Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Alterung trübt Wirtschaftswachstum»

BIP pro Kopf: Grösste Einbussen in den nächsten Jahren

Bis im Jahr 2065 kumulieren sich die Einbussen des Bruttoinlandprodukts pro Kopf aufgrund der Alterung auf rund 11 Prozent. Der grösste negative Effekt ist in der nächsten Dekade zu verzeichnen.

Nach der Pensionierung wird weniger gespart und mehr konsumiert – doch auch das vermag die Wachstumseinbussen nicht auszugleichen. (Bild: Keystone)

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Unsere Analysen zeigen die Abschwächung des Wachstums des Bruttoinlandproduktes (BIP) pro Kopf, welches die Schweizer Volkswirtschaft durch die demografische Entwicklung in den kommenden Jahren erfährt. Die demografischen Einflüsse reduzieren das BIP-Wachstum pro Kopf in einzelnen Jahren um bis zu einen halben Prozentpunkt. Bis zum Jahr 2065 addieren sich die Wachstumseinbussen im BIP-pro-Kopf-Niveau auf rund 11 Prozent. Deutlich wird auch, dass die Effekte nicht nur in der Phase der Pensionierung der Babyboomer spielen: Gemäss den aktuellen Bevölkerungsprojektionen laufen die negativen Wachstumsimpulse erst gegen Mitte der 2060er-Jahre allmählich aus. Die untersuchten, sich in einem ambitionierten, aber realistischen Rahmen bewegenden Politik- und Demografieveränderungen können den demografisch bedingten Verlust an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit abfedern, aber bei Weitem nicht kompensieren.

Wie hängen das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft und die demografische Entwicklung zusammen? Um adäquat auf die anstehenden Herausforderungen einer immer stärker alternden Bevölkerung zu reagieren, ist es essenziell, dies zu verstehen.

Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben wir analysiert, in welcher Art und in welchem Umfang die demografischen Veränderungen in den kommenden Jahrzehnten das Schweizer Wirtschaftswachstum pro Kopf beeinflussen werden. Darüber hinaus zeigen wir, wie verschiedene alternative Entwicklungen – die auch politisch angestossen werden können – die Resultate verändern. Die Analysen stützen sich auf Berechnungen mit unserem makroökonomischen Strukturmodell. In unserer Analyse haben wir drei Haupteinflussbereiche der demografischen Veränderung in Bezug auf das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft berücksichtigt.

Drei Einflussbereiche

Der erste und wichtigste Einflussbereich ist die veränderte Verfügbarkeit der Arbeitskräfte. Die Zunahme an Arbeitskräften ist traditionell einer der zentralen Treiber des Wirtschaftswachstums. Denn mehr Arbeitskräfte produzieren naturgemäss auch mehr Güter und Dienstleistungen, sodass das BIP steigt. Wächst die Bevölkerung und damit das Arbeitsangebot weniger stark oder beginnt sogar zu schrumpfen, fällt dieser Wachstumstreiber weg. Diese Entwicklung beeinflusst zunächst das absolute BIP. Eine noch grössere Herausforderung für die Volkswirtschaft entsteht, wenn sich in dem Prozess auch das Verhältnis von erwerbstätiger zu nicht erwerbstätiger Bevölkerung ändert. Dann verändert sich auch die Wachstumsdynamik pro Kopf.

Der zweite Einflussbereich ist die Produktivität. Es ist naheliegend, dass mit dem Alter das Erfahrungswissen erst zunimmt, sich die Wissensbasis ab einem gewissen Alter jedoch wieder tendenziell abwertet und auch das physische und kognitive Leistungsvermögen abnimmt. Grafisch zeigt sich das in einem umgekehrt u-förmigen Verlauf der individuellen Produktivität mit dem Alter. Gemäss unseren Modellsimulationen, die auf empirischen Evidenzen beruhen, verorten wir den Höhepunkt der produktiven Leistungsfähigkeit in der Alterskohorte der 35- bis 44-Jährigen.[1] Allerdings besteht eine hohe Unsicherheit, sowohl was die Grössenordnung der Effekte angeht als auch hinsichtlich der Ursachen.[2]

Die dritte Möglichkeit, wie die demografische Struktur das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft beeinflussen kann, ist eine sich verändernde Konsumneigung. Im Zentrum steht das Lebenszyklusmodell. Dieses besagt, dass Individuen Einkommensschwankungen in den unterschiedlichen Lebensphasen ausgleichen wollen, da sie einen konstanten Lebensstandard bevorzugen. Für das (tiefere) Renteneinkommen liegt die Konsumneigung im Modell höher als für das Erwerbseinkommen. Zugespitzt formuliert: Während der Erwerbszeit wird gespart, um sich während der Rente den gleichen Lebensstandard leisten zu können.

Abb. 1:  Jährlicher Einfluss demografischer Effekte auf das BIP pro Kopf (2021–2065)

Demografischer Mengeneffekt auf Basis des BFS-Demografie-Referenzszenarios A-00-2015.

Quelle: BAK Economics / Die Volkswirtschaft

Negative Wachstumseffekte bis 2065

Der Einfluss der demografischen Entwicklung auf das reale BIP-Wachstum pro Kopf ist bis zum Jahr 2065 durchgehend negativ (siehe Abbildung 1, grüne Linie).[3] Insgesamt resultiert daraus beim Schweizer BIP-pro-Kopf-Niveau bis zum Jahr 2065 eine Einbusse von rund 11 Prozent gegenüber einer Entwicklung ohne Alterung (siehe Abbildung 2, Referenzszenario). Die Höhe und die Richtung, in welcher die drei Effekte das BIP pro Kopf beeinflussen, schwanken im Zeitverlauf jedoch erheblich.

Ein klar negativer Effekt auf das BIP-Wachstum pro Kopf ist insbesondere bis Anfang der 2030er-Jahre festzustellen. Ausschlaggebend ist der bevorstehende Austritt der Babyboomer-Generation aus dem Erwerbsleben. Die Erwerbsbevölkerung steigt aber trotz des Austritts der Babyboomer weiterhin an. Das führt insgesamt dazu, dass zwar ein kleinerer, aber immer noch positiver Wachstumsimpuls auf die gesamtwirtschaftliche Leistung resultiert. Für das BIP pro Kopf ist jedoch die Entwicklung der Gesamtbevölkerung massgebend. Und diese wächst bis Anfang der 2030er-Jahre um bis zu 0,5 Prozent dynamischer als die Erwerbsbevölkerung. Das hat entsprechend negative Impulse auf das BIP-Wachstum pro Kopf. Erst ab Mitte der 2050er-Jahre läuft dieser Effekt allmählich aus.

Deutlich geringer fallen die Nachfrageeffekte der sich verändernden Altersstruktur ins Gewicht. Bis Mitte der 2030er-Jahre können diese den negativen Arbeitsangebotseffekt gemäss unseren Simulationsrechnungen sogar leicht abmildern. Ausschlaggebend ist, dass die Babyboomer nach ihrer Pensionierung die Ersparnisse aufbrauchen. Dies führt zu einer höheren Dynamik bei den privaten Konsumausgaben und wirkt sich temporär positiv auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum aus.

Auch der Effekt der Altersstruktur auf die Arbeitsproduktivität wirkt gemäss unseren Modellberechnungen zunächst leicht kompensierend. So nimmt der Anteil älterer Erwerbspersonen (50+) mit der Pensionierung der Babyboomer-Generation bis Anfang der 30er-Jahre wieder ab. Jüngere Alterskohorten gewinnen hingegen leicht an Bedeutung. Dies führt beim unterstellten Altersproduktivitätsprofil zu einer Erhöhung der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität. Nach Anfang der 30er- bis Anfang der 50er-Jahre wirkt sich die Entwicklung der Altersstruktur leicht negativ auf das BIP-pro-Kopf-Wachstum aus, bevor die Impulse wieder leicht positiv werden.[4]

Höheres Rentenalter hat grösste Wirkung

Inwieweit können die negativen Effekte der demografischen Entwicklung abgemildert werden? Die schlechte Nachricht vorab: Der insgesamt negative Effekt der demografischen Entwicklung auf das BIP-pro-Kopf-Niveau im Zeitraum von 2012 bis 2065 kann in keinem Szenario aufgehoben werden (siehe Abbildung 2). Aber: Politische Massnahmen können die Wachstumsschwäche entlasten. Die stärkste Entlastung bietet die Erhöhung des Rentenalters für Frauen und Männer um zwei Jahre. Sie kann den Dynamikverlust teilweise abfedern, sodass im Endeffekt die demografisch bedingte Reduktion des BIP-pro-Kopf-Niveaus 2065 um rund ein Fünftel kleiner ausfällt. Am Ende des Simulationszeitraums im Jahr 2065 macht es hierbei für das BIP-pro-Kopf-Niveau keinen nennenswerten Unterschied, ob die Reform im Jahr 2030 oder 2040 erfolgt. Allerdings entfallen bei einer späteren Implementierung die Wohlstandsgewinne der Vorjahre. Ähnlich zur Erhöhung des Rentenalters fällt die Bilanz einer allgemein höheren Erwerbsbeteiligung im Alter aus. Geringer, aber ebenfalls positiv ist der Effekt einer verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Abb. 2: Kumulierte Wachstumseinbussen verschiedener Demografie- und Politikszenarien in Bezug auf das BIP pro Kopf (2021–2065)

Die Linien zeigen, wie sich das BIP-pro-Kopf-Niveau gegenüber dem Jahr 2020 allein aufgrund demografischer Einflüsse verändert. Die rote Linie dient als Referenzszenario ohne kompensierende Massnahmen.

Quelle: BAK Economics / Die Volkswirtschaft

Die höhere Zuwanderung zeitigt für sich allein genommen vor allem bis Anfang der 2040er-Jahre einen positiven Effekt auf das BIP pro Kopf. Die höhere Einwanderung in den Arbeitsmarkt schwächt das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Erwerbs- und Gesamtbevölkerung spürbar ab. Allerdings dauert es gemäss unserem makroökonomischen Modell eine gewisse Zeit, bis sich die positiven Effekte vollständig auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung übertragen. Bis im Jahr 2065 wäre der negative Effekt der Alterung dadurch ähnlich stark abgeschwächt wie bei einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wie unsere Analyse zeigt, wird der demografische Wandel das BIP-pro-Kopf-Niveau in den kommenden Jahren spürbar reduzieren. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den negativen Effekt der demografischen Alterung abzuschwächen. Die stärkste Wirkung haben dabei die Erhöhung des Rentenalters und der Erwerbsbeteiligung im Alter.

  1. Siehe Hofer und Url (2005). []
  2. In unserer Studie haben wir dazu Sensitivitätsanlaysen durchgeführt. Siehe Bill-Körber et al. (2019). []
  3. Für die demografische Entwicklung der Schweiz wird das Referenzszenario A-00-2015 des Bundesamtes für Statistik unterstellt. []
  4. Die Effekte sind jedoch theoretisch wie auch empirisch umstritten. In einem Extremszenario ergeben sich vielfach grössere negative Impulse von bis zu 0,3 Prozentpunkten pro Jahr, die auch ein anderes zeitliches Verteilungsmuster aufweisen. []

Leiter Macro Research, BAK Economics, Basel

Chefökonom, BAK Economics, Basel

Literatur

Leiter Macro Research, BAK Economics, Basel

Chefökonom, BAK Economics, Basel