Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Alterung trübt Wirtschaftswachstum»

Leistungsbilanzüberschüsse: Auch eine Folge der Überalterung

Länder mit hohen Leistungsbilanzüberschüssen stehen bisweilen in der Kritik. Dass die Überschüsse auch mit der Überalterung dieser Länder zusammenhängen, wird hingegen kaum thematisiert.

Die junge Bevölkerung Mexikos produziert heute noch ein Handelsbilanzdefizit, doch das könnte sich bald ändern. Kunstwerk an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. (Bild: Keystone)

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Mit Beginn der Finanzkrise sind Leistungsbilanzungleichgewichte wieder in das politische Blickfeld gerückt, und auch weiterhin werden sie kontrovers diskutiert. Dabei wird Ländern mit einem Leistungsbilanzüberschuss häufig vorgeworfen, dass sie diesen auf Kosten der Defizitländer erwirtschaften. Auch wird gefordert, dass sie mehr konsumieren und weniger exportieren, damit sich die Ungleichgewichte verringern. In dieser Diskussion sollte berücksichtigt werden, dass die demografische Struktur eines Landes einen grossen Einfluss auf die Leistungsbilanz hat. Der demografische Wandel wird langfristig dazu beitragen, dass viele heutige Überschussländer in der Zukunft demografiebedingt Defizite erwirtschaften werden.

Die Welt befindet sich im demografischen Wandel. Viele Länder erleben eine im historischen Vergleich einmalige Veränderung der Altersstruktur, obschon sich diese sehr langsam vollzieht. Dabei lassen sich sowohl globale als auch länderspezifische Entwicklungstrends beobachten. Der wichtigste globale Trend ist die gesellschaftliche Alterung. Weltweit steigt die Lebenserwartung an, während die Geburtenrate sinkt. Die Folge ist eine dramatisch veränderte Altersstruktur: Der Anteil junger Menschen nimmt stetig ab, der Anteil älterer Menschen steigt rapide an.

So weit der globale Trend. Doch bei der konkreten Ausprägung gibt es je nach Land Unterschiede. In vielen Industrienationen etwa ist die Lebenserwartung besonders hoch und die Geburtenrate tief. Dadurch ist die Alterung hier bereits sehr weit fortgeschritten. Die Bevölkerungsstatistik der Vereinten Nationen zeigt, dass das Medianalter vieler wichtiger Industrienationen bereits bei etwa 45 Jahren liegt. In vielen Schwellenländern hingegen ist der Alterungsprozess weniger dramatisch. Denn die Lebenserwartung liegt dort tiefer, und die Geburtenrate – wenn auch abnehmend – ist weiterhin auf hohem Niveau. Mit einigen Ausnahmen liegt das Medianalter dieser Ländergruppe bei etwa 30 Jahren. Beispielsweise in Russland und China liegt es aber höher. Die Unterschiede zwischen Industrie- und Schwellenländern zeigen: Der Alterungsprozess betrifft zwar die gesamte Welt, verläuft aber nicht im Gleichschritt.

Viele Sparer begünstigen Überschuss

Der demografische Wandel hat enorme gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. In der aktuellen Diskussion steht dabei meist der Arbeitsmarkt im Fokus, etwa bezüglich der Erhöhung des Rentenalters. Seltener wird analysiert, was dieser Wandel für die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden bedeutet. Leistungsbilanzsalden zeigen die gesamtwirtschaftliche Differenz zwischen Ersparnis und Investitionen. Folglich kann der demografische Wandel auch über diese zwei Kanäle auf die Leistungsbilanz wirken. Insbesondere das Sparverhalten ist dabei stark altersabhängig, aber auch zwischen Investitionsverhalten und der Altersstruktur eines Landes haben empirische Studien wiederholt einen signifikanten Zusammenhang festgestellt. Insgesamt kann allerdings festgehalten werden, dass der Einfluss der demografischen Struktur auf die Ersparnis überwiegt. Der demografische Wandel wirkt deshalb vor allem über den Kanal der Ersparnis auf die Leistungsbilanz.

Um den Einfluss der Altersstruktur auf die gesamtwirtschaftliche Ersparnis zu analysieren, bildet das sogenannte Lebenszyklusmodell die theoretische Basis. Dieses Modell besagt, dass Individuen ihren Konsum über ihr gesamtes Leben hinweg glätten – das heisst konstant halten – möchten, obwohl ihr Einkommen teilweise erheblich schwankt. Um ein konstantes Konsumniveau zu halten, sparen oder entsparen sie während verschiedener Lebensphasen: In jungen Jahren ist das Einkommen tendenziell relativ gering, sodass Junge ihren Konsum durch Kreditaufnahme ausgleichen. Später, im mittleren Alter, ermöglichen Einkommenssteigerungen den Aufbau von Vermögen, das schliesslich im Rentenalter wieder aufgebraucht wird.

Die derzeitige Altersstruktur in vielen Industrienationen, mit einem grossen Anteil an Personen mittleren Alters, trägt somit zu einer hohen gesamtwirtschaftlichen Ersparnis bei. Verschiebt sich die Altersstruktur in Zukunft hin zu einem grossen Anteil an Rentnern, die ihr Vermögen abbauen, müsste dies folglich zu einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis führen. In einer geschlossenen Volkswirtschaft würde dieser Rückgang der Ersparnisse mit abnehmenden Investitionen einhergehen. In einer offenen Volkswirtschaft entkoppelt sich der Zusammenhang zwischen Ersparnis und Investitionen. Sind inländische Ersparnisse höher als inländische Investitionen, wird ein Teil der Ersparnisse im Ausland angelegt – daraus resultiert ein Leistungsbilanzüberschuss. Umgekehrt können inländische Investitionen auch mit Ersparnissen aus dem Ausland finanziert werden, falls die inländischen Ersparnisse zu gering sind. Dies äussert sich sodann in einem Leistungsbilanzdefizit.

Industrienationen bauen Vermögen auf

Eine Reihe von Studien hat den Zusammenhang zwischen Demografie und Leistungsbilanz empirisch untersucht. Die Mehrzahl dieser Studien nutzt als Indikator den Abhängigenquotienten. Dieser zeigt das Verhältnis der wirtschaftlich inaktiven Bevölkerung (jünger als 15 und älter als 64 Jahre) zur aktiven Bevölkerung (von 15 bis und mit 64 Jahren). Allerdings verdichtet dieser Indikator die Informationen sehr stark und berücksichtigt den Zusammenhang zwischen der Altersstruktur und dem Spar- und Investitionsverhalten nur unzureichend. Dies vor allem deshalb, weil das Spar- und Investitionsverhalten über den Lebenszyklus stark schwankt.

Um den Zusammenhang zwischen Demografie und Leistungsbilanz besser abzubilden, ist eine detaillierte Messung der demografischen Struktur notwendig. Eine Möglichkeit ist es, die Altersstruktur einer Bevölkerung in Form eines Polynoms verschiedener Altersgruppen darzustellen.[1] Das Polynom erlaubt es, den demografischen Einfluss auf die Leistungsbilanz entlang der gesamten Altersverteilung zu schätzen. Konkret wird ein Regressionsmodell geschätzt, bei dem der Saldo der Leistungsbilanz auf eine Reihe von erklärenden Variablen regressiert wird, die neben verschiedenen Einflussfaktoren auch das Polynom der Altersstruktur enthalten.

Die Ergebnisse einer solchen Schätzung für 49 Länder über die Jahre von 1970 bis 2016 deuten darauf hin, dass die demografische Struktur eines Landes ein wichtiger Einflussfaktor der Leistungsbilanz ist. Konkret zeigt sich, dass ein relativ grösserer Anteil an der Bevölkerung von Personen im Alter von 45 bis und mit 64 Jahren zu einem Leistungsbilanzüberschuss beiträgt. (siehe Abbildung 1). Länder mit einer Bevölkerungsstruktur, die von vergleichsweise vielen Personen in dieser mittleren Altersstufe und wenigen jungen und alten Personen gekennzeichnet ist, weisen also eher einen Leistungsbilanzüberschuss auf. Bei der Interpretation der Koeffizienten ist zu beachten, dass es sich um den partiellen Einfluss der einzelnen Kohorten auf die Leistungsbilanz handelt. Um den gesamten Einfluss einer Altersstruktur auf die Leistungsbilanz zu erhalten, muss man die gewichtete Summe der Koeffizienten betrachten. Als Gewicht wird dabei der Anteil einer Alterskohorte an der Gesamtbevölkerung verwendet.

Die Schätzung zeigt also auf, wie sich die gegenwärtige demografische Struktur auf die Leistungsbilanz auswirkt. Fazit: Die gegenwärtige Altersstruktur in vielen Industrienationen, wo das Medianalter bei etwa 45 Jahren liegt, trägt zu Leistungsbilanzüberschüssen bei. Mit anderen Worten: Ein Grossteil der Bevölkerung in Industrienationen befindet sich zurzeit in der Phase der Vermögensbildung.

Abb. 1: Geschätzter Einfluss einzelner Altersgruppen auf die Leistungsbilanz

Anmerkung: Die Grafik zeigt die durchschnittlichen Effekte einzelner Altersgruppen auf die Leistungsbilanz (gemessen am Bruttoinlandprodukt) für eine Stichprobe von 49 Ländern über die Jahre 1970 bis 2016. Ein Koeffizient von 0,26 für die Kohorte der 55- bis 59-Jährigen ist wie folgt zu interpretieren: Wächst diese Alterskohorte gemessen an der Gesamtbevölkerung um 1 Prozentpunkt, so steigt die Leistungsbilanz (gemessen am BIP) um 0,26 Prozentpunkte.

Quelle: Gerigk, Rinawi und Wicht (2018) / Die Volkswirtschaft

Aus Überschüssen werden Defizite

Eine alternde Bevölkerung dürfte auch die zukünftige Entwicklung der Leistungsbilanz beeinflussen. Theoretisch bedeutet dies für die meisten Industrienationen, dass sich künftig ein grosser Anteil der Bevölkerung in der Phase des Entsparens befinden wird. Denn aus den Sparern von heute werden die Entsparer von morgen. Anders ist es in vielen Schwellenländern: In Zukunft werden dort demografiebedingt verhältnismässig mehr Individuen sparen.

Das Altern der Bevölkerung hat Konsequenzen, wie empirische Projektionen zum künftigen Zusammenhang zwischen Demografie und Leistungsbilanz zeigen: So wird die Demografie in den Industrienationen mit einer verhältnismässig alten Bevölkerung nur noch bis etwa Mitte der 2030er-Jahre positive Effekte auf die Leistungsbilanz haben. Im Durchschnitt der fünf Länder mit der ältesten Bevölkerung im Datensatz trägt die demografische Struktur aktuell mit etwa 1,6 Prozentpunkten zum Leistungsbilanzüberschuss (im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt) bei. Konkret: Die Schweiz hatte 2018 einen Überschuss von etwa 70 Milliarden Franken, was etwa 10 Prozent des BIP entspricht. Nimmt man die 1,6 Prozentpunkte als Vergleichswert, kann also gut ein Sechstel des Überschusses mit der demografischen Struktur erklärt werden.

Wenn Mitte der 2030er-Jahre der Anteil der Älteren stark ansteigt, wird auch der Anteil der Bevölkerung, der die Ersparnisse aufbraucht, zunehmen. Das führt tendenziell zu einer Verringerung des Leistungsbilanzsaldos. Unter der Bedingung, dass alle anderen Einflussfaktoren gleich bleiben, muss man für die kommenden Jahrzehnte also mit einem deutlichen Rückgang der Ersparnisse rechnen.

Umgekehrt ist es in den Schwellenländern mit einer relativ jungen Bevölkerung. Dort ist der Effekt der Demografie auf die Leistungsbilanz gegenwärtig negativ und trägt im Durchschnitt der fünf Länder mit der jüngsten Bevölkerung mit etwa 0,7 Prozentpunkten zum Leistungsbilanzdefizit (gemessen am Bruttoinlandprodukt) bei. Für diese Schwellenländer heisst das: Momentan muss zur Finanzierung von Investitionen Kapital aus dem Ausland aufgenommen werden. Dieser negative Effekt wird sich zunehmend verkleinern und ab Mitte der 2020er-Jahre sogar umkehren (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Bisheriger und zukünftiger Einfluss der Demografie auf die Leistungsbilanz nach Ländern mit junger und alter Bevölkerung (1970–2060)

Lesebeispiel: Die Abbildung zeigt, dass die demografische Struktur in den Ländern mit einer alten Bevölkerung im Jahr 2020 durchschnittlich noch mit knapp 1,6 Prozentpunkten zum Leistungsbilanzüberschuss (gemessen am BIP) beitragen wird. Im Jahr 2060 hingegen wird die Altersstruktur in diesen Ländern 2,2 Prozentpunkte des Leistungsbilanzdefizits erklären können.

Quelle: Gerigk, Rinawi und Wicht (2018) / Die Volkswirtschaft

Überschüsse in naher Zukunft benötigt

Die Alterung der Bevölkerung gestaltet sich insbesondere für viele Industrienationen als eine grosse Herausforderung. So wird sie etwa zu einem Rückgang der Anzahl Erwerbspersonen führen, was die Sozialsysteme stark belasten und das Wirtschaftswachstum verlangsamen könnte. Diesem Rückgang könnte temporär entgegengewirkt werden, indem die Erwerbstätigkeit von Frauen erhöht wird. Auch die Einwanderung von Arbeitskräften könnte eine Entlastung bewirken. Die zugewanderte Bevölkerung altert allerdings auch, sodass der potenzielle Verjüngungseffekt nur vorübergehend ist. Eine längerfristige Lösung wäre die Erhöhung des Renteneintrittsalters, was jedoch politisch auf starken Widerstand stösst.

Es können aber auch freie Kapitalströme helfen, den demografischen Übergang zu bewältigen. Denn obwohl die gesamte Welt altert, sind die Alterungsprozesse stark asynchron, also zeitlich verschoben. Deswegen können heute junge, wachsende Volkswirtschaften durch Leistungsbilanzdefizite ihr Wachstum finanzieren. Gleichzeitig können heute alte, eher stagnierende Volkswirtschaften durch Leistungsbilanzüberschüsse Ersparnisse aufbauen, die sie in naher Zukunft benötigen werden. Somit zeigt sich in der Analyse zum Zusammenhang zwischen Demografie und Leistungsbilanz, dass ein bedeutender Anteil der globalen Leistungsbilanzungleichgewichte demografiebedingt ist.

  1. Siehe Fair und Dominguez (1991). []

Dr. oec., Internationale wirtschaftspolitische Analysen, Schweizerische Nationalbank (SNB), Zürich

Literatur

  • Fair, R. C. und Dominguez, K. M. (1991). Effects of the Changing U.S. Age Distribution on Macroeconomic Equations. In:  American Economic Review, 81, 1276-1294.
  • Gerigk, J., Rinawi, M. und Wicht, A. (2018). Demographics and the Current Account. In: Aussenwirtschaft, 69 (1), 45–76.

Dr. oec., Internationale wirtschaftspolitische Analysen, Schweizerische Nationalbank (SNB), Zürich