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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Die Grenzen der Versicherbarkeit»

In Gottes Handwerk pfuschen

Vorsichtsmassnahmen, um Naturkatastrophen abzuwehren, galten früher als ketzerisch. Doch die Geschichte der Vorsorge und der Versicherung zeigt auch: Der Kampf gegen die Risiken der Natur stärkte das Vertrauen in den Staat – aber schwächte die Eigenverantwortung und das Bewusstsein für Gefahren.

Die Kanalisierung der Linth war ein gigantisches Projekt im Kampf gegen Überschwemmungen im 19. Jahrhundert. Linthkanal bei Reichenburg zwischen Zürich- und Walensee. (Bild: Keystone)

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Die Corona-Krise hat uns vor Augen geführt, wie wichtig Vorsorge ist. Im besten Fall kann sie Leid und Schaden verhindern oder zumindest abmildern. Doch sie kann auch zum Konfliktherd werden, wenn sie den Menschen zu weit geht oder sinnlos erscheint. ­Neu ist diese Bedeutung von Vorsorge für unsere Gesellschaft jedoch nicht. Vielmehr geht sie zurück auf eine lange, wechselvolle Geschichte. Im Mittelpunkt standen dabei nicht allein Seuchen und ihre Bekämpfung. Es waren vor allem Naturkatastrophen, die Vorsorge auf den Plan riefen und zu immer neuen Ideen motivierten.

Die Schutzmaske im Bus oder das Desinfizieren der Hände vor dem Eintreten in den Supermarkt: Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die zeigen, wie präsent Vorsorge momentan in unserem Alltag ist. Doch Vorsorge – das heisst Vorsichtsmassnahmen treffen, um das Risiko zukünftiger Schadensfälle zu mindern – gibt es nicht erst seit der Corona-Pandemie. Vielmehr ist ihre Geschichte so alt wie die gesamte Menschheitsgeschichte.

Schon immer hatten Menschen mit Gefahren zu kämpfen und entwickelten daher Strategien, mit ihnen umzugehen. Vorsorgliche Massnahmen erschienen stets als vielversprechend, weil sie die Hoffnung nährten, Schäden schon von vornherein zu verhindern. Man bereitete sich also in der Gegenwart auf zukünftige Gefahren vor, auf Kriege genauso wie auf Seuchen, Unfälle und Katastrophen. In der jüngeren Geschichte kamen auch Versicherungen gegen Verarmung und Arbeitslosigkeit hinzu. So hoffte man, ihnen zuvorzukommen.

Solche Vorkehrungen, die uns heute auf Anhieb einleuchten, stiessen jedoch nicht immer auf Gegenliebe. Im Mittelalter galten sie vielen als ketzerisch, weil sie in Gottes Handwerk pfuschten und die Vorsehung untergruben. Gleichwohl finden wir bereits in dieser Epoche viele Fälle, in denen Menschen sich eben nicht ihrem Schicksal hingaben oder allein auf Gebete setzten, sondern vielmehr aktiv die Zukunft zu beeinflussen suchten. Auffallend häufig ging es dabei um Naturgefahren, Überschwemmungen, Bergstürze und Extremereignisse, die fest zum Alltagsleben gehörten. Bis etwa in die Mitte des 18. Jahrhunderts blieben Eingriffe in die Natur, um Gefahren abzuwehren, jedoch Einzelfälle.

Technikeuphorie bricht aus

Mit der Industrialisierung und der Staatenbildung im 19. Jahrhundert wendete sich das Blatt. Naturkatastrophen galten als Bremsklotz für den wirtschaftlichen Aufschwung, ihre Bekämpfung bedeutete Fortschritt. Zudem konnte ihre erfolgreiche Abwehr das Nationalgefüge und das Vertrauen in den Staat stärken. So auch in der Schweiz: Grossbaustellen wie die damals so genannte «Korrektion» der Linth hatten trotz ihres hohen Konfliktpotenzials vor allem eine einigende Wirkung und symbolisierten menschliche Gestaltungsmacht gegenüber einer vermeintlich wilden Natur. Sie waren gigantische Vorsorgeprojekte, die die Gefahr von Überschwemmungen abstellen sollten. Zugleich kapitalisierten sie Flüsse in Form von Anleihegeschäften, intensivierten den Schiffsverkehr und schufen Anbauflächen.

Zur selben Zeit entdeckten Kunst, Musik, Literatur und Schaustellerei die Naturkatastrophe als populäres Sujet, von dem eine breite Faszination ausging. Renommierte Künstler wie William Turner oder Philip James De Loutherbourg malten sie als abstossend und anziehend zugleich. Sie machten Extremereignisse wie Überschwemmungen und Erdbeben für breite Kreise erfahrbar und sorgten dafür, dass solchen Ereignissen mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteilwurde.

Die technische Prävention in Form von Flussbegradigungen oder Lawinenverbauungen machte Schule. Und sie zeigte schnellen Erfolg. Viele kleinere, alltägliche Schäden wie vernichtete Ernten, vollgelaufene Keller oder zerstörte Dächer gingen zurück. Krankheiten wie Malaria und Cholera liessen sich eindämmen. Doch die langfristige umfassende Beseitigung von Naturgefahren, die man sich anfänglich versprochen hatte, blieb aus. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass die geringeren Risiken wiederum neue Begehrlichkeiten weckten: Die Menschen siedelten enger an Flüsse und konzentrierten immer höhere Vermögenswerte in Gefahrenregionen.

Doch das Gefühl von Sicherheit, das die technische Prävention hervorgerufen hatte, war trügerisch. Oftmals reichte schon eine Überschwemmung gerade erst begradigter Flüsse, um grösseren Schaden anzurichten als Dutzende Hochwasser zuvor. Darüber hinaus konnte sich schnell Vorsorgefrust einstellen, wenn die Berechnungen und Vorhersagen der Präventionsexperten nicht aufgingen. Das zeigten etwa die Vorfälle am Kilchenstock über dem Glarner Dorf Linthal, als der Ort 1924 gleich mehrfach evakuiert wurde und man grosse Schutzwälle errichten liess, der Katastrophenfall – der erwartete Bergsturz – aber ausblieb.

Versicherungen wittern Geschäft

Aus dieser Vorsorgeproblematik liess sich Profit schlagen, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen neuen, jedoch schon damals gut bekannten Akteur auf den Plan rief: die Versicherung. Ihr Geschäftsmodell war es, im Schadensfall finanziell zu kompensieren. Im Gegensatz zur bis anhin bekannten technischen Vorsorge versuchte sie jedoch nicht, die Naturgefahr als solche zu verhindern. Vielmehr federte sie im Nachhinein den wirtschaftlichen Schaden ab.

Lange Zeit hatte sich die Branche eher zurückgehalten, sich auf Feuer und Hagel beschränkt. Andere Naturgefahren wie Überschwemmungen oder Erdbeben schienen unkalkulierbar, ihre Schäden viel zu gross. Erst als sich um 1900 Rückversicherer wie Swiss Re und Munich Re in Kooperation mit Erstversicherern und staatlichen Behörden vorwagten, nahm ein neuer Markt Konturen an.

Dabei profitierte die Versicherungsbranche von den Ansprüchen, welche die technische Prävention geweckt hatte. Auch konnte sie sich das neue Wissen der Natur- und Ingenieurswissenschaften zunutze machen, um Prämien genauer zu berechnen. Denn daran waren in früheren Zeiten immer wieder Versicherungsinitiativen gescheitert. Es gab kaum brauchbare Statistiken und fundiertes Wissen, mit dessen Hilfe sich Überschwemmungs- oder Erdbebenwahrscheinlichkeiten extrapolieren liessen.

Doch auch mit neuem Schwung lief das Geschäft zunächst zäh, weil die Risikokumulation unvorteilhafter war als in den meisten anderen Bereichen: Wer nicht in Fluss- oder Erdbebenregionen wohnte, schloss auch keine entsprechende Police ab, weshalb die Versicherer Gefahr liefen, nur schlechte Risiken zu sammeln. So konnte schon ein einziges Schadensereignis, wie das Erdbeben 1906 in San Francisco, ausreichen, um ganze Unternehmen zu ruinieren.

In vielen Regionen, so auch in den meisten Kantonen der Schweiz, führten die Behörden daher obligatorische Elementarschadenversicherungen ein und sorgten damit für eine breitere Risikostreuung. Ein weiterer Ausweg war es, weiter in internationale Märkte vorzudringen und dort nur einzelne Objekte, also Häuserreihen, Brücken oder Fabriken, zu versichern, um eine globale Verteilung zu erzielen.

Die Vermessung des Ungewissen

Doch es würde zu kurz greifen, die Versicherungsbranche allein auf die finanzielle Kompensation im Schadensfall zu reduzieren. Ihr Einfluss auf den modernen Markt der Vorsorge war viel breiter. Grosskonzerne wie die Swiss Re erfanden sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts als Dienstleister neuen Formats. Sie entwickelten und vertrieben Expertise im Bereich der Naturrisiken. Dazu gründeten sie eigene Forschungsabteilungen und übernahmen spezialisierte Unternehmen mit dem Ziel, das vormals Unkalkulierbare zu kalkulieren. Die Natur wurde nun endgültig berechenbar.

Hinzu kamen Ende des 20. Jahrhunderts Klima-, Katastrophen- und Risikoforscher, die nicht nur die Natur, sondern auch das menschliche Verhalten vor, während und nach der Katastrophe untersuchten. Denn der Mensch sei der Schlüssel, um moderne Gesellschaften resilient zu machen. Zusammen mit der Umweltbewegung verwiesen sie auf die Verantwortung des Menschen für seinen Planeten. Sie betonten, dass es vor allem die mangelnde Anpassungsbereitschaft des Homo oeconomicus sowie die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die vielen fatalen Eingriffe in den Kreislauf der Natur seien, welche die Gefahren verschärften. Denn Statistiken zeigten eines ganz deutlich: Die Schadenssummen nahmen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stetig zu. Das lag nicht nur daran, dass mehr versichert wurde. Die volkswirtschaftlichen Schäden insgesamt stiegen an, weil sich die Umweltbedingungen durch den Klimawandel veränderten und die Infrastruktur moderner Gesellschaften durch Industrialisierung, Urbanisierung und Bevölkerungszuwachs immer anfälliger für Katastrophen wurde.

Ungewollte Nebeneffekte

Je vielfältiger dieser Markt der Katastrophenvorsorge mit all seinen Experten, Behörden und Unternehmen wurde, desto mehr verlernte jeder Einzelne schützende Verhaltensweisen im Umgang mit den Gefahren der Natur – wie überhaupt mit äusseren Bedrohungen. Das zeigt nicht zuletzt auch die Corona-Pandemie. Die individuelle Verantwortung für Vorsorge ist in modernen Staaten fast vollständig delegiert. Vor allem in Europa setzen Regierungen eher auf Verbote und Strafen, staatliche Notreserven und Katastrophenschutzdienste. Zugleich erscheinen die meisten Naturkatastrophen genauso wie Seuchen als Ausnahmeereignisse, was sie jedoch nicht sind. Das macht wiederum ein Blick in die Geschichte deutlich. Vielmehr sind sie ein ständiger Begleiter der Menschheit.

Die Errungenschaften der Moderne, die technische Prävention genauso wie die versicherungswirtschaftliche Vorsorge, wurden der Menschheit selbst zum Verhängnis. Denn zum einen kann erfolgreiche Vorbeugung dazu führen, dass die Gefahr, gegen die sie gerichtet war, aus der Erfahrungswelt verschwindet – vor allem dann, wenn man gar nicht mehr selber für die Vorsorge verantwortlich ist. So kann sich schnell Kritik formieren, die bestimmte Massnahmen für überzogen hält, obwohl gerade diese dafür sorgen, dass die Gefahr gebannt bleibt. Impfungen zum Beispiel sorgen dafür, dass nicht nur die Krankheiten verschwinden, gegen die sie gerichtet sind, sondern auch das Bewusstsein für die Gefahr, die von ihnen ausgeht. So kann sich schnell Impfmüdigkeit einstellen. Mit anderen Worten: Je erfolgreicher ein Impfprogramm ist, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen es für unnötig halten.

Andererseits kann Vorsorge selbst Schäden hervorrufen, die vielleicht sogar das Ausmass der Gefahr übersteigen, die sie eigentlich bekämpfen wollte. Die im 19. Jahrhundert begradigten Flüsse etwa entwickelten eine viel höhere Fliessgeschwindigkeit, was wiederum zu einer grösseren Hochwassergefahr an Unterläufen führte. Ähnliches lässt sich im Seuchenfall beobachten: Lockdowns gefährden soziale Beziehungen, die Arbeitswelt und die Wirtschaft. Wer vorsorgt, muss also immer auch abwägen und neue Risiken eingehen, die zu Rezessionen und politischen oder sozialen Krisen führen können. Diese Gefahren zu berechnen, ist vielleicht die drängendste und zugleich schwierigste Herausforderung der Zukunft.

Professor für Neuere Geschichte, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Professor für Neuere Geschichte, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt