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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Corona und Detailhandel – Krise überstanden?»

Lockdown stoppt Einkaufstourismus

Jedes Jahr geben Schweizer Einkaufstouristen im grenznahen Ausland mehrere Milliarden von Franken aus. Dieses Jahr sind es wegen des Lockdowns während der ersten Pandemiewelle deutlich weniger.

Lang ersehnte Öffnung Mitte Juni 2020: Zwei Frauen überqueren schweizerisch-französische Grenze bei Thônex GE. (Bild: Keystone)

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Das Interesse am Thema Einkaufstourismus ist gross, befinden ihn doch viele Detailhändler als mitverantwortlich für die schwache Umsatzentwicklung in der Schweiz. Die bis anhin sehr dünne Datenlage hat sich nun während der Corona-Pandemie verbessert. Neu verfügbare Daten zu Debitkartentransaktionen erlauben erstmals eine Schätzung des Einkaufstourismus auf Basis tatsächlich getätigter Auslandzahlungen. Während des Lockdowns, zwischen Mitte März und Mitte Juni 2020, führten die geschlossenen Grenzen dazu, dass Schweizer Konsumenten rund 2 Milliarden Franken weniger in den Nachbarländern ausgaben.

Die geschlossenen Grenzen als Folge der Corona-Krise haben den Einkaufstourismus im ersten Halbjahr 2020 für fast 13 Wochen zum Erliegen gebracht. Davon profitierten Schweizer Supermärkte und andere Läden, die Lebensmittel oder Near-Food-Produkte weiterhin verkaufen konnten. Unter Near-Food versteht man Güter wie Wasch- und Reinigungsmittel, Körperpflege-, Papier- und Hygieneprodukte, die oft in Supermärkten verkauft werden.

Am stärksten profitiert haben Anbieter auf dem Land, wie Auswertungen von Debitkartenzahlungen zwischen Mitte März und Mitte Juni 2020 zeigen. Demgegenüber fiel das Wachstum in städtischen Gebieten deutlich geringer aus. Dies hat verschiedene Gründe. Einerseits konkurrierten in Städten mehr Lieferdienste und Take-aways um Anteile mit traditionellen Lebensmittelgeschäften. Andererseits blieb in städtischen Gebieten ein Grossteil des Pendlerverkehrs aus. Letzterer ist im Hinblick auf Gelegenheits- und Convenience-Einkäufe an Bahnhöfen und wichtigen Verkehrsachsen von Bedeutung. Die Verbreitung von Homeoffice vor allem in der Dienstleistungsbranche hat hingegen das lokale Einkaufen in der Nachbarschaft gestärkt und die Lebensmittelgeschäfte in ländlichen Gebieten unterstützt.

Hinweise dank Debitkarten

Eine genaue Quantifizierung des Einkaufstourismus ist schwierig. Anhand von Daten zu Debitkartentransaktionen im Ausland schätzen Forschende im Projekt «Monitoring Consumption Switzerland», wie viel über Debitkarten finanzierter Einkaufstourismus unseren Nachbarländern infolge der geschlossenen Grenzen entging.[1] Da mit Schweizer Debitkarten im Ausland jedoch nicht nur Einkäufe bezahlt werden, sondern auch Dienstleistungen wie Hotelübernachtungen, Restaurantbesuche oder Transportkosten, werden die Daten einer Branchenkategorie zugeteilt. Um eine möglichst genaue Schätzung zu erhalten, wird der Einkaufstourismus über die Kategorien «Food und Supermärkte» sowie «weiterer Detailhandel» approximiert.

Gemäss diesen Daten haben Inhaber von Schweizer Debitkarten während jeder Woche, in der die Grenzen geschlossen waren, für insgesamt 30 Millionen Franken weniger in den Nachbarländern eingekauft als im Vorjahr. Die stärkste Einbusse durch das Ausbleiben Schweizer Einkaufstouristen erlitten die deutschen Anbieter. Ihnen entgingen durch die Grenzschliessung pro Woche 14 Millionen Franken von Schweizer Kunden. In Frankreich betrugen die Mindereinnahmen 8 Millionen Franken, in Italien 6 Millionen Franken und in Österreich 2 Millionen Franken. Insgesamt dürfte der 13-wöchige Lockdown also 390 Millionen Franken an mit Debitkarten finanziertem Einkaufstourismus unterbunden haben.

Wichtige Kreditkarten

Um den Einkaufstourismus in seiner Gesamtheit zu quantifizieren, braucht es zusätzliche Schätzungen zu den Einkäufen in den Nachbarländern, die mit Kreditkarten oder Bargeld bezahlt wurden. Daten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) belegen, dass Kreditkarten im Ausland häufiger benutzt werden als Debitkarten. Im Jahr 2019 hatten Kreditkarten einen Anteil von 72 Prozent an allen mit Karten beglichenen Zahlungen im Ausland. Unter der vereinfachenden Annahme, dass dieser Anteil auch bei Käufen von Gütern des täglichen Gebrauchs im Ausland und für das Jahr 2020 gilt, hätten die Kreditkartenausgaben für den Einkaufstourismus in den Nachbarländern während der 13 Wochen Lockdown theoretisch 1 Milliarde Franken betragen. Insgesamt errechnen wir also 1,4 Milliarden Franken an Ausgaben mit Zahlungskarten, die dem «entgangenen Einkaufstourismus» in den Nachbarländern zugeordnet werden können.

Weiter haben die Umfrageresultate des «Swiss Payment Monitor» gezeigt, dass die Konsumenten in der Schweiz im stationären Einkauf ein Drittel ihrer Ausgaben mit Bargeld begleichen. Unter der Annahme, dass alternative Zahlungsmethoden wie Kundenkarten oder Mobile Payments im Ausland vernachlässigt werden können, ergibt sich ein Bargeldanteil von ungefähr 35 Prozent jenseits der Landesgrenze.

Auch Daten der SNB zu Bezügen an Geldautomaten in der Schweiz deuten auf einen Bargeldanteil in dieser Grössenordnung hin. Überträgt man also diesen Anteil auf unsere Schätzung des Einkaufstourismus  während des Lockdowns, ergeben sich weitere fast 750 Millionen Franken, die Kunden aus der Schweiz in den Nachbarländern unter normalen Umständen für Food-, Near-Food und Non-Food-Einkäufe ausgegeben hätten. Insgesamt dürfte der so errechnete entgangene Einkaufstourismus von Mitte März bis Mitte Juni 2020 etwas über 2 Milliarden Franken betragen haben.

Viele Unwägbarkeiten

Diese Schätzungen basieren auf mehreren vereinfachenden Annahmen. Gewisse Ungenauigkeiten rühren daher, dass nur für Debitkartentransaktionen die entsprechenden Händlerkategorien verfügbar sind und dass der Gesamtbetrag der Kreditkarten- und Bargeldtransaktionen im Bereich Einkaufstourismus deshalb geschätzt werden muss. Zudem handelt es sich bei der Zuweisung der zwei Kategorien «Food und Supermärkte» und «weiterer Detailhandel» zum Einkaufstourismus um eine Approximation, die auch Einkäufe während Ferien, Städtetrips oder Geschäftsreisen in den Nachbarländern umfasst.

Ein Vergleich mit unserer Schätzung von 2012, als wir davon ausgingen, dass der Einkaufstourismus ungefähr 5 bis 6 Milliarden Franken betrug, ist nur bedingt möglich. Die Datengrundlage damals war eine andere. Basis waren Ausfuhrbescheinigungen für die Rückerstattung der Mehrwertsteuer, welche deutsche Zöllner an der Grenze zur Schweiz 2012 abstempelten. Diese Schätzung umfasste neben Einkäufen von Lebensmitteln und Non-Food-Artikeln im grenznahen Ausland auch den grenzüberschreitenden Onlinehandel. Nicht erfasst wurden damals Einkäufe auf Ferien- oder Geschäftsreisen. Diese sind nun Bestandteil der aktualisierten Schätzung für das Jahr 2020, die hingegen den grenzüberschreitenden Onlinehandel nicht mehr beinhaltet. Trotz der dünnen Vergleichsbasis können wir davon ausgehen, dass sich der Einkaufstourismus in den letzten acht Jahren verstärkt hat.

Die nach wie vor bestehenden Preisdifferenzen sowie die relative Stärke des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro haben Schweizer Konsumenten nach der Öffnung der Grenzen am 15. Juni 2020 wieder zum Einkauf jenseits der Landesgrenze animiert. Was die Schweizer Debitkartentransaktionen im Ausland anbelangt, so befinden sie sich bereits wieder auf dem Vorjahresniveau.[2] Wir gehen davon aus, dass der Einkaufstourismus über das ganze Jahr 2020 ein Volumen von 6 Milliarden Franken erreichen wird.

  1. Siehe Beitrag von Martin Brown, Matthias Fengler, Rafael Lalive in diesem Schwerpunkt. []
  2. Siehe Brown et al. []

Ökonomin, Konjunkturanalyse, Credit Suisse, Zürich

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