Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Wie gelingt die Arbeitsintegration?»

«50 plus» arbeiten mehr als früher – dank den Frauen

Ältere Frauen sind im Vergleich zu den Neunzigerjahren öfter berufstätig. Erwerbspotenzial besteht bei beiden Geschlechtern vor allem rund um das Rentenalter.

Rund drei Viertel der 50- bis 60-jährigen Frauen in der Schweiz sind arbeitstätig. (Bild: Alamay)

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Die Schweiz verfolgt das Ziel, das inländische Erwerbspotenzial besser auszuschöpfen. Angesichts des demografischen Wandels rücken insbesondere die über 50-Jährigen in den Fokus. Da wenig über deren Erwerbsverläufe bekannt ist, haben BSS Volkswirtschaftliche Beratung und die KOF Konjunkturforschungsstelle im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) untersucht, wie sich die Erwerbsverläufe und die Arbeitsmarktintegration von älteren Menschen in der Schweiz über einen längeren Zeitraum entwickelt haben. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Erwerbspartizipation der über 50-Jährigen seit den Neunzigerjahren gestiegen ist. Diese Zunahme ist ausschliesslich den Frauen zuzuschreiben. Weiter zeigt die Studie: Eine Arbeitslosigkeit im Alter ist einschneidend und wirkt sich teilweise bis zum ordentlichen Rentenalter auf die Erwerbsbeteiligung aus.

Die bevölkerungsstärksten Jahrgänge in der Schweiz sind heute 50 bis 55 Jahre alt und werden in 10 bis 15 Jahren das ordentliche Rentenalter erreichen. Der Austritt dieser Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt dürfte die Knappheit des Arbeitsangebots erhöhen und den Fachkräftemangel weiter akzentuieren. Um die demografischen Auswirkungen im Arbeitsmarkt abzufedern, gilt es deshalb, das Erwerbspotenzial der inländischen Arbeitskräfte besser auszuschöpfen. In diesem Zusammenhang stehen die über 50-Jährigen verstärkt im Fokus: Obwohl bei ihnen die Arbeitslosenquote vergleichsweise tief ist, ist auch die Erwerbspartizipation deutlich niedriger als in den jüngeren Altersgruppen.

Über die Dynamik von Erwerbsverläufen älterer Menschen in der Schweiz war bisher relativ wenig bekannt. Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben wir daher empirisch untersucht, wie sich die Erwerbssituation und die Erwerbsverläufe der Altersgruppe «50 plus» seit den Neunzigerjahren verändert haben.[1]

Frauen ausschlaggebend

Für die Studie werteten wir umfangreiche Registerdaten der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) der Jahre 1990 bis 2017 aus, die wir mit Daten der Volkszählungen des Bundesamts für Statistik (BFS) verknüpften. Konkret verglichen wir drei Geburtskohorten, die im Zeitraum 1992 bis 2012 ihr 50. Altersjahr vollendeten: Kohorte 1 beinhaltet die Jahrgänge 1942 bis 1948, Kohorte 2 die Jahrgänge 1949 bis 1955 und Kohorte 3 die Jahrgänge 1956 bis 1962.

Wie sich zeigt, stieg die Erwerbsbeteiligung älterer Personen in allen Altersjahren. Diese Entwicklung geht auf das Konto der Frauen: Beispielsweise erhöhte sich die Erwerbstätigenquote der 55-jährigen Frauen von rund 65 Prozent in Kohorte 1 auf 75 Prozent in Kohorte 3 (siehe Abbildung 1). Bei den Männern sank die Quote hingegen von 90 Prozent auf 86 Prozent.

Abb. 1: Erwerbstätigenquote nach Kohorte und Geschlecht

Quelle: Individuelle Konti (IK) der AHV, Rentenregister AHV/IV, STATPOP; Berechnungen Kaiser, Siegenthaler und Möhr / Die Volkswirtschaft

Gesellschaftlicher Wandel

Inwieweit lässt sich die bemerkenswerte Zunahme der Arbeitsmarktbeteiligung von älteren Frauen erklären?

Naheliegend ist die Vermutung, dass die Veränderung der Bevölkerungsstruktur über die Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat, da sich die Erwerbsbeteiligung je nach soziodemografischen Merkmalen unterscheidet. So stieg beispielsweise seit den Neunzigerjahren der Anteil der Personen mit einer tertiären Ausbildung, während der Anteil verheirateter Personen sank. Unsere ökonometrische Auswertung zeigt jedoch, dass solche soziodemografischen Verschiebungen lediglich ein Viertel der Zunahme der Erwerbstätigenquote erklären können.

Entscheidend dürften der gesellschaftliche Wandel und die damit verbundenen institutionellen Änderungen sein. Beispielsweise hat die Einführung des Mutterschaftsurlaubs die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie verbessert.

Arbeitslosigkeit als Zäsur

Anhand der Daten konnten wir aufzeigen, dass die Erwerbsbiografien von Personen, die im Alter von 50 Jahren entweder erwerbstätig oder arbeitslos waren, unterschiedlich verlaufen (siehe Abbildung 2a und 2b). So arbeiteten 9 von 10 Personen, die in Kohorte 1 (1942–1948) mit 50 Jahren einer Erwerbstätigkeit nachgingen, fünf Jahre später weiterhin. Mit 60 Jahren waren es noch 3 von 4. Rund 7 Prozent bezogen im Alter von 60 Jahren eine IV-Rente, wobei einige von ihnen nach wie vor erwerbstätig waren.

Betrachtet man hingegen jene Personen, die mit 50 Jahren arbeitslos waren, sind in derselben Altersphase deutlich mehr Erwerbsrücktritte zu verzeichnen: Nur die Hälfte von ihnen war mit 60 Jahren noch erwerbstätig; 7 Prozent waren wiederholt arbeitslos, und etwa jeder Fünfte bezog eine IV-Rente.

Insgesamt deuten die Resultate darauf hin, dass sich ältere Personen, die arbeitslos werden, im Schnitt früher aus dem Erwerbsleben zurückziehen und häufiger von gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen sind. Im Durchschnitt hat eine Arbeitslosigkeit im Alter von 50 Jahren einen um rund ein halbes Jahr früheren Erwerbsrücktritt zur Folge.

Abb. 2a: Erwerbsstatus von Erwerbstätigen der Jahrgänge 1942–1948 (Kohorte 1)

Abb. 2b: Erwerbsstatus von ALV-Bezügern der Jahrgänge 1942–1948 (Kohorte 1)

Anmerkungen: Dargestellt sind die relativen Anteile der Erwerbsstatus-Kategorien nach Alter. Erfasst sind alle Personen, die im 50. Altersjahr im Dezember erwerbstätig waren (Abbildung 2a), bzw. Personen, die im 50. Altersjahr im Dezember ALV-Leistungen bezogen (Abbildung 2b). Zu den «übrigen Nichterwerbstätigen» zählen unter anderem AHV-Altersrentner ohne Erwerb, Frühpensionierte, Hausfrauen und Hausmänner, nicht erwerbstätige Sozialhilfebezüger sowie Erwerbslose ohne Anspruch auf ALV-Leistungen.

Individuelle Konti (IK) der AHV, Rentenregister AHV/IV, STATPOP, Berechnungen Kaiser, Siegenthaler und Möhr / Die Volkswirtschaft

Über die Zeit stabil

Um die langfristigen Auswirkungen einer Arbeitslosigkeit genauer zu analysieren, verglichen wir mittels ökonometrischer Methoden die Erwerbsverläufe von Arbeitslosen mit denjenigen von Erwerbstätigen, die hinsichtlich der vergangenen Erwerbsbiografie sowie soziodemografischer Merkmale identisch sind (siehe Kasten). Die Ergebnisse zeigen: Eine Arbeitslosigkeit mit 50 Jahren senkt die Erwerbstätigkeit mittel- bis langfristig um 5 bis 7 Prozentpunkte.

Die Effekte einer Arbeitslosigkeit mit 50 Jahren haben sich seit den Neunzigerjahren kaum verändert. Wenn eine Arbeitslosigkeit aber später im Erwerbsleben auftritt, bekundet die jüngere Kohorte mehr Mühe als die ältere, zurück auf den Arbeitsmarkt zu finden. So senkt eine Arbeitslosigkeit mit 55 Jahren die Wahrscheinlichkeit, fünf Jahre später zu arbeiten, um 8 Prozent in Kohorte 1 (1942–1948). Demgegenüber beträgt der Rückgang in Kohorte 3 (1956–1962) 14 Prozent.

Potenzial vorhanden

Da die Teilnahme der älteren Frauen auf dem Arbeitsmarkt auch in den kommenden Jahren weiter zunehmen dürfte, kann das Erwerbspotenzial der Altersgruppe «50 plus» künftig stärker ausgeschöpft werden. Betrachtet man die einzelnen Altersphasen, so ist zusätzliches Erwerbspotenzial vor allem ab 60 Jahren auszumachen, da sich die Abnahme der Erwerbstätigenquote ab diesem Alter spürbar beschleunigt. Entsprechend dürften insbesondere jene Massnahmen, welche auf einen längeren Verbleib im Arbeitsmarkt ab 60 Jahren ausgerichtet sind, die Erwerbsbeteiligung positiv beeinflussen.

Zudem ist es zentral, ältere Arbeitslose rasch und effektiv wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Denn: Brüche in der Erwerbsbiografie wirken sich nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- bis langfristig auf die Arbeitsmarktbeteiligung aus.

  1. Kaiser, Boris, Siegenthaler, Michael & Möhr, Thomas (2020): Erwerbsverläufe ab 50 Jahren in der Schweiz: Arbeitsmarktintegration von älteren Erwerbstätigen. BSS Volkswirtschaftliche Beratung und KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Im Auftrag des Seco. []

Dr. rer. oec., Ökonometriker, BSS Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Dr. sc. ETH Zürich, Leiter Sektion Schweizer Arbeitsmarkt, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Ökonom, BSS Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Ökonometrische Methode

Um die kausalen Effekte einer Arbeitslosigkeit auf die späteren Erwerbsverläufe zu schätzen, verwenden wir den Differenz-in-Differenzen-Ansatz kombiniert mit der sogenannten Propensity-Score-Weighting-Methode. Dieser Ansatz erlaubt es, Arbeitslose mit einer adäquaten Kontrollgruppe von Erwerbstätigen zu vergleichen, die in der Vergangenheit im Durchschnitt identische Erwerbsbiografien (bezüglich Erwerbstätigkeit, Einkommen, Arbeitslosigkeitsrisiko, Arbeitslosigkeitsdauer) aufweist und die gleiche soziodemografische Struktur hat (z. B. Geschlecht, Ausbildung, Beruf, Herkunft).

Dr. rer. oec., Ökonometriker, BSS Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Dr. sc. ETH Zürich, Leiter Sektion Schweizer Arbeitsmarkt, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Ökonom, BSS Volkswirtschaftliche Beratung, Basel