Die Volkswirtschaft

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Es ist erstaunlich, dass in einer globalen Pandemie, in der sich die wirtschaftlichen Bedingungen auf einem depressiven Niveau befinden, die globalen Aktien- und Kreditmärkte boomen. Den Hauptgrund dafür sehe ich darin, dass die führenden Zentralbanken weltweit Vermögenswerte in Höhe von 6 Billionen Dollar kauften.

Mit dieser «quantitativen Lockerung» stützten die Zentralbanken bereits in der Finanzkrise von 2008 erfolgreich den Kredit- und Wohnungsmarkt. Der Aufkauf von Staatsanleihen und die Tatsache, dass Anleger auf der Suche nach höheren Renditen gezwungen waren, mehr Risiken einzugehen, trieben Aktienmärkte und Immobilienpreise in die Höhe.

Seit 2007 hat sich beispielsweise die Bilanz der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) mehr als versiebenfacht. Das Fed ist inzwischen bereit, Kreditrisiken zu übernehmen, und kauft nicht nur Anleihen von Unternehmen mit Investment-Grade, sondern sogar Schrottpapiere von «gefallenen Engeln», also von Unternehmen, die eine Herabstufung auf Sub-Investment-Grade erfahren haben.

Abgekoppelte Anleihen

Mit dieser Geldpolitik steht das Fed nicht allein da, auch andere Zentralbanken kaufen fleissig Wertpapiere. Das hat zur Folge, dass sich die Preise für Vermögenswerte von der zugrunde liegenden Leistung der jeweiligen Volkswirtschaften abkoppeln und sich nicht mehr als Gesundheitschecks für die Konjunktur eignen. Weder spiegeln die Renditen der Bundesanleihen in Deutschland die wirtschaftliche Realität des Landes wider, noch sind die «Credit Spreads» von Hochzinsanleihen in den USA Ausdruck der für dieses Jahr zu erwartenden Ausfallrate. Die Tatsache, dass die globalen Aktienmärkte während der aktuellen Krise um relativ bescheidene 35 Prozent gefallen sind, verglichen mit über 50 Prozent während vergangener Rezessionen, belegt die Macht der Liquidität und die Verzerrungen, die sie bewirken kann.

Das Problem ist, dass sich die Volkswirtschaften nach der Finanzkrise nie vollständig erholt haben. Die Zinssätze wurden verfrüht wieder angehoben, obwohl die Inflation hartnäckig unter dem Ziel blieb. Fiskalpolitische Massnahmen wurden vernachlässigt, obwohl die Möglichkeit bestand, zu negativen Zinssätzen Kredite aufzunehmen und die Erträge zur Neupositionierung für produktiveres und umweltfreundlicheres Wachstum zu verwenden. Die übermässige Abhängigkeit von Zentralbanken, die mit begrenzten Möglichkeiten Anreize schaffen sollten, hat destabilisierend gewirkt. Die Zinssätze wurden niedrig und Zinskurven flach gehalten, wodurch das Geschäftsmodell der Banken untergraben wurde.

Dieser Ansatz hat ausserdem für die Renten- und Lebensversicherungsbranche ein Problem geschaffen, da langfristige Anlagen nur minimale Renditen bieten. Bestraft wurden diejenigen, die von festen Einkommen abhängig sind. Leider besteht nur wenig Aussicht auf Veränderung. Während tiefgreifende geld- und fiskalpolitische Massnahmen das Wirtschaftswachstum wiederherstellen, entsteht auch eine schwere Schuldenlast. Diese verlangt langfristig nach niedrigeren Zinsen und führt dazu, dass der Aufkauf von Vermögenswerten weiterhin eines der wichtigsten geldpolitischen Instrumente bilden wird. Ob es uns gefällt oder nicht – wir leben in einer verzerrten Welt.

Chefökonom, Zurich Insurance Group

Chefökonom, Zurich Insurance Group