Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Swissness: Der Wert der Marke Schweiz»

Hinter jedem «Swiss made» steckt eine Idee

Hoch qualifizierte und innovative Arbeitskräfte sind zentral, um den Produktionsstandort Schweiz zu erhalten. Auch der personalintensive Dienstleistungssektor profitiert von einem leistungsstarken Innovationssystem.

Drohnenforscher an der ETH Zürich. (Bild: Keystone)

Abstract lesen...

Swiss made ist ein Verkaufsargument. Seinen Erfolg verdankt das Qualitätssiegel grösstenteils dem deutlich weniger bekannten Label Invented in Switzerland, denn Innovationsvermögen und Produktionskapazität sind in der Schweiz untrennbar miteinander verbunden. In einem Land, in dem aufgrund der hohen Arbeitskosten nur Waren mit grosser Wertschöpfung produziert werden können, braucht es Erfindungen, um das verarbeitende Gewerbe und die damit verbundenen Stellen zu erhalten. Auch für den personalintensiven Dienstleistungssektor ist die Innovationsstärke zentral. Vielversprechend sind insbesondere die Bereiche digitale Technologien, Lifesciences, neue Materialien sowie Technologien an der Schnittstelle zwischen Energie und Umwelt. Technologien zu definieren, die weltweit zu Aushängeschildern für Schweizer Fachwissen werden könnten, ist jedoch schwierig. Dennoch gibt es einige vielversprechende Kandidaten.

Seit vier Jahren regelt die Swissness-Gesetzgebung für Waren und Dienstleistungen die Verwendung von Herkunftsbezeichnungen wie Swiss made. Dieses Qualitätslabel wäre allerdings ohne andere, relativ unbekannte Labels undenkbar: Invented in Switzerland oder Designed in Switzerland. Die Produktionskapazität der Schweiz hängt nämlich untrennbar mit ihrer Innovationskraft zusammen.

Ökonomisch lohnt es sich, in Ländern mit hohem Einkommen wie der Schweiz wertschöpfungsintensive Waren herzustellen. Für die meist komplexen Produktionsprozesse braucht es allerdings qualifizierte – und somit teure – Arbeitskräfte. Mit zunehmender Standardisierung sinken die Herstellungskosten – wobei das wiederum Konkurrenten auf den Plan ruft, was den Kostendruck erhöht. Konsequenz: Die Produktion wird ins Ausland verlagert. «Designed by Apple in California. Assembled in China» steht beispielhaft für viele in Industrieländern entwickelte Technologieerzeugnisse.

Die Unterscheidung zwischen «Invented in» und «Made in» gründet in der Abgrenzung von Erfindung und Innovation. Unter Erfindung versteht man eine patentierbare[1] Idee. Demgegenüber ist die Innovation das Auf-den-Markt-Bringen einer Erfindung, das heisst das marktreife Endprodukt, das man als Konsumentin kauft. Laut der Swissness-Gesetzgebung müssen mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten – inklusive der Kosten für Forschung und Entwicklung – in der Schweiz anfallen. Dadurch stellt der Gesetzgeber sicher, dass in der Schweiz erfundene und produzierte Güter als solche erkannt werden. Dies schafft einen zusätzlichen, marketingrelevanten Anreiz, lokal zu produzieren.

Gute Aussichten

Die Erfindung immer neuer Produkte ist eine wichtige Voraussetzung, um die verarbeitende Industrie und die dort Beschäftigten in der Schweiz zu halten. Die Bedeutung eines leistungsstarken Innovationssystems zeigt sich aber nicht nur im Industriesektor, sondern auch im weitaus beschäftigungsintensiveren Dienstleistungssektor. So produzieren Schweizer Dienstleistungsunternehmen immaterielle Güter wie Finanz- und Technologiedienstleistungen, die personalintensiv sind und nach Kreativität verlangen.

In der innovationsstarken Schweiz sind die Zukunftsperspektiven für einheimische Produkte und Dienstleistungen grundsätzlich gut. Eine Schlüsselrolle spielen dabei neue Technologien, die sich in Anlehnung an die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in vier Teilbereiche unterteilen lassen: Es sind dies «digitale Technologien» wie beispielsweise künstliche Intelligenz oder Quantencomputer, «Lifesciences» wie synthetische Biologie oder Biosensoren, «neue Materialien» wie Nanomaterialien oder additive Fertigung sowie «Technologien an der Schnittstelle zwischen Energie und Umwelt» wie autonome Fahrzeuge oder die Präzisionslandwirtschaft. Führend ist die Schweiz insbesondere bei den Lifesciences und bei den digitalen Technologien: Hier gibt es im OECD-Vergleich pro Kopf überdurchschnittlich viele Patentanmeldungen, wie ein Bericht im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) zeigt (siehe Abbildung).

Neue Technologien: Weltklassepatente pro Million Einwohner (2018)

Anmerkung: Als «Weltklassepatente» werden Patente bezeichnet, die innerhalb einer Technologie zu den «besten» zehn Prozent zählen («Competitive Impact»). Sie werden bei Patentanmeldungen besonders häufig zitiert und sind in vielen Märkten gültig.

Quelle: IGE; Patent Sight; Bechtold und de Rassenfosse (2019) / Die Volkswirtschaft

In Innovation investieren

Heute Technologien oder Anwendungen zu bestimmen, die das internationale Ansehen der Schweiz auch künftig weiter stärken, ist schwierig. Zum einen sind sie viel zu zahlreich für eine abschliessende Auflistung, zum anderen ist ein technologischer Durchbruch noch kein Erfolgsgarant. Denn daneben entscheiden auch die Reichweite auf dem Markt, die Fähigkeit, Kapital anzuziehen, und qualifizierte Arbeitskräfte über den Durchbruch auf dem Markt. Um einen Eindruck von der erfinderischen Vielfalt des Landes zu vermitteln, werden im Folgenden subjektiv ausgewählte Beispiele besonders zukunftsträchtiger Innovationen vorgestellt.

In Anspielung auf das kalifornische Silicon Valley in der Computertechnologie spricht man bei den Lifesciences oft vom Westschweizer «Health Valley». Dieses reicht vom Genfer Biotech-Campus bis nach Bern und umfasst knapp 1000 Unternehmen, die unter anderem in der Medizinaltechnik – inklusive robotergestützter Gehhilfen – und der Biotechnologie tätig sind. Mit dem Start-up Mindmaze hat das «Health Valley» das erste Schweizer «Einhorn» – mit einer Börsenkapitalisierung von über einer Milliarde Franken – hervorgebracht. Das 2012 gegründete Spin-off der ETH Lausanne hat die neurologische Rehabilitation mit dem Einsatz von virtueller Realität revolutioniert.

Bei den Technologien, die sich an der Schnittstelle zwischen Energie und Umwelt befinden, sind die Projekte Swissloop und EPFLoop vielversprechend. Sie sorgten unter anderem am sogenannten Hyperloop-Wettbewerb für Aufsehen, mit welchem der US-Milliardär Elon Musk die Fertigung eines Schnellzugs in einer Vakuumröhre vorantreiben will. Auch im Bereich der Mobilität kann die Schweiz Erfolge verbuchen, zum Beispiel bei autonomen Fahrzeugen wie den in Sitten getesteten Smart-Shuttles (mit Beteiligung des Energypolis-Campus) sowie in der Luftfahrt bei der Herstellung von Drohnen und beim Solarflugzeug Solar Impulse.

In der digitalen Wirtschaft steht das Forschungszentrum von Google in Zürich exemplarisch für die Verfügbarkeit von hoch qualifizierten Arbeitskräften in der Limmatstadt. Ebenfalls eine grosse Dynamik herrscht im Zuger «Crypto Valley», wo Informatikerinnen und Informatiker Technologien wie Blockchain entwicklen. So ist es kein Zufall, dass Firmen wie Facebook bei ihren virtuellen Währungen auf den Standort Schweiz setzen.

Nicht vergessen darf man aber auch traditionell innovationsstarke Wirtschaftszweige wie die Uhrenbranche. Sie sind und bleiben das Aushängeschild der Schweiz. Wie stark der Konkurrenzdruck in der Uhrenbranche ist, zeigt sich etwa bei den Smart Watches im Tiefpreissegment. Eine etablierte Position ist somit rasch bedroht. Allgemein gilt: Damit die Produktion in der Schweiz bleibt, ist hiesige Innovation unabdingbar.

  1. Vgl. Patente: Monopole auf Zeit, Die Volkswirtschaft, 12/2020. []

Ökonom und Professor für Innovationspolitik und Politik des geistigen Eigentums, ETH Lausanne

Ökonom und Professor für Innovationspolitik und Politik des geistigen Eigentums, ETH Lausanne