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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Der Brexit und die Schweiz»

«Jetzt wissen wir, was wir wollen»

Seit dem Brexit habe sich etwas «Fundamentales» verändert, sagt die britische Botschafterin in der Schweiz, Jane Owen. Nun könne das Vereinigte Königreich Freihandelsabkommen aushandeln. Statt sich einem Club wie der Efta anzuschliessen, setze das Land auf globale Partnerschaften.

«Die Schweiz und das UK können viel zu einem erfolgreichen Europa beitragen»: Botschafterin Jane Owen in Bern. (Bild: Marlen von Weissenfluh / Die Volkswirtschaft)

Frau Botschafterin, bald sind vier Jahre vergangen seit dem historischen Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016. Was war damals Ihr erster Gedanke, als Sie von den 51,9 Prozent Ja-Stimmen erfuhren?

Ich lebte damals in London. Ich bin nach dem Abstimmungstag gegen fünf Uhr morgens aufgestanden und habe auf meinem Handy das Ergebnis gelesen. Mein erster Gedanke war: Das ist eine historische Entscheidung für unser Land – als Angestellte der Regierung gibt das sehr viel Arbeit. Bald habe ich aber auch an die Chancen für das Vereinigte Königreich gedacht.

Die Verhandlungen über den EU-Austritt waren langwierig und wurden drei Mal verlängert. Erst am 31. Januar 2020 war der Austritt definitiv. Wie gehen Sie als Diplomatin damit um?

Diese vielen Jahre waren wichtig. Der Austrittsprozess war ein demokratischer Prozess, mit einer harten, aber demokratisch geführten Debatte. Ohne die Diskussionen im ganzen Land und im Parlament hätten wir das heutige Ergebnis nicht erreicht. So hatten alle Zeit, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Jetzt wissen wir, was wir wollen.

Sagen Sie es uns.

Im UK hat sich seit Februar etwas Fundamentales geändert: Wir können jetzt damit beginnen, mit Drittstaaten Freihandelsabkommen auszuhandeln. Wir wollen ein Freihandelsabkommen mit der EU. Jetzt haben wir noch zehn Monate Zeit dafür. Wir wollen als eigenständiger Partner auf gleicher Augenhöhe mit der EU weitergehen.

Sie waren Botschafterin in Norwegen. Das Land ist mit der Schweiz der zweite grosse Player in der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta). Wohin müsste sich die Efta oder ein ähnlicher «Club» entwickeln, damit er für das UK interessant würde?

Das UK will sich keinem Club anschliessen. Wir haben eine eigene Stimme, und wir haben etwas zu sagen. Wir glauben an eine regelbasierte Weltwirtschaftsordnung, und diese möchten wir stärker mitgestalten. Deshalb setzen wir auf globale Partnerschaften – multilateral und bilateral. Das UK ist die fünftgrösste Wirtschaft, der weltweit drittgrösste Geldgeber in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Zudem sind wir der grösste Nato-Geldgeber in Europa, nur um einige Beispiele zu nennen.

Sie kamen im Dezember 2017 in die Schweiz, zum Verhandlungsauftakt verschiedener bilateraler Abkommen zwischen der Schweiz und dem UK. Was haben Sie dabei über die Schweiz gelernt?

Die Schweiz ist ein zielorientierter und engagierter Verhandlungspartner. Wie meine Regierung stieg auch die Schweiz damals sehr pragmatisch in diese Verhandlungen ein. So konnten wir die ersten bilateralen Abkommen rasch abschliessen. Mich hat die positive Herangehensweise beeindruckt.

Das Handelsabkommen Schweiz – UK sowie eine Handvoll weiterer bilateraler Abkommen sind abgeschlossen. Die Schweiz ist jedoch indirekt über mehr als 100 bilaterale Abkommen zwischen der Schweiz und der EU mit dem UK rechtlich verknüpft. Welche Abkommen davon wird es auch künftig zwischen den beiden Ländern geben?

Sämtliche für beide Seiten relevanten Bereiche sollen durch Abkommen abgedeckt werden beziehungsweise sind teilweise bereits abgedeckt (Anm. d. R. Handel, Luftverkehr, Versicherungen, Landverkehr, Rechte der Bürgerinnen und Bürger, Sozialversicherung, Arbeitsmarkt). Die Anzahl ist dabei weniger entscheidend. So umfasst beispielsweise das Handelsabkommen zwischen der Schweiz und dem UK rund acht bilaterale Einzelabkommen zwischen der Schweiz und der EU. Zudem sind auch weitere Abkommen in Bereichen wie etwa bei den Dienstleistungen denkbar, in denen selbst die EU und die Schweiz wenig aneinander gebunden sind.

Durch das Übergangsabkommen mit der EU bleibt das UK bis Ende 2020 noch im EU-Binnenmarkt und der Zollunion. Somit ändert sich im Moment in unseren bilateralen Beziehungen nicht viel, oder?

Das stimmt. Wir behalten die Rechte, die wir als EU-Mitgliedsstaat hatten, und somit bleiben die Beziehungen mit der Schweiz gleich. Aber auch für Briten in der EU und für EU-Bürger im UK ändert sich nichts. Im UK müssen die knapp 4 Millionen EU-Bürger und die rund 37’000 Schweizerinnen und Schweizer einzig ihren Aufenthaltsstatus online bestätigen lassen. Das dauert nur ein paar Minuten. Der Antragsteller erhält dann die Aufenthaltsgenehmigung für das UK. Nach fünf Jahren können diese Personen eine permanente Aufenthaltsbewilligung beantragen. Ab Januar 2021 führen wir dann für die Migration ein neues System ein. Wir wollen für gut ausgebildete Talente aus der ganzen Welt attraktiv sein.

Die Schweiz ist nach der EU, den USA und China der viertwichtigste Handelspartner des UK. Auf der Prioritätenliste des UK für bilaterale Abkommen stehen die EU, die USA, Australien, Neuseeland und die transpazifische Partnerschaft CPTPP. Wieso wird die Schweiz nicht erwähnt?

Da wir bereits ein bilaterales Handelsabkommen haben, ist es nicht notwendig, dass wir unmittelbar Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen miteinander aufnehmen. Meine Regierung ist dieses Jahr intensiv mit der EU, den USA, Australien und Neuseeland und Japan beschäftigt. Für uns ist klar: Wir streben keine Aushöhlung der bestehenden Regulierungen an. Mit dem Austritt aus der EU verbleiben wir auf der gleichen Regulierungsebene, und dies wird sich nicht sofort ändern. Wir erwarten deshalb keine wesentlichen Handelshemmnisse mit der Schweiz. Über neue Regulierungen werden wir jedoch künftig selbstständig entscheiden.

Sowohl die Schweiz als auch das UK befinden sich nun ausserhalb der EU: Was können die beiden Länder voneinander lernen?

Unsere Ausgangslagen in Bezug auf die EU sind sehr verschieden. Daher werden wir auch unterschiedliche Beziehungen zur EU pflegen. Doch bereits vor dem Brexit zogen wir in gewissen Sektoren am gleichen Strang. Das werden wir auch künftig so handhaben. Wir haben zum Beispiel beide grosse Finanzzentren. London ist der zweitwichtigste Finanzplatz der Welt.

Unsere Ausgangslagen in Bezug auf die EU sind sehr verschieden

Stichwort Rahmenabkommen Schweiz – EU: Wie nehmen Sie die Diskussion rund um das Rahmenabkommen wahr?

Das ist ein Prozess. Ich kann mir vorstellen, dass wie beim Brexit manches Familienabendessen von dieser Diskussion dominiert wird. Das zu verfolgen, hat für mich natürlich einen hohen Stellenwert.

Welche Elemente des möglichen Rahmenabkommens nimmt das UK besonders unter die Lupe?

Es gibt tatsächlich einzelne Punkte, die im Fokus stehen. Beispielsweise will das UK nicht, dass in strittigen Fällen die Meinung des Europäischen Gerichtshofs eingeholt wird und diese Einschätzung dann bindend ist.

Die Schweiz nimmt dank der bilateralen Abkommen am Binnenmarkt teil. Gleichzeitig wahrt die Schweiz ihre Souveränität. Wäre das «Modell Schweiz» für das UK ein gangbarer Weg?

Wie zu Beginn erwähnt wollen wir mit der EU ein Freihandelsabkommen abschliessen – und zwar eines der neuesten Generation, ähnlich wie jenes zwischen der EU und Kanada. In diesem Abkommen gibt es keinen Europäischen Gerichtshof, keine Verpflichtung zur automatischen Anpassung an EU-Vorschriften und auch keine Personenfreizügigkeit. Die Schweiz ist insbesondere in Bezug auf den Arbeitsmarkt oder über den Schengen-Raum viel enger mit der EU verknüpft, als das UK das künftig wünscht.

Was beschäftigt die Menschen im UK im Hinblick auf den 1. Januar 2021?

Den britischen Bürgern ist Gewissheit wichtig. Sie wollen wissen, wie es weitergeht, ob sie weiterhin Ferien in Europa machen können oder welche Zollformalitäten künftig gelten. Jetzt können sich Bürger und Unternehmen auf die Zukunft vorbereiten. Wir wissen, wie es bezüglich Verhandlungen weitergeht. Davor dominierte die Haltung: abwarten. Während in den vergangenen Jahren im UK Unsicherheit herrschte, sprechen jetzt Bürger, Unternehmer und Staatsangestellte immer mehr von Chancen und der künftigen Flexibilität. Es darf dabei nicht vergessen werden, nebst dem Brexit gibt es noch andere Themen: die Digitalisierung, die künstliche Intelligenz, den Klimawandel oder die explodierenden Gesundheitskosten. Es ist eine spannende Zeit – mit oder ohne Brexit.

Innerhalb der gleichen Generation kann man nicht zwei Mal über die Frage der Unabhängigkeit abstimmen

Wie geht es weiter mit Schottland?

Schottland ist ein wichtiger Teil des Vereinigten Königreichs. Im Referendum im Jahr 2014 entschied sich Schottland im UK zu verbleiben. Der Premierminister hat klargemacht, dass man innerhalb der gleichen Generation nicht zwei Mal über die Frage der Unabhängigkeit abstimmen kann. Genauso wie man nicht über den Brexit nochmals abstimmt.

Sehen Sie eine Tendenz zu mehr direkter Demokratie im UK, sprich, werden künftig mehr Abstimmungen vor das Volk kommen?

In unserer Geschichte gab es nur wenige Referenden. Unsere repräsentative Demokratie bietet Raum für offene Diskussionen. Das Schweizer System der direkten Demokratie ist einzigartig. Ich und meine britischen Kollegen waren überrascht, dass die Bevölkerung die Abstimmung über «6 Wochen Ferien für alle» ablehnte: Dieses konkrete Beispiel zeigt die Vernunft der Schweizer und ihren Blick für die grossen wirtschaftlichen Zusammenhänge. In Grossbritannien hätten wir wohl ein anderes Ergebnis gehabt. (lacht)

Eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen mit der EU spielt Nordirland: Wie wird die Grenze zu Irland nach der Übergangszeit in der Praxis aussehen?

Wir sind sehr erfreut, dass das Protokoll zu Nordirland im Austrittsabkommen der EU enthalten ist – das ist wichtig. An der Grenze zwischen Irland und Nordirland wird sich nichts ändern. Auch wird es keine Personenkontrollen geben. Da Nordirland in der Zollunion mit dem UK ist, wird es Teil künftiger Freihandelsabkommen des UK. Andererseits unterliegt der Export von Gütern aus Nordirland in die EU den Zollbestimmungen der EU. Ich bin sicher, dass das neue System nächstes Jahr reibungslos funktionieren wird. Ein für die Schweiz und das UK wichtiger Punkt ist: Alle zwischen der Schweiz und dem UK ausgehandelten Abkommen gelten auch für Nordirland.

Welche Message liegt Ihnen am Herzen?

Wir sollten aufhören, über den Brexit zu sprechen, und dafür die Chancen sehen. Wir wohnen in Europa. Europa steht vor vielen Herausforderungen in der Welt, und wir sollten diese Herausforderungen zusammen lösen. Die Schweiz und das UK können viel zu einem erfolgreichen Europa beitragen. Einem Europa, das in der Welt stärker gehört wird.

Chefredaktor, Die Volkswirtschaft

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft

Jane Owen

Die 56-jährige Jane Owen ist seit Dezember 2017 Botschafterin des Vereinigten Königreichs (UK) für die Schweiz und Liechtenstein. Sie studierte in Cambridge Russisch, Französisch und Deutsch und lebte als Diplomatin bereits in Japan, Vietnam, Indien und Norwegen. Sie wird voraussichtlich bis Ende 2022 die Interessen des UK in der Schweiz vertreten. Die Anzahl Mitarbeitende in ihrer Botschaft hat sich seit 2018 auf 50 Personen verdoppelt.

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