Die Volkswirtschaft

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Welche Auswirkungen hätte ein globaler Handelskrieg auf die Schweiz?

Bei einem weltweiten Handelskonflikt verzehnfachen sich die Zölle auf Schweizer Exporte im Extremfall. Allerdings bestehen zwischen den Märkten und Branchen grosse Unterschiede.

Die wichtigsten Handelspartner der Schweiz unter sich: G-7-Treffen im französischen Biarritz 2019. (Bild: Keystone)

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In einer Studie haben wir die Auswirkungen eines globalen Handelskriegs auf den Schweizer Markt untersucht. Als Erstes berechneten wir die Veränderungen der Zölle, welche Schweizer Exporteure bei einem Handelskonflikt zu entrichten hätten. Anschliessend aggregierten wir diese Veränderungen über die verschiedenen Branchen und Zielmärkte sowie auf globaler Ebene. Die Ergebnisse zeigen, dass der Marktzugang von Schweizer Exportunternehmen durch einen weltweiten Handelskrieg stark beeinträchtigt würde: Die Zölle würden um durchschnittlich 35 Prozent steigen. Zu den stärksten Zollerhöhungen käme es in den grössten Absatzmärkten, in denen Schweizer Exportfirmen derzeit von geringfügigen Ausfuhrhemmnissen profitieren: EU, USA und Japan. Eine überdurchschnittliche Anhebung der Zollschranken wäre bei Chemikalien, wissenschaftlicher Ausrüstung, Arbeitsausrüstung, Maschinen und Produkten der Lebensmittelindustrie zu verzeichnen.

Die angespannten Handelsbeziehungen zwischen den USA und anderen Staaten führen uns vor Augen, wie wichtig starke multilaterale Institutionen sind. Organisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO) können dazu beitragen, dass Handelsstreitigkeiten nicht in Handelskriege ausarten. Der WTO und ihrer Vorgängerorganisation, dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt), wird eine Schlüsselrolle bei der Liberalisierung des multilateralen Handels zuerkannt. In der WTO definieren die Regierungen gemeinsam die Zölle und legen Streitigkeiten bei.

Für eine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz ist ein gut funktionierendes multilaterales Handelssystem von besonders grosser Bedeutung. Das Verhältnis des Schweizer Aussenhandels zum Bruttoinlandprodukt (BIP) beträgt rund 120 Prozent – was einer der höchsten Werte der Industriestaaten ist.

Derzeit verfügt die Schweiz über ein Netz von über 30 Freihandelsabkommen mit 40 Partnern. Die meisten Freihandelsabkommen schloss sie im Rahmen der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) ab. Einzelne Abkommen – mit der EU, China, Japan und den Färöer-Inseln – wurden auf bilateraler Ebene ausgehandelt. Würde das kooperative multilaterale Handelssystem zugunsten eines protektionistischeren Handelsumfelds aufgegeben, könnte dies für die Schweiz schwerwiegende Auswirkungen haben.

In einer Studie haben wir untersucht, in welchem Umfang die Schweizer Exportzölle bei einem Zusammenbruch des multilateralen Handelssystems ansteigen würden.[1] Dabei prüften wir insbesondere, welche Auswirkungen eine nicht kooperative Festlegung der Zölle durch die einzelnen WTO-Mitglieder auf die Schweiz hätte. Dieses Szenario entspricht einem globalen Handelskrieg, in dem die Staaten ihre Marktmacht bei der Festlegung von Zöllen vollumfänglich ausnutzen.

Ausgehend von dieser Analyse schätzten wir ab, wie sich ein globaler Handelskrieg auf die Schweizer Exportzölle auswirkt. Dabei berücksichtigten wir einerseits die bestehenden präferenziellen Handelsabkommen und andererseits die Zollunterschiede, das heisst die Differenz zwischen den konsolidierten Zöllen der WTO und den tatsächlich von den verschiedenen Ländern an ihren Grenzen angewandten Zöllen.

Exporte in die EU und die USA leiden

Insgesamt könnte ein globaler Handelskrieg für Schweizer Exporte zehn Mal höhere Zölle zur Folge haben. Am stärksten wären die Exporte in die wichtigen Absatzmärkte EU, USA und Japan betroffen.

Die starken Zollerhöhungen, die bei einem Wegfall des multilateralen Handelssystems resultierten, lassen sich vor allem auf die Besonderheiten der wichtigsten Handelspartner der Schweiz zurückführen. Bei diesen handelt es sich um grosse Industrieländer, die ihre Zölle innerhalb des WTO-Systems gemeinsam festlegen und über eine beträchtliche Marktmacht verfügen. Ein Zusammenbruch des multilateralen Handelssystems hätte für Schweizer Exportfirmen daher einen massiven Zollanstieg zur Folge: Aufgrund der signifikanten Marktmacht der Importeure auf den Weltmärkten würden diese um durchschnittlich 35 Prozent steigen.[2]

Den durchschnittlichen Zollanstieg für die grössten Absatzmärkte der Schweiz berechneten wir anhand des Market Access Overall Trade Restrictiveness Index (siehe Abbildung 1). In dieser Kennzahl ist der Anteil der verschiedenen Exportgüter nach Absatzmarkt berücksichtigt.

Dabei bestätigt sich: Die stärksten Zollerhöhungen wären tendenziell in den grössten Absatzmärkten zu verzeichnen. So steigen die Kosten der Exporte in die USA um 74 Prozent, und die Kosten für Ausfuhren in die EU nehmen um 60 Prozent zu. Beide Handelspartner weisen derzeit «kooperative» Zollstrukturen innerhalb der WTO auf. Indien bildet diesbezüglich eine Ausnahme: Aufgrund der bestehenden grossen Zollunterschiede im dortigen System hätten Schweizer Exportunternehmen bei Ausfuhren in den Subkontinent keine höheren Zölle zu tragen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Indien bereits nicht kooperative Zölle festlegt.

Abb. 1. Zollerhöhungen bei einem Zusammenbruch des multilateralen Handelssystems für Schweizer Exporteure, nach Bestimmungsmarkt

Quelle: Nicita, Olarreaga, Da Silva und Solleder (2019) / Die Volkswirtschaft

Branchenspezifische Unterschiede

Ein Zerfall des multilateralen Handelssystems würde sich auf die einzelnen Branchen unterschiedlich auswirken. Am härtesten trifft ein Handelskrieg die exportorientierten Branchen wie Chemikalien und Lebensmittelindustrie. Diese wären mit Zollerhöhungen von über 60 Prozent konfrontiert (siehe Abbildung 2). Wichtige Exportbranchen wie die wissenschaftliche Ausrüstung, die Arbeitsausrüstung und die Maschinenindustrie müssten ebenfalls mit einem starken Zollwachstum rechnen. Hingegen liegt der Zollanstieg bei den Branchen Elektromaschinen (+33 %), Nichteisenmetalle (+8 %) und Tabakerzeugnisse (+4 %) unter dem Durchschnitt.

Der Ausbau der Zölle hängt stark von der Marktmacht der Handelspartner in den einzelnen Sektoren und vom Spielraum der multilateralen Zusammenarbeit ab, in dessen Rahmen die Partner ihre Zölle in den betreffenden Sektoren vor dem Ausbruch des Handelskriegs festgelegt haben.

Abb. 2. Zollerhöhungen nach Branche

Quelle: Nicita, Olarreaga, Da Silva und Solleder (2019); Klassifikation der Wirtschaftszweige gemäss ISIC / Die Volkswirtschaft

Alle Länder einbeziehen

Diese Annahmen bilden das «Worst-Case-Szenario». In der Praxis hat ein weltweiter Handelskrieg nicht zwangsläufig eine vollständige Umstellung auf nicht kooperative Zölle zur Folge, die ausschliesslich durch die Marktmacht der Importeure bestimmt werden.[3] Ausserdem dürften sich die politischen und wirtschaftlichen Kräfte bei einem globalen Handelskrieg verändern. Insbesondere könnte sich das Lobbying der protektionistischen Interessengruppen und ihrer Gegenspieler im Falle eines Handelskriegs ändern. Schwer getroffene Branchen werden stärker als heute für tiefe Zölle lobbyieren, um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern. Gleichzeitig werden sich abzeichnende Firmenkonkurse ihre Ressourcen schwächen.

Zudem wurden in der Studie nur Zolländerungen berücksichtigt. Doch bekanntlich können Staaten zu ihrem Schutz auch nicht tarifäre Massnahmen wie technische Vorschriften, Gesundheits- und Umweltstandards und Kontingente ergreifen. Solche Handelshemmnisse könnten für Schweizer Exportfirmen noch höhere Wirtschaftseinbussen zur Folge haben.

Abschliessend lässt sich sagen: Insgesamt lässt sich anhand der verzeichneten Ergebnisse abschätzen, was geschehen würde, wenn sich die gegenwärtigen Spannungen in den Handelsbeziehungen auf das gesamte globale Handelssystem ausweiten würden.

Ein wirksames und aktualisiertes WTO-Abkommen könnte dazu beitragen, solche Szenarien zu verhindern. Was die WTO bisher erreicht hat, ist zwar erfreulich, doch gibt es einen grossen Handlungsbedarf an weiteren Verhandlungsrunden. Dringend sind gemeinsame Regeln etwa in den Bereichen Arbeit, Umwelt, Investitionen, Wettbewerb – wo es derzeit keine WTO-Abkommen gibt. Schliesslich sollten Verhandlungen auch zu Verbesserungen bei der Zollzusammenarbeit in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen führen. Indem man die Verhandlungskosten senkt, die den WTO-Mitgliedern auf multilateraler Ebene entstehen, könnten einkommensschwächere Staaten vermehrt am Verhandlungstisch Platz nehmen.

  1. Nicita, Olarreaga, Da Silva und Solleder (2019). []
  2. Siehe Nicita, Olarreaga und Silva (2018). []
  3. Siehe Evenett und Fritz (2019). []

Ökonom, Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (Unctad), Genf

Professor für Wirtschaftswissenschaften, Institut für Ökonomie und Ökonometrie, Universität Genf

Professor für Wirtschaftswissenschaften, Kansas State University (USA), Gastprofessor, Universidade Federal da Paraíba (Brasilien)

Assistent und Doktorand, Institut für Ökonomie und Ökonometrie, Universität Genf

Von der Forschung in die Politik

Aktuelle wissenschaftliche Studien aus dem «Journal Aussenwirt­schaft» mit einem starken Bezug zur schweizerischen Wirtschaftspolitik erscheinen in einer Kurzfassung in der «Volkswirtschaft».

Literatur

  • Evenett Simon J. und Fritz Johannes (2019). Going It Alone? Trade Policy After Three Years of Populism. Bericht von Global Trade Alert Nr. 25.
  • Nicita Alessandro, Olarreaga Marcelo und Silva Peri (2018). Cooperation in WTO Tariff Waters, in: Journal of Political Economy, 126(3): 1302–1338.
  • Nicita Alessandro, Olarreaga Marcelo, Silva Peri und Solleder Jean-Marc (2019). Swiss Market Access in a Global Trade War, in: Journal Aussenwirtschaft, Vol. 70, erscheint demnächst.

Ökonom, Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (Unctad), Genf

Professor für Wirtschaftswissenschaften, Institut für Ökonomie und Ökonometrie, Universität Genf

Professor für Wirtschaftswissenschaften, Kansas State University (USA), Gastprofessor, Universidade Federal da Paraíba (Brasilien)

Assistent und Doktorand, Institut für Ökonomie und Ökonometrie, Universität Genf