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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Viren, Bakterien und Wirtschaft»

Was sagt die Glücksforschung zu Corona?

Verschiedene Faktoren beeinflussen das persönliche Glücksempfinden. Dazu gehören soziale Kontakte, Arbeit oder demokratische Freiheiten. Das Coronavirus hinterlässt Spuren.

Selbst verdientes Geld macht glücklicher als staatliche Zahlungen. Coiffeusen in Bern. (Bild: Keystone)

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Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise sind gewaltig. Die moderne ökonomische Glücksforschung kann die verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen zueinander in Beziehung setzen. Gesundheit ist ein bedeutender Bestimmungsgrund der subjektiven Lebenszufriedenheit, daneben sind aber auch das Einkommen, die Arbeit, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die politischen Bedingungen (Rechtsstaat, Demokratie) wichtig. Entsprechend sollten Regierungen im Pandemiefall nicht nur auf den Rat von Virologen und Epidemiologen hören, sondern auch auf Sozialwissenschaftler, darunter gerade auch Ökonomen.

Im Bemühen, die Ausbreitung des Coronavirus zu bekämpfen und Leben zu retten, haben die meisten Regierungen drakonische Massnahmen ergriffen. In einigen Ländern wurden vorübergehend grosse Teile der Wirtschaft lahmgelegt. Damit sollte vermieden werden, dass sich die Menschen so nahe kommen, dass sie sich anstecken. Gleichzeitig ist in vielen Ländern wieder ein Nationalismus entstanden, der vor kurzer Zeit noch undenkbar war. Einige Regierungen – etwa in Ungarn und Polen – haben die Chance ergriffen, um sich beinahe diktatorische Befugnisse anzueignen.

Dagegen nehmen sich die im März vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen vergleichsweise zurückhaltend aus. Insbesondere die Kredite, die das Überleben von Firmen ermöglichen sollen, sind in guteidgenössischer Weise im Konsens beschlossen worden.

Kritisch anzumerken ist auch für die Schweiz, dass sich die Sofortmassnahmen hauptsächlich, und meist sogar ausschliesslich, auf den Ratschlag von Virologen und Epidemiologen stützten. Sprich: Die durch das Coronavirus befürchteten Gesundheitsschäden wurden isoliert betrachtet. Hingegen wurden die direkten und indirekten Schäden der weitgehenden Stilllegung der wirtschaftlichen Aktivität wenig in Rechnung gestellt. Sie sind jedoch beachtlich.

Es ist sogar denkbar, dass durch das Abblocken der Wirtschaft mehr Gesundheitsschäden als durch das Virus selbst entstanden sind. Ärzte und Klinikdirektoren haben schon früh auf die Gefahr einer Vernachlässigung anderer Krankheiten wie Bluthochdruck, Krebs oder Diabetes hingewiesen, was die zukünftige Lebenserwartung und Lebensqualität senkt. Viele Kranke, darunter auch Kinder, gingen nicht mehr zum Arzt oder ins Spital, weil sie das Gesundheitssystem nicht zusätzlich belasten wollten oder weil sie eine Ansteckung befürchteten.

Epidemien wie Corona müssen deshalb wissenschaftlich breiter betrachtet werden. Wertvoll sind dabei Erkenntnisse aus der Glücksforschung.

Über breit angelegte Befragungen misst die Glücksforschung Einflussgrössen, welche das Glücksempfinden beeinflussen.[1] Mithilfe multipler Regressionen werden Daten zur subjektiven Lebenszufriedenheit einzelner Personen mit Bestimmungsfaktoren des Glücks in Beziehung gesetzt. Der Einfluss eines einzelnen Bestimmungsgrundes kann erfasst werden, indem man die übrigen Bestimmungsgründe konstant hält. Da sich die Aussagen immer auf einen Durchschnitt beziehen, ist es möglich, dass das Glücksempfinden einer Einzelperson davon abweicht.

Mehr als Covid-19

Bei der Bekämpfung des Coronavirus sind zahlreiche Sachverhalte und Massnahmen der Politik relevant, wie ein kurzer Überblick über die Bestimmungsgründe des Glücks zeigt. Ein erster wichtiger Bestimmungsgrund ist die Gesundheit: Subjektiv empfundene gute Gesundheit und subjektive Lebenszufriedenheit hängen eng zusammen.

Die staatlichen Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus bezwecken vor allem, die Zahl der am Virus Erkrankten zu vermindern. Physische Gesundheit ist in der Tat für das Glück wichtig. Allerdings ist Gesundheit umfassend und betrifft keineswegs nur die Covid-19-Patienten.

Viele Menschen leiden an anderen Krankheiten und Beschwerden. Nach Ausbruch der Krise zögerten manche, sich zum Arzt oder ins Spital zu begeben, weil sie fürchteten, angesteckt zu werden, oder weil sie glaubten, diese seien überlastet.

In einer solchen Situation ist zu befürchten, dass zwar die Corona-Patienten gut versorgt werden, der allgemeine Gesundheitszustand – und damit die Lebenszufriedenheit – jedoch leidet. Darüber hinaus gibt es indirekte Wirkungen auf die Gesundheit. Das Abwürgen der wirtschaftlichen Aktivität und die Isolation der Menschen werden zu Konflikten führen. Sie können Depressionen bis hin zu Suiziden verursachen. Die Gewalt innerhalb von Familien steigt und damit schwere psychische und physische Gefährdungen der Gesundheit.

Selbst verdientes Geld

Nebst der Gesundheit sind wirtschaftliche Einflüsse für das Glücksempfinden wichtig. Ein wichtiger Bestimmungsgrund ist das Einkommen: Personen mit höherem Einkommen verfügen über einen grösseren Spielraum, sich ihre materiellen Wünsche zu erfüllen. Ist aber ein gewisses Wohlstandsniveau einmal erreicht, hat das Einkommen nur noch geringen Einfluss auf die durchschnittliche Lebenszufriedenheit.

Die Regierungen haben nach Ausbruch der Pandemie richtigerweise riesige Programme aufgelegt, um die materielle Lage der Arbeitnehmer und der Selbstständigen, so gut es geht, zu stützen. Allerdings zeigt die Forschung, dass eigenständig erwirtschaftete Einkünfte glücklicher machen als solche, die von aussen ohne Gegenleistung zufliessen. Die Dauer des Verbots einer wirtschaftlichen Tätigkeit – insbesondere von Ladenbesitzern und Dienstleistern – muss deshalb im Pandemiefall auf ein Minimum begrenzt werden.

Arbeit als Glücksfaktor

Weiter zeigt die Glücksforschung, dass Arbeitslose wesentlich unzufriedener als Erwerbstätige sind – selbst wenn das Einkommen der Arbeitslosen durch staatliche Überweisungen gestützt wird. Der Grund dafür liegt in sozialen und psychologischen Faktoren. Arbeitslose verlieren ihr Selbstwertgefühl und fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Im Zuge der Corona-Krise haben die Regierungen riesige Programme aufgelegt, um Einkommensverluste zu dämpfen. Aus der Perspektive der Glücksforschung scheint das Instrument der Kurzarbeit besonders sinnvoll. Indem sich der Staat an der Finanzierung beteiligt, kann verhindert werden, dass die vertraute Arbeit aufgegeben werden muss. Gleichzeitig ist Kurzarbeit betriebswirtschaftlich effizient. Das Gleiche gilt für die finanzielle Unterstützung von Selbstständigen. Zusätzlich reduziert sie deren Angst vor der Zukunft und stärkt damit ihre Lebenszufriedenheit.

Wir sind soziale Wesen

Entscheidend für die Lebenszufriedenheit sind auch soziale Beziehungen. Menschen sind soziale Wesen: Gute und intensive Beziehungen innerhalb der Familie, zu Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen sind wichtige Voraussetzungen für menschliches Glück.

Eine sinnvolle Politik in Zeiten von Corona sollte deshalb zwar physische Distanz vorschreiben, gleichzeitig jedoch die zwischenmenschlichen Beziehungen stärken. Dies gilt insbesondere für Menschen in Alters- und Pflegeheimen, die meist mit digitalen Technologien wie Skype und Zoom wenig vertraut sind. Deshalb ist es wichtig, dass mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen Besuchsmöglichkeiten geschaffen werden. Ganz besonders gilt dies für die letzten Lebenstage und die Angst vor dem einsamen Sterben.

Bedeutung der Demokratie

Schliesslich zeigt die Glücksforschung, dass politische Freiheiten, demokratische Partizipation und Rechtsstaatlichkeit die Lebenszufriedenheit steigern. Derzeit handeln viele Regierungen mit fast diktatorischen Vollmachten. Elementare demokratisch-partizipative Rechte sind ausser Kraft gesetzt.

Diese Eingriffe waren zu Beginn der Krise unvermeidlich, müssen nun aber rasch und vollständig wieder abgebaut werden. Werden die demokratischen Rechte der Zivilgesellschaft auf Dauer beschnitten, sinkt die Lebenszufriedenheit der Menschen deutlich.

  1. Für ökonometrische Methoden vgl. B. Frey und Stutzer (2002), Frey (2008), Frey und Frey Marti (2010), Frey (2017). []

Ständiger Gastprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Basel und Forschungsdirektor bei CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts, Zürich

Ständige Gastprofessorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Basel und Forschungsdirektorin bei CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts, Zürich

Literatur

  • Frey, Bruno S. und Alois Stutzer (2002). Happiness and Economics. Princeton: Princeton University Press.
  • Frey, Bruno S. (2008). Happiness. A Revolution in Economics. Cambridge Mass und London: MIT Press.
  • Frey, Bruno S. und Claudia Frey Marti (2010). Glück. Die Sicht der Ökonomie. Zürich/Chur: Rüegger Verlag.
  • Frey, Bruno S.(2017). Wirtschaftswissenschaftliche Glücksforschung. Wiesbaden: Springer Gabler.

Ständiger Gastprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Basel und Forschungsdirektor bei CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts, Zürich

Ständige Gastprofessorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Basel und Forschungsdirektorin bei CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts, Zürich