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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Von Marktschreiern, Lobbyistinnen und Influencern»

Die Kirche – Grundstein der modernen Wirtschaftsordnung?

Der moderne Sozialstaat fusst auf christlichen Prinzipien wie dem Gemeinwohl und der Barmherzigkeit. In der globalisierten Welt haben diese Konzepte nichts von ihrer Gültigkeit eingebüsst.

Der wohl wichtigste Influencer der katholischen Kirche: Papst Franziskus begrüsst Pilger im Vatikan. (Bild: Keystone)

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Die christliche Kultur ist eine wesentliche Wurzel des modernen Sozialstaates. Prägende Konzepte der katholischen Theologie sind die «Kultur der Barmherzigkeit» und die «Gemeinwohltheorie» – unter Berücksichtigung der Bedürftigen und des Weltgemeinwohls der gesamten Menschheitsfamilie. Diese Konzepte fussen auf Prinzipien wie dem Vorrang der Person vor dem Kapital, der Subsidiarität, der Solidarität und der Nachhaltigkeit. Doch mit der Theorie allein ist es nicht getan: Kirchen und Theologen müssen sich aktiv beteiligen, um die anstehenden Probleme in einer globalisierten Welt zu lösen.

Der Titel dieses Beitrags mag manche Lesende stutzig machen: Was hat denn die Kirche, dazu noch die katholische, mit der modernen Wirtschaft zu tun? Nun, mehr als man auf den ersten Blick meint. Der irische Althistoriker Peter Brown machte in seinem 2012 erschienenen Buch «Der Schatz des Himmels – Der Aufstieg des Christentums und der Untergang des römischen Weltreichs» auf die ambivalente Beziehung von Christentum und Wirtschaft aufmerksam. Einerseits kritisierten die Kirchenväter des 3. bis 5. Jahrhunderts den Reichtum als Lebensziel gemäss dem Spruch Jesu, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr leichter gehe, als ein Reicher in die Herrlichkeit des Himmels gelange. Sie übten eine starke Sozialkritik aus, betrachteten die Armen als den Schatz der Kirche und förderten eine Kultur der Barmherzigkeit – das heisst die Fürsorge und die Umverteilung zugunsten der Armen. Dies zu tun, sei der beste Weg, um einen «Schatz im Himmel» zu haben.

Andererseits fand zwischen den Jahren 350 und 600 ein bedeutsamer Wandel statt, als die Eliten der Spätantike in die Kirche hineinströmten und Bischofssitze und weitere wichtige Ämter besetzten: Nun diente die Rede vom «Schatz im Himmel» vielfach dazu, Schätze in der Kirche selbst zu sammeln. Diese Ambivalenz hat den weiteren Verlauf des Christentums geprägt: Der Reichtum der Kirche, die Fürsorge für die Armen und das Schicksal der Seele waren oft miteinander verbunden.

Als Grundsäule einer christlich geprägten Gesellschaft und Wirtschaft blieb die Kultur der Barmherzigkeit weiterhin prägend. Ihr verdanken wir die Entstehung der ersten Form des «Sozialstaates» in der europäischen Kultur: Getragen vom Gedanken, dass ihr Einsatz für die Notleidenden dem eigenen Heil förderlich sei, stifteten fromme, vermögende Christen Spitäler für Kranke und Herbergen für Arme und Pilger, die dann zumeist von dafür entstandenen Ordensgemeinschaften oder Laienbruderschaften betreut wurden. Ein gutes Beispiel dieses «Stiftens für das Seelenheil» in der Schweiz ist das Testament der Bernburgerin Anna Seiler. Im Jahr 1354 stiftete sie einen Grossteil ihrer Besitztümer und Einkünfte, damit ein Spital «für 13 bettlägrige und bedürftige Personen» errichtet werden könne, das «stets und ewig» bestehen solle. Aus dieser Stiftung entstand im Laufe der Zeit das Berner Inselspital – heute eines der grössten Spitäler der Schweiz. Andere Stiftungen kamen freilich Kirche und Klerus selbst zugute und mehrten deren Reichtum, was eine der Ursachen für die Reformation in Teilen Europas war.

«Fördern und fordern»

Vergleicht man die Interventionen des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger beim Rat zur Frage der Armutsbekämpfung (1558 und 1572) mit der einige Jahrzehnte zuvor erschienenen Schrift des Spaniers Juan Luis Vives «Über die Unterstützung der Armen» (1526) für die katholische Stadt Brügge, so merkt man: Beide Zweige des Christentums wurzeln in der sogenannten Kultur der Barmherzigkeit. Neu ist im 16. Jahrhundert, dass die Kommunen und Staaten anfangen, die Armenfürsorge als eine eigene Aufgabe zu betrachten, und die Kirche nicht mehr das Monopol dafür hat. Von dort bis zum modernen Sozialstaat ist der Weg nicht mehr weit. Übrigens bestand das Konzept Vives’ in «Fördern und fordern», das heisst Unterstützung der Bedürftigen, aber auch Ermutigung zur Selbsthilfe, etwa durch den Einsatz bei kommunalen Arbeiten oder die Ermöglichung einer beruflichen Ausbildung.

Ein anderer Aspekt von bleibender Aktualität ist der Beitrag von Theologen und Kirchen zum Verständnis des Gemeinwohls als weitere Säule und Konzept einer gerechten Wirtschaftsordnung. Es genügt hier, auf den «spanischen» Theologen Francisco de Vitoria (1483–1546) zu verweisen. Ausgehend vom naturrechtlichen Universalismus, postulierte er, dass am Anfang der Welt alles allen gehörte. Das Privateigentum sei gleichwohl legitim, weil die Menschen es mit der Zeit und durch allgemeinen Konsens aufgrund seiner Nützlichkeit so eingerichtet hätten. Aber dieses, so Vitoria, behalte sozusagen eine «soziale Hypothek», sofern es dem Gemeinwohl des gesamten Gemeinwesens zu dienen hat.

Gemeinwohl hat Vorrang

Dass das Privateigentum durch menschliches Recht eingeführt wurde, ist laut Vitoria der Grund dafür, warum in Ausnahmefällen das zugrunde liegende Gemeineigentum Vorrang hat. Ausnahmen sind etwa extreme Not oder ein Eingriff des Staates zugunsten des Gemeinwohls. Nach Vitoria wäre allerdings zu berücksichtigen, dass das Individuum als freies Rechtssubjekt dem staatlich verordneten Gemeinwohl «nicht restlos» ausgeliefert ist, denn das Gemeinwohl setzt sich aus dem Wohl der Einzelnen zusammen. Deswegen behalte das Privateigentum seine grundsätzliche Berechtigung, sodass man in einem christlich geprägten Staat eine gute Balance zwischen Gemeinwohl, Privateigentum und einer Kultur der Barmherzigkeit finden müsse. Dazu gehört auch ein Perspektivenwechsel. Der spanische Theologe Bartolomé de Las Casas (ca. 1484–1566) forderte daher, man müsse die Dinge aus der Sicht der Ärmsten – «wie wenn wir Indianer wären» – betrachten.

Am deutlichsten hat die katholische Kirche die moderne Wirtschaftsordnung durch ihre Soziallehre beeinflusst. Diese gründet auf dem sozialen Rundschreiben «Rerum novarum» aus dem Jahr 1891. Seither ist sie stetig fortgeschrieben worden – zuletzt im Oktober 2020 mit «Fratelli tutti» von Papst Franziskus. Die katholische Soziallehre will «Richtlinien für ein ethisch verantwortbares Handeln» erarbeiten, aber keine konkreten Lösungen für die anstehenden Probleme anbieten.

Die Konkretisierung erfolgt lokal unterschiedlich und obliegt den jeweiligen Wissenschaftlern (inklusive Theologen), Politikern, Sozialpartnern und Wirtschaftsführern. Diese müssen sich aber an die Richtlinien der Soziallehre halten. So gilt es das Gemeinwohl der jeweiligen Gesellschaft, aber auch der Weltgesellschaft oder Menschheitsfamilie zu berücksichtigen. Im Zentrum soll stets der Mensch stehen – und nicht das Kapital. Weitere Grundsätze sind die Subsidiarität (partizipative Strukturen der Mitbestimmung in den Unternehmen, den Organisationen und den Staaten) sowie die Solidarität und die Nachhaltigkeit.

Alle diese Prinzipien sind aus der heutigen Wirtschaftsordnung nicht mehr wegzudenken; und sie sind in ihrer Herkunft nicht exklusiv christlich. Vielmehr zeigt sich darin eine Konvergenz zwischen christlicher Sozial- oder Wirtschaftsethik mit dem modernen Rechts- und Sozialstaat, der auch von anderen Strömungen wie Sozialismus und Liberalismus geprägt worden ist.

Taten statt Worte

Für das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) besteht die politische Gemeinschaft um des Gemeinwohls willen, in dem sie «ihre letztgültige Rechtfertigung und ihren Sinn» hat und aus dem sie «ihr ursprüngliches Eigenrecht» ableitet. Das Gemeinwohl darf dabei nicht auf den einzelnen Staat eingeschränkt werden, sondern muss «dem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen». In dieser Denktradition enthält die kirchliche Soziallehre bekannte Wortschöpfungen wie etwa «Globalisierung der Solidarität». Klar ist: Der Weg zu einer gerechteren Wirtschaftsordnung ist auch heute noch weit.

Welche globale Instanz sollte zum Beispiel entscheiden, wie man unter Beachtung des Weltgemeinwohls und der vorrangigen Sorge um die Notleidenden beziehungsweise Rechtlosen die Migrationsbewegungen lenken oder die Ressourcen verteilen kann, damit wirklich alle Menschen das Recht auf «Life, Liberty and the Pursuit of Happiness» wahren können, von dem die amerikanische Verfassung spricht und das wir als globale Aufgabe verstehen sollten? Und nach welchen Kriterien sollen diese Entscheidungen getroffen werden? Wie soll man bei der Güterabwägung mit Konfliktsituationen umgehen? Wie soll die heute in vielen Diskussionsforen vorhandene Neigung zum anthropologischen Optimismus mit der alten theologischen und philosophischen «Konkupiszenzlehre», wonach der Mensch auch ein fehlbares, zur Habgier neigendes Wesen ist, zusammengedacht werden? Die letzte Finanzkrise dürfte die Fehlbarkeit des Menschen wieder einmal deutlich gezeigt haben.

Angesichts dieser Fragen ist von Kirchen und Theologen zu erwarten, dass sie nicht bei der Aufstellung von Handlungsprinzipien stehen bleiben, sondern in die weltliche Arena absteigen und zur Gestaltung einer gerechteren Wirtschaftsordnung mit konkreten Vorschlägen beitragen.

Professor für Kirchengeschichte, Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog, Universität Freiburg

Professor für Kirchengeschichte, Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog, Universität Freiburg