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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch»

«So intelligent wie Menschen sind Maschinen noch lange nicht»

Laut Bundesrat Guy Parmelin überwiegen die Chancen der künstlichen Intelligenz. Deshalb sei zentral, dass die Schweiz bei der Entwicklung an der Spitze bleibe. Die Teilnahmebedingungen für das dafür wichtige EU-Forschungsprogramm «Horizon Europe» sind gemäss dem Forschungsminister nicht vom institutionellen Rahmenabkommen abhängig.

Bundesrat Guy Parmelin: «Mir ist wichtig, dass der Bund nicht Science-Fiction betreibt, sondern realistisch schaut, was morgen voraussichtlich möglich sein wird.» (Bild: WBF)

Herr Parmelin, wenn Sie an künstliche Intelligenz denken, was löst das bei Ihnen aus?

Künstliche Intelligenz ist eine grosse Chance.  Sie verändert unser Leben, sie verändert sämtliche Bereiche. Im Moment sind dies zum Beispiel die Bilderkennung, die medizinische Diagnostik, die Sprachübersetzung oder die Mobilität.

Auch im Bundesrat ist künstliche Intelligenz ein Thema. Weshalb beschäftigen Sie sich damit?

Wollen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten und stärken, müssen wir die digitalen Technologien beherrschen.

Die künstliche Intelligenz gilt als Grundlagentechnologie, die ganze Branchen durchdringt und umgestaltet – vergleichbar mit der Dampfmaschine oder der Elektrifizierung. Überschätzen Sie die Bedeutung dieser Technologie nicht?

Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Bild- und Spracherkennung: Damit lassen sich prinzipiell in allen Branchen Automatisierungen vornehmen. Aber: Die Technologie befindet sich in einem Entwicklungsprozess. Deshalb ist mir wichtig, dass der Bund nicht Science-Fiction betreibt, sondern realistisch schaut, was morgen voraussichtlich möglich sein wird. Wir müssen eine realistische Interessenabwägung zugunsten von Gesellschaft und Wirtschaft vornehmen.

Ersetzen die Maschinen zunehmend die Arbeitnehmenden?

So intelligent wie Menschen sind Maschinen noch lange nicht. Und es ist fraglich, ob sie es jemals sein werden. Dennoch: Die Arbeitswelt verändert sich. Und zwar rasant. Einerseits verlieren bisherige Berufe an Bedeutung, andererseits gibt es auch neue Berufsbilder. Wir verfolgen diesen Strukturwandel intensiv. Insgesamt werden Maschinen die menschliche Arbeit aber wohl eher ergänzen. Ich hoffe auf ein Miteinander.

In kaum einem anderen Land gibt es gemessen an der Bevölkerungsgrösse so viele Patente und Unternehmensgründungen im Bereich der künstlichen Intelligenz wie in der Schweiz. Ist diese gute Ausgangslage gefährdet?

Wir dürfen uns selbstverständlich nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Aber unser offenes System funktioniert grundsätzlich gut: In der Schweiz bestimmen Wirtschaft und Forschung, welche Technologien erforscht und eingesetzt werden. Der Staat hält sich möglichst raus.

Beim technologischen Fortschritt ist die Ausbildung der Arbeitnehmenden zentral. Tun wir hier genug?

Verschiedene Massnahmen wurden bereits umgesetzt. Sie sollen sicherstellen, dass alle die nötigen Kompetenzen besitzen, um im Zeitalter der Digitalisierung arbeiten zu können. Das beginnt beim Informatikunterricht in der Schule. Ausserdem werden Fachpersonen für künstliche Intelligenz ausgebildet. Die Digitalisierung wird ein wichtiges transversales Thema der Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation 2021–2024 sein, denn in diesem Bereich können wir noch mehr tun. Aber wir sollten nicht illusorisch sein: Einige Menschen haben Mühe, sich anzupassen. Da müssen wir rasch Lösungen suchen, damit sie nicht auf der Strecke bleiben.

 

Einige Menschen haben Mühe, sich anzupassen. Da müssen wir Lösungen suchen, damit sie nicht auf der Strecke bleiben.

 

Wo setzen Sie die Grenze bei der Regulierung?

Eine allgemeine Regulierung ist sicher nicht zielführend. Denn es ist nicht dasselbe, ob ein Text automatisch übersetzt wird oder ein Auto selber fährt. Viele Herausforderungen der künstlichen Intelligenz sind sehr spezifisch, und es kommen laufend neue hinzu. Ein Beispiel sind etwa grosse IT-Unternehmen, die mithilfe von künstlicher Intelligenz Informationen aufbereiten und verbreiten; ein anderes Beispiel sind medizinische Geräte, die immer unabhängiger vom medizinischen Personal Interventionen am Menschen vornehmen. Im einen Fall geht es vor allem um Datensicherheit, im anderen um die physische Integrität.

Wie beurteilen Sie die ethischen Bedenken?

Bei der künstlichen Intelligenz sind ethische Fragen sehr kontextabhängig.

Würden Sie sich vom Roboter Da Vinci operieren lassen, oder liessen Sie sich bei einem Bewerbungsgespräch von einem Computer interviewen?

Einem Algorithmus sein Leben anzuvertrauen, ist natürlich etwas seltsam, tatsächlich aber nutzen wir Algorithmen bereits täglich, zum Beispiel mit dem Smartphone. Ich denke, künstliche Intelligenz funktioniert am besten, wenn sie die Tätigkeiten von Menschen ergänzt.

 

Künstliche Intelligenz funktioniert am besten, wenn sie die Tätigkeiten von Menschen ergänzt.

 

 

Was ist die Rolle der Kantone bei dieser technologischen Entwicklung?

Der Bund arbeitet auf mehreren Ebenen eng mit den Kantonen zusammen. Regionale Lehrpläne definieren die Kompetenzen, die im Zeitalter der Digitalisierung notwendig sind. Ausserdem wurde eine nationale Digitalisierungsstrategie für das Bildungswesen verabschiedet. Einige Kantone haben sogar eine eigene Strategie entwickelt, um die Digitalisierung im Bildungswesen voranzutreiben. Und natürlich sind auch die kantonalen Hochschulen enorm wichtige Akteure, zum Beispiel in der Forschung zur künstlichen Intelligenz.

«Horizon Europe» ist das neue Forschungs- und Innovationsprogramm der Europäischen Union und startet 2021. Hat die Schweiz Chancen, auch ohne das Rahmenabkommen daran teilzunehmen?

Die Beteiligung der Schweiz an den EU-Forschungsrahmenprogrammen ist Teil der Bilateralen I. Sie stellt kein Marktzugangsdossier dar und hängt deshalb nicht vom institutionellen Rahmenabkommen ab. Wir erwarten daher weiterhin, dass wir uns an «Horizon Europe» beteiligen können.

Was, wenn die Schweiz nur teilassoziiertes Mitglied würde, wie bei «Horizon 2020»?

Wir kennen die exakten Teilnahmebedingungen für die Schweiz für «Horizon Europe» noch nicht, aber wir sollten nicht vergessen: Die Schweiz ist ein aktiver, zuverlässiger und sehr geschätzter Partner für die europäischen Forschungs- und Innovationsprogramme. Wir investieren in alle grossen internationalen Forschungsorganisationen in Europa. Unsere eigenen Institutionen und Forschungsinfrastrukturen machen uns zu einem geschätzten Partner für die Weiterentwicklung des europäischen Forschungsraums. Die letztjährigen Nobelpreise, die an Schweizer Forscher gingen, erbringen den Beweis. Wir hoffen, dass wir weiterhin dazu beitragen können, die Positionierung Europas gegenüber Konkurrenten wie China oder den USA zu stärken.

Ein grosser Teil der «Horizon»-Gelder für künstliche Intelligenz fliesst an die beiden technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne. Würden diese international nicht deutlich an Terrain verlieren ohne die EU-Gelder?

Das ist nicht nur eine Frage des Geldes. Für Forschende, Unternehmen und KMU ist es wichtig, dass sie international in die Netzwerke und den Wettbewerb eingebunden sind. Das fördert die Attraktivität des Forschungs- und Innovationsstandorts Schweiz.

Die Innovationskraft der Schweizer Firmen schwindet, wie die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigt. Immer mehr Unternehmen ziehen sich aus der Forschung und Entwicklung zurück. Könnte dieser Trend negative Folgen für die Gesamtwirtschaft haben?

Ja, natürlich. In anderen europäischen Ländern zeigt sich, dass Unternehmen in innovationsgetriebenen Branchen, die nicht mehr in Forschung und Entwicklung investieren, ein hohes Risiko aufweisen, vom Markt zu verschwinden.

Insbesondere KMU ziehen sich aus der Forschung und Entwicklung zurück. Ist hier der ungenügende Zugang zu Fremdkapital für die Finanzierung von Innovationsaktivitäten der Hemmschuh?

Mit dem zunehmenden Wettbewerb ist es für die Firmen schwieriger geworden, abzuwägen, ob sich Investitionen in Forschung und Entwicklung lohnen. Möglicherweise könnte ein erleichterter Zugang zu Fremdkapital diese Unsicherheit mindern. Doch dieser Zugang wird von den Unternehmen nicht als wichtigstes Hemmnis empfunden.

Bei den innovativen Unternehmen schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich immer noch gut ab. Aber was passiert, wenn die Unternehmen zum Schluss kommen, dass die Renditeaussichten für Innovationen zu niedrig sind?

Für die Unternehmen sind hohe Renditeaussichten und die Überzeugung, dass ihre Innovation ein Marktpotenzial aufweist, ausschlaggebend für ihre Investitionsentscheide zu Forschung und Entwicklung. Die wirtschaftlichen Perspektiven und die Sicherheit, in der Schweiz gute Rahmenbedingungen vorzufinden, sind ebenfalls entscheidend. Deshalb muss der Wirtschaftsstandort Schweiz noch attraktiver werden.

Im Ranking des Weltwirtschaftsforums ist die Schweiz zurückgefallen. Bereitet Ihnen das Sorge?

Die Schweiz ist im Ranking des Weltwirtschaftsforums vom 4. Rang im Jahr 2018 auf den 5. Rang im Jahr 2019 gerutscht: Damit bleibt sie aber immer noch eines der wettbewerbsfähigsten Länder. Im Index der privaten Wirtschaftshochschule IMD ist sie sogar vom 5. Platz auf den 4. Platz vorgerückt. Unterschiede von einigen wenigen Plätzen sind nicht unbedingt signifikant. Dennoch können Reformen eine entscheidende Rolle spielen: Wenn einige Länder Reformen umsetzen, können andere Länder dadurch ein wenig zurückfallen. Deshalb ist es unabdingbar, dass auch die Schweiz hier nicht untätig bleibt.

2015 hat sich der Bundesrat mit den Schwächen der Schweiz befasst. Kamen Sie seither beim mangelnden Wettbewerb im Binnenmarkt und bei der administrativen Belastung voran?

Der Bundesrat hat im Rahmen seiner Wachstumspolitik 2016–2019 verschiedene Massnahmen ergriffen, um den Wettbewerb zu stärken: so etwa den Abbau von Importhindernissen, die Öffnung des Aussenhandels oder die Liberalisierung des Gas- und des Strommarktes. Der Bundesrat wird Ende Jahr über diese Massnahmen Bilanz ziehen. Bei der Digitalisierung sind wir auf dem richtigen Weg: Momentan prüfen wir, welche Hindernisse bestehen und wie sich diese beseitigen lassen. Ausserdem führt der vom Bundesrat vorgeschlagene Abbau aller Industriezölle zu Kosteneinsparungen bei Unternehmen von insgesamt rund 900 Millionen Franken.

Ein Jahr Wirtschaftsminister: Ihre Bilanz?

Ich ziehe eine positive Bilanz! Das WBF ist ein komplexes Departement mit sehr unterschiedlichen Bereichen. Ich stelle fest, dass der Zusammenzug von Wirtschaft und Forschung unter demselben Dach langsam Früchte trägt. Auch das Landwirtschaftsdossier bleibt spannend. Denn wir müssen Wege finden, Ökologie, Ernährungssicherheit und Unternehmertum miteinander zu verbinden. Dabei muss man ständig darauf achten, dass es nicht zu Ungleichgewichten kommt – das macht dieses Departement so spannend. Umso mehr, als ich auf die effiziente Unterstützung kompetenter und hoch motivierter Teams zählen darf.

 

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft

Guy Parmelin

Der 60-jährige Waadtländer Bundesrat Guy Parmelin ist seit dem 1. Januar 2019 Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF). Nach seiner Wahl zum Bundesrat am 9. Dezember 2015 hat er zunächst drei Jahre lang das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) geleitet. Von 2003 bis 2015 war der ausgebildete Winzer und Landwirt Nationalrat für die Schweizerische Volkspartei (SVP).

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