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Produktion in der Schweiz lohnt sich

Eine Umfrage bei Schweizer Produktionsunternehmen von Mitte 2019 zeigt: Trotz eingetrübter Wirtschaftsaussichten plante fast die Hälfte der befragten Unternehmen, die Fertigungskapazitäten in der Schweiz auszubauen. Der starke Franken scheint dabei als Hindernis für die Produktion im Inland an Bedeutung verloren zu haben.

Mit dem Swiss Manufacturing Award 2019 ausgezeichnet: Flugzeugbauer Pilatus in Stans NW. (Bild: Keystone)

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Vergangenes Jahr hat das Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen (ITEM-HSG) bereits zum dritten Mal den Swiss Manufacturing Survey durchgeführt. Dabei wurden knapp 220 produzierende Unternehmen mit mindestens einem Standort in der Schweiz befragt, beispielsweise zu ihren aktuellen Herausforderungen, Innovationen und Investitionen. Es zeigte sich, dass viele Unternehmen trotz wieder stärker werdenden Frankens an der Produktion in der Schweiz festhalten wollen. Knapp die Hälfte der Teilnehmer plante, die Fertigungskapazität in der Schweiz zwischen 2019 und 2022 auszubauen. Erstmals hat ITEM-HSG 2019 zudem den Swiss Manufacturing Award verliehen. Er zeichnet ein Unternehmen aus, das sich besonders um den Werkplatz Schweiz verdient gemacht hat. Die Umfrage und die Auszeichnung zeigen datenbasiert und beispielhaft, dass und wie sich allen Unkenrufen zum Trotz Produktion in der Schweiz auch weiterhin lohnt.

Ende Juli 2019 ist der Schweizer Franken zum ersten Mal seit über zwei Jahren wieder unter die Marke von 1.10 Franken zum Euro gefallen. Seither mehren sich die Berichte über Auftrags-, Umsatz- und Exportrückgänge bei produzierenden Unternehmen in der Schweiz. Der Branchenverband Swissmem sprach Ende August 2019 von einer «besorgniserregenden Entwicklung» in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie.[1] Neben dem starken Franken machen die weltweite Konjunkturverlangsamung und die zunehmenden Handelskonflikte mit Protektionismus der Schweizer Industrie zu schaffen, auch wenn die Schweizer Wirtschaft insgesamt im dritten Quartal 2019 gewachsen ist. Insbesondere die Schweizer Uhrenbranche wird zusätzlich durch die unsichere Lage in Hongkong und das Coronavirus beeinträchtigt. Einzig die Pharmaindustrie scheint sich diesem Abwärtstrend bisher widersetzen zu können.[2]

Im Swiss Manufacturing Survey 2019 (SMS) zeigt sich der Abwärtstrend (noch) nicht.[3] Die Umfrage wird vom Institut für Technologiemanagement an der Universität St. Gallen jährlich durchgeführt und soll die Situation der produzierenden Industrie in der Schweiz näher untersuchen (siehe Kasten). Im Jahr 2019 haben zwischen Mitte April und Anfang August 219 Unternehmen aus 21 Branchen vom Maschinenbau über die Elektro- und die Textilindustrie bis hin zur Pharmaindustrie daran teilgenommen. Knapp 60 Prozent der Teilnehmer waren kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit weniger als 250 Mitarbeitenden.

Gute Stimmung 2018

Die Hälfte der befragten Unternehmen hielt im Jahr 2018 ihre Fertigungskapazität in Form von Maschinen, Ausrüstung und Anlagen in der Schweiz konstant. Ein weiteres Drittel erhöhte die Kapazität sogar. Lediglich 11 Prozent gaben an, ihre Schweizer Fertigungskapazität im Jahr 2018 verringert zu haben und nur 6 Prozent der Unternehmen produzieren nicht mehr in der Schweiz (siehe Abbildung).

Für den Zeitraum 2019 bis 2022 wollte fast die Hälfte der befragten Unternehmen die Fertigungskapazität in der Schweiz ausbauen. Etwas mehr als ein Drittel wollte diese zumindest konstant halten, und nur 18 Prozent sahen einen Abbau vor.

Insgesamt zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen KMU und grossen Unternehmen. So bauten 39 Prozent der grossen Unternehmen die Fertigungskapazität im Jahr 2018 aus, während dies weniger als ein Drittel der befragten KMU taten. Bei den Zukunftsplänen ist es genau umgekehrt: Über die Hälfte der KMU plante eine Kapazitätserweiterung für die Jahre 2019 bis 2022 gegenüber 34 Prozent der grossen Unternehmen.

Fertigungskapazität Schweizer Unternehmen (2018)

Fertigungskapazität Schweizer Unternehmen (2019 bis 2022)

Anmerkung: Anzahl befragte Unternehmen: 219.

Quelle: Friedli et al. (2019) / Die Volkswirtschaft

Frankenschock überwunden

Im Swiss Manufacturing Survey aus dem Jahr 2017 hatten noch 46 Prozent der befragten Unternehmen angegeben, Verlagerungen ins Ausland zu erwägen.[4] Viele Exportunternehmen standen damals unter dem Schock der Aufhebung des Mindestkurses zum Euro zwei Jahre zuvor.

Demgegenüber schliesst die Umfrage vom vergangenen Sommer an einen mehrjährigen wirtschaftlichen Aufschwung an. Dies hat vermutlich die Wahrnehmung der befragten Unternehmen beeinflusst, auch wenn 2019 in den Medien schon von einer Abkühlung der Konjunktur zu lesen war. Dennoch erwarten nur 18 Prozent der Unternehmen einen Abbau von Fertigungskapazitäten in der Schweiz zwischen 2019 und 2022.

Im Vergleich zur Umfrage aus dem Jahr 2017 empfinden die Befragten den Wechselkurs im SMS 2019 als kleineres Hindernis für die Produktion in der Schweiz.[5] Dasselbe gilt für die Personalkosten und mangelnde Aufträge. Dafür ist die fehlende Verfügbarkeit von Maschinen und Anlagen in den Vordergrund gerückt. Als Standortvorteil der Schweiz bezeichneten die Befragten die Prozess- und Produktqualität sowie die Liefergeschwindigkeit und -zuverlässigkeit.

Award für Flugzeugbauer Pilatus

Um die Stärken des Werkplatzes Schweiz hervorzuheben, verlieh das Institut für Technologiemanagement im Jahr 2019 zum ersten Mal den Swiss Manufacturing Award (SMA). Mit dem SMA wird ein Unternehmen aus dem Teilnehmerkreis des Swiss Manufacturing Survey ausgezeichnet, das im Jahr 2018 seine Produktion in der Schweiz besonders weiterentwickelt hat. Letztes Jahr ging der SMA an den Flugzeugbauer Pilatus.

Im Zuge des Ausbaus der Produktion für den Privatjet Pilatus PC-24 hat das Unternehmen in den letzten Jahren über 100 Millionen Franken investiert und 180 neue Arbeitsplätze in der Produktion geschaffen. Damit konnte es die Fertigungskapazität um etwa 30 Prozent steigern. Gleichzeitig nutze es vermehrt digitale Technologien wie vernetzte Maschinen und autonome Roboter, um die Produktion weiter zu optimieren.

Weitere Finalisten waren die Unternehmen Aluwag, DGS Druckguss Systeme, SUSS Micro-Optics und Urma. Diese Industriebetriebe haben unter anderem gemeinsam, dass sie sich auf die Produktion hochwertiger Teile in der Schweiz spezialisiert haben und andere Tätigkeiten konsequent auslagern. Sie setzen vor allem auf gut ausgebildete Mitarbeiter und investieren bis zu zehn Prozent ihres Umsatzes in neue beziehungsweise verbesserte Prozesse, Maschinen und Gebäude in der Schweiz. So bleiben sie mit ihrer Produktion in der Schweiz international konkurrenzfähig.

Zweistufige Auswahl

Die Auswahl des Gewinners erfolgte in einem zweistufigen Vorgehen. Im ersten Schritt bewerteten wir alle befragten Unternehmen in den Dimensionen Performance und Investitionen. Durch die Verwendung relativer Indikatoren in der Performance-Dimension konnten wir vermeiden, dass ausschliesslich Unternehmen aus margenstarken Branchen gut abschneiden. Die Dimension Investitionen bezog sich auf bereits getätigte und geplante Kapazitätserweiterungen am Standort Schweiz und auf Investments in digitale Technologien in der Produktion. Die fünf Unternehmen, die am besten abschlossen, interviewten wir telefonisch, um die Ergebnisse aus dem SMS 2019 zu verifizieren und weitere Einzelheiten zum Investitionsverhalten und den dazugehörigen Plänen des Unternehmens zu erfahren. Anschliessend erstellten wir fünf Fallstudien. Eine unabhängige Jury wählte daraus den Gewinner des SMA 2019.

Die Auszeichnung steht stellvertretend für alle Firmen, die täglich in den Produktionsstandort Schweiz investieren und damit zeigen, dass sich Produktion in der Schweiz trotz allen Herausforderungen lohnt.

  1. Swissmem (2019). []
  2. Rütti (2019) und Ruch (2020). []
  3. Friedli et al. (2019). []
  4. Friedli, Benninghaus und Elbe (2018). []
  5. Friedli, Benninghaus und Elbe (2017); Friedli et al., 2019; Friedli et al. (2018). []

Professor für Produktionsmanagement, Direktor des Instituts für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Swiss Manufacturing Survey

Das Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen untersucht seit 2017 im jährlichen Swiss Manufacturing Survey die aktuelle Situation und die zukünftigen Entwicklungen des produzierenden Gewerbes in der Schweiz. Dieser Wirtschaftssektor hat gemäss dem Bundesamt für Statistik einen Anteil von knapp 20 Prozent am Bruttoinlandprodukt (BIP). In der Umfrage werden die Unternehmen unter anderem zu ihren Standortentscheidungen, der Innovationsfähigkeit, der Bedeutung von Marktnähe sowie den Stärken des Schweizer Werkplatzes befragt. Die Teilnahme ist kostenlos, und jedes befragte Unternehmen erhält eine firmenspezifische Auswertung, welche einen Vergleich mit der eigenen Branche und allen Teilnehmern ermöglicht.

Literatur

Professor für Produktionsmanagement, Direktor des Instituts für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen