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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Von Marktschreiern, Lobbyistinnen und Influencern»

Missverstandene Ökonomen

Die Ideen berühmter Ökonomen entwickeln häufig ein Eigenleben. Wir werfen ein Streiflicht auf die Hauptbotschaften von sechs ökonomischen «Influencern».

Karl Marx musste im Laufe der Geschichte schon für vieles herhalten. Gewerkschaftsmarsch in London. (Bild: Alamy)

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Die ökonomischen Denker Adam Smith, Friedrich List, Karl Marx, Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes und Milton Friedman haben ihre Botschaften niedergeschrieben. Allerdings fällt die Wirkung manchmal anders aus als von ihnen intendiert. So wird Smith heute fälschlicherweise oft als Befürworter einer reinen Laisser-faire-Politik dargestellt. Und Marx muss als Autor einer «Fibel» für den Revolutionär herhalten. Den prägendsten Einfluss übt heute wohl Keynes’ Werk aus: Die Wirtschaftspolitik in der Corona-Krise würde ohne ihn anders ausfallen.

Ökonomen, die Bücher schreiben, wollen Einfluss nehmen. Sie wollen «Influencer» oder intellektuelle Entrepreneurs sein. Ihr Gewerbe ist die «schöpferische Zerstörung» überlieferter Lehren, Wirtschaftspolitiken und Sozialordnungen. Wir betrachten den Einfluss einiger berühmter Ökonomen: Adam Smith, Friedrich List, Karl Marx, Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes und Milton Friedman (siehe Abbildung).

Bemerkenswert ist: Sie wirken oft ganz anders als von ihnen beabsichtigt. Wenn Buchautoren im Durchschnitt klügere Leute sein sollten als ihre Leser, dann droht Ungemach: Das Missverständnis macht sich auf den Weg.

Sechs berühmte Ökonomen

Was wollte Smith?

Vom schottischen Ökonomen Adam Smith (1723–1790) heisst es, er habe in seinem 1776 erschienenen Werk «Wohlstand der Nationen» argumentiert, nichts weiter als Selbstsucht sei nötig, um gesamtgesellschaftlich vorteilhafte Ergebnisse zu erzielen. Dieses Missverständnis ist in wohlhabenden Kreisen vor allem in den USA auf fruchtbaren Boden gefallen. In der politischen Auseinandersetzung wird es zur Begründung eines reinen Laisser-faire bemüht. Aber die fragliche Auffassung hält Smith «in fast jeder Beziehung für irrig».[1] Wäre er ihr tatsächlich angehangen, hätte es dann eines Werkes bedurft, das als Teil einer «Wissenschaft des Gesetzgebers» den Weg zu guter Regierung weist? Wenn die selbstsüchtigen Handlungen der Akteure die beste aller möglichen Welten schaffen, wieso dann diese Wissenschaft? Weil die Prämisse so nicht stimmt.

Die Wirkungsweise des Eigeninteresses ist nicht segensreich, weil sie natürlicherweise allen zugutekommt. Sie ist es vielmehr nur dann, wenn Institutionen und Gesetze das Eigeninteresse dazu bringen, in Richtungen zu wirken, in denen es allgemein vorteilhaft ist. Dazu gehört unter anderem die Regulierung des Bankgewerbes, denn «die Ausübung der natürlichen Freiheit einiger weniger, welche die Sicherheit der ganzen Gesellschaft gefährden könnte, wird und muss von den Rechtsordnungen aller Staaten verhindert werden». Fazit: Smith ist ein Influencer, aber seine Botschaft wird häufig und manchmal vorsätzlich missverstanden.

List – ein Held?

Mehr als ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1841, veröffentlichte der deutsche Ökonom Friedrich List (1789–1846) «Das nationale System der Politischen Ökonomie».[2] Darin stellt er eine «Theorie der produktiven Kräfte» vor, die einem starken Staat eine zentrale Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg zuschreibt. Um die produktiven Kräfte zu entwickeln, müsse der Staat geeignete Rahmenbedingungen schaffen, darunter effektive gesellschaftliche Institutionen, die Infrastruktur ausbauen und vor allem das «geistige Kapital» fördern. Zum Schutz seiner im Aufbau befindlichen Industrien habe der Staat protektionistische Massnahmen zu ergreifen. Die von Adam Smith propagierte Freihandelspolitik schade den wenig entwickelten Ländern.

Seine Botschaft wurde gehört: Einige der aufstrebenden Länder haben ihre Märkte erfolgreich so lange abgeschottet, bis ihre Unternehmungen konkurrenzfähig wurden. In China ist Friedrich List ein Held. Protektionistische Politiken trifft man jedoch auch in entwickelten Ländern an, sobald deren Industrien ihre vormaligen Wettbewerbsvorteile einbüssen, schrumpfen oder abwandern. List ist, wie die «Neue Zürcher Zeitung» anmerkte, «Trumps Schutzpatron».[3]

Die marxsche «Fibel»

Gehörig falsch verstanden worden ist Karl Marx (1818–1883): Im «Kapital» will er das «Bewegungsgesetz» der modernen Gesellschaft enthüllen und beweisen, dass die «kapitalistische Produktionsweise» aus sich heraus einem Transformationsprozess unterliegt, der infolge einer langfristig fallenden Profitrate unausweichlich im Sozialismus endet.[4] Marx ist wissenschaftlicher und politischer Entrepreneur, sein Gewerbe die Disruption bestehender Verhältnisse – in der politischen Ökonomie und der realen Welt. Über den Sozialismus schreibt er allerdings kaum etwas.

Dies hält seine Anhänger nicht davon ab, so zu tun, als handle es sich beim «Kapital» um ein Handbuch für den Revolutionär und sozialistischen Staatsführer. Kein anderer Ökonom hat den Lauf der Geschichte im 20. Jahrhundert stärker geprägt als Marx. Ganze Länder sind in den Sog seiner Lehre geraten, mit zum Teil schwerwiegenden totalitären Folgen. Die Ironie dabei ist: Der humanistisch geprägte Influencer hätte vermutlich so manche Wirkung seines Werks nicht gutgeheissen.

Schumpeters Botschaft

Im Jahr 2000, zum 50. Todestag Joseph A. Schumpeters (1883–1950), wurde dieser in der «Business Week» als «America’s hottest economist» bezeichnet. Der in Triesch, Mähren (seinerzeit Österreich-Ungarn), geborene Schumpeter war gewiss einer der einflussreichsten ökonomischen Influencer des 20. Jahrhunderts. In der «Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung» (1912) bezeichnet er Innovationen als die wichtigste Triebkraft ökonomischer Dynamik.[5] Innovationen setzen sich in Prozessen «schöpferischer Zerstörung» durch, schaffen Neues und vernichten Altes, erhöhen Arbeitsproduktivität und Pro-Kopf-Einkommen. Die Schlüsselrolle kommt dabei dem «Unternehmer» zu, dem «Träger des Veränderungsmechanismus».

Seid innovativ, so lautet die Botschaft Schumpeters, und sie wird von der heutigen Wirtschaftspolitik gehört. Andere seiner Botschaften jedoch weniger: Wenn grosse Unternehmen zunehmend den Markt beherrschten, so führt er im 1950 erschienenen Buch «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie» aus, komme es über die erfolgende Bürokratisierung zur allmählichen Herausbildung einer sozialistischen Wirtschaftsordnung.[6] Ist Schumpeter deshalb ein verkappter Sozialist? Oder hat er vielmehr die gefährlichen Tendenzen im heutigen Datenkapitalismus vorausgesehen?

Keynes prägt Konjunkturpolitik

So aktuell Schumpeter derzeit ist, zeit seines Lebens stand er im Schatten von John Maynard Keynes (1883–1946). Der im gleichen Jahr wie Schumpeter geborene Brite beeinflusste wie kein anderer die Wirtschaftspolitik im 20. Jahrhundert. In «The Economic Consequences of the Peace» aus dem Jahr 1919 antizipierte er, noch ohne Gehör zu finden, die katastrophalen Auswirkungen hoher Reparationszahlungen Deutschlands auf die europäische Wirtschaft insgesamt.[7] Kein anderes Werk erweitert das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge jedoch so sehr wie Keynes’ «Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes» aus dem Jahr 1936.[8]

Keynes begreift die Ökonomie als interdependentes System, in dem Realwirtschaft und Finanzwirtschaft interagieren und die aggregierte effektive Nachfrage Beschäftigung und Volkseinkommen bestimmt. Ist die effektive Nachfrage zu gering, dann kommt es zu Arbeitslosigkeit und unterausgelasteten Produktionskapazitäten; eine vernünftige Geld- und Fiskalpolitik ist deshalb gefragt.

Doch Vernunft ist Ansichtssache. Starkes «deficit spending» wie unter Ronald Reagan wurde mit Keynes legitimiert und die resultierende Staatsverschuldung ihm angelastet. Die Geldpolitik der EU in der Finanzkrise 2008 hätte Keynes wohl gutgeheissen, Bad Banks und die gleichzeitige Austeritätspolitik vermutlich nicht. Und wie hätte wohl die Wirtschaftspolitik ohne die Lektion der «Allgemeinen Theorie» auf die aktuelle Pandemie reagiert?

Friedmans «Boys»

Einer der radikalsten Proponenten der Idee des freien Marktes ist der US-Ökonom Milton Friedman (1912–2006). Er will den Einfluss des Staates zurückdrängen, favorisiert Privatisierung und Deregulierung und befürwortet negative Einkommenssteuern statt Sozialleistungen. Friedman ist ein Social Influencer der ersten Stunde, nicht zuletzt aufgrund seiner populärwissenschaftlichen Schriften wie «Kapitalismus und Freiheit»[9] aus dem Jahr 1962 oder seiner Fernsehserie «Free to Choose». Sein Laisser-faire-Ansatz prägte die amerikanische Wirtschaftspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als Mitbegründer der Chicagoer Schule beeinflusste er auch das Weltgeschehen. Nach dem Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende 1973 diktierten seine Schüler – die sogenannten Chicago Boys – das Wirtschaftsprogramm unter Augusto Pinochets Militärjunta: Staatsunternehmen wurden aufgelöst, Steuern gesenkt und Importzölle abgeschafft.

Chile galt aufgrund des hohen Wirtschaftswachstums lange als Vorzeigeökonomie Südamerikas. Wirtschaftliche Stabilität wurde jedoch erst mit der Rückkehr zur Demokratie 1990 – und den folgenden Staatseingriffen – erreicht. Friedman selbst stand dem vermeintlichen «Wunder von Chile», in dem eine Diktatur dem Volk ein neoliberales Wirtschaftsprogramm aufoktroyierte, ambivalent gegenüber. Autoritarismus sei mit Laisser-faire unvereinbar: «Wenn wir die Öffentlichkeit nicht davon überzeugen können, dass es wünschenswert ist, diese Dinge zu tun, haben wir kein Recht, sie ihnen aufzuzwingen, selbst wenn wir die Macht dazu haben», sagte er 1999 in einem Interview.[10]

Somit erlitt auch Friedman das Schicksal seiner Zunftgenossen: Seine Schriften entwickelten eine nicht intendierte Eigendynamik. Oder wie es der Volksmund sagt: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

  1. Smith [1776] (1999). []
  2. List [1841] (1877). []
  3. NZZ (2017). []
  4. Marx [1867–1894] (1962–1964). []
  5. Schumpeter [1912] (1987). []
  6. Schumpeter [1950] (2020). []
  7. Keynes [1919] (2019). []
  8. Keynes [1936] (2009). []
  9. Friedman [1962] (1971). []
  10. Robinson (1999). []

Emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Graz Schumpeter Centre, Universität Graz

Dr. rer. soc. oec., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Graz Schumpeter Centre, Universität Graz

Dr. rer. soc. oec., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Graz Schumpeter Centre, Universität Graz

Literatur

  • Friedman, Milton [1962] (1971). Kapitalismus und Freiheit.
  • Keynes, John Maynard [1919] (2019). The Economic Consequences of the Peace.
  • Keynes, John Maynard [1936] (2009). Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes.
  • List, Friedrich [1841] (1877). Das nationale System der Politischen Ökonomie.
  • Marx, Karl [1867-1894] (1962–1964). Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Buch I–III. In: Karl Marx und Friedrich Engels, Werke, Bände 23–25.
  • NZZ (2017). Trumps Schutzpatron. 2. Februar.
  • Robinson, Peter M. (1999). Take It to the Limits. Milton Friedman on Libertarianism.
  • Schumpeter, Joseph Alois [1912] (1987). Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung.
  • Schumpeter, Joseph Alois [1950] (2020). Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie.
  • Smith, Adam [1776] (1999). Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker.

Emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Graz Schumpeter Centre, Universität Graz

Dr. rer. soc. oec., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Graz Schumpeter Centre, Universität Graz

Dr. rer. soc. oec., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Graz Schumpeter Centre, Universität Graz