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Banken und Finanzkrisen

Banken sind für eine prosperierende Volkswirtschaft unverzichtbar. Ihr Geschäftsmodell birgt allerdings einige Risiken.

«Mit ihrem Geschäftsmodell setzen sich Banken einem spezifischen, weitreichenden Risiko aus.» (Bild: Jonah Baumann)

Ohne Banken könnte eine arbeitsteilige, wachsende Wirtschaft nicht funktionieren – es gäbe schlicht viel zu wenig Investitionen. Denn Banken lösen ein zentrales wirtschaftliches Problem: Sie vermitteln zwischen Sparern (Haushalten) und Investoren (Unternehmen), die über unterschiedliche Zeithorizonte verfügen. Haushalte möchten möglichst jederzeit über ihr Erspartes verfügen können. Unternehmen hingegen benötigen die Gelder, um längerfristig zu investieren. Will man diese beiden Markseiten zusammenführen, muss jemand bereit sein, diese unterschiedlichen Fristen auszugleichen. Das zu tun, ist die fundamentale volkswirtschaftliche Rolle von Banken. Sie betreiben die sogenannte Fristentransformation, indem sie auf Basis der kurzfristig angelegten Gelder der Sparer Kredite für langfristige Investitionen vergeben. Das ist möglich, weil an einem typischen Tag nur ein kleiner Teil der Sparer das Geld gleichzeitig abheben möchte. Die Bank kann deshalb das Risiko eingehen, einen guten Teil der Gelder in langfristigen Krediten gebunden zu haben. Gerade diese volkswirtschaftlich wichtige Fristentransformation ist es aber, was Banken in schlechten Zeiten in eine ungemütliche Situation bringen und sogar eine Finanzkrise heraufbeschwören kann.

Was Banken machen

Banken und die Quelle von Finanzkrisen lassen sich mit dem einfachen Modell einer stilisierten Bankbilanz analysieren (siehe Abbildung). Die Bilanz zeigt in zwei Spalten auf der linken Seite, was einem Unternehmen gehört («Verwendung»), und auf der rechten Seite, wie die Posten der linken Seite finanziert sind («Herkunft»). Mit diesem Schema lassen sich das klassische Bankgeschäft (Kreditvergabe) ebenso wie das sogenannte Handelsgeschäft (Trading) erklären.

Grundsätzlich hat eine Bank zwei Finanzierungsquellen: Schulden oder Eigenkapital. Den Löwenanteil machen dabei die Schulden aus, die aus den Bankkonti der Sparer bestehen (Einlagen) und aus sonstigen – meist kurzfristigen – Schulden. Diese Mittel verwendet die Bank für die Finanzierung von Wertanlagen: Ein kleiner Anteil wird als Bargeld gehalten, und der Rest setzt sich aus Kreditforderungen und Wertpapieren wie etwa Aktien und Obligationen zusammen.

Bankbilanz

Das oben beschriebene klassische Bankgeschäft besteht darin, dass die Bank auf Basis von Einlagen Kredite vergibt. Für das Handelsgeschäft greift die Bank neben den Einlagen auch auf andere meist kurzfristige Schulden zurück und verwendet diese, um Wertpapiere zu kaufen. Die Bank verdient bei beiden Geschäften an der sogenannten Zinsdifferenz, da sie für ihre Schulden tiefere Zinsen bezahlt, als sie an Kreditzinsen oder Erträgen aus der Wertpapierhaltung erwirtschaftet.

Risiken von Banken

Mit ihrem Geschäftsmodell setzen sich Banken einem spezifischen, weitreichenden Risiko aus – der Gefahr nämlich, in rasendem Tempo illiquide zu werden. Das liegt daran, dass die meisten Schulden sehr kurzfristig sind, also jederzeit eingefordert werden können, Banken aber nur einen kleinen Teil der Mittel in bar halten. In der Bilanz einer typischen Bank sind die Schulden wesentlich grösser als der Bestand an Bargeld. Wollen viele Schuldner gleichzeitig ihr Geld zurück, so kann die Bank rasch zahlungsunfähig werden. Solche sogenannten Bankenstürme stehen am Ursprung jeder Finanzkrise.

Neben dem Bargeld ist in einer Bankbilanz noch ein zweiter Posten auffällig klein, nämlich das Eigenkapital. Und das begründet das zweite, in einer Finanzkrise relevante Risiko: das Solvenzrisiko. Erleidet die Bank Verluste auf ihren Kreditpositionen oder Wertpapieren, so müssen diese durch das Eigenkapital getragen werden. Angesichts der dünnen Eigenkapitaldecke können relativ kleine Verluste ausreichen, um das gesamte Eigenkapital auszuradieren. Die Bank hat dann mehr Schulden als Wertanlagen und ist damit insolvent.

Eine stilisierte Finanzkrise

Auf Basis der Bankbilanz und der beiden genannten Risiken können wir analysieren, wie eine typische Finanzkrise abläuft. Als Beispiel nehmen wir die Grosse Finanzkrise des Jahres 2008.[1]

Im Vorfeld dieser Krise verschuldeten sich viele Banken – vor allem bei anderen Banken. Diese Schulden waren so kurzfristig, dass sie jeden Tag erneuert werden mussten. In der Bilanz stiegen also auf der rechten Seite die Schulden an. Diese Mittel verwendeten die Banken, um hoch rentable, aber undurchsichtige Wertpapiere zu kaufen, die mit dem amerikanischen Immobilienmarkt verbunden waren. Entsprechend stieg auf der linken Seite der Bilanz der Posten Wertpapiere an. Als bekannt wurde, dass diese US-Papiere weniger werthaltig waren als gedacht, begannen deren Preise stark zu fallen. Die Banken mussten deshalb Wertberichtigungen vornehmen, das heisst, der Posten «Wertpapiere» in der Bilanz reduzierte sich. Diese Verluste reduzierten rasch das ohnehin schon knappe Eigenkapital der Banken. Weil damit ihre Solvenz immer fraglicher wurde, wurde es für die Banken immer schwerer, die kurzfristigen Schulden bei anderen Banken zu erneuern, da diese befürchteten, bei einem allfälligen Konkurs des Schuldners mit wertlosen Schuldscheinen dazustehen. Und damit entstand plötzlich ein gewaltiges Liquiditätsproblem. Warum?

Im gleichen Ausmass, wie sich die Schulden in der Bilanz reduzierten, ging der Bestand an Bargeld zurück. Der Mechanismus verhält sich analog zu einem traditionellen Bankensturm, wenn die Einleger ihre Konti auflösen und damit die Liquidität der Bank rapide abnimmt. In ihrem verzweifelten Versuch, rasch zu Bargeld zu kommen, begannen zahlreiche Banken gleichzeitig, ihre Wertpapiere zu verkaufen. Und damit gab es auf den Aktien- und Obligationenmärkten zahlreiche Verkäufer und kaum mehr Käufer. Die logische Folge war ein Einbruch der Wertpapierpreise. Mit diesem Preiszerfall aber waren die Banken gezwungen, erneute Wertberichtigungen in ihren Bilanzen vorzunehmen, womit das Eigenkapital ein weiteres Mal schrumpfte. Und damit war die «Todesspirale» perfekt; die erneuten Solvenzprobleme erschwerten die Finanzierung über Schulden noch einmal zusätzlich, womit die Banken, um zu Bargeld zu kommen, noch mehr Wertpapiere auf die Märkte warfen, und so weiter. Ist eine solche selbstverstärkende Spirale mal im Gange, dann kann der allgemeine Vertrauensverlust rasch – buchstäblich innert Stunden – das gesamte Finanzsystem zerstören.

Die Abwärtsspirale wurde zunächst durch die Zentralbanken gestoppt, indem sie Liquidität zur Verfügung stellten. Das reduzierte den Zwang für die Banken, ihre Wertpapiere zu jedem Preis zu verkaufen. Da sich zahlreiche Banken mit ihren Investitionen in problematische Wertpapiere aber massiv verspekuliert hatten, wurden in der Finanzkrise danach sogar noch direkte Solvenzhilfen nötig, also das Einschiessen von Eigenkapital durch die Zentralbanken und die Regierungen. Erst mit diesen massiven Subventionen konnte das System nachhaltig stabilisiert werden.

Die Finanzkrise zeigte, dass die Ausstattung vieler, vor allem grosser Banken mit Bargeld und vor allem mit Eigenkapital zu tief war. Wegen der seither deutlich verschärften regulatorischen Vorschriften verfügen die Banken heute über mehr Eigenkapital und Liquidität. Da diese beiden «kleinen» Posten in der Bilanz gestärkt wurden, sind die Banken heute deutlich widerstandsfähiger. In der laufenden Corona-Krise hat sich das als äusserst wertvoll erwiesen.

  1. Für eine schrittweise Besprechung der Mechanismen siehe auch das Youtube-Tutorial «Banks and Financial Crises» des Autors. []

Professor am Departement Volkswirtschaftslehre, Universität Bern

Serie: Ökonomie kurz erklärt

In der sechsteiligen Serie «Ökonomie kurz erklärt» vermittelt der Berner Ökonomieprofessor Aymo Brunetti auf verständliche Weise Schlüsselthemen der Volkswirtschaftslehre. Die Beiträge beruhen teilweise auf seinem Lehrbuch «Volkswirtschaftslehre – Lehrmittel für die Sekundarstufe II und die Weiterbildung». Bereits erschienen sind «Womit befasst sich die Volkswirtschaftslehre?», «Wachstum versus Konjunktur» und «Die unsichtbare Hand». Es folgen «Ausserordentliche Geldpolitik» sowie «Ökologie und Ökonomie».

Professor am Departement Volkswirtschaftslehre, Universität Bern