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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Verschuldung: Dem Kollaps nahe?»

KMU-Kredite retten Arbeitsplätze

Der Bund hat während der Pandemie mehrere Milliarden Franken an Unternehmenskrediten garantiert. Damit konnten kurzfristig Jobs erhalten werden. Um mittelfristig zu überleben, müssen KMU in neue Geschäftsmodelle investieren.

Plexiglashersteller gehören zu den Gewinnern der Corona-Krise: Firma Neoplex in Zürich. (Bild: Keystone)

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Im März startete der Bund – in Zusammenarbeit mit den Bürgschaftsgenossenschaften, Geschäftsbanken und der Schweizerischen Nationalbank – ein Kreditprogramm, um kleinen und mittleren Unternehmen über Liquiditätsengpässe hinwegzuhelfen. Eine erste Analyse zeigt, dass die Kredite kurzfristig Arbeitsplätze erhalten. Ein geretteter Arbeitsplatz erhöht das Bundesdefizit jedoch um etwa 40’000 bis 52’000 Franken. Vor dem Hintergrund der tiefen Zinsen ist dieses Kreditausfallrisiko für den Bund wohl tragbar. Um die Arbeitsplätze längerfristig zu erhalten und den Strukturwandel nicht zu behindern, sollten Firmen mit Covid-19-Krediten jedoch in neue Maschinen und Anlagen investieren dürfen. Zudem fiele es den Firmen leichter, die Kredite zurückzuzahlen, wenn das Programm mit einer expansiveren Geld- und Fiskalpolitik einhergehen würde.

Ende März 2020 treffen bei einer Stadtberner Detailhändlerin schlechte Nachrichten ein: Aufgrund von Liquiditätsengpässen infolge der Corona-Krise kündigt ein Grosskunde an, dass Rechnungen erst in drei Monaten bezahlt werden. Löhne, Mieten und Vorprodukte muss die Chefin der Firma natürlich trotzdem bezahlen. Sie beantragt daher bei der Hausbank einen Covid-19-Kredit. Eine halbe Stunde später teilt die Bank mit, dass im E-Banking ein neues Konto mit einer Kreditlinie von 40’000 Franken verfügbar sei.

Diese wahre Geschichte illustriert zwei wichtige Punkte des Covid-19-Kreditprogramms. Erstens stellt das Programm kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) schnell und unkompliziert Kredite zur Verfügung. Zweitens wird eine Evaluation des Programms dadurch erschwert, dass hauptsächlich diejenigen Firmen einen Kredit beantragen, die in Schwierigkeiten geraten.

In einer Studie vom August 2020 habe ich untersucht, wie das Kreditprogramm funktioniert: Wie rege wird es genutzt? Retten die Kredite Arbeitsplätze? Und: Gibt es Verbesserungspotenzial?[1]

Wie funktioniert das Programm?

Mit der Covid-19-Solidarbürgschaftsverordnung hat der Bundesrat im März eine vorübergehende Grundlage geschaffen, um KMU schnell und unkompliziert Liquiditätshilfen zur Verfügung zu stellen. Die vom Bund garantierten Kredite richten sich explizit an KMU, die durch die Covid-19-Krise Umsatzeinbussen erlitten haben. Allerdings war dieses Kriterium meines Wissens in der Praxis kaum relevant – vermutlich, weil fast alle KMU Umsatzeinbussen erlitten. Das Programm stützt sich auf eine Zusammenarbeit zwischen Bund, Bürgschaftsgenossenschaften, Geschäftsbanken und der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

Betroffene KMU können auf der Website Covid19.easygov.swiss einen Antrag ausfüllen und an ihre Hausbank senden. Die Bank prüft lediglich, ob der Antrag komplett ausgefüllt ist und ob gewisse Mindestanforderungen erfüllt sind. Die Firma erhält so innerhalb weniger Stunden einen Kredit von maximal 10 Prozent des Umsatzes des Jahres 2019; die Obergrenze liegt bei 500’000 Franken. Der Zins beträgt im ersten Jahr 0 Prozent, und die Kredite haben eine Laufzeit von 5 Jahren. Die Bürgschaftsgenossenschaften sprechen dafür eine Solidarbürgschaft, deren Ausfallrisiko der Bund zu 100 Prozent trägt.

Wenn eine Firma einen Kredit von mehr als 500’000 Franken benötigt, kann sie am Covid-19-Plus-Programm teilnehmen. Hier liegt die Obergrenze bei 20 Millionen Franken. Im Unterschied zum KMU-Programm trägt der Bund das Ausfallrisiko beim Plus-Programm aber nur zu 85 Prozent. Da die Bank nun ein Kreditrisiko trägt, führt sie eine vertiefte Prüfung durch, die einige Tage dauern kann. Zudem kann die Bank im ersten Jahr einen Zins von 0,5 Prozent verlangen. Schliesslich muss eine Bürgschaftsgenossenschaft den Antrag freigeben.

Die SNB stellt sicher, dass die Liquiditätsprobleme der KMU nicht zu den Geschäftsbanken transferiert werden und so die Finanzstabilität gefährden. Die Überlegung dabei ist folgende: Anders als zum Beispiel für Bundesobligationen existiert kein Markt für diese Kredite. In den Bilanzen der Geschäftsbanken werden die Covid-19-Kredite daher als illiquide Positionen aufgeführt. Damit die Geschäftsbanken über genügend Liquidität verfügen, leiht die SNB den Banken Geld aus und akzeptiert Covid-19-Kredite als Sicherheit. Die SNB wiederum würde ohne Garantie des Bundes diese Kredite nicht als Sicherheit akzeptieren, weil sie ein zu hohes Ausfallrisiko tragen.

Somit schliesst sich im Covid-19-Kreditprogramm der Kreis: Das KMU erhält einen Kredit von der Hausbank. Die Hausbank erhält einen Kredit von der SNB. Beides wird dadurch ermöglicht, dass die Bürgschaftsgenossenschaften eine Solidarbürgschaft sprechen, deren Ausfallrisiko vom Bund getragen wird.

Jedes fünfte Unternehmen betroffen

Vor allem im März und im April sind die beiden Covid-19-Kreditprogramme rege genutzt worden (siehe Abbildung 1). Mitte August hielten 22 Prozent aller Schweizer Unternehmen einen Covid-19-Kredit. Das Gesamtvolumen der Kredite ist mit 16,8 Milliarden Franken beachtlich.

Abb. 1: Anteil Firmen mit Covid-19-Kredit (Ende März bis Juli 2020)

Anmerkung: KMU und Grossunternehmen kumuliert. Anzahl Firmen für das Jahr 2020 sind linear extrapolierte Werte basierend auf offiziellen Daten von 2011 bis 2017. Die Frist für Kreditgesuche endete am 31. Juli 2020.

Quelle: Seco, BFS, Berechnungen Kaufmann / Die Volkswirtschaft

Im ersten Halbjahr 2020 beanspruchten vor allem KMU die Kredite (siehe Abbildung 2). Das durchschnittliche Kreditvolumen war mit 123’000 Franken relativ tief. Lediglich 0,8 Prozent aller Kredite stammten aus dem Covid-19-Plus-Programm; volumenmässig sind es 18 Prozent.

Abb. 2: Volumen und Anzahl der Covid-19-Kredite nach Unternehmensgrösse (1. Halbjahr 2020)

Anmerkung: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind Firmen mit weniger als 250 Mitarbeitenden.

Quelle: Seco, Berechnungen Kaufmann / Die Volkswirtschaft

Wie stark haben die Banken die Absicherung[2] durch die SNB in Anspruch genommen? Das abgesicherte Volumen betrug Ende Juni 10,1 Milliarden Franken. Somit hinterlegten die Geschäftsbanken etwa zwei Drittel des Covid-19-Kreditvolumens bei der SNB als Sicherheit, um sich zusätzliches Geld zu leihen.

Eine Besonderheit des Covid-19-Kreditprogramms ist, dass das bestehende Netzwerk der Geschäftsbanken und Bürgschaftsgenossenschaften genutzt wird. Dies bietet mindestens zwei Vorteile. Erstens sorgen die bestehenden Kundenbeziehungen zwischen KMU und Geschäftsbanken für eine rasche Abwicklung. Zweitens kennen Banken und Bürgschaftsgenossenschaften die KMU besser als die SNB oder der Bund. Dadurch können Ausfallrisiken besser beurteilt und Betrugsfälle schneller identifiziert werden. Betrugsfälle betreffen insbesondere falsche Umsatzangaben, Mehrfachanträge, Firmen in Liquidationsverfahren oder Kreditverwendung für Dividendenzahlungen. Dieser dezentrale Ansatz scheint in der Praxis gut zu funktionieren.

Im August befanden sich 839 mögliche Betrugsfälle in Abklärung. Diese Fälle machen nur gerade 0,6 Prozent aller gewährten Kredite aus. In knapp 15 Prozent der 318 bereits abgeklärten Verdachtsfälle kam es zu einer Anzeige.

Kredite retten Jobs

Um den Einfluss der Kredite auf den Arbeitsmarkt zu beurteilen, sind aus wirtschaftspolitischer Sicht vor allem die sogenannten Angebotseffekte relevant. Ich habe daher untersucht, um wie viel Prozent die Arbeitslosenrate sinkt, wenn das Angebot an Covid-19-Krediten um 100’000 Franken erhöht wird. Erschwerend wirkte bei der Analyse, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Krediten auch von sogenannten Nachfrageeffekten beeinflusst wird. So verzeichnen Firmen, die Covid-19 Kredite nachfragen, vermutlich besonders starke Umsatzeinbussen. Ein höheres Kreditvolumen kann deshalb – aufgrund dieser Nachfrageeffekte – mit mehr Entlassungen und einer höheren Arbeitslosigkeit einhergehen.

Um die Angebotseffekte des Covid-19-Programms zu isolieren, habe ich Kontrollvariablen verwendet, die auf kantonalen Daten beruhen. Die so durchgeführten Schätzungen zeigen einen negativen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenrate und Covid-19-Krediten. Sprich: In Kantonen mit einem höheren Angebot an Covid-19-Krediten ist die Arbeitslosigkeit tiefer.

In einem weiteren Schritt habe ich in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Statistik (BFS) sogenannte Instrumentalvariablen konstruiert, die mit den Angebotseffekten korrelieren, nicht jedoch mit den Nachfrageeffekten. Auch diese Schätzungen weisen darauf hin, dass ein höheres Kreditangebot die Arbeitslosigkeit reduziert. Um eine zusätzliche Stelle zu retten, muss sich das Kreditangebot in einem Kanton beispielsweise um 345’000 bis 455’000 Franken ausweiten. Eigene Berechnungen weisen auf eine jährliche Kreditausfallwahrscheinlichkeit von 11,5 Prozent hin. Somit erhöht eine zusätzliche Stelle das Bundesdefizit nach einem Jahr um 40’000 bis 52’000 Franken.

Trotzdem scheint dieser hohe Betrag vertretbar zu sein. Einerseits führen Entlassungen zu einer stärkeren Belastung der Sozialwerke, insbesondere der Arbeitslosenversicherung. Andererseits sind die Kosten dieser Defizite aufgrund der negativen Renditen für Bundesanleihen gering.

Investitionen erlauben

Für die ersten vier Pandemiemonate in der Schweiz lässt sich sagen: Das Covid-19-Kreditprogramm hat bisher gut funktioniert und Arbeitsplätze gerettet. Ist also alles in bester Ordnung? Nein. Denn die schwierige, aber wichtige Frage, ob diese Arbeitsplätze auch längerfristig gesichert sind, ist noch nicht beantwortet.

Dabei spielen mindestens zwei Faktoren eine wichtige Rolle. Erstens, falls nicht bald ein Impfstoff oder ein Medikament gegen Covid-19 gefunden wird, müssen sich Firmen den neuen Gegebenheiten anpassen. Manche bisherige Geschäftsmodelle sind derzeit nicht mehr profitabel. Diese Firmen müssen also in neue Geschäftsmodelle investieren, um zu überleben. Leider verbietet die Covid-19-Solidarbürgschaftsverordnung, in neue Maschinen und Anlagen zu investieren. Es ist daher zu begrüssen, dass der Bundesrat im neuen Gesetzesentwurf dem Parlament vorschlug, dieses Investitionsverbot aufzuheben.

Zweitens bedeutet ein Nominalzins von 0 Prozent nicht unbedingt, dass Firmen den Kredit auch zurückzahlen können. Dies hängt auch von der zukünftigen Umsatzentwicklung, das heisst der Preis- und der Mengenentwicklung, ab. Eine expansivere Geld- und Fiskalpolitik würde Preise und abgesetzte Menge erhöhen, wodurch eine Rückzahlung einfacher möglich wäre. Dies bedeutet, dass die Covid-19-Kredite keinen Ersatz für konjunkturpolitische Massnahmen bilden, sondern eher komplementär wirken.

Zu guter Letzt: Wie hat sich das Stadtberner KMU geschlagen? Tatsächlich konnte die Chefin den Grosskunden überzeugen, die Rechnungen wieder monatlich zu begleichen. Die Kreditlinie musste sie bisher nicht verwenden. Der Covid-19-Kredit hat ihr vor allem eines gebracht: Sicherheit.

  1. Kaufmann, Daniel (2020). Does Government-backed Lending Prevent Unemployment? An Assessment of the Swiss Covid-19 Lending Program, Universität Neuenburg, 19. August. []
  2. Sogenannte SNB-COVID-19-Refinanzierungsfazilität (CRF). []

Assistenzprofessor, Universität Neuenburg, und Research Fellow, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Assistenzprofessor, Universität Neuenburg, und Research Fellow, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich