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Arbeitslosenquote sinkt dank Beschäftigungszuwachs

Der Arbeitsmarkt in der Schweiz wächst dynamisch. Um die Arbeitslosenquote korrekt abzubilden, muss die Zahl der Erwerbspersonen regelmässig aktualisiert werden.

Die Beschäftigung im Erziehungs- und Unterrichtswesen hat in den letzten Jahren zugenommen. Kindergartenkinder in Hombrechtikon ZH. (Bild: Keystone)

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Die Arbeitslosenquote gibt Auskunft über den Anteil der Arbeitslosen an der Gesamtzahl der Erwerbspersonen. Sie beschreibt das Ausmass der Arbeitslosigkeit in einer Volkswirtschaft und ist ein wichtiger Indikator für die Ausschöpfung des Arbeitskräfteangebots. Die Arbeitslosenzahlen beinhalten alle Stellensuchenden, die auf einem RAV in der Schweiz als arbeitslos registriert sind. Die Erwerbspersonenzahlen beruhen seit 2010 auf den Strukturerhebungsdaten des Bundesamtes für Statistik. Aufgrund der dynamischen Entwicklung des Arbeitsmarktes müssen die Erwerbspersonenzahlen regelmässig aktualisiert werden, um Über- oder Unterschätzungen der Arbeitslosenquote zu verhindern. Das aktuelle Revisionsschema mit einem 3-Jahres-Anpassungsrhythmus sowie über 3 Jahre gepoolten Strukturerhebungsdaten zum Erwerbsleben stellt sicher, dass die Erwerbspersonenzahlen aktuell sind und differenzierte Auswertungen nach geografischen und sozioökonomischen Merkmalen erstellt werden können.

Die Arbeitsmarktstatistik in der Schweiz reicht bis ins Jahr 1920 zurück. Heute erhebt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wichtige Kennzahlen wie die Arbeitslosenzahlen, die Anzahl Stellensuchende oder die gemeldeten offenen Stellen. Ein wichtiger volkswirtschaftlicher Indikator ist die Arbeitslosenquote, die anhand der Zahl der bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) registrierten Arbeitslosen und der Anzahl Erwerbspersonen berechnet wird.

Die Arbeitslosenquote gibt Auskunft über die Beschäftigungslage sowie die konjunkturelle und saisonale Wirtschaftsentwicklung. Auch bei der im Juli 2018 eingeführten Stellenmeldepflicht spielt die Arbeitslosenquote eine Schlüsselrolle: Arbeitgeber sind verpflichtet, den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) Stellen in Berufsarten mit schweizweit mindestens 8 Prozent Arbeitslosigkeit zu melden. Ab 2020 gilt diesbezüglich die 5-Prozent-Grenze.

Als arbeitslos gelten alle Stellensuchenden auf den RAV, die als arbeitslos registriert sind. Personen mit einem Zwischenverdienst oder Stellensuchende in einem Beschäftigungsprogramm gehören hingegen nicht zu den Arbeitslosen. Als Erwerbspersonen gelten alle Erwerbstätigen ab einer Arbeitsstunde pro Woche plus die Erwerbslosen in der ständigen Wohnbevölkerung. Die Arbeitslosenzahlen werden dem Informationssystem für die Arbeitsvermittlung und der Arbeitsmarktstatistik (Avam) entnommen. Sie sind vollständig, werden täglich aktualisiert und fliessen Ende Monat in die Berechnung der Arbeitslosenquoten ein.

Stichprobe statt Vollerhebung

Bis im Jahr 2010 beruhten die Erwerbspersonenzahlen auf Volkszählungen, konzipiert als Vollerhebungen, die im 10-Jahres-Rhythmus vom Bundesamt für Statistik (BFS) durchgeführt wurden. Seither werden die Erwerbspersonenzahlen vom BFS anhand der Strukturerhebung zum Erwerbsleben der Bevölkerung erhoben. Die Strukturerhebung wird vom BFS jährlich mittels einer Stichprobe von über 200’000 Personen durchgeführt. Diese jährlich revidierten Grundlagendaten aus den Strukturerhebungen der Volkszählung ermöglichen im Rahmen der Arbeitsmarktstatistik eine häufigere Anpassung der Erwerbspersonenbasis, was die Genauigkeit der Arbeitslosenquote erhöht.

Vor 2010 wurde die Zahl der Erwerbspersonen während zehn Jahren konstant gehalten, sodass die Arbeitslosenquoten insbesondere gegen Ende der 10-Jahres-Periode und für Gruppen mit einem starken Zuwachs bei den Erwerbspersonen deutlich überschätzt wurden. Auf der anderen Seite sind aufgrund der limitierten Stichprobengrösse der Strukturerhebung gewisse Auswertungen wie zum Beispiel Arbeitslosenquoten für kleinere Gemeinden nicht mehr sinnvoll respektive gar nicht mehr möglich.

Um die Auswertungstiefe und die Genauigkeit der Arbeitslosenquoten zu erhöhen, wird die Arbeitslosenquote nach einer Übergangsphase seit 2014 anhand eines 3-Jahres-Poolings der Erwerbspersonenzahlen berechnet (siehe Abbildung 1): Das Kumulieren von Stichproben (Pooling) ermöglicht, mehrere zeitlich gestaffelte Durchgänge der gleichen Erhebung gemeinsam auszuwerten. Durch das Zusammenlegen von drei aufeinanderfolgenden Erhebungen werden genauere Ergebnisse erzielt als mit einer einzigen Jahresstichprobe.

Im Jahr 2019 wurden zudem die Alterskategorien in der Gruppe «Ältere Arbeitnehmende» geändert. Die bisher nach oben offene Kategorie der «50-Jährigen und mehr» wurde neu in die Altersklasse «50 bis 64 Jahre» und die residuale Grösse «65 und mehr» unterteilt. Entsprechend wurden auch die «60-Jährigen und mehr» neu als Altersklasse «60 bis 64 Jahre» abgegrenzt. Die neuen Kategorien berücksichtigen die Tatsache, dass sich die ökonomische Realität der Arbeitnehmenden beim Erreichen des ordentlichen Rentenalters ändert. Die neuen Altersgrenzen entsprechen damit den Altersgruppen, wie sie vom BFS im Rahmen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) verwendet werden.

Abb. 1: Für Arbeitslosenquote verwendete Erwerbspersonenbasis (2008 bis 2022)

Lesebeispiel: Im Juni 2019 wurde die neue Erwerbspersonenbasis (provisorisches Pooling 2015 bis 2017) rückwirkend ab Anfang 2017 eingeführt. Diese Erwerbspersonenbasis bleibt bestehen bis zur nächsten Revision, die für Mitte 2022 geplant ist.

Demografische Alterung

Zwischen den Referenzperioden der Jahre 2012–2014 und derjenigen von 2015–2017 wuchs die Erwerbsbevölkerung um 3,2 Prozent auf über 4,6 Millionen Personen. Die höhere Erwerbspersonenzahl bewirkt, dass die aktuelle Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte sank: Ende Mai 2019, einen Monat vor der Einführung der neuen Erwerbspersonenzahlen des Poolings 2015–2017, lag die Arbeitslosenquote auf neuer Basis bei 2,2 Prozent (statt 2,3 Prozent auf alter Basis).

Ein wichtiger Trend bei der Erwerbsbevölkerung ist die demografische Alterung, wie die BFS-Strukturerhebungen verdeutlichen (siehe Abbildung 2). Zwischen den zwei Referenzperioden hat die Zahl der 15- bis 24-jährigen Erwerbspersonen um 28’000 abgenommen. Dies entspricht einem Rückgang um 5,1 Prozent bei den Jugendlichen. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der 55- bis 59-jährigen Erwerbspersonen um 10,8 Prozent, und bei den 60- bis 64-jährigen betrug das Wachstum 9,0 Prozent. Demgegenüber stieg die Zahl der 25- bis 49-jährigen Erwerbspersonen mit einem Plus von 1,8 Prozent nur leicht.

Diese Veränderungen schlagen sich auf die neu berechneten Arbeitslosenquoten nieder: Während beispielsweise die Quote der 60- bis 64-jährigen Erwerbspersonen um 0,3 Prozentpunkte auf 2,7 Prozent sank, stieg diejenige der 20- bis 24-jährigen um 0,1 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent.

Im Gegensatz zur früheren Altersklasse «60 und mehr» liegt die Arbeitslosenquote in der neuen Kategorie «60 bis 64 Jahre» 0,5 Prozentpunkte – und somit deutlich – über dem Gesamtdurchschnitt. Der Grund dafür ist, dass die über 64-jährigen Erwerbspersonen wegfallen, die nur in seltenen Fällen als arbeitslos registriert sind.

Abb. 2: Veränderungen in der Erwerbspersonenbasis nach Altersklasse und deren Auswirkungen auf die Arbeitslosenquoten

Anmerkung: Dargestellt sind die Auswirkungen der neuen Datengrundlage auf die Zahl der Erwerbspersonen und die Arbeitslosenquoten Ende Mai 2019. Der Gesamtdurchschnitt betrug mit der alten Erwerbspersonenbasis 2,3 Prozent und mit der neuen 2,2 Prozent.

Quelle: Seco (Arbeitsmarktstatistik); Berechnungen Oesch und Häubi / Die Volkswirtschaft

Wachsender Frauenanteil

Der Frauenanteil im Arbeitskräfteangebot stieg im Vergleich zur vorhergehenden Referenzperiode um 0,3 Prozentpunkte auf 46,2 Prozent. Das Wachstum führte zu einer Senkung der Arbeitslosenquote der Frauen um 0,1 Prozentpunkte. Das Gleiche trifft für ausländische Staatsangehörige zu, deren Arbeitslosenquote gegenüber der alten Erwerbspersonenbasis um 0,3 Prozentpunkte auf 3,8 Prozent sank. Für einzelne Nationalitäten wie Ungarn, die Slowakei und Polen – die alle relativ wenige Erwerbspersonen in der Schweiz zählen – fielen die Arbeitslosenquoten sogar um über 2 Prozentpunkte.

Im Fall von Personen aus Serbien und Kosovo haben die Veränderungen auch politische Ursachen: 2008 wurde Kosovo von Serbien unabhängig, was dazu führte, dass viele serbische Staatsangehörige in der Schweiz einen kosovarischen Pass erhielten. In der Folge nahm die Zahl der Erwerbspersonen mit einer serbischen Staatsangehörigkeit um 10’526 ab, was sich in einer um 0,9 Prozentpunkte höheren Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent niederschlägt. Auf der anderen Seite stieg die Zahl der Erwerbspersonen mit kosovarischer Staatsangehörigkeit um 11’091 Personen – wodurch die Arbeitslosenquote um 1,5 Prozentpunkte auf 5,8 Prozent sank.

Die neue Erwerbspersonenbasis wirkt sich auch auf die kantonalen Arbeitslosenquoten aus. Am deutlichsten geht die Arbeitslosenquote mit 0,3 Prozentpunkten im Kanton Genf zurück. Dort, wie auch anderswo in der Westschweiz, ist die Zahl der Erwerbspersonen relativ stark gewachsen. Dahinter folgt der Kanton Waadt mit minus 0,2 Prozentpunkten. In den Kantonen Aargau, Basel-Stadt, Freiburg, Solothurn, Tessin, Wallis und Zürich sank die Arbeitslosenquote um je 0,1 Prozentpunkte. In den restlichen Kantonen blieb sie stabil. Auffallend ist, dass die Zahl der Erwerbspersonen überall – mit der Ausnahme von Appenzell Innerrhoden, Jura und Schaffhausen – gewachsen ist.

Gesundheitsberufe legen zu

Wie sieht die Beschäftigungssituation in den einzelnen Wirtschaftszweigen aus? Zugelegt hat der Dienstleistungssektor – wobei die Erwerbstätigenzahlen im Gesundheits- und Sozialwesen, bei den freiberuflichen, technischen und wissenschaftlichen Dienstleistungen sowie im Erziehungs- und Unterrichtswesen am stärksten gestiegen sind. Hingegen waren die Erwerbstätigenzahlen im Handel und im Finanz- und Versicherungswesen rückläufig. Insgesamt ging die Arbeitslosenquote im Dienstleistungssektor auf der neuen Basis um 0,1 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent zurück.

Ebenfalls gewachsen sind die Erwerbstätigenzahlen in der Landwirtschaft, während sie in der Industrie insgesamt rückläufig waren. In beiden Wirtschaftszweigen blieben die Arbeitslosenquoten unverändert.

Diskussion des Revisionsschemas

Wie die Aufschlüsselungen nach Alter, Geschlecht, Nationalität, Branchen und Kantonen zeigen, erlaubt die gepoolte Stichprobe detaillierte Auswertungen mit hoher bis guter Genauigkeit. Aufgrund der Stichprobenungenauigkeit sind aber Auswertungen mit zunehmendem Detaillierungsgrad oder der Kombination von geografischen und sozioökonomischen Merkmalen limitiert oder gar nicht mehr möglich.

Pro Revisionszyklus sind die Arbeitslosenquoten während 2,5 Jahren provisorisch und werden nur einmal retrospektiv korrigiert. Häufigere Revisionen der Arbeitslosenquoten würden die Kommunikation der Arbeitslosenquoten erschweren. Insbesondere müsste vermieden werden, dass in einem kürzeren Revisionszyklus provisorische Daten durch neue provisorische Daten ersetzt würden.

Als Nachteil des aktuellen Schemas können die jeweils im Januar der Jahre 2010, 2014 und 2017, dem Monat der Anpassung, sichtbar werdenden Zeitreihenbrüche gewertet werden. So stiegen die Arbeitslosenquoten im Januar der Jahre 2010, 2014 und 2017 nicht, obwohl die Arbeitslosenzahlen in dieser Zeit saisonbedingt zunehmen. Zudem würden kürzere Anpassungsphasen (zum Beispiel im 2-Jahres-Rhythmus) die Aktualität der jüngsten Arbeitslosenquoten erhöhen.

ZAS-Daten verwenden?

Mittelfristig sind, falls überhaupt, keine grösseren Anpassungen bei der Revisionsmethodik geplant. Längerfristig ist denkbar, dass auch die Zahl der Erwerbspersonen im Rahmen der Arbeitsmarktstatistik auf der Basis von Registerdaten bestimmt werden könnte. Vielversprechend scheinen die Daten der Zentralen Ausgleichsstelle (ZAS), da mit den individuellen Konten der Alters- und Hinterlassenenversicherung (IK-AHV) eine Datenbasis zur Verfügung steht, in der alle Erwerbstätigen in der Schweiz erfasst werden. Sofern diese Datenbank mit weiteren Informationen zur Person, zum Beruf und zum Arbeitgeber sowie zu Personen ohne Arbeit (Erwerbslose) angereichert werden könnte, würde sich eine Überprüfung dieser administrativen Datengrundlage als Berechnungsbasis für die Arbeitslosenquoten aufdrängen. Insbesondere müsste für die 15- bis 17-Jährigen eine gesonderte Lösung gefunden werden, da für diese Altersgruppe keine ZAS-Daten verfügbar sind. Alternativ könnten auch gänzlich neue Konzepte angedacht werden, etwa die Substitution der Arbeitslosenquoten durch eine Berechnung von Arbeitslosenanteilen an der Bevölkerung, was dann aber auch ein Umdenken in der Interpretation dieses neuen Indikators nötig machen würde.

Ökonom, Statistik und Arbeitsmarktanalysen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Ökonom, Statistik und Arbeitsmarktanalysen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Ökonom, Statistik und Arbeitsmarktanalysen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Ökonom, Statistik und Arbeitsmarktanalysen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern