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Das Coronavirus infiziert die Konsumentenstimmung

Die Konsumentenstimmung ist auf einem Rekordtief. Doch nicht alle sehen die Zukunft gleich schwarz. Besonders pessimistisch schätzen Selbstständige und Personen kurz vor der Pensionierung die Lage ein.

Im April 2020 sank der Konsumentenstimmungsindex auf ein Rekordtief. Die Stimmung der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten ist von −9 Punkten im Januar auf −39 Punkte gesunken. Nicht einmal während der Ölkrise in den Siebzigerjahren und während der Finanzkrise 2008–2009 war die Stimmung so schlecht. Einzig in der Immobilienkrise der Neunzigerjahre wurden ähnlich tiefe Werte erreicht. Doch belastet das Coronavirus die Stimmung aller Konsumentinnen und Konsumenten ähnlich stark?

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) misst die Konsumentenstimmung normalerweise jedes Quartal mit einer Befragung von rund 1200 Personen. Im April 2020 haben allerdings rund 1900 Privatpersonen an der Umfrage teilgenommen. Da die Befragten über die ganze Schweiz verteilt leben, sind sie einem unterschiedlichen Risiko ausgesetzt, sich mit dem Virus zu infizieren. So ist das Risiko in den Kantonen Genf, Tessin und Waadt höher als anderswo, weil dort die Zahl der bestätigten Fälle gemessen an der Bevölkerung am höchsten ist. Auch das Risiko für einen schlimmen Verlauf der Erkrankung ist nicht für alle Befragten gleich gross: Insbesondere für ältere Personen steigt die Gefahr tendenziell. Beurteilen Personen mit einem höheren Risiko die wirtschaftlichen Aspekte möglicherweise pessimistischer als weniger gefährdete Personen?

Auswertungen nach Sprachregion liefern allerdings keinen Anhaltspunkt, dass diese Hypothese zutrifft. Zwischen Januar und April 2020 ist der Konsumentenstimmungsindex in allen Sprachregionen ähnlich stark zurückgegangen (Deutschschweiz: –33 Punkte; Tessin: –31 Punkte; französischsprachige Schweiz: –27 Punkte). Die Befragten erwarten unabhängig von der Wohnregion eine starke Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage und der eigenen finanziellen Möglichkeiten. Auch bei der Bereitschaft, zurzeit grössere Anschaffungen zu machen, gibt es kaum Unterschiede zwischen den Sprachregionen: Die Verschlechterung ist überall etwa gleich stark ausgefallen.

Angst vor Einkommenseinbussen

Deutliche Unterschiede zeigen sich allerdings beim Alter. Tendenziell gilt: je älter, desto schlechter die Stimmung. Bei genauerer Betrachtung ist der Zusammenhang zwischen Alter und Konsumentenstimmung allerdings komplexer: Die über 65-Jährigen weisen tendenziell eine bessere Stimmung auf als die unter 65-Jährigen (siehe Abbildung). Dieser Unterschied bestand zwar schon vor der Pandemie, er hat sich aber in der Umfrage vom April noch verstärkt: Während die Konsumentenstimmung der unter 65-Jährigen zwischen Januar und April um 34 Punkte zurückging, betrug der Rückgang bei Personen ab 65 Jahren nur 24 Punkte. Dies erstaunt auf den ersten Blick, denn Personen im Rentenalter gehören doch zur Risikogruppe des Virus.

Doch es gibt eine Erklärung für dieses Ergebnis: Über 65-Jährige fürchten weniger oft um ihren Arbeitsplatz und müssen kaum Einkommenseinbussen infolge von Kurzarbeit in Kauf nehmen. Tatsächlich hat sich die erwartete finanzielle Situation der unter 65-Jährigen deutlich eingetrübt, während sie für Ältere nahezu unverändert blieb. Auswertungen nach dem Beruf der Befragten stützten diese Hypothese: Wer Einkommensschwankungen zu befürchten hat, der beurteilt die finanzielle Zukunft derzeit weniger rosig. So haben sich die Erwartungen für die eigene finanzielle Lage unter den Selbstständigen stärker eingetrübt als unter den Angestellten (–37 Punkte gegenüber –22 Punkten). Dies überträgt sich auch auf die Konsumentenstimmung, die sich unter den Selbstständigen stärker verschlechtert hat (–44 Punkte) als unter den Angestellten (–35 Punkte).

Die Konsumentenstimmung nach Alter (April 2020)

Anmerkung: Jeder Punkt steht für eine der 1896 befragten Personen.

Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Konsumentinnen und Konsumenten sind vielfältig. Geschlossene Geschäfte oder Verbote verunmöglichen den Konsum gewisser Güter, Selbstständige oder Arbeitnehmer auf Kurzarbeit müssen zudem Einkommensausfälle in Kauf nehmen, und die Verunsicherung über die zukünftige Wirtschaftsentwicklung sowie die Sorge um den Arbeitsplatz steigen. Doch welcher dieser Gründe ist hauptsächlich für die schlechte Konsumentenstimmung verantwortlich? Auch darüber gibt die aktuelle Umfrage Auskunft: Bei der Frage, ob jetzt ein guter Zeitpunkt für grössere Anschaffungen sei, wurden die Befragten gebeten, ihre Antwort auszuführen. 41 Prozent derjenigen, welche momentan keinen guten Zeitpunkt für grössere Anschaffungen sehen, begründeten dies explizit mit dem Coronavirus.[1] Die Unsicherheit (25%) oder die «aktuelle Situation» (18%) spielen eine wesentlich grössere Rolle als die Arbeitssituation (9%) oder die Tatsache, dass die Läden geschlossen sind (7%). Kurzarbeit wurde gar nur von 2 Prozent der Befragten explizit als Grund für eine geringe Anschaffungsneigung genannt. Diese Antworten deuten darauf hin, dass die Öffnung der Läden allein noch keine deutliche Besserung der Kaufneigung bewirken dürfte. Erst wenn sich die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Coronavirus merklich reduziert, ist mit einer Stimmungsaufhellung zu rechnen.

  1. Die befragten Personen können mehrere Gründe angeben, weshalb sich die Prozentzahlen nicht auf 100% summieren. []

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Leiterin Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Leiterin Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern