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Aussenhandel der Schweiz: Dienstleistungen gewinnen an Bedeutung

Der Dienstleistungshandel der Schweiz hat im letzten Jahrzehnt stark zugenommen. Gemäss Statistik machen Dienstleistungen mehr als ein Drittel des gesamten Aussenhandels aus – wobei der Wert in der Realität deutlich höher sein dürfte.

TV-Übertragungsrechte von Sportveranstaltungen laufen vielfach über die Schweiz. Der englische Torhüter Joe Hart nach einem Länderspiel gegen die Ukraine. (Bild: Alamy)

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Der Dienstleistungshandel (Import und Export) hat zwischen 2013 und 2019 um durchschnittlich 3,2 Prozent pro Jahr zugenommen. 2019 verzeichnete die Schweiz bei einem Handelsvolumen von 252 Milliarden Franken einen Überschuss von rund 9 Milliarden Franken. Der Dienstleistungshandel beläuft sich damit auf über ein Drittel des gesamten Aussenhandels. In der Realität dürfte der Dienstleistungshandel gar deutlich höher sein, weil verschiedene Aspekte in den klassischen Statistiken nicht erfasst sind. Die EU ist der wichtigste Handelspartner. Nach einzelnen Ländern aufgeschlüsselt, sind die USA an der Spitze, gefolgt von Deutschland und dem Vereinigten Königreich. In den Top 10 sind insgesamt sieben europäische Länder. Neben Lizenzgebühren sind auch Finanzdienstleistungen, Tourismus, Transport- sowie ICT-Dienste von grosser Bedeutung, wobei Forschung und Entwicklung das stärkste Wachstum zeigt. Das «Services Trade Cockpit» des Staatssekretariats für Wirtschaft liefert eine neue Übersicht über die wichtigsten Dienstleistungshandelsstatistiken.

Der internationale Handel wird meist mit Waren assoziiert, welche die Grenze physisch überqueren. Dienstleistungen – wie beispielsweise Finanzen, Transport und Logistik, Unternehmensberatungen, Ingenieursdienste, Telekommunikations-, Computer- und Informationsdienste (ICT), Lizenzgebühren, Tourismus – gehen hingegen oft vergessen. Es stellen sich daher die Fragen: Wie wichtig ist der internationale Dienstleistungshandel für die Schweiz? Wer sind die grössten Handelspartner und welches die bedeutendsten Sektoren?

Zunächst gilt es kurz zu erläutern, wie Dienstleistungen überhaupt international gehandelt und völkerrechtlich definiert werden. Das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) der Welthandelsorganisation (WTO) nennt vier Erbringungsarten: Bei der ersten Erbringungsart werden Dienstleistungen grenzüberschreitend und ohne physische Präsenz des Erbringers im Zielland gehandelt. Beispiele dafür sind die telemedizinische Beratung oder Fernunterricht. Bei der zweiten Erbringungsart findet der Konsum im Ausland statt. Dies ist etwa beim Tourismus der Fall. Die dritte Erbringungsart erfordert eine geschäftliche Präsenz im Ausland – zum Beispiel eine Versicherungsfiliale. Schliesslich können natürliche Personen im Ausland eine Dienstleistung anbieten, etwa, wenn sie eine Maschine installieren oder wenn sie für eine Beratung ins Ausland reisen.

Zahlen zu diesen Erbringungsarten werden in teils unterschiedlichen Statistiken erfasst. Die Leistungsbilanz ist die wichtigste davon, es gibt aber auch andere interessante Erhebungen. In einem «Services Trade Cockpit» bildet das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) seit letztem Jahr wichtige Daten zum Dienstleistungshandel der Schweiz grafisch ab.[1]

Starkes Wachstum

Der Dienstleistungshandel der Schweiz ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen: Zwischen 2013 und 2019 legte der gesamte Dienstleistungshandel (Import und Export) um 21 Prozent zu, was einem Wachstum von durchschnittlich 3,2 Prozent pro Jahr entspricht.[2] Zum Vergleich: Der Warenhandel wuchs in diesem Zeitraum um jährlich 2,8 Prozent.

Im Jahr 2019 machte der Dienstleistungshandel mit 252 Milliarden Franken über ein Drittel des Gesamthandels aus; auf den Warenhandel entfielen 447 Milliarden Franken.[3]

Mehr als die Hälfte der Dienstleistungen handelte die Schweiz 2019 mit europäischen Staaten (siehe Abbildung 1). Nach einzelnen Ländern aufgeschlüsselt, sind die USA mit 51 Milliarden Franken, was einem Anteil von 20 Prozent entspricht, der wichtigste Handelspartner. Dies ist vor allem auf die Sektoren Lizenzen sowie Forschung und Entwicklung zurückzuführen, welche zusammen fast 60 Prozent des Handels mit den USA ausmachen. Dahinter folgen Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien. Mit China auf Platz 7 und Japan auf Platz 10 sind zwei weitere aussereuropäische Länder in den Top 10. Der Dienstleistungshandel mit dem ganzen afrikanischen Kontinent beläuft sich auf unter 4 Milliarden Franken.

Abb. 1: Wichtigste Dienstleistungshandelspartner der Schweiz (2019)

Anmerkung: Importe und Exporte kumuliert. Weitere Grafiken und Daten sind im «Services Trade Cockpit» des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) verfügbar.

Quelle: SNB (2020) / Die Volkswirtschaft

Die Schweiz exportierte 2019 Dienstleistungen im Umfang von 130 Milliarden Franken; die Importe beliefen sich auf knapp 122 Milliarden Franken. Unter dem Strich resultierte somit ein Überschuss von 8,8 Milliarden Franken.

Bei den Exporten stehen Lizenzgebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum mit einem Anteil von 23 Prozent an erster Stelle (siehe Abbildung 2). Dazu gehört etwa, wenn ein inländisches Unternehmen Gebühren von einem ausländischen Unternehmen für die Distribution von TV-Übertragungen erhält oder ein inländisches Chemieunternehmen einer ausländischen Tochtergesellschaft die Nutzung eines Patents gegen Entgelt überlässt. Beinahe gleichauf sind Finanzdienstleistungen (inklusive Versicherungen) mit 22 Prozent. Danach folgen der Tourismus (von Ausländern in der Schweiz) und Transportdienste.

Zu den Wachstumsbranchen bei den Exporten gehören insbesondere Forschung und Entwicklung mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum zwischen 2013 und 2019 von 8 Prozent und Lizenzen mit 7 Prozent. Dagegen verbuchten ICT und Geschäftsdienstleistungen, wozu unter anderem Architektur und Ingenieurdienste gehören, in den letzten Jahren einen leichten Rückgang.

Abb. 2: Dienstleistungshandel der Schweiz nach Sektoren (2019)

Quelle: SNB (2020) / Die Volkswirtschaft

Importseitig ist der Tourismus (von Schweizern im Ausland) mit einem Anteil von 15 Prozent der wichtigste Sektor. Mit ebenfalls 15 Prozent gehört hier im Gegensatz zu den Exporten auch Forschung und Entwicklung zu den wichtigsten Sektoren. Dahinter folgen Lizenzgebühren, ICT und Beratung. Forschung und Entwicklung ist mit einem jährlichen Wachstum von 12 Prozent zwischen 2013 und 2019 auch bei den Importen besonders wachstumsstark. Transportdienstleistungen hingegen stagnierten.

Viele Arbeitsplätze

Ein weiterer Gradmesser für die Bedeutung des internationalen Dienstleistungshandels für die Schweiz ist die Anzahl Niederlassungen ausländischer Unternehmensgruppen: Im Jahr 2019 beschäftigten im Tertiärsektor mehr als 11’000 ausländisch kontrollierte Unternehmenseinheiten rund 370’000 Angestellte in der Schweiz. Dies ist deutlich mehr als im Sekundärsektor, wo in ungefähr 2100 ausländischen Niederlassungen rund 145’000 Angestellte arbeiteten.[4]

Aufschlussreich sind auch die Zahlen zur grenzüberschreitenden Dienstleistungserbringung durch natürliche Personen: Über die letzten Jahre kamen jeweils weit mehr als 90’000 kurzfristige (bis 4 Monate) und um die 3000 langfristige (über 4 Monate) Dienstleistungserbringer im Tertiärsektor in die Schweiz. Das sind rund drei bis vier Mal mehr als im Sekundärsektor. Mit etwa 32’000 Personen im Tertiärsektor liegt Deutschland bei der kurzfristigen Dienstleistungserbringung klar an der Spitze. Dies dürfte unter anderem mit der Nähe zur Schweiz und dem freien Marktzugang für Dienstleistungserbringer bis 90 Tage unter dem Freizügigkeitsabkommen zusammenhängen. Bei den langfristigen Dienstleistungserbringern befindet sich Indien an der Spitze: 2019 kamen insgesamt rund 1000 indische Dienstleistungserbringer für über vier Monate in die Schweiz, während es nur halb so viele aus Deutschland waren. Bei den indischen Arbeitskräften handelte es sich zu einem Grossteil um Informatiker.[5]

Statistische Unterschätzung

Statistiker sind mit einigen Herausforderungen bei der Messung des Dienstleistungshandels konfrontiert. Bei der Erhebung der Zahlen gibt es viele Abgrenzungsfragen. Unter anderem auch, ob es sich im konkreten Fall um eine Ware oder eine Dienstleistung handelt. So zählt das Streaming eines Filmes über eine ausländische digitale Plattform beispielsweise als Dienstleistungshandel, während der Import dieses Films auf einer DVD in der Warenhandelsstatistik erscheint.

Weiter fliessen in der Wertschöpfungskette eines jeden Produkts Dienstleistungen ein, zum Beispiel das Engineering oder die Montage einer Maschine. Solche Dienstleistungen werden allerdings in dieser Form in klassischen Dienstleistungshandelsstatistiken oft nicht erfasst. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt, dass rund ein Drittel der Wertschöpfung in Schweizer Warenexporten auf Dienstleistungen als Inputs zurückzuführen ist.[6]

Hinzu kommt, dass Leistungsbilanzen, in denen der Dienstleistungshandel erhoben wird, definitionsgemäss die Dienstleistungserbringung durch geschäftliche Präsenz im Ausland nicht erfassen. Gemäss Schätzungen der WTO ist diese Erbringungsart weltweit jedoch für 55 Prozent des Dienstleistungshandels verantwortlich.[7] Somit ist der Dienstleistungshandel für die Schweiz von noch grösserer Bedeutung, als die klassischen Statistiken aufzuzeigen vermögen.

  1. Seco (2020). []
  2. SNB (2020). []
  3. EZV (2020); Warenhandel ohne Gold in Barren und andere Edelmetalle, Münzen, Edel- und Schmucksteine sowie Kunstgegenstände und Antiquitäten. []
  4. BFS (2020). []
  5. SEM (2020). []
  6. OECD (2018). []
  7. WTO (2019). []

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Dienstleistungshandel und -politik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Literatur

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Dienstleistungshandel und -politik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern