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Jetzt erst recht

Eine Pandemie lässt sich aus Sicht des Bundesrates mit multilateralen Ansätzen bekämpfen. Protektionistische Ansätze sind nicht zielführend.

Die Impfstoffproduktion erfolgt entlang globaler Wertschöpfungsketten. Lonza-Werk in Visp VS. (Bild: Keystone)

Die Corona-Pandemie hat uns Fragilität und Abhängigkeiten in der internationalen Arbeitsteilung aufgezeigt. Gesundheitspolitische Massnahmen führten weltweit dazu, dass es entlang von wirtschaftlichen Wertschöpfungsketten zu Lieferengpässen kam, wie der Bundesrat in seinem jährlichen Aussenwirtschaftspolitischen Bericht zuhanden des Parlaments festhält.[1] Aus Sicht des Bundesrates zeigte die Pandemie auf, wie wichtig offene Märkte und das regelbasierte Handelssystem für die international vernetzte Schweizer Volkswirtschaft sind.

Nach dem angebots- und nachfrageinduzierten Handelsschock im Frühling 2020 entschärfte sich die Situation rasch – und die globale Wertschöpfungskette funktionierte im weiteren Verlauf der Pandemie grundsätzlich wieder. Um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Krise abzufedern, waren laut dem Aussenwirtschaftsbericht die geografische Diversifizierung durch die Unternehmen, das diplomatische Kontaktnetz sowie etablierte Beziehungen der Schweiz zu ihren Handelspartnern in allen Regionen der Welt zentral. Zusammen mit den Leistungen der Landwirtschaft, der einheimischen Produktion und des funktionierenden Detailhandels trugen sie dazu bei, dass die Schweiz keine anhaltenden Versorgungsengpässe erlitt.

Allerdings dürften sich die sich bereits in den vergangenen Jahren immer deutlicher abzeichnenden protektionistischen und industriepolitischen Tendenzen im internationalen Umfeld der Schweiz fortsetzen: Während die USA ihr Augenmerk im vergangenen Jahr auf die Rückführung von Wertschöpfungsketten («reshoring») in den Bereichen Pharma, Medizinaltechnik und medizinisches Schutzmaterial legten, gibt es in der EU Anstrengungen, die strategische und technologische Unabhängigkeit voranzutreiben. Vorschläge aus der EU-Kommission umfassen eine Diversifizierung der Wertschöpfungsketten, eine Lagerhaltung von bestimmten Gütern und eine stärkere Verpflichtung für das Festsetzen von internationalen Handelsregeln gemäss den Werten und Regeln der EU.

Resilienz stärken

Die Covid-19-Krise führte auch in der Schweiz zu Diskussionen über die Versorgungssicherheit, wie zahlreiche parlamentarischen Vorstösse – insbesondere zur Pharmaindustrie, zu Impfstoffen, medizinischer Schutzausrüstung und Ethanol – zeigen. Trotzdem scheint es dem Bundesrat nicht ratsam, solchen protektionistischen Tendenzen zu folgen: Offene Märkte und internationale Vernetzung – gerade auch digital, wie die Krise verdeutlicht hat – sind, gemeinsam mit angemessenen und gezielten staatlichen Massnahmen im öffentlichen Interesse, die Basis für eine nachhaltige Erholung und stärken die Resilienz der schweizerischen Wirtschaft. Für den Bundesrat bleibt daher das Ziel bestehen, die Schweiz als attraktiven Wirtschaftsstandort und zuverlässige Handelspartnerin zu positionieren und für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen.

Primär liegt es im Interesse der Unternehmen, ihre Produktionsstrukturen krisenfest zu gestalten, und sie sind auch am besten in der Lage, allfälliges Verbesserungspotenzial zu identifizieren und umzusetzen. Dabei können sich die Möglichkeiten zur Steigerung der Resilienz von Wertschöpfungsketten je nach Branche und Produkten stark unterscheiden. So können beispielsweise eine geografische Diversifizierung, eine rasche Substituierbarkeit oder eine Verkürzung von Wertschöpfungsketten durch Zusammenlegung einzelner Wertschöpfungsstufen die Resilienz erhöhen – soweit geeignete Anbieter für mehrere Produktionsschritte gefunden werden oder diese selbst durchgeführt werden können. Eine weitere Möglichkeit ist der Aufbau von Lagern.

Umgekehrt wäre das Extrem einer autarken Produktion von Waren entlang der gesamten oder weiter Teile der Wertschöpfungskette gerade im Hochpreis- und Hochlohnland Schweiz mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Die so produzierten und exportierten Güter wären darüber hinaus im internationalen Handel weit weniger wettbewerbsfähig. Auch staatliche Massnahmen oder Anordnungen, wie sie teils gefordert werden, bergen die Gefahr, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu gefährden oder gar kontraproduktiv zu wirken.

Für den Bundesrat verlangt eine globale Krise nach multilateralen Lösungsansätzen. Ein regelbasiertes internationales Handelssystem mit dem WTO-Vertragswerk im Zentrum und ergänzt durch Freihandelsabkommen dient den Interessen der Schweiz am besten. So gilt es die bi- sowie plurilateralen Freihandelsabkommen weiter voranzutreiben. Der Ausweg aus der Covid-19-Krise liegt in mehr Offenheit, mehr Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten, mehr Diversifizierung und mehr Vernetzung – gerade auch digital. Kurz, mehr Globalisierung, nicht weniger, schafft Resilienz, jetzt erst recht.

  1. Bundesrat (2021). Bericht zur Aussenwirtschaftspolitik 2020, Januar. Dieser Beitrag bezieht sich vor allem auf das erste Kapitel des Berichts, welches sich mit den Auswirkungen der Covid-19-Krise befasst. []

Interimistischer Ressortleiter, Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen Asien und Ozeanien, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Interimistischer Ressortleiter, Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen Asien und Ozeanien, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern