Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Konjunktur: Der Blick in die Kristallkugel»

KOF: Von den Umfragen zum Indikator

Die KOF berechnet verschiedene Indikatoren für die Schweizer Konjunktur. Eine wichtige Rolle spielen dabei Unternehmensumfragen.

Die KOF befragt monatlich Tausende Schweizer Unternehmen zu ihrer Geschäftsentwicklung. Sackmesser-Produktion in Ibach SZ. (Bild: Keystone)

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In welcher Verfassung ist die Schweizer Konjunktur? Konjunkturindikatoren helfen, diese Frage zeitnah zu beantworten. Da das Bruttoinlandprodukt als übliche Referenzgrösse zur Beurteilung der wirtschaftlichen Situation nur mit einer Zeitverzögerung veröffentlicht werden kann, sollen Konjunkturindikatoren die zeitliche Lücke schliessen. Zusätzlich können Indikatoren einen Blick in die nahe Zukunft ermöglichen. Gestützt auf ihre monatlichen und quartalsweisen Konjunkturumfragen bei Unternehmen, hat die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich ein Indikatorensystem entwickelt. Dieses umfasst Früh- und Koinzidenzindikatoren unterschiedlicher Bauart. Mit diesem System kann die KOF verschiedenen Nutzerinteressen gerecht werden.

Befindet sich die Schweizer Wirtschaft im Aufschwung? Oder hat sie den Höhepunkt überschritten, und ein Abschwung hat bereits eingesetzt? Als Referenzgrösse zur Beurteilung der wirtschaftlichen Situation eines Landes wird häufig das Bruttoinlandprodukt (BIP) herangezogen. In der Schweiz publiziert das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die BIP-Daten in Quartalsfrequenz. Jahresdaten zum BIP berechnet das Bundesamt für Statistik (BFS).

Für die Konjunkturanalyse ist die Betrachtung in Quartalsfrequenz oder höher wesentlich, um Veränderungen des Konjunkturverlaufs zeitnah zu erkennen. Es ist für eine effektive Konjunkturanalyse aber nicht nur relevant, in welchem zeitlichen Abstand die Wirtschaftsleistung gemessen wird, sondern auch, wie schnell die Messergebnisse jeweils vorliegen. Genau an dieser Stelle kommen Konjunkturindikatoren ins Spiel. Sie ergänzen die mit einem Zeitverzug publizierten BIP-Daten um rasch verfügbare Informationen. Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat ein System von Konjunkturindikatoren entwickelt, welches als Basis ihre Konjunkturumfrageergebnisse verwendet.

Die KOF befragt monatlich oder quartalsweise mehr als 8000 Unternehmen zu ihrer Geschäftsentwicklung. So wird etwa erhoben, wie die Produktions- oder die Personalplanungen ausgerichtet sind. Die Unternehmen bewerten beispielsweise ihren Auftragsbestand und ihre Lagerbestände an Fertigwaren. Neben diesen Einschätzungen zu konkreten Aspekten der Unternehmenstätigkeit werden auch «weiche» Fragen zur allgemeinen Geschäftslage des Unternehmens gestellt. Ein wesentliches Charakteristikum von Konjunkturumfragen ist, dass in den meisten Fällen um Tendenzantworten gebeten wird. Als mögliche Antworten werden drei Richtungen oder Urteile vorgegeben. So kann auf die Fragen zur weiteren Produktionstätigkeit oder zur Entwicklung der Anzahl Beschäftigten geantwortet werden: steigend, gleichbleibend, sinkend. Durch diese Methodik können die Befragten den Fragebogen in kurzer Zeit ausfüllen. Somit liegen bereits am Monatsende die Umfrageresultate für den jeweiligen Monat vor.

Zeitbezug und Komplexität

Konjunkturindikatoren ergänzen die Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) um Informationen, die zur Einschätzung der aktuellen Wirtschaftslage und für die Kurzfristprognose verwendet werden können. Bezüglich der zeitlichen Verbindung zur Zielgrösse aus den VGR können Indikatoren eingeteilt werden in Früh-, Koinzidenz- und Spätindikatoren. Frühindikatoren geben Hinweise auf die Entwicklung in der (nahen) Zukunft, Koinzidenzindikatoren dagegen zur augenblicklichen Wirtschaftslage. Spätindikatoren zeichnen die Entwicklung in der (jüngsten) Vergangenheit nach.

Die Indikatoren unterscheiden sich auch hinsichtlich der Komplexität. Komplexe Indikatoren beziehen sich häufig auf zahlreiche Eingangsvariablen und basieren auf ausgeklügelten ökonometrischen Techniken. Die Entwickler von Konjunkturindikatoren erhöhen die Komplexität in der Hoffnung, gewisse Merkmale der Indikatoren zu verbessern. Damit gehen aber meist eine geringere Transparenz und eine schwierigere Interpretierbarkeit der den Indikator treibenden Kräfte einher.

Wie läuft das Geschäft?

Das umfragenbasierte Indikatorensystem der KOF besteht aus drei Hauptindikatoren für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Alle drei werden jeweils monatlich am Ende des Referenzmonats publiziert. Der erste ist ein einfacher und transparenter Koinzidenzindikator: die KOF-Geschäftslage. Dieser Indikator basiert auf lediglich einer Frage, welche die KOF in den Konjunkturumfragen in allen Wirtschaftsbereichen eingefügt hat. Die Teilnehmenden werden gefragt, wie sie die momentane Geschäftslage des Unternehmens bewerten. Was die Geschäftslage ausmacht, ist dabei nicht von der KOF vordefiniert. Dadurch kann diese «weiche» Frage in allen Wirtschaftsbereichen gestellt werden, und die Teilnehmenden wählen selber die jeweils geeigneten Faktoren. Die Frage kann nach Unterkategorien ausgewertet werden, etwa nach Sektoren, Branchen, Unternehmensgrössenklassen oder Exportanteil, sodass die Bewegung des Gesamtindikators auf verschiedene Ebenen heruntergebrochen werden kann. Dieser Indikator erlaubt einen recht differenzierten Blick auf die konjunkturelle Entwicklung und kann als Koinzidenzindikator angesehen werden (siehe Abbildung 1). Die Korrelation mit den gewählten BIP-Zeitreihen ist zwar teilweise geringer als bei den anderen Indikatoren, dafür punktet der Indikator zur Geschäftslage mit seiner einfachen Interpretierbarkeit und den differenzierten Analysemöglichkeiten.

Abb. 1: Kreuzkorrelationen KOF-Indikatoren und BIP-Wachstum

Anmerkung: Dargestellt sind Kreuzkorrelationen der Indikatoren und Transformationen des realen BIP (saisonbereinigte und geglättete Werte; Stichprobe 2007:9–2019:7). Dadurch können die Indikatoren besser voneinander abgegrenzt werden. Hier sind lediglich zwei Transformationen der glatten Komponente des BIP aufgeführt. Die Wendepunkte in diesen beiden Zeitreihen treten in der Regel nicht synchron auf: Ein Wendepunkt tritt zuerst in den Quartalswachstumsraten auf und dann in den Vorjahreswachstumsraten. Weitere Informationen zu den Indikatoren finden sich unter www.kof.ethz.ch.

Quellen: KOF, Seco / Die Volkswirtschaft

Internationaler Vergleich

Der zweite Indikator, der Economic Sentiment Indicator (ESI), wurde von der Europäischen Kommission entwickelt.[1] Dieser deutlich komplexere Indikator wird von der KOF für die Schweiz berechnet und ermöglicht einen Vergleich zwischen der Schweiz und den EU-Staaten. Zwar werden nur einfache statistische Verfahren für die Berechnung verwendet, für jeden einbezogenen Wirtschaftsbereich werden aber zwei bis vier spezifische Fragen aus dem Programm der Konjunkturumfragen ausgewählt.

Eingang in den Indikator finden die Befragungsergebnisse des verarbeitenden Gewerbes, des Baugewerbes, des Detailhandels, des Dienstleistungsbereichs sowie der Konsumentenbefragung. Aus diesen Variablen resultiert ein Gesamtindikator, der für die Schweiz stark mit dem Geschäftslageindikator korreliert.[2] In der Tendenz handelt es sich beim ESI ebenfalls um einen Koinzidenzindikator.

Komplexes Barometer

Der komplexeste der drei Indikatoren ist das KOF-Konjunkturbarometer: Die aktuelle Version basiert auf 345 Variablen, die ein fest definierter Algorithmus auswählt. Bei den meisten Variablen handelt es sich um Daten aus den KOF-Konjunkturumfragen, es fliessen aber auch weitere Daten wie Konjunkturumfrageergebnisse aus dem Ausland ein. Jedes Jahr im September wird der Auswahlprozess ausgeführt und eine neue Variablenselektion erstellt. Das Motiv, diesen Prozess jeweils im September zu starten, ist, dass das BFS zu dieser Zeit die Jahreswerte für das BIP des Vorjahres veröffentlicht. Mit den Jahresdaten des BFS als Anker revidiert das Seco auch die Quartalsschätzungen für das BIP und andere Komponenten der VGR. Da bei der Erstellung des Barometers als Zielgrösse monatliche Veränderungsraten verwendet werden, ist das Barometer ein Frühindikator sowohl für die Quartalswachstumsraten als auch für die träge reagierenden Vorjahreswachstumsraten. Dieses Vorauseilen des Indikators wird allerdings mit einer hohen Komplexität erkauft. Der Indikator als solcher kann zwar einfach dargestellt und interpretiert werden, doch sind die hinter einer Veränderung stehenden Antriebskräfte für die Nutzer schwierig erkennbar.

Abb. 2: Die KOF-Konjunkturuhr

Anmerkung: Die Konjunkturuhr stellt einen Zusammenhang zwischen der KOF-Geschäftslage und dem KOF-Konjunkturbarometer her. Die Uhr ist in Quadranten eingeteilt: In der Erholungsphase ist die Geschäftslage unterdurchschnittlich, aber die Wachstumsperspektiven sind überdurchschnittlich. Im Konjunkturhoch (zum Beispiel Januar 2018) sind die Lage und die Perspektiven überdurchschnittlich. In der Abkühlungsphase ist die Lage über dem Durchschnitt und die Perspektiven darunter. Im Konjunkturtief sind Lage und Perspektiven unterdurchschnittlich. Idealtypisch durchläuft der Graph die Quadranten im Uhrzeigersinn.

Quelle: KOF / Die Volkswirtschaft

Die Indikatoren können zueinander in Beziehung gebracht werden, um weitere Aussagen zu machen. Die «Konjunkturuhr» zeigt beispielsweise, dass sich die Schweizer Konjunktur in den bisherigen Monaten des Jahres 2019 abgekühlt hat (siehe Abbildung 2). Ergänzt wird das Indikatorensystem der KOF um weitere Indikatoren, etwa den Beschäftigungsindikator, der einfach konzipiert ist und die Beschäftigungsentwicklung frühzeitig anzeigt. Hinzu kommt ein Bündel an Indikatoren, das die Unsicherheit bzw. die Uneinigkeit oder die Überraschung über die Wirtschaftsentwicklung widerspiegelt. Gerade im momentanen internationalen Umfeld ist es wichtig, zu wissen, wie sich die Unsicherheit auf die Investitionstätigkeit auswirkt.

  1. Mehr Infos auf www.ec.europa.eu, Stichwort «Business, Economy, Euro». []
  2. Korrelation = 0,90. []

Leiter Konjunkturumfragen, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Direktor KOF Konjunkturforschungsstelle, Professor für Angewandte Makroökonomie, ETH Zürich

Leiter Konjunkturumfragen, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Direktor KOF Konjunkturforschungsstelle, Professor für Angewandte Makroökonomie, ETH Zürich