Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Corona und Detailhandel – Krise überstanden?»

Kartenumsätze: Landkantone als Corona-Gewinner

Zu den Verlierern der Corona-Pandemie gehören die Läden in den Städten. Dies und viel mehr zeigen Auswertungen von Debit- und Kreditkartentransaktionen während der Krise.

Gemüse fürs Homeoffice: Bäuerin füllt Kisten für Kunden in Salavaux VD. (Bild: Keystone)

Abstract lesen...

In der Schweiz macht der private Konsum etwa die Hälfte des Bruttoinlandprodukts aus. Wie die Covid-19-Pandemie den Privatkonsum beeinflusst, ist daher zentral für die konjunkturelle Entwicklung der Gesamtwirtschaft. Will man Unterstützungsmassnahmen für einzelne Sektoren und/oder Regionen einschätzen, benötigt man zudem Informationen darüber, wie stark diese von der Pandemie betroffen sind. Mit dem während des Lockdowns im Frühling 2020 lancierten Projekts «Monitoring Consumption Switzerland» liefern wir anhand von Umsatzzahlen von Debitkarten und Kreditkarten die Datenbasis. Beispielsweise gab es regional starke Unterschiede: Während in den Städten die Kartenumsätze sanken, profitierten Landkantone.

Während des Lockdowns im Frühling 2020 waren die Konsummöglichkeiten in der Schweiz stark eingeschränkt. Zahlreiche Detailhändler und Dienstleister mussten während Wochen schliessen, und auch der Einkaufstourismus im nahen Ausland wurde unterbunden; viele Produkte konnten nur noch online bezogen werden. Auch das Homeoffice wirkte sich auf das Konsumverhalten aus: Pendler, die normalerweise in der Stadt arbeiten, besorgten ihre Einkäufe nun an ihrem Wohnort.

Herkömmliche Konjunkturdaten zeichnen nur ein grobes Bild der Konsumveränderungen während der Pandemie. So misst die monatliche Detailhandelsumsatzstatistik des Bundesamtes für Statistik (BFS) zwar den Verlauf des Privatkonsums für einzelne Kategorien des Detailhandels. Sie wird aber nur gesamtschweizerisch und mit einer Verzögerung von einem Monat publiziert.

Eine Ergänzung zu herkömmlichen Konjunkturdaten bieten die Umsatzzahlen von Debitkarten und Kreditkarten, wozu auch die Bargeldabhebungen an Bankomaten zählen. Damit erfasst man den grössten Teil der Konsumausgaben in der Schweiz: Im Jahr 2017 wurden gemäss der Schweizerischen Nationalbank beispielsweise 84 Prozent der täglichen Ausgaben bar, mit einer Debitkarte oder einer Kreditkarte bezahlt. Mit Abstand am beliebtesten waren vor der Corona-Krise Barzahlungen.

Allerdings erfassen die erwähnten Kartenumsätze nicht den Gesamtkonsum. Bedeutende regelmässige Ausgaben – wie etwa Miete, Krankenkassenprämien oder Leasingraten – werden von vielen Konsumenten per Banküberweisung getätigt. Zudem wird Bargeld nicht nur für Transaktionszwecke, sondern auch zur Wertaufbewahrung verwendet. Horten die Konsumenten mehr Bargeld, so steigen wohl nicht nur die Abhebungen am Bankschalter, sondern auch an den Bankomaten.

Daten zur Corona-Krise

Seit Anfang April veröffentlichen wir im Projekt «Monitoring Consumption Switzerland» in Zusammenarbeit mit dem Finanzdienstleister SIX und dem Branchenverband Swiss Payment Association die Umsatzzahlen von Debit- und Kreditkarten der Schweizer Bevölkerung. Wir betreuen das Projekt zusammen mit dem Datenwissenschaftler Robert Rohrkemper (Worldline) und dem Datascience-Unternehmen Novalytica. Mit wöchentlich aufbereiteten Daten wollen wir aufzeigen, inwiefern die Covid-19-Pandemie die Konsumausgaben in der Schweiz beeinflusst. All unsere Daten sind anonymisiert, sodass keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen und Unternehmen gemacht werden können.

Mit dem Beginn des Lockdowns im März sind die Kartenumsätze – inklusive Bankomatabhebungen – um etwa ein Drittel gegenüber den Vorwochen eingebrochen. Bereits mit der partiellen Aufhebung des Lockdowns Ende April erholten sie sich relativ schnell und stabilisierten sich auf hohem Niveau. Von Anfang Juli bis Ende September waren die Kartenumsätze im Durchschnitt 3 Prozent höher pro Woche als vor der Einführung der ausserordentlichen Lage. Zum Vergleich: 2019 lag der Detailhandelsumsatz zwischen Juli und September um etwa 2 Prozentpunkte höher als zwischen Januar und März.

Lebensmittelhandel profitiert

Ein Vorteil der Kartenumsätze gegenüber herkömmlichen Erhebungen ist, dass sie eine detaillierte Aufschlüsselung nach Sektoren ermöglichen. Anhand der SIX-Daten können wir die Debitkartenumsätze nach Händlerkategorie aufschlüsseln. Beispielsweise vermochte der Lebensmittelhandel den Umsatz von Mitte März bis Mitte Juni gegenüber der Vorjahresperiode um 38 Prozent zu steigern (siehe Abbildung 1). Nebst anfänglichen Hamsterkäufen haben vermutlich drei Entwicklungen zu dieser positiven Entwicklung beigetragen: Erstens haben die Haushalte aufgrund der verringerten Mobilität mehr zu Hause konsumiert. Zweitens war der Einkaufstourismus im nahen Ausland unterbunden. Drittens fand eine Verschiebung des Zahlungsverhaltens von Bargeld zu direkten Kartenzahlungen statt. Aggregierte Zahlen zeigen zurzeit eine Verringerung der Bargeldabhebungen um 11 Prozent gegenüber Anfang 2020. Die direkten Zahlungen mit Debitkarten sind in dieser Zeit um 16 Prozent gestiegen. Ein Grund für den vermehrten Verzicht auf Bargeld ist vermutlich das gesteigerte Hygienebewusstsein. Zudem werden seit dem Lockdown weniger kleine Einkäufe zum Beispiel an Kiosken getätigt.

Für den übrigen Detailhandel zeichnen die Kartenumsätze ein anderes Bild: Hier sind die Umsätze während des Lockdowns aufgrund der Ladenschliessungen massiv eingebrochen. Nach der Wiederöffnung der Läden zeigen die Umsätze von Mai bis Mitte Juni allerdings starke Nachholkäufe. Seither bewegen sich die Umsatzzahlen etwa 15 Prozent über dem Vorjahresniveau. Berücksichtigt man die allgemeine Verschiebung des Zahlungsverhaltens von Bargeld zu Karten, so lässt sich vermuten, dass der Umsatz in dieser Kategorie zurzeit etwa gleich hoch ausfällt wie im Vorjahr.

Abb. 1: Wöchentliche Umsätze mit Debitkarten an Verkaufsterminals (Januar bis Ende Oktober)

Quelle: Monitoring Consumption Switzerland / Die Volkswirtschaft

Städte als Verlierer

Kartenumsätze lassen sich – unter Wahrung der Anonymität von Händlern und Konsumenten – auch geografisch aufschlüsseln. Unsere Umsatzdaten von Debitkarten nach Kanton und Agglomerationstyp zeigen auf, dass es während der Pandemie zu einer starken geografischen Verschiebung des Konsums kam (siehe Abbildung 2).

Die Konsumausgaben mit Debitkarten liegen in den meisten Regionen deutlich über den Ausgaben von 2019. Diese allgemeine Zunahme lässt sich – wie oben erwähnt – teilweise mit der Verschiebung des Zahlungsverhaltens von Bargeld zu Karte erklären. Allerdings fällt die Zunahme der Kartenumsätze in den einzelnen Kantonen sehr unterschiedlich aus. In manchen Regionen, wie in den Kantonen Graubünden, Thurgau, Basel-Landschaft sowie in der Innerschweiz, sind sie um rund ein Viertel höher als 2019.

Die Ausgaben in den Städten sind während des Lockdowns stärker eingebrochen und haben sich seither langsamer erholt als in den Agglomerationen und ländlichen Gebieten. Dies erklären wir mit zwei Faktoren. Erstens hat sich der Konsum aufgrund der ausbleibenden Pendler teilweise von den Innenstädten in die Agglomerationen verschoben.[1] Zweitens haben sich im Sommer mehr Personen für Ferien in der Schweiz, besonders in den Bergkantonen, entschieden.

Abb. 2: Debitkartenausgaben nach Kanton (Mitte März bis Ende September)

 

Anmerkung: Dargestellt ist die prozentuale Veränderung der kantonalen Debitkartenausgaben zwischen 2019 und 2020 in den Kalenderwochen 12 bis 40.

Quelle: Monitoring Consumption Switzerland / Die Volkswirtschaft

Der Einkaufstourismus ist zurück

Da wir die Kartenumsätze nach dem Herausgeberprinzip erfassen, können wir auch Einkäufe und Bargeldbezüge der Karteninhaber im Ausland berechnen. Im Projekt «Monitoring Consumption Switzerland» schlüsseln wir die Debitkartentransaktionen nach Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich sowie der übrigen Welt auf. Damit lässt sich etwa beobachten, wie die Einschränkungen und Lockerungen des internationalen Reiseverkehrs sich auf den Einkaufstourismus auswirkten.

Aufschlussreich ist der Blick auf die Umsätze von Schweizer Debitkarten an Verkaufsterminals in Deutschland, der wichtigsten Destination für Schweizer Einkaufstouristen (siehe Abbildung 3): Anfang Januar tätigten Personen mit Schweizer Debitkarten in Deutschland Einkäufe in der Höhe von 15 Millionen Franken pro Woche. Dies entspricht ungefähr dem Vorjahreswert. Bis März steigen beide Zeitreihen synchron bis auf 19 Millionen Franken pro Woche, wobei die saisonalen Muster des Vorjahres genau repliziert werden. Mit der Grenzschliessung ab Mitte März kommen die Umsätze in Deutschland fast zum Erliegen, nur um mit der Grenzöffnung ab Mitte Juni hinaufzuschiessen – sogar leicht über das Niveau von 2019 hinaus. Seit August haben sich die Zahlungen weitestgehend auf dem Niveau von 2019 eingependelt.

In der öffentlichen Diskussion wird der Auslandkonsum oft nach «Ferien» und «Einkaufstourismus» unterschieden. Obwohl eine scharfe Unterscheidung schwierig ist, geben unsere Daten einige Anhaltspunkte. So zeigen die direkten Zahlungen mit Debitkarten in Deutschland, dass Einkäufe im Detailhandel 63 Prozent der Kartenumsätze ausmachen. Diese können wohl mehrheitlich dem Einkaufstourismus zugeordnet werden. Nimmt man an, dass dieses Verhältnis konstant geblieben ist, gingen in Deutschland wegen der Grenzschliessung jede Woche 14 Millionen Franken an Einkaufstourismusgeldern verloren. Dies summiert sich von Mitte März bis Mitte Juni zu 180 Millionen Franken – wobei Einkäufe mit Bargeld und Kreditkarten noch gar nicht berücksichtigt sind.

Abb. 3. Zahlungen mit Schweizer Debitkarten in Deutschland (Januar bis Ende Oktober)

Quelle: Monitoring Consumption Switzerland / Die Volkswirtschaft

Instrument für Politikanalyse

Zusammenfassend lässt sich sagen: Kartenumsätze bieten in der Pandemie eine wichtige Ergänzung zu herkömmlichen Konjunkturindikatoren. Sie zeigen ein aktuelles und detailliertes Bild des privaten Konsums. Längerfristig liegt das grösste Potenzial dieser Daten wohl in der Möglichkeit, den Konsum detailliert nach Händlertyp und Umsatzort zu erfassen. Dies ermöglicht ein zeitnahes Monitoring der wirtschaftlichen Entwicklung in einzelnen Sektoren und Regionen. Darüber hinaus sind die Daten auch hilfreich für eine Auswertung von regional und zeitlich begrenzten Politikmassnahmen.[2]

Beispielsweise lässt sich anhand von Kartenumsätzen analysieren, inwiefern die Maskenpflicht in einzelnen Kantonen sich auf den Detailhandel auswirkt. Erste Analysen deuten darauf hin, dass der Lebensmittel-Detailhandel von der Maskenpflicht kaum beeinflusst wird, während die Umsätze im übrigen Detailhandel leicht zurückgehen.[3] Ebenfalls lassen sich die Konsumauswirkungen lokaler Lockdowns messen, wie sie etwa in anderen europäischen Ländern zum Teil eingeführt wurden.

  1. Vgl. Brown, Fengler, Lalive, Rohrkemper, Spycher (2020): Spreading Out: COVID-19 and the Changing Geography of Consumption, LSE Business Review. []
  2. Ein ähnliches Projekt mit US-Daten findet sich unter Tracktherecovery.org/. []
  3. NZZ vom 07.10.2020: Nach einem Monat Maskenpflicht haben Supermärkte kaum mehr Einbussen. Daten zeigen: Die Leute gewöhnen sich an die Pflicht[]

Professor für Bankwirtschaft, Universität St. Gallen

Professor für Ökonometrie, Universität St. Gallen

Professor für Arbeitsmarktökonomie und technologische Transformation, Universität Lausanne

Professor für Bankwirtschaft, Universität St. Gallen

Professor für Ökonometrie, Universität St. Gallen

Professor für Arbeitsmarktökonomie und technologische Transformation, Universität Lausanne