Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Alterung trübt Wirtschaftswachstum»

Eine Studienreihe untersucht den Einfluss der Alterung

Wie beeinflusst die gesellschaftliche Alterung das Wirtschaftswachstum der Schweiz? Um diese Forschungslücke zu schliessen, hat das Staatssekretariat für Wirtschaft vier Studien in Auftrag gegeben.

Wegen der zunehmenden Lebenserwartung und der geringen Geburtenzahlen steigt der Anteil betagter Personen. (Bild: Keystone)

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Die Bevölkerung der Schweiz wird zunehmend älter. Wie vier Studien im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigen, wird sich dies auf die langfristige Wirtschaftsentwicklung auswirken. Die stärksten dämpfenden Auswirkungen auf das BIP pro Kopf sind für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre zu erwarten. Simulationen weisen darauf hin, dass insbesondere Massnahmen, um die Erwerbsquoten zu erhöhen, die Auswirkungen mildern könnten. Der Arbeitsproduktivität wird bei der langfristigen Entwicklung des Wohlstands aber auch zukünftig eine bedeutende Rolle zukommen.

Die Bevölkerung der Schweiz wird im Durchschnitt immer älter, was die Bevölkerungszusammensetzung in den nächsten Jahrzehnten stark verändern wird. Verantwortlich für diese Entwicklung sind insbesondere die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1950 und 1970 – die sogenannte Babyboomer-Generation – sowie die in den vergangenen Jahrzehnten tiefe Geburtenquote. Gemäss den Bevölkerungsszenarien des Bundesamts für Statistik (BFS) dürfte die Geburtenhäufigkeit auch in den kommenden Jahrzehnten auf tiefem Niveau verbleiben und die Sterblichkeit weiter abnehmen. Insgesamt wird der Altersquotient, der die über 64-Jährigen ins Verhältnis setzt zur erwerbsfähigen Bevölkerung, stark zunehmen: Kamen im Jahr 2015 noch fast dreieinhalb Personen im erwerbsfähigen Alter auf eine Person im Rentenalter, dürften dies 2045 noch zwei sein (siehe Abbildung).

Veränderung der Altersstruktur (1970 bis 2065)

Zahlen ab 2015 gemäss Referenzszenario BFS; Anteile jeweils in Bezug zur ständigen Wohnbevölkerung; der Altersquotient entspricht dem Verhältnis der über 64-Jährigen zu den 20- bis 64-jährigen Personen.

Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft

Wie vier externe Studien im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco)[1] zeigen, wird sich diese Veränderung in der Bevölkerungsstruktur nachteilig auf die langfristige Wirtschaftsentwicklung der Schweiz auswirken. Zwar legen die Ergebnisse der Studien nahe, dass insbesondere der demografieunabhängige Teil des technologischen Fortschritts weiterhin entscheidender ist für die Entwicklung des BIP pro Kopf. Allerdings sind die demografischen Effekte gerade in den nächsten 10 bis 20 Jahren durchaus relevant.

Arbeitseinsatz und -produktivität sind betroffen

Eine alternde Bevölkerung wirkt sich grundsätzlich über zwei Kanäle auf das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft aus. Erstens über den Arbeitseinsatz pro Einwohner. Dieser hängt nicht nur von der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit ab, welche in der Vergangenheit rückläufig war. Auch die bisher zunehmende Arbeitsmarktbeteiligung der Erwerbsbevölkerung und der Anteil der Erwerbs- an der Gesamtbevölkerung sind entscheidend. Letzterer wird aufgrund der Alterung in den kommenden Jahrzehnten abnehmen, wodurch der Arbeitseinsatz pro Einwohner sinken wird. Und zwar selbst wenn sich – gemäss BFS-Szenarien – die Anzahl der Erwerbstätigen durch Migration weiter erhöht und die Arbeitsmarktpartizipation weiter zunimmt. Insgesamt wird sich diese Entwicklung dämpfend auf das BIP pro Kopf auswirken. Die in den Studien durchgeführten Simulationen zeigen, dass vom sinkenden Arbeitseinsatz die stärksten Effekte zu erwarten sind.

Zweitens deuten empirische Resultate darauf hin, dass eine alternde Bevölkerung tendenziell auch die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität (BIP pro Arbeitsstunde) abschwächt. Dies kann über einen verlangsamten technologischen Fortschritt, eine tiefere individuelle Produktivität und über eine sinkende Kapitalintensität geschehen.

Der technologische Fortschritt wird sowohl durch die Innovationsfähigkeit einer Volkswirtschaft als auch durch die Nutzung neuerer Technologien bestimmt. Die wissenschaftliche Literatur geht davon aus, dass sich eine alternde Bevölkerung auf beides dämpfend auswirkt. So werden einerseits bedeutende Entdeckungen oder Innovationen tendenziell im jüngeren Alter gemacht. Andererseits dürfte man mit steigendem Alter aufgrund einer abnehmenden Lernfähigkeit auch weniger neue Technologien nutzen.

Die individuelle Arbeitsproduktivität steigt gemäss verschiedenen Studien im Laufe des Erwerbslebens zunächst zwar an. Wissenschaftlich umstritten ist bisher, ob die individuelle Produktivität mit dem Alter wieder nachlässt. Grundsätzlich sind zwei gegenläufige Effekte am Werk: Einerseits nimmt mit dem Alter die Lebens- und Berufserfahrung und damit auch das Beurteilungsvermögen zu. Anderseits nehmen die körperliche Leistungsfähigkeit, die Lernfähigkeit und die Flexibilität tendenziell ab. Sollte der zweite Effekt mit zunehmendem Alter dominieren, würde ein Durchschnittsalter der erwerbstätigen Bevölkerung, das über diesen Wendepunkt ansteigt, die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität tendenziell mindern.

Alterung dämpft Kapitalintensivierung vermutlich

Weiter hängt die Arbeitsproduktivität auch von der Kapitalintensität ab. Wie sich diese mit dem demografischen Wandel verändert, ist unklar. Die Kapitalintensität drückt aus, wie hoch der Kapitalstock im Verhältnis zum Arbeitsvolumen ist. Theoretisch könnte sie steigen oder sinken. Denn einerseits nimmt die Sparquote typischerweise mit höherem Alter ab. Für sich genommen wäre damit die gesamtwirtschaftliche Sparquote in einer alternden Bevölkerung rückläufig. Dadurch würden die Investitionsneigung und letztlich die Kapitalintensität sinken. Steht dem Kapitalstock andererseits aber eine weniger stark wachsende oder sogar abnehmende Erwerbsbevölkerung gegenüber, hätte dies wiederum einen positiven Effekt auf die Kapitalintensität. Welcher dieser zwei Effekte überwiegt, ist empirisch nicht abschliessend geklärt. Insgesamt ist aber eher von einem dämpfenden Effekt auszugehen.

Da sich die Nachfrage nach bestimmten Gütern und Dienstleistungen mit dem Alter verändert, dürfte sich die Alterung der Gesellschaft ausserdem auf die Branchenstruktur der Schweizer Volkswirtschaft auswirken. So wird damit gerechnet, dass unter anderem aufgrund der Alterung das Gesundheitswesen weiter an Bedeutung gewinnt. Für die Schweiz als offene Volkswirtschaft ist aber auch der demografische Wandel im Ausland von Relevanz. Denn dieser wirkt sich auf die Exportnachfrage und damit auf die Schweizer Branchenstruktur aus. Veränderungen in der Branchenstruktur schlagen sich schliesslich wiederum in der aggregierten Arbeitsproduktivität nieder, da verschiedene Branchen unterschiedliche Produktivitätsniveaus aufweisen.

Besser nicht zuwarten

Können mehr Migration, eine höhere Arbeitsmarktbeteiligung oder ein höheres Rentenalter die Einbussen der gesellschaftlichen Alterung auf die wirtschaftliche Entwicklung kompensieren? In den Studien wurde auch diese Frage geprüft. Dabei zeigt sich: Während eine Zunahme der Migration zwar das BIP erhöht, fallen die Auswirkungen auf das BIP pro Kopf bescheiden aus. Dies hängt damit zusammen, dass sich die Altersstruktur nur geringfügig ändert, wenn die Migration stärker ausfällt, als sie im Referenzszenario des BFS angenommen wird. Massnahmen, um die Erwerbsquote, insbesondere der über 55-Jährigen, zu erhöhen, hätten hingegen einen stärkeren positiven Effekt auf das BIP pro Kopf. Angesichts der oben diskutierten Bedeutung des Arbeitseinsatzes erstaunt dies nicht.

Da die stärksten Auswirkungen der alternden Bevölkerung auf das BIP pro Kopf für die nächsten 10 bis 20 Jahre zu erwarten sind, wären Reformen, die eine Erhöhung der Erwerbsquoten bewirken, insbesondere in den kommenden Jahren angezeigt. Nichtsdestotrotz: Die dämpfenden Effekte der Bevölkerungsalterung auf das BIP pro Kopf können damit nicht vollständig kompensiert werden. Somit wird der Entwicklung der Arbeitsproduktivität bei der langfristigen Entwicklung des Wohlstands auch zukünftig eine bedeutende Rolle zukommen.

  1. Siehe die folgenden Artikel in diesem Dossier: Föllmi, Jäger und Schmidt; Bill-Körber und Eichler; Hauser, Schlag und Wolf; Kaiser, Möhr und Rutzer. []

Dr. rer. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern