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Coworking-Spaces erobern die Peripherie

Schweizweit existieren bereits 50 Coworking-Spaces im ländlichen Raum. Damit wird die Arbeitsform zusehends zum regionalpolitischen Wirtschaftsfaktor.

Zürich ist mit 30 Standorten das Coworking-Mekka der Schweiz. Arbeitende im «Impact Hub». (Bild: Keystone)

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Ursprünglich vor allem in den Grossstädten beliebt, finden sich Coworking-Spaces zusehends auch im ländlichen Raum: Von den über 200 Coworking-Spaces in der Schweiz liegen heute bereits rund 50 abseits der urbanen Zentren. Eine Umfrage bei Nutzern von Coworking-Spaces zeigt: Die meisten Befragten arbeiten mindestens einmal pro Woche einen Tag im Coworking-Space, wodurch sie Pendlerwege reduzieren können. Dank der neuen Arbeitsform erweitern sie ihr berufliches Netzwerk. Weiter fördern Coworking-Spaces innovative Ideen. Für die Gemeinden im ländlichen Raum entstehen durch die Arbeitsgemeinschaften positive Nebeneffekte: Coworking-Spaces fördern dezentrales Arbeiten und schaffen ein attraktives Mikrocluster.

Arbeit hängt als Folge der Digitalisierung immer weniger von einem fixen Standort ab, sondern findet zu Hause, unterwegs im Zug oder in Coworking-Spaces statt. Diese zunehmende räumliche und zeitliche Flexibilität widerspiegelt sich auch in der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) des Bundesamts für Statistik (BFS)[1]: Während im Jahr 2001 knapp 250’000 Erwerbstätige in der Schweiz gelegentlich von zu Hause aus arbeiteten, waren es 2018 bereits über eine Million.

In dieser Entwicklung zeigt sich auch das Potenzial von Coworking-Spaces. Coworking-Spaces sind flexibel geteilte Arbeitsräume mit fester Infrastruktur wie Drucker, Sitzungszimmer und Aufenthaltsraum. Ein Arbeitsplatz ist entweder frei wählbar oder kann fix jeweils tage- oder monatsweise gebucht werden. Im Unterschied zu herkömmlichen Grossraumbüros stehen die Nutzerinnen und Nutzer beim Coworking-Space im Zentrum: Sie tauschen sich aus, unterstützen sich gegenseitig und arbeiten zusammen. Dabei kommen sie aus unterschiedlichen Bereichen und Branchen – wobei viele freiberufliche Dienstleistungen erbringen oder in der Kommunikationsbranche arbeiten. Dadurch entsteht ein ständig wechselndes soziales Umfeld.

Coworking-Spaces in der Schweiz (2019)

Anmerkung: Dargestellt sind die rund 200 Coworking-Spaces gemäss der Raumtypologie des Bundesamtes für Statistik.

Um zu analysieren, warum sich jemand für diese Arbeitsform entscheidet, haben wir Nutzende von Coworking-Spaces zu ihren Mobilitätsbiografien sowie zu ihren Einstellungen und Präferenzen im Arbeitsumfeld befragt. Die Umfrage ist Teil einer seit 2018 laufenden, vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Studie.[2] Teilgenommen haben 250 Nutzende aus schweizweit über 80 Coworking-Spaces.

Seit 2007 sind in der Schweiz über 200 Coworking-Spaces mit rund 10’000 Nutzenden entstanden (siehe Abbildung). Rund ein Viertel dieser Gemeinschaften befindt sich im ländlichen Raum. Ländliche Coworking-Spaces umfassen nach unserer Definition diejenigen Standorte mit einer Einwohnerzahl von weniger als 50’000 oder Coworking-Spaces, die nach der Gemeindetypologie des BFS periurbanen und ländlichen Gemeinden zugeordnet werden.[3] Darunter befinden sich etwa das «Coworking Büro» im aargauischen Würenlingen, «6280.ch» im luzernischen Hochdorf oder «Frischloft» in Appenzell.

Etwa die Hälfte der Befragten ist selbstständig erwerbstätig. Die übrigen sind Angestellte, die meist als Fach- oder Führungskraft in kleinen bis grossen Unternehmen arbeiten. Branchenmässig arbeiten die meisten Befragten im Gebiet der freiberuflichen, wissenschaftlichen oder technischen Dienstleistungen sowie in Berufen der Informations- und Kommunikationstechnologien.

Alternative zum Pendeln

Im ländlichen Raum sind Coworking-Spaces ein relativ neues Phänomen: Zwei Drittel der Befragten arbeiten dort höchstens seit zwei Jahren in dieser Arbeitsform.

Schweizweit arbeitet die Mehrheit der Befragten mindestens einmal pro Woche einen Tag (während 5 Stunden oder mehr) in einem Coworking-Space, im ländlichen Raum sind es sogar über 8 Stunden auf mehrere Tage verteilt. Bei mehr als jeder dritten Nutzerin befindet sich der Coworking-Space in ihrer Wohngemeinde – im städtischen Raum ist dies sogar bei der Hälfte der Befragten der Fall. Bei rund 4 von 5 Personen befinden sich Coworking-Space und Wohnort in der gleichen Arbeitsmarktregion. Viele pendeln also nicht weit bis zum Coworking-Space und sparen dadurch potenziell Reisezeit ein.

Die Nähe zum Wohnort ist für viele Befragte ein wichtiger Grund für Coworking. Gerade im ländlichen Raum wird die Nähe zum Wohnort als besonders wichtig eingeschätzt. Weitere Gründe für Coworking sind die zeitliche Flexibilität, die Alternative zu Homeoffice sowie der Austausch mit anderen Nutzerinnen. Viele Befragte schätzen dabei die räumliche Unabhängigkeit zwischen Wohnen und Arbeiten – wobei der Coworking-Space aber in kurzer Distanz von zu Hause liegen soll. Coworking-Spaces bieten folglich eine Alternative zum Pendeln und stärken die Attraktivität der Gemeinde als Wohnort.

Sozialer Austausch

Die verschiedenen Arbeitszeiten der Nutzenden sowie häufige personelle Wechsel führen dazu, dass sich das soziale Umfeld im Coworking-Space stetig verändert. Die «Community» ist grundsätzlich ein wichtiger Aspekt von Coworking-Spaces: Die meisten Befragten tauschen sich über Probleme aus, diskutieren Ideen, diskutieren über das Geschehen im Coworking-Space oder über Privates. Die Hälfte spricht mindestens alle paar Besuche über diese Themen – jede Fünfte bei jedem Besuch. Wie die Umfrage zeigt, muss sich eine Community zuerst entwickeln. Nebst der Bereitschaft, sich zu engagieren, spielen dabei auch die Betreibenden eines Coworking-Spaces eine wichtige Rolle.

Bei rund der Hälfte der Coworking-Spaces findet mindestens einmal im Monat eine Veranstaltung statt; bei einigen sogar mindestens einmal pro Woche. Beispiele sind informelle Community-Meetings, Netzwerkanlässe mit externen Unternehmen oder Inputreferate. Die meisten Befragten nehmen rege an diesen Events teil. Zum einen fördern solche Veranstaltungen die Entwicklung der Community, zum andern bringen sie die Nutzenden mit Unternehmen aus der Region in Kontakt. Im ländlichen Raum dürften Coworking-Spaces somit den regionalen Austausch beleben – und einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung einer Gemeinde leisten.

Innovative Ideen

Coworking-Spaces tragen aus Sicht der Befragten dazu bei, das berufliche Netzwerk zu erweitern. Im gegenseitigen Austausch entstehen oft innovative Projekte, Produkte, Geschäftsmodelle oder Kooperationen. Coworking-Spaces bieten zudem die Gelegenheit für Forschungs- und Entwicklungsprozesse ausserhalb der traditionellen Institutionen. Die Beteiligten profitieren folglich vom interdisziplinären Austausch, indem sie einander andere Perspektiven aufzeigen und neue Impulse geben. Infolgedessen bieten Coworking-Spaces mit den verschiedenen Nutzenden und Aktivitäten ein attraktives Mikrocluster. Dadurch entsteht eine neue Dynamik in der Gemeinde beziehungsweise in der Region, und das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der lokalen Unternehmen.

Auch die lokale Wirtschaft profitiert: Viele der Befragten nutzen die Angebote der Gastronomie und des Detailhandels, aber auch andere Dienstleistungen wie die Post, den Coiffeursalon oder Freizeitangebote. Insgesamt zeigt sich: Indem viele Nutzerinnen und Nutzer in der Gemeinde arbeiten und wohnen sowie lokale Angebote konsumieren, entstehen Wertschöpfung und Arbeitsplätze.

Instrument der Regionalentwicklung

Mit der «Kreativfabrik 62» in Oberkirch wurde einer der ersten Coworking-Spaces im ländlichen Raum unter anderem mithilfe der Neuen Regionalpolitik des Bundes (NRP) geschaffen. Aus Sicht der NRP ist die Förderung von Coworking-Spaces sinnvoll, weil sie eine Plattform bieten sowie die Attraktivität und die wirtschaftliche Vernetzung der Region für Unternehmen und Arbeitnehmende steigern.

Gerade im ländlichen Raum tragen Coworking-Spaces auch dazu bei, dass alte, ungenutzte Gebäude in neue Nutzungen übergeführt werden. Beispielsweise befinden sich das «Office Lab» in Zug und «das Macherzentrum» im sankt-gallischen Lichtensteig in den Räumlichkeiten der alten Post. Beim «Neubad» in Luzern handelt es sich um das alte Hallenbad. Solche Umnutzungen werten die Standorte auf und begünstigen das Entstehen von neuen Mikroclustern.

Öffentlich unterstützte Coworking-Spaces können folglich als Instrument für die Regionalentwicklung eingesetzt werden, um nachhaltige Impulse im ländlichen Raum auszulösen. In einem weiterführenden Projekt untersuchen wir derzeit, ob sich Coworking-Spaces von einem Arbeitsort zu einem Ort für soziale Innovationen weiterentwickeln können: Sind Coworking-Spaces soziale Treffpunkte, und vermögen sie die Lebensqualität einer Gemeinde zu verbessern?

  1. BFS (2019): Teleheimarbeit[]
  2. Timo Ohnmacht, Thao Vu, Widar von Arx, Jana Z’Rotz und Nada Endrissat (2020). Digital Lives in Coworking Spaces: Do Mobile Lifestyles Reduce Rural-Urban Disparities? Laufendes Forschungsprojekt der Hochschule Luzern – Wirtschaft und der Berner Fachhochschule. []
  3. BFS (2012): Gemeindetypologie und Stadt/Land-Typologie[]

Ökonomin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR), Hochschule Luzern – Wirtschaft

Prof. Dr. phil., Forschungskoordinator, Dozent, Institut für Tourismuswirtschaft (ITW), Hochschule Luzern – Wirtschaft

Ökonomin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR), Hochschule Luzern – Wirtschaft

Prof. Dr. phil., Forschungskoordinator, Dozent, Institut für Tourismuswirtschaft (ITW), Hochschule Luzern – Wirtschaft