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Weltbank setzt auf globale Wertschöpfungsketten

Globale Wertschöpfungsketten sind ein Treiber für das Wirtschaftswachstum und die Reduktion der Armut. Dies zeigt ein Bericht der Weltbank.

Die Komponenten von Velos stammen häufig aus Asien. Bianchi-Fabrik im lombardischen Treviglio. (Bild: Alamy)

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Dank globaler Wertschöpfungsketten beschleunigte sich seit den späten Achtzigerjahren das weltweite Wachstum, die Produktivität und die Einkommen stiegen, und die Armutsquoten gingen zurück. Doch womöglich steht die Welt derzeit an einem Wendepunkt: Viele Menschen und Unternehmen machen sich Sorgen über Ungleichheit und Umweltzerstörung. Tendenziell reagieren die Staaten auf diese Ausgangslage mit einer restriktiven Handelspolitik, um so die Unzulänglichkeiten des derzeitigen Handelssystems zu beseitigen. Doch ein solcher Protektionismus schadet letztlich allen. Demgegenüber kommt ein offener und planbarer Handel sowohl der Wirtschaft und der Bevölkerung wie letztlich auch der Umwelt zugute. Globale Wertschöpfungsketten sind dabei nach wie vor entscheidend: Gerade kleine Volkswirtschaften brauchen den Handel, um sich zu entwickeln. Dennoch braucht es Regeln, damit der Handel reibungslos funktioniert. Dazu müssen die Staaten zusammenarbeiten.

Globale Wertschöpfungsketten haben in den vergangenen drei Jahrzehnten weltweit das Wirtschaftswachstum angekurbelt: Die Produktivität und die Einkommen stiegen, und die Armutsquote sank auf ein historisches Tief von zehn Prozent. Dank relativ hoher Wachstumsraten konnten ärmere Länder den wirtschaftlichen Rückstand gegenüber den Industriestaaten etwas verringern. Am stärksten ging die Armut in Ländern zurück, die in globale Wertschöpfungsketten integriert wurden – unter anderem China, Vietnam und Bangladesch.

Gemäss dem Weltentwicklungsbericht 2020 der Weltbank deuten sämtliche länderübergreifende Erfahrungen sowohl auf Branchen- wie auch auf Unternehmensebene darauf hin, dass globale Wertschöpfungsketten die Produktivität und Einkommen signifikant erhöhen.[1] Im Vergleich mit konventionellem Handel kann das Pro-Kopf-Einkommen durch eine stärkere Beteiligung an globalen Wertschöpfungsketten um mehr als das Doppelte gesteigert werden.

Zum Beispiel das Fahrrad

Die Wirtschaftsrevolution, die durch globale Wertschöpfungsketten ausgelöst wurde, lässt sich anhand des Produkts Fahrrad erklären. Das Handelsvolumen dieses weltweit am stärksten verbreiteten Verkehrsmittels betrug im vergangenen Jahr 20 Milliarden Dollar. Über 160 Länder handelten mit den Bauteilen und Komponenten, die für dessen Produktion benötigt werden.

Während Fahrräder früher oft vollständig in einem Land hergestellt wurden, arbeiten die Velohersteller heute grenzüberschreitend zusammen. Dabei entwerfen, produzieren und montieren sie die Bauteile dort, wo dies am kostengünstigsten möglich ist. Damit steigern sich Effizienz, Produktivität und Gewinnmargen stark. So entwickelt der italienische Hersteller Bianchi in Italien Prototypen. Die Montage der Fahrräder erfolgt grösstenteils in Taiwan und China, wobei die Bauteile unter anderem aus China, Italien, Japan und Malaysia stammen.

Im Gegensatz zum «konventionellen» Handel in anonymen Märkten basieren globale Wertschöpfungsketten in der Regel auf langfristigen Beziehungen zwischen Unternehmen. Dieser «beziehungsorientierte» Charakter von globalen Wertschöpfungsketten macht sie zu einem starken Wachstumstreiber, da sie den Technologietransfer begünstigen: Die Unternehmen tauschen Technologien aus und wollen voneinander lernen. Da globale Wertschöpfungsketten von einer starken Spezialisierung geprägt sind, können die einzelnen Länder komparative Vorteile und Skalenerträge besser nutzen (siehe Abbildung).

Globale Wertschöpfungsketten

Sand im Getriebe

In den Nullerjahren verbreiteten sich globale Wertschöpfungsketten besonders stark. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 flachte das Wachstum ab. Inzwischen machen globale Wertschöpfungsketten gemäss dem Weltentwicklungsbericht mehr als die Hälfte des gesamten Handels aus.

In jüngster Zeit kamen vermehrt Bedenken auf, dass neue Technologien eine Herausforderung für den Handel darstellen, da die Unternehmen die Produktion wieder in ihre Heimatländer verlagern und Roboter anstelle von Menschen einsetzen könnten. Wie gross ist die Bedrohung durch die Automatisierung für die Entwicklungsländer tatsächlich? Bis heute haben sich Technologien wie die Automatisierung und der 3-D-Druck positiv auf den Handel ausgewirkt. Solche Technologien haben den Handel angekurbelt und die Produktivität gesteigert. Dabei werden auch innovative Produkte wie 3-D-Drucker, Roboter, Solarmodule und Akkus in globalen Wertschöpfungsketten gefertigt.

Eine Bedrohung für den weltweiten Handel stellen Handelsstreitigkeiten und zunehmender Protektionismus dar. Der Zugang zu den Märkten ist unsicherer, und wenn sich die Handelsstreitigkeiten weiter verschärfen, könnte sich dies für Millionen von Menschen nachteilig auswirken. Denn globale Wertschöpfungsketten erfordern ein offenes Handelsumfeld, Sicherheit und Stabilität. Die Unternehmen müssen hohe Investitionen tätigen, die mit irreversiblen Kosten verbunden sind. Angesichts der derzeitigen Voraussetzungen ist daher zu befürchten, dass die Unternehmen von derartigen Investitionen absehen könnten.

Der Weltentwicklungsbericht zeigt, dass im schlimmsten Fall – sprich: wenn der Handelskonflikt eskaliert und das Vertrauen der Investoren stark abnimmt – über 30 Millionen Menschen in die Armut zurückgedrängt werden könnten. Das weltweite Einkommen könnte bei diesem Szenario um bis zu 1,4 Billionen Dollar sinken. Das sind insbesondere für kleine Volkswirtschaften schlechte Nachrichten. Für sie ist der Handel oft der einzig mögliche Weg zur wirtschaftlichen Entwicklung.

Protektionismus keine Lösung

Trotz all dieser positiven Eigenschaften, die globale Wertschöpfungsketten mit sich bringen, lässt es sich nicht bestreiten, dass sie einige Personengruppen vor neue Herausforderungen stellen und mit zusätzlichen Belastungen für die Umwelt verbunden sind.

Viele Menschen sind vom Freihandel enttäuscht, insbesondere in Regionen, die unter der Konkurrenz durch Importgüter leiden und in denen die Arbeitnehmenden Mühe haben, neue Stellen zu finden. Allerdings legt der Weltentwicklungsbericht dar, dass eine restriktive Handelspolitik in selektiven Branchen zum Schutz der Beschäftigten nicht erfolgversprechend ist. So gelang es Brasilien und Südafrika nicht, mit dieser Strategie eine wettbewerbsfähige Autoindustrie aufzubauen – während auf der anderen Seite Länder wie Mexiko und Thailand davon profitierten, dass sie in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Für das langfristige Wachstum und die Integration scheint es somit besser, die betroffenen Arbeitnehmenden mit nationalen politischen Strategien dabei zu unterstützen, sich an strukturelle Veränderungen anzupassen.

Die Industrieländer müssen in die Ausbildung und in Arbeitsvermittlungsdienste investieren sowie eine angemessene Mobilität gewährleisten. Die Entwicklungsländer wiederum müssen sicherstellen, dass sich kleine und mittlere Unternehmen an globale Wertschöpfungsketten anschliessen können. Ausserdem braucht es angemessene arbeitsrechtliche Regelungen, damit mehr Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft von den Vorteilen globaler Wertschöpfungsketten profitieren können.

Kapitalbesteuerung als Herausforderung

Ängste lösen auch die zunehmende Marktmacht der grössten internationalen Konzerne aus. Die Gewinnmargen nehmen immer mehr zu. Viele Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Industrieländern, wobei die Kapitalbesteuerung in der globalen digitalen Wirtschaft immer schwieriger wird. Gleichzeitig sind Arbeitnehmende mit höheren Einkommenssteuern konfrontiert.

Um diesen Bedenken Rechnung zu tragen, schlägt der Weltentwicklungsbericht eine politische Agenda vor, um die internationale Zusammenarbeit in den Bereichen Unternehmensbesteuerung, Durchsetzung des Wettbewerbs und Datenaustausch voranzutreiben.

Besorgniserregend ist auch die Abnahme des Anteils der Arbeit am Gesamteinkommen. So ist in 63 Industrie- und Entwicklungsländern die Integration globaler Wertschöpfungsketten mit einem Rückgang des Arbeitsanteils um 2,2 Prozentpunkte verbunden – wobei globale Wertschöpfungsketten 0,6 Prozentpunkte beitragen. Insgesamt gehen globale Wertschöpfungsketten jedoch mit mehr und besseren Arbeitsplätzen einher, was entsprechende Auswirkungen auf die Armutsbekämpfung hat. Im Weltentwicklungsbericht stellten wir beispielsweise in komplett unterschiedlichen Ländern wie Äthiopien und Mexiko fest, dass Unternehmen, die in globale Wertschöpfungsketten integriert sind, deutlich höhere Löhne bezahlen als die anderen Firmen. In Mexiko verzeichneten Gemeinden mit einem höheren Anteil von Personen, die bei international tätigen Unternehmen beschäftigt sind, von 1993 bis 2013 bei den ärmsten und sozial schwächsten Haushalten einen stärkeren Rückgang der Armut.

Umwelttechnologien als Ausweg

Für die Umwelt sind globale Wertschöpfungsketten ein zweischneidiges Schwert. Ein rasantes Wirtschaftswachstum wirkt sich vielerorts negativ auf die Umwelt aus: Wenn die Wertschöpfungsketten und die Wirtschaftstätigkeit zunehmen, steigt auch der CO2-Ausstoss. Zusätzlich vergrössern globale Wertschöpfungsketten die Abfallmenge, weil die Produktion wächst und für den Transport mehr Verpackungen benötigt werden. Besonders akut ist die Problematik beim Elektronikmüll.

Dennoch besteht Hoffnung, dass der Wissenstransfer zwischen den Unternehmen die weltweite Verbreitung von Umwelttechnologien beschleunigt. Aufgrund ihrer Grösse können führende Unternehmen in globalen Wertschöpfungsketten höhere Investitionen in Innovationen für umweltfreundliche Techniken tätigen und bei den Lieferanten innerhalb der Wertschöpfungskette höhere Standards durchsetzen. Da viele umweltfreundliche Güter wie Elektroautos, Solarmodule und Windkraftanlagen zu tieferen Kosten produziert werden, erleichtern globale Wertschöpfungsketten auch die Herstellung neuer umweltschonender Erzeugnisse und tragen dazu bei, die Umweltkosten des Konsums zu senken.

Reformen in den Entwicklungsländern

Zusammenfassend lässt sich sagen: Globale Wertschöpfungsketten können weiterhin als treibende Kraft für eine nachhaltige und integrative Entwicklung wirken, wenn die Entwicklungsländer die Handels- und Investitionsreformen beschleunigen und die Vernetzung verbessern. Darüber hinaus müssen die Industrieländer eine offene und berechenbare Politik verfolgen, und alle Staaten müssen ihren Sozial- und Umweltschutz ausbauen, um sicherzustellen, dass alle von den Vorteilen globaler Wertschöpfungsketten profitieren können und diese erhalten bleiben. Dies setzt voraus, dass die Länder kooperativ handeln und ihren Fokus nicht nur auf das kurzfristige Wachstum richten. Sie müssen sich für Nachhaltigkeit und gemeinsamen Wohlstand einsetzen. Diese Elemente sollten ein wesentlicher Bestandteil ihrer Pläne für wirtschaftliches Wachstum sein.

Im Zeitalter globaler Wertschöpfungsketten ist die internationale Zusammenarbeit besonders wichtig. Die staatliche Politik und die wirtschaftlichen Bedingungen in einem Land wirken sich durch Produktionsverknüpfungen stark auf die Handelspartner aus. Dabei kommen die Vorteile eines koordinierten politischen Handelns bei globalen Wertschöpfungsketten noch stärker zum Tragen als beim konventionellen Handel, da Güter und Dienstleistungen mehrere Landesgrenzen passieren. Deshalb müssen alle Staaten zusammenarbeiten, um gegen handelsverzerrende Massnahmen vorzugehen.

  1. Der «World Development Report» (2019) ist unter Worldbank.org abrufbar. []

Leitende Ökonomin, Projektleiterin Weltentwicklungsbericht 2020, Weltbank, Washington D.C.

Leitende Ökonomin, Projektleiterin Weltentwicklungsbericht 2020, Weltbank, Washington D.C.