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Alterseinkommen bei Frauen deutlich tiefer als bei Männern

Pensionierte Frauen in der Stadt Luzern verfügen über kleinere Altersrenten als Männer. Eine Ausnahme bilden die ledigen Frauen.

Die Renten von allein lebenden Frauen in Luzern sind im Schnitt 650 Franken tiefer als bei Männern. (Bild: Keystone)

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Welche geschlechterspezifischen Unterschiede gibt es bei den Alterseinkommen in der Stadt Luzern? Eine Analyse der Hochschule Luzern zeigt: Den über 65-jährigen Männern stehen im Monat durchschnittlich 4190 Franken zur Verfügung, den Frauen 3540 Franken. Bei geschiedenen Frauen beträgt das monatliche Medianeinkommen sogar lediglich 2960 Franken. Hingegen haben ledige Frauen im Schnitt ein um 450 Franken höheres Alterseinkommen als ledige Männer. Eine mögliche Erklärung hierfür liefert eine Analyse zum Bildungsniveau: Im urbanen Raum befinden sich unter den über 65-jährigen ledigen Frauen vergleichsweise viele Akademikerinnen, bei den ledigen Männern gibt es anteilsmässig viele Personen, die maximal über einen allgemeinbildenden Schulabschluss verfügen.

Die Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau manifestiert sich auch bei den Pensionierten. Eine Analyse des Instituts für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) der Hochschule Luzern zeigt die Unterschiede bei den Alterseinkommen für die Stadt Luzern auf. Betrachtet wurden insgesamt 5827 Haushalte der über 65-jährigen Einwohner im Jahr 2015, die allein wohnten.[1]

Rund 40 Prozent der Luzerner Seniorinnen und Senioren lebten allein, wobei es sich in drei von vier Fällen um Frauen handelte. Der hohe Frauenanteil ist dem Umstand geschuldet, dass fast die Hälfte der allein lebenden Personen über 65 Jahre verwitwet sind – die meisten von ihnen sind weiblich. Betrachtet man alle Haushalte der über 65-Jährigen in Luzern, dann liegt der Frauenanteil bei 59 Prozent.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Geschlechtern ist, dass die Männer ein höheres mittleres Alterseinkommen haben. Ihnen stehen monatlich 4190 Franken zur Verfügung. Bei den Frauen ist das mittlere Alterseinkommen um 650 Franken tiefer. Die in dieser Analyse verwendeten Einkommen setzen sich aus der AHV, aus Pensionskassenbeiträgen sowie allfälligen weiteren Renten und Einkünften zusammen. Nicht enthalten sind hingegen die Ergänzungsleistungen.

Ledige Frauen bessergestellt

Eine detailliertere Betrachtung nach Zivilstand bringt zutage, dass auch innerhalb des gleichen Geschlechts erhebliche Unterschiede auftreten. Sie akzentuiert aber insbesondere die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Die Ausnahme stellt der Zivilstand «ledig» dar. Hier ist das mittlere monatliche Alterseinkommen bei den Frauen mit 4027 Franken 10 Prozent höher als bei den Männern. Bei allen anderen Zivilständen ist es umgekehrt – und dies mit beachtlichen Differenzen (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Medianeinkommen bei Einpersonenhaushalten von über 65-Jährigen in der Stadt Luzern (2015)

Anzahl Haushalte Medianeinkommen (in Fr. pro Monat, gerundet)
Zivilstand Männer Frauen Männer Frauen Differenz
ledig 359 872 3’579 4’027 –448
verheiratet 145 162 5’144 3’367 1’776
verwitwet 505 2’300 4’768 3’640 1’128
geschieden 440 1’044 3’850 2’964 886

IBR-Wohnkalkulator, Datenquelle: Kantonale Register (2015)

Die grösste Differenz zwischen den Geschlechtern zeigt sich mit 1776 Franken Unterschied pro Monat bei den Verheirateten, die getrennt leben. Allerdings ist die Zahl der Betroffenen mit 307 Haushalten relativ gering. Zahlenmässig stärker vertreten sind die verwitweten und geschiedenen Personen. Auch bei diesen Zivilständen verfügen die Frauen mit einer Differenz von 30 Prozent über deutlich tiefere mittlere Alterseinkommen als die Männer. So stehen den Witwen pro Monat 1100 Franken weniger zur Verfügung als den Witwern. Bei den geschiedenen Personen fallen nicht nur die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf, sondern auch die markant schlechtere finanzielle Situation im Vergleich zu den verheirateten und verwitweten Personen. Die geschiedenen Frauen verfügen über ein Alterseinkommen von lediglich 2960 Franken – bei den geschiedenen Männern sind es 3850 Franken.

Ein Grund für diese Auffälligkeiten zwischen den Geschlechtern sind vermutlich unterschiedliche Lebensentwürfe, die sich hinter dem Zivilstand verbergen. Beim untersuchten Personenkreis war das traditionelle Rollenverständnis von Mann und Frau verbreitet. In diesem Verständnis bedeutete eine Heirat für die Frauen, beruflich kürzerzutreten; für die Männer, ausreichend Zahltag nach Hause zu bringen. Einzig bei den ledigen Frauen galt dieses Rollenbild nicht in gleicher Weise, was sich in den höheren Einkommen widerspiegelt.

Akademikerinnen ungleich verteilt

Ein anderer Grund für die zivilstandsabhängigen Unterschiede beim Alterseinkommen ist das Bildungsniveau, wie ein Blick auf die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik (Sake) zeigt (siehe Abbildung). Für Personen, die 65-jährig oder älter sind und in Städten wohnen, ergibt sich nach Geschlecht und Zivilstand folgendes Bild: Ledige Frauen haben markant häufiger einen akademischen Abschluss als jene, die im Verlaufe ihres Lebens geheiratet haben. Auf 100 ledige Frauen kommen 42 Akademikerinnen – bei den geschiedenen Frauen sind es nur gerade 16. Bei den Männern sind die Akademiker deutlich gleichmässiger auf die unterschiedlichen Zivilstände verteilt.

Höchste abgeschlossene Ausbildung bei über 65-Jährigen für die urbane Schweiz (2015)

Quelle: Sake; IBR, Berechnungen Willimann / Die Volkswirtschaft

Weiter fällt auf, dass Männer mit tiefem Bildungsstand häufiger ledig blieben als gut gebildete: Über ein Viertel aller ledigen Senioren verfügte höchstens über einen allgemeinbildenden Schulabschluss. Bei den übrigen Zivilständen der Männer liegt dieser Wert unter 10 Prozent.

Bei den Frauen ist es umgekehrt: Hier ist der Anteil jener, die maximal über einen allgemeinbildenden Schulabschluss verfügen, bei den Ledigen am geringsten. Der Anteil liegt in ähnlicher Höhe wie bei den geschiedenen und verwitweten Personen. Deutlich erhöht ist er hingegen mit 30 Prozent bei den Verheirateten.

Vermögende Frauen

Trotz des beträchtlich geringeren Einkommens verfügen Frauen überraschenderweise über ein höheres mittleres Vermögen als Männer (siehe Tabelle 2). Das mittlere Reinvermögen liegt bei ihnen bei 132’000 Franken, bei den Männern beträgt es 124’000 Franken. Sowohl bei den Ledigen als auch bei den Geschiedenen weisen die Frauen einen höheren Medianwert als die Männer auf. Bei den Verwitweten sind die Männer hingegen leicht bessergestellt. Einen grossen Vermögensunterschied gibt es bei den verheirateten, aber getrennt lebenden Personen: Die mittleren Vermögenswerte bei den Frauen sind hier noch tiefer als bei den geschiedenen Frauen, während die verheirateten Männer über mehr als doppelt so viel Vermögen wie die verheirateten Frauen verfügen.

Tabelle 2: Medianvermögen bei Einpersonenhaushalten von über 65-Jährigen in der Stadt Luzern

Anzahl Haushalte Medianvermögen (in Fr., gerundet)
Zivilstand Männer Frauen Männer Frauen Differenz
ledig 359 872 153’178 219’865 –66’687
verheiratet 145 162 125’327 56’472 68’855
verwitwet 505 2’300 178’496 150’929 27’567
geschieden 440 1’044 49’243 57’934 –8’691

IBR-Wohnkalkulator, Datenquelle: Kantonale Register (2015)

Diese Ergebnisse sind möglicherweise ein Indiz dafür, dass Mann und Frau tendenziell andere Prioritäten setzen oder andere Bedürfnisse haben. Männer sind allenfalls konsumorientierter, und Frauen sind stärker auf finanzielle Sicherheit bedacht.

Allein lebende Seniorinnen legen offenbar mehr Wert auf eine grosse Wohnung als allein lebende Senioren: Die mittlere Wohnfläche bei den über 65-jährigen Frauen beträgt 76 Quadratmeter, bei den Männern sind es 72 Quadratmeter. Nur die Witwer haben grössere Wohnungen als die Witwen. Dies dürfte aber in der Mehrheit jene Wohnung sein, die zu deren Lebzeiten gemeinsam mit der Lebenspartnerin bewohnt wurde.

Schweizweiter Trend

Die Resultate für die Stadt Luzern dürften in der Tendenz auch auf andere Städte und Gemeinden übertragbar sein. Dies gilt insbesondere für die Einkommensverhältnisse. Auch andernorts treten eklatante Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Und auch andernorts stehen geschiedenen Personen – insbesondere den geschiedenen Frauen – im Mittel vergleichsweise bescheidene Alterseinkommen zur Verfügung. Hierauf deuten erste Analyseergebnisse des Wohnkalkulators hin, die für weitere Gemeinden gemacht worden sind.

Die Datenbasis ist allerdings noch schwach. Es wird interessant sein, zu verfolgen, wie sich die Einkommenssituation nach Geschlecht und Zivilstand in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird.

  1. Daten stammen vom Wohnkalkulator des IBR. []

Dozent, Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR), Hochschule Luzern – Wirtschaft

Dozent, Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR), Hochschule Luzern – Wirtschaft