Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Auf der Suche nach der Produktionslücke»

Wie stark wächst die Bevölkerung der Schweiz bis 2070?

Anhand von drei Szenarien hat das Bundesamt für Statistik geschätzt, wie sich die Einwohnerzahl der Schweiz entwickeln wird. Eine Konstante zeichnet sich ab: Während der Anteil der über 65-Jährigen rapide zunimmt, erweist sich die Migration als unerlässlich für das Bevölkerungswachstum.

Allein mit dem Nachwuchs vermag die Schweiz die Bevölkerungszahl nicht zu steigern. (Bild: Keystone)

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Drei Szenarien des Bundesamts für Statistik (BFS) deuten für den Zeitraum von 2020 bis 2030 auf eine extrem schnelle Alterung der Bevölkerung in der Schweiz hin. In den nächsten zehn Jahren steigt der Anteil der Personen im Rentenalter rasch an und verharrt dann auf einem sehr hohen Niveau. Daher müssen sich Gesellschaft und Wirtschaft rasch und anhaltend auf diese neue Altersstruktur der Bevölkerung einstellen. Eine anhaltende Migration verhindert zwar den Rückgang der Bevölkerung, an deren Alterung ändert die Einwanderung aber nur wenig.

Das Bundesamt für Statistik (BFS) aktualisiert regelmässig seine Szenarien zum Bevölkerungswachstum in der Schweiz. Dabei trägt es aktuellen demografischen Trends sowie politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung. Die neusten Szenarien für die nächsten 30 Jahre hat das BFS im vergangenen Mai veröffentlicht.[1] Der Vorhersagezeitraum wurde dabei bis zum Jahr 2070 verlängert, weil verschiedene zukunftsorientierte Projekte der Bundesverwaltung – wie langfristige Konjunkturszenarien, Raumplanung etc. – längerfristige Prognosen erfordern.

Für die Schätzungen erstellt das BFS drei Grundszenarien. Das «Referenzszenario» schreibt die Trends der letzten Jahre fort. Das zweite Szenario («hoch») basiert auf einer Kombination von Annahmen, die ein stärkeres Bevölkerungswachstum zur Folge hätten. Beim dritten Szenario («tief») ist das Bevölkerungswachstum relativ gering.

Die drei Szenarien wurden vor der Covid-19-Pandemie entwickelt und berechnet. Wie sich Letztere auf die künftige Entwicklung der Bevölkerung in der Schweiz auswirkt, ist derzeit nur schwer zu beurteilen. Sollten in den nächsten Monaten quantitativ bedeutende Veränderungen beobachtet werden, könnte das BFS hierauf mit der Berechnung neuer Varianten für die Szenarien 2020–2050 reagieren.

Referenzszenario rechnet mit Aufschwung

Das Referenzszenario geht davon aus, dass die Schweiz auch nach der Covid-19-Krise dank einer schnellen Konjunkturerholung attraktiv sein wird und die Situation in der Folge gut bleibt. Die Migrationsströme erreichen aber wegen des gleichzeitigen Konjunkturaufschwungs in den meisten EU-Staaten nicht mehr das Niveau der vergangenen zehn Jahre. Weil die bevölkerungsreichsten Jahrgänge der zwischen 1950 und 1970 geborenen Babyboomer das Rentenalter erreichen, bleiben zahlreiche Arbeitsstellen unbesetzt.

In der Folge steigt die Einwanderung der Erwerbstätigen leicht an. Dadurch können die altersbedingten Abgänge teilweise kompensiert werden. Die in die Schweiz einwandernden Erwerbstätigen sind mehrheitlich gut ausgebildet. Da sie oft sehr mobil sind, bleiben die meisten nur vorübergehend im Land. Der Wanderungssaldo nimmt nach 2030 aufgrund der gestiegenen Mobilität sowie der beschleunigten Bevölkerungsalterung ab – was den Wettbewerb der Schweiz und der EU um qualifizierte Arbeitskräfte verschärft. Der Wanderungssaldo erhöht sich zunächst von derzeit schätzungsweise rund 50’000 Menschen bis auf 55’000 im Jahr 2030. Danach verringert er sich bis 2040 auf 35’000 und verharrt bis zum Ende des Prognosezeitraums auf diesem Niveau.

Mehr Kinder pro Frau

Dank der zunehmenden Gleichstellung der Geschlechter und der sich verbessernden Vereinbarkeit von Arbeit und Familie fällt es Eltern leichter, ihr Privat- und Berufsleben in Einklang zu bringen. Viele Frauen absolvieren längere Ausbildungen, was zu einem späteren Eintritt ins Erwerbsleben und einem Anstieg des Durch­schnittsalters von werdenden Müttern bei ihrer ersten Schwangerschaft führt. Die medizinisch unterstützte Fortpflanzung ermöglicht es dabei immer mehr Frauen, auch im fortgeschritteneren Alter noch Kinder zu bekommen. Deshalb steigt die zusammengefasste Geburtenziffer von 1,52 Kinder pro Frau im Jahr 2020 auf 1,62 im Jahr 2050, um sich dann zu stabilisieren.

Dank medizinischem Fortschritt (bessere Kenntnis der Risikofaktoren, neue Medikamente, Prävention von Tabakabhängigkeit, Alkoholmissbrauch und Unfällen usw.) sinkt die Mortalität weiter. Immer mehr Menschen üben Berufe im Dienst­leistungssektor aus und verfügen über höhere Ausbildungsabschlüsse. Da sich Gutausgebildete im Allgemeinen gesünder verhalten, verbessert sich der Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung nach und nach. Dadurch steigt die Lebenserwartung der Männer von aktuell schätzungsweise 82,2 Jahren auf 87,2 Jahre im Jahr 2050. Im Jahr 2070 werden Männer fast 89 Jahre alt. Bei den Frauen, die derzeit eine Lebenserwartung von 85,7 Jahren haben, ist der Trend derselbe. Sie werden im Jahr 2050 im Durchschnitt 89,6 Jahre alt und 2070 sogar über 91 Jahre.

Die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz steigt von derzeit 8,6 Millionen auf 11,1 Millionen im Jahr 2070. Die 10-Millionen-Grenze wird im Jahr 2040 überschritten (siehe Abbildung 1). In Zukunft steigt der Anteil der Seniorinnen und Senioren an der Gesamtbevölkerung. Heute sind 1,6 Millionen Menschen (18,7%) in der Schweiz 65-jährig oder älter. Diese Zahl steigt bis 2050 auf 2,7 Millionen (25,6%) und beträgt 2070 knapp 3 Millionen (27%). Der Altersquotient misst, wie viele 65-Jährige und Ältere auf 100 Personen zwischen 20 und 64 Jahren kommen. Er steigt von heute 30,9 auf 46,5 im Jahr 2050. Im Jahr 2070 beträgt er mehr als 50 (siehe Abbildung 2).

Abb. 1. Ständige Wohnbevölkerung der Schweiz (1970–2070)

Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft

Abb. 2. Altersquotient (1970–2070)

Anmerkung: Der Altersquotient misst, wie viele Personen ab 65 Jahren auf 100 Personen zwischen 20 und 64 Jahren kommen. Je grösser der Quotient, desto älter die Bevölkerung.

Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft

Eine 13-Millionen-Schweiz?

Das «hohe» Szenario geht für den Zeitraum 2020 bis 2070 von einer sehr guten Wirtschaftsentwicklung aus. Der Wanderungssaldo steigt deshalb von derzeit schätzungsweise 60’000 auf 70’000 Personen im Jahr 2030. Anschliessend verringert er sich. Ab 2040 stabilisiert er sich bei 50’000. Die durchschnittliche Anzahl Kinder pro Frau erhöht sich in diesem Szenario von aktuell schätzungsweise 1,55 auf 1,82 im Jahr 2050 und bleibt dann stabil. Die Lebenserwartung steigt ebenfalls – bei den Männern von aktuell 82,7 Jahren auf 90,6 im Jahr 2070. Bei den Frauen sind es 86,1 respektive 92,7 Jahre.

Gemäss diesem Szenario beträgt die ständige Wohnbevölkerung in 30 Jahren 11,4 Millionen und in 50 Jahren 13 Millionen. Die Zahl der Personen ab 65 Jahren wird sich bis 2070 mehr als verdoppeln. 2050 zählt diese Altersgruppe 2,8 Millionen – was einem Anteil von 24,9 Prozent an der Gesamtbevölkerung entspricht, im Jahr sind es 3,4 Millionen Menschen (26%). Der Altersquotient steigt bis 2050 auf 45,6 und bis 2070 auf 48,9.

Im Vergleich zu den beiden obigen Szenarien geht das «tiefe» Szenario von einem geringeren Wirtschaftswachstum aus. Der Wanderungssaldo verharrt hier bis 2030 bei der Marke von schätzungsweise 40’000, sinkt danach und pendelt sich ab 2040 bei rund 20’000 Personen ein. Die zusammengefasste Geburtenziffer nimmt von derzeit 1,50 Kindern pro Frau ab und stabilisiert sich kurz nach dem Jahr 2050 bei 1,41. Die Lebenserwartung der Männer steigt zwischen 2020 und 2070 von 81,6 Jahren auf 86,7 Jahre und die der Frauen von 85,3 Jahren auf 89,7 Jahre.

Gemäss dem «tiefen» Szenario umfasst die ständige Wohnbevölkerung 9,5 Millionen. Kurz darauf nimmt sie langsam ab und liegt 2070 bei 9,4 Millionen. Die Zahl der Personen ab 65 Jahren steigt bis 2050 auf 2,5 Millionen (26,4%) und bis 2070 auf 2,7 Millionen (28,3%). Der Altersquotient beträgt in 30 Jahren 47,5 und in 50 Jahren 52,1.

Migration ist entscheidend

Schon seit rund 50 Jahren ist die Geburtenziffer zu niedrig, um eine Erneuerung der Generationen zu ermöglichen. Ohne Zuwanderung und ohne die Erhöhung der Lebenserwartung wäre die Bevölkerung der Schweiz schon seit einigen Jahren rückläufig. Dass die Geburtenziffer künftig stark genug steigt, um ein Bevölkerungs­wachstum herbeizuführen, ist nicht zu erwarten.

Einen kleinen Beitrag zum Bevölkerungswachstum in der Schweiz wird indes die weitere Zunahme der Lebenserwartung leisten. Bei Kindern und Personen im erwerbsfähigen Alter ist die Sterblichkeit allerdings bereits sehr niedrig. Daher wird die höhere Lebenserwartung nur in der Gruppe der älteren Menschen zu einem zahlenmässigen Zuwachs führen und sich auf andere Altersgruppen diesbezüglich kaum auswirken. Deren Wachstum wird grösstenteils von den Migrationszahlen bestimmt. Sobald die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer gealtert sind und langsam aussterben, hängt das Bevölkerungswachstum somit fast ausschliesslich von der Migration ab.

  1. BFS (2020). Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz und der Kantone 2020–2050, Neuenburg, 28. Mai. []

Dr. sc. math., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sektion Demografie und Migration, Bundesamt für Statistik (BFS), Neuenburg

Dr. sc. math., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sektion Demografie und Migration, Bundesamt für Statistik (BFS), Neuenburg