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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Viren, Bakterien und Wirtschaft»

Konjunkturprognosen in Zeiten von Corona – ein Werkstattbericht

Wie erstellt man eine Konjunkturprognose beim Ausbruch einer Krise? Eine besondere Herausforderung ist die sich stetig ändernde Ausgangslage.

Was folgt noch in der Corona-Krise? Pendler in der Métro in Lausanne Ende März. (Bild: Keystone)

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Das neue Coronavirus stellt die Konjunkturanalyse und -prognose vor besondere Herausforderungen. Der ökonomische Schock unterscheidet sich in Heftigkeit und Transmissionsmechanismen von all jenen, die in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet worden sind. Im Unterschied zu einem «klassischen» Konjunkturabschwung standen zunächst nicht ökonomische, sondern epidemiologische und gesundheitspolitische Entwicklungen im Vordergrund, zu denen aber verlässliche und frühzeitige Informationen fehlen. Zudem verändert sich die Lage sehr schnell. So schnell, dass für die Beobachtung der Schweizer Konjunktur die verfügbaren Daten nicht ausreichen. Vermehrt greifen wir daher auf bislang wenig gebräuchliche, aber zeitnah verfügbare Indikatoren zurück.

Seit März laufen beim Konjunktur-Team des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) die Drähte heiss: Politik und Wirtschaft verlangen Vorhersagen über die Auswirkungen der Corona-Krise. Für uns Analysten stellen die sich überstürzenden Ereignisse eine Herausforderung dar. Phasenweise war die Zeitspanne zwischen zwei Entscheiden des Bundesrates so gering, dass die Erstellung einer Konjunkturprognose kaum möglich war (siehe Corona-Tagebuch). Hinzu kommt die altbekannte Schwierigkeit, dass die relevanten Wirtschaftsstatistiken nur verzögert zur Verfügung stehen. Gerade in stürmischen Zeiten wären schnell verfügbare statistische Daten aber besonders wichtig.

Im Vergleich zu anderen Ländern mangelt es in der Schweiz an schnell verfügbaren Wirtschaftsstatistiken. Während in der EU beispielsweise Daten wie die Industrieproduktion und die Konsumentenstimmung monatlich erhoben werden, stehen diese in der Schweiz nur quartalsweise zur Verfügung. Auch Vorabpublikationen («Flash») vieler Statistiken sind in der Schweiz im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern bisher nur beschränkt möglich. In der aktuellen Situation, die sich rapide verändert, reichen aber nicht einmal Monatsdaten aus – vielmehr sind Daten auf Wochen- oder Tagesbasis gefragt.

Deswegen setzen wir vermehrt auf wenig gebräuchliche Indikatoren wie zum Beispiel die Personen- und Frachtzahlen aus dem Luft-, Strassen- und Schiffsverkehr (siehe Abbildungen). Diese zeitnah verfügbaren Datenreihen zeigen unter anderem, dass die Passagierzahlen im Flugverkehr bereits Anfang März markant zurückgingen. Der inländische Strassenverkehr wiederum reduzierte sich hingegen erst stark, nachdem der Bundesrat am 16. März die ausserordentliche Lage erklärt hatte. Das sind klare Anzeichen, dass die ökonomische Aktivität auch in Sektoren, die nicht direkt von Betriebsschliessungen betroffen sind, stark zurückgegangen ist. Ausmass und Zeitpunkt variieren aber.

Weitere relativ kurzfristig verfügbare Datenquellen sind die Neuzulassungen von Fahrzeugen, die Kreditkartentransaktionen und Bargeldbezüge, die Anzahl versandter Pakete per Post. Nebst Daten zur Realwirtschaft berücksichtigt die Konjunkturanalyse auch täglich verfügbare Finanzmarktvariablen wie beispielsweise Aktien- und Wechselkurse sowie Zinsdifferenzen.

Hochfrequenz-Daten für die Schweiz (Januar bis April, indexiert)

Anmerkung: Dargestellt ist die indexierte Entwicklung pro Kalenderwoche (Kalenderwoche 2 = 100). Beispielsweise nahm der Lastwagenverkehr auf Schweizer Strassen im März 2020 ab, im April hat er sich auf tiefem Niveau stabilisiert.

Angebots- und Nachfrageschock

Art und Transmissionsmechanismus des Corona-Schocks sind einzigartig. Als Erstes wurde im Zuge der Virusverbreitung in China deutlich, dass die Schweiz über den Aussenhandelskanal betroffen sein würde. Denn zum einen gefährdeten die Produktionsunterbrüche in der chinesischen Industrie die internationalen Lieferketten von Schweizer Unternehmen; zum andern sank in China die Nachfrage nach Schweizer Produkten wie zum Beispiel Uhren. Mit der internationalen Verbreitung des Virus wurden sukzessive auch in anderen Ländern Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Ökonomie verfügt; die Wirtschaftslage bei wichtigen Handelspartnern verschlechterte sich deutlich. Vom Ausland erhiehlt die Schweizer Konjunktur also zunehmend negative Impulse.

Seit Ende Februar ist die Schweiz auch direkt vom Virus betroffen. Die in der Folge vom Bundesrat getroffenen gesundheitspolitischen Massnahmen schränkten die Wirtschaft sehr stark ein. So wurde die Geschäftstätigkeit zahlreicher Unternehmen per Dekret und fast unangekündigt unterbrochen – wodurch es auch in der Schweiz zu einem massiven Angebotsschock kam, der zurzeit noch dominiert.

Da noch immer unklar ist, wie lange die Krise andauert, verzichten Unternehmen auf Investitionsvorhaben oder schieben diese in die Zukunft. Die Haushalte erleiden Einkommenseinbussen und konsumieren weniger. Gleichzeitig gerät der Franken unter Aufwertungsdruck, und die Weltwirtschaft gerät in eine Rezession. Auch wenn die Produktion in der Schweiz wiederaufgenommen werden kann, dürften die Nachfrageausfälle in diesem und im kommenden Jahr daher so gross sein, dass die Kapazitäten unterausgelastet bleiben. Der aktuell erlittene Wohlstandsverlust wird bis 2022 also nicht wettgemacht, und das Bruttoinlandprodukt wird den Stand von vor der Krise bis 2022 nicht wieder erreichen.

Epidemiologen spielen erste Geige

Konjunkturprognosen müssen alle relevanten Wirkungsmechanismen einbeziehen. Im Zentrum stehen derzeit zwei Entwicklungen ausserhalb des ökonomischen Spektrums: die Verbreitung des Virus an sich und die damit verbundenen gesundheitspolitischen Reaktionen im Inland wie im Ausland. Beide sind mit einer grossen Unsicherheit verbunden, da die Medizin erst nach und nach neue Erkenntnisse über Ansteckungswege, Mortalitätsziffern und Behandlungsmöglichkeiten von Sars-CoV-2 gewinnen kann.

So ist beispielsweise erst wenig über die Saisonalität der Erkrankung und über die Dunkelziffer der potenziell bereits immunen Personen bekannt. Uneinig sind sich die Spezialisten auch, wie der weitere epidemiologische Verlauf sein könnte: Wann kommt die berüchtigte «zweite Welle»? Wie stark wird sie ausfallen? Und: Wird sie wieder Betriebsschliessungen mit sich bringen, oder wird etwa das Tragen von Gesichtsmasken reichen? Antworten auf diese Fragen oder wahrscheinliche Szenarien wären nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch für die Konjunkturprognose von enormer Bedeutung.

Der Bundesrat entwickelt die gesundheitspolitische Strategie laufend weiter. Die vergangenen Wochen haben eindrucksvoll gezeigt, dass Anpassungen schnell und teilweise unangekündigt erfolgen können – bei gleichzeitig massiven Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben. Eine Konjunkturprognose ohne Annahmen zur Entwicklung der Pandemie und deren Eindämmungsmassnahmen ist aktuell daher nicht denkbar. Da Wirtschaftsprognostiker Entscheidungen bei der gesundheitspolitischen Strategie nicht vorwegnehmen können, muss sich eine Prognose gezwungenermassen an den gesicherten Fakten und damit an aktuell gültigen Massnahmen orientieren. Dementsprechend überträgt sich aber die Unsicherheit rund um das Virus auch auf die Wirtschaftsprognosen. Insbesondere hängen die aktuellen Prognoseergebnisse entscheidend davon ab, wie schnell die derzeitigen Eindämmungsmassnahmen im Inland und im Ausland gelockert werden, ob weitere Krankheitswellen eintreten und wie die Gesundheitspolitik darauf reagiert.

Was wäre, wenn?

Diesen erschwerten Bedingungen begegnen wir mit Szenarien, die eine Antwort auf die Frage geben: «Was wäre, wenn?» Beispielsweise: Was wäre, wenn die gesundheitspolitischen Massnahmen erneut verschärft würden, sich die Weltwirtschaft nur schleppend erholen würde und es zu einer Konkurs- und Entlassungswelle käme?

Basierend auf solchen Szenarien für die Wirtschaftsentwicklung, können mögliche Auswirkungen von verschiedenen Politikstrategien eingeschätzt werden. Dies erlaubt es der Wirtschaftspolitik und dem Bundesrat, die denkbaren Entwicklungen zu antizipieren und sich entsprechend vorzubereiten.

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Leiterin Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Leiterin Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern