, die mehrheitlich in wenig attraktiven Branchen tätig waren. Ihre Zahl nahm ab den 1880er-Jahren beträchtlich zu, ging ab 1914 zurück und verzeichnete 1941 einen historischen Tiefstand, um nach 1945 wiederum signifikant anzusteigen.

In den 1920er-Jahren wurde die Schweiz als ein typisches Industrieland wahrgenommen: Die Landwirtschaft umfasste kaum noch ein Viertel der Erwerbstätigen. Mehr als ein Drittel der Arbeitenden fand in verschiedenen Dienstleistungen ihr Auskommen – wo sie sich als Angestellte über die «Kragenlinie» abgrenzten von den Arbeitern. Der grosse Rest arbeitete in Industrie und Gewerbe. Im Industriesektor brach sich ein amerikanisierter «efficiency craze» Bahn: Taylorisierung und wissenschaftliche Betriebsführung stiegen zu neuen Leitbildern auf. Die durchrationalisierte Fliessbandproduktion setzte sich allerdings erst in der lang anhaltenden Prosperitätsphase der Nachkriegszeit durch, nun unter dem neuen Schlagwort «Produktivitätspolitik».

Auch der beschäftigungsmässig schrumpfende Agrarsektor hing trotz der hochgehaltenen folkloristischen Bauerntradition immer stärker von Chemie- und Maschineneinsatz ab. In Haushalt und Küche revolutionierten neue elektrische Geräte wie Waschmaschine, Kühlschrank, Staubsauger, elektrisches Bügeleisen, Mixer, später auch Geschirrspülautomaten die unbezahlten Tätigkeiten. Diese «Reproduktionsarbeit» wurde vor allem von Frauen geleistet, die sich ausserdem mit gehobenen hygienischen und neuen ästhetisch-emotionalen Standards konfrontiert sahen. In dieser Phase des Wirtschaftswunders kam auch der Computer auf und löste seit den 1960er-Jahren in verschiedenen Bereichen der Volkswirtschaft produktivitätstreibende Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse aus.

«Syt dihr öpper?»

Diese Veränderungen der Arbeitswelt gingen einher mit markanten Verschiebungen der Bedeutung und der Bewertung verschiedener Formen des Tätigseins. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit setzte man Arbeit mit Mühe, Last und Armut gleich. Dabei betrachteten arme Leute ihren fleissigen Einsatz nach dem Motto «ora et labora» als frommen «Gottesdienst», der ihnen einen privilegierten Start ins Jenseits ermöglichen sollte. Begüterte und Mächtige verzichteten hingegen demonstrativ auf harte körperliche Tätigkeiten. Im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit mussten sie dann in der Bibel nachlesen, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher in den Himmel. Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieben solche religiösen Deutungsmuster virulent. Sie überlagerten sich mit aristokratisch-elitären Abgrenzungsbedürfnissen nach unten. Legendär war etwa die Berner Patrizierin Louise Elisabeth de Meuron-von Tscharner (1882–1980), die ihr Unbekannte mit dem Satz anzusprechen pflegte: «Syt dihr öpper, oder nämet dihr Lohn?»

Dieses Verständnis von Lohnarbeit, wie es die anachronistische «Madame de Meuron» äusserte, war im demokratisch organisierten Bundesstaat von 1848 längst obsolet geworden. Der staatstragende Freisinn wertete die Arbeit seiner Bürger auf; für die erste Landesausstellung von 1883 dichtete Gottfried Keller eine regelrechte Ode an die Arbeit («Vaterland, (…) nur durch Arbeit wirst du reich!»). Sinnsprüche wie «Arbeit ist des Bürgers Zier» machten die Runde. Die im Fin de Siècle aufstrebende Arbeiterbewegung stellte die Lage als fundamental ambivalent dar: Arbeiter könnten alles sein, doch im Kapitalismus zählen sie nichts. Die Arbeit produziert alle wirtschaftlichen Werte, wird aber durch das Kapital ausgebeutet. Auf den sich verschärfenden Klassenkampf reagierten auch die Landeskirchen mit neuen Vorschlägen zum Arbeit-Lohn-Nexus – bahnbrechend war die katholische Sozialenzyklika «Rerum Novarum» des «Arbeiterpapstes» Leo XIII. (1893).

Digitalisierung als Risiko

Heute befinden wir uns erneut in einer Phase verschärfter Definitions- und Deutungskonflikte um die Arbeit. Löste die Fluchtperspektive einer «menschenleeren Fabrik» in den 1960er-Jahren noch positive Gefühle einer Befreiung von physischer Plackerei aus, so werden heute mit Big Data und dem «Internet der Dinge» Ängste vor Arbeitsplatzverlusten verbunden. Einige Forscher warnen vor einer Vollbeschäftigung mittels Bullshit-Jobs (David Graeber); andere stellen aufgrund der forcierten Digitalisierung ein massives Wegschrumpfen ganzer Beschäftigungsfelder in Aussicht, verbunden mit Prekarisierung und Arbeitslosigkeit. Wiederum andere gehen optimistischerweise davon aus, dass diese Probleme mit einer intensivierten Ausbildung und Qualifikation von Arbeitskräften gemeistert werden können. So hat die deutsche Bundesregierung die inzwischen auch in anderen Ländern breiter diskutierte «Plattform Industrie 4.0» aufgegleist. Mit dieser wird versucht, widersprüchliche Trends zu bündeln und in eine positive Vision zu übersetzen. Ähnliche Initiativen finden sich in Frankreich («industrie du futur») oder in Japan (Industrial Value-Chain Initiative).

Künftig werden sich die Debatten um die Arbeit vor allem an zwei Streitfragen kristallisieren. Die erste betrifft die soziale Ungleichheit: Während die Cheflöhne in den letzten Jahrzehnten geradezu explodiert sind, breiteten sich im Mittelfeld der Berufstätigen Unsicherheit und Abstiegsängste aus. Am unteren Ende der Verteilungsskala ist das Phänomen der Working Poor akut: Es gibt Menschen, die Vollzeit arbeiten und doch nicht so viel verdienen, um auf einen grünen Zweig zu kommen. In all diesen Entwicklungen steckt ein hohes Konfliktpotenzial. Bei der zweiten Frage geht es grundsätzlicher um das, was in einer Gesellschaft als Arbeit gilt und entsprechend wertgeschätzt wird. Mit dem Aufstieg des «Normalarbeitstages» hat sich über das vergangene Jahrhundert hinweg der Arbeitsbegriff verengt, was faktisch weitgehend auf Kosten der Frauen ging. Auch heute sind viele Verrichtungen, die für ein gutes Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind – vom sogenannten Care-Bereich über soziale Dienstleistungen bis hin zur Haus- und Familienarbeit –, aus dem Wahrnehmungsfeld ausgegrenzt. Sie werden nicht als wertschöpfende Arbeit akzeptiert, geschweige denn vergütet.

Alle Kontroversen um die Definition und die Zukunftschancen der Arbeit weisen einen sozialen und politischen Kern auf. Deshalb lassen sie sich nicht einfach mit ökonomischen Argumenten klären. Die Notwendigkeit, den aktuellen Beschäftigungswandel auf ökologische Erfordernisse abzustimmen und in eine nachhaltige Entwicklung überzuführen, steigert die Komplexität dieser Probleme zusätzlich. Um die Arbeit werden somit auch in der Schweiz weiterhin zentrale Selbstverständigungsdebatten der modernen Gesellschaft kreisen.

Emeritierter Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit, Universität Zürich

Literatur

  • Bernet, Brigitta und Jakob Tanner (2015). Ausser Betrieb: Metamorphosen der Arbeit in der Schweiz, Zürich: Limmat-Verlag.
  • Boillat, Valérie et al. (Hg.) (2006). Vom Wert der Arbeit: Schweizer Gewerkschaften – Geschichte und Geschichten, Zürich: Rotpunkt-Verlag.
  • Giedion, Sigfried (1982). Die Herrschaft der Mechanisierung.  Ein Beitrag zur anonymen Geschichte, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt.
  • Graeber, David (2018). Bullshit Jobs, New York: Simon & Schuster.
  • Gruner, Erich (1968). Die Arbeiter in der Schweiz im 19. Jahrhundert, Bern: Francke.
  • Halbeisen, Patrick, Margrit Müller und Béatrice Veyrassat (Hg.) (2012). Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, Basel: Schwabe-Verlag.
  • Jäger, Reto, Max Lemmenmeier, August Rohr und Peter Wiher (1986). Baumwollgarn als Schicksalsfaden. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in einem ländlichen Industriegebiet (Zürcher Oberland) 1750–1850, Zürich: Chronos.
  • Leonhard, Jörn und Willibald Steinmetz (Hg.) (2016). Semantiken von Arbeit: diachrone und vergleichende Perspektiven, Köln: Böhlau-Verlag.
  • Schürpf, Markus et al. (2015). Arbeit: Fotografien aus der Schweiz 1860–2015, Zürich: Limmat-Verlag.
  • Schweizerisches Sozialarchiv (Hg.) (1982). Arbeitsalltag und Betriebsleben: zur Geschichte industrieller Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Schweiz, Diessenhofen: Rüegger.

Emeritierter Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit, Universität Zürich