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Onlineplattformen verbessern Handelschancen von KMU

Viele KMU in Entwicklungsländern können nicht auf staatliche Nothilfen in der Pandemie zählen. Umso wichtiger ist für sie der internationale Handel. Neue digitale Plattformen vereinfachen den Zugang zu neuen Exportmärkten.

Olivenernte in Tunesien. Für tunesische Olivenölproduzenten ist die Schweiz ein vielversprechender Absatzmarkt. (Bild: Keystone)

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Die Covid-19-Pandemie beschleunigt im globalen Handel Trends, die sich langfristig auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen auswirken werden. Ein verändertes Konsumverhalten, unterbrochene Lieferketten und die in den meisten Regionen anhaltende wirtschaftliche Unsicherheit haben die Handelsströme grundlegend verändert. Der Handel ist digitaler geworden, und Nachhaltigkeit, Effizienz sowie ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis gewinnen an Bedeutung. Diese Trends schaffen sowohl neue Herausforderungen als auch neue Chancen für Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Sie machen weltweit den Grossteil der Unternehmen aus und leiden stark unter den Auswirkungen der Pandemie. Für das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ist die Digitalisierung ein zentrales Thema der Kooperation mit Partnern innerhalb und ausserhalb der Bundesverwaltung. Unter der Führung des Seco – in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Handelszentrum (ITC), der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) sowie der Welthandelsorganisation (WTO) – wurde deshalb eine Initiative lanciert, um Firmen auf der ganzen Welt mit einem neuen Instrument zu unterstützen: die Onlineplattform Global Trade Helpdesk. Diese bietet Zugang zu genauen und zeitnahen Informationen für KMU, um die neuen Herausforderungen im globalen Handel zu bewältigen.

Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie treffen die kleineren Unternehmen weltweit wirtschaftlich besonders hart. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des International Trade Center[1] – einer Unterorganisation der Welthandelsorganisation (WTO) und der Vereinten Nationen (UNO). Schliessungen, Transporteinschränkungen und eine sinkende Nachfrage führen bei den meisten Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu Produktionsschwierigkeiten und drastischen Umsatzeinbussen. Wie eine Umfrage in Brasilien[2] zeigt, brach der Umsatz bei 89 Prozent der dort ansässigen Unternehmen um durchschnittlich 69 Prozent ein, und knapp drei von fünf Firmen waren gezwungen, vorübergehend zu schliessen. Ähnlich dramatisch könnte sich die Situation in Pakistan entwickeln, wo rund 40 Prozent des Exportvolumens von KMU stammen[3]: Nahezu drei Viertel der beteiligten Unternehmen rechnen aktuell mit einem Umsatzrückgang von über 60 Prozent. Viele weitere Länder vermelden ähnliche Auswirkungen.

Die Auswirkungen von Corona auf die Unternehmensperformance zeigen sich auch an der rückläufigen Beteiligung von KMU am internationalen Handel. Eine Analyse auf Unternehmensebene[4] in sechs lateinamerikanischen Ländern hat ergeben, dass die Zahl der Import- und Exportunternehmen im Jahr 2020 um durchschnittlich 11 Prozent gesunken ist. Das heisst: Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten haben ihren Handel eingestellt. Darüber hinaus ging die Anzahl der Exportprodukte im Durchschnitt um 8 Prozent zurück. Auch in der Schweiz hinterlässt Covid-19 Spuren, die aber mit gezielten Unterstützungsmassnahmen der öffentlichen Hand abgeschwächt werden können.

Keine Nothilfen in Entwicklungsländern

Eines der grössten Probleme für KMU sind Kreditbeschränkungen. In Ländern, in denen die Verschuldung durch den öffentlichen Sektor weiter zunimmt, dürften sich Verdrängungseffekte und Wachstumseinbussen weiter verschärfen. Solche Verdrängungseffekte entstehen, wenn die staatliche Kreditaufnahme den Privatsektor konkurrenziert. Erfolgt die Verschuldung in Fremdwährung, kann sie im Fall einer Abwertung zudem schnell substanziell wachsen. Besondere Risiken birgt diese finanzielle Instabilität für Firmen, die nur in wenigen Ländern tätig sind. Ausserdem haben kleinere Firmen weniger Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können, um eine lang anhaltende wirtschaftliche Krise zu überstehen. Laut Einschätzungen der Internationalen Handelskammer hatten 53 Prozent der Kleinunternehmen in Entwicklungsländern ernsthafte Liquiditätsschwierigkeiten und benötigten dringend Geld, um ihren Betrieb zu retten.[5]

Länder wie die Schweiz, die über ausreichend finanzpolitischen Spielraum und eine solide Finanzgrundlage verfügen, konnten ihre Wirtschaft gezielt unterstützen. In der Schweiz wurde im Frühjahr 2020 mit den Covid-19-Überbrückungskrediten für KMU ein Nothilfepaket zur schnellen Überbrückung von Liquiditätsproblemen in den ersten Monaten der Pandemie verabschiedet. Ergänzend zu dieser Massnahme weitete die Regierung zusätzlich die Leistung der Arbeitslosenversicherung aus und unterstützte Arbeitnehmer sowie Selbstständigerwerbende in Härtefällen.

In den meisten Ländern, insbesondere in Entwicklungsländern, waren solche Hilfsmassnahmen angesichts der bereits vor der Pandemie angespannten Haushaltslage und des bedeutenden informellen Sektors nur bedingt möglich. Für KMU in Entwicklungsländern ist deshalb eine Diversifizierung in verschiedene Absatzmärkte unabdingbar geworden. Denn viele können Marktrisiken nur abfedern, indem sie die unterschiedlich schnelle wirtschaftliche Erholung in den einzelnen Ländern und Regionen nutzen.

Doch schnell ändernde Marktbedingungen und staatliche Massnahmen für Handel, Reisen und Verkehr verursachen zusätzliche Schwierigkeiten für KMU. Seit März 2020 haben Volkswirtschaften auf der ganzen Welt insgesamt Hunderte von temporären Handelsmassnahmen beschlossen. Diese dienten dazu, Exportbeschränkungen für bestimmte Produkte zu erwirken, die Importkosten anderer Produkte zu senken und ihre Einfuhr zu erleichtern.[6] Für KMU in Entwicklungsländern bedeutet das, dass sie so zeitnah wie möglich an die Informationen kommen müssen, um neue Hindernisse für den Export und Opportunitäten zu identifizieren.

Trend zu kürzeren Lieferketten

Auch Konsumgewohnheiten und Lieferketten haben sich im Zuge der Pandemie verändert. Das Marktforschungsunternehmen Euromonitor beobachtete einen stärkeren Fokus auf die Gesundheit sowie auf die ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Ein Beispiel ist der Biomarkt. Dieser ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und hat 2019 weltweit die 100-Milliarden-Euro-Marke überschritten. Covid-19 hat ihn zusätzlich angekurbelt. In einigen Ländern – etwa in den USA und in Frankreich – soll der Einzelhandelsumsatz sogar um bis zu 30 Prozent gestiegen sein.[7]

Ausserdem sind einige Unternehmen gegenüber vielen, weit entfernten Lieferanten vorsichtiger geworden – eine Reaktion auf die folgenschweren Unterbrechungen der Lieferketten im Jahr 2020. So zum Beispiel in der Textilbranche. Dort ist der Welthandel im vergangenen Jahr um rund 16 Prozent zurückgegangen. Die Tendenz geht in Richtung kleinerer Aufträge und stärker vernetzter und kürzerer Lieferketten.[8] Diese Dynamik kann Kleinlieferanten neue Chancen bieten. Einerseits indem sie sich in diese kürzeren Ketten integrieren. Andererseits bieten sich ihnen mehr Möglichkeiten, kleinere Mengen über boomende E-Commerce-Kanäle zu verkaufen.

Marktdaten für Kleinproduzenten

Da zeitnahe, relevante und zugängliche Handelsinformationen für KMU immer mehr an Bedeutung gewinnen, werden digitale Plattformen zunehmend wichtiger. Sie helfen Unternehmen dabei, Chancen zu erkennen und zu vergleichen. Mit der Lancierung der Onlineplattform Global Trade Helpdesk beabsichtigen das Seco und das Internationale Handelszentrum (ITC) genau das. Dazu arbeiten sie mit der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) sowie der Welthandelsorganisation (WTO) zusammen. Auf der Plattform werden relevante Handels- und Marktinformationen zusammengeführt, um insbesondere den kleinsten Unternehmen die Marktforschung zu vereinfachen. Diese Informationen sollen Firmen helfen, attraktive Märkte zu identifizieren, ihren Marktzugang zu bewerten, mit potenziellen Käufern, Trade-Finance-Anbietern und Exportförderern in Verbindung zu treten und so die Markteinführung ihrer Waren zu erleichtern. Sie dienen allerdings nicht nur Exporteuren aus Entwicklungsländern, sondern auch Firmen in der Schweiz, die auf Importe aus dem Ausland zwecks Verarbeitung und Wiederausfuhr angewiesen sind (siehe Kasten).

Das Global Trade Helpdesk vereint wesentliche Handels- und Marktinformationen, um für KMU weltweit den Zugang zu Informationen zu vereinfachen und zu verbessern. Die Daten dazu stammen von einem Netzwerk von elf internationalen Agenturen und Entwicklungsbanken. Die Plattform bedient sich dabei der Erfahrung des ITC bei der Bereitstellung von Handels-, Investitions- und Marktinformationen für KMU und der Fülle von Handelsdaten der Unctad und der WTO.

In den kürzlich veröffentlichten Empfehlungen[9] der WTO-KMU-Gruppe bezeichneten die 91 Mitglieder das Global Trade Helpdesk als bedeutendes Instrument, um zuverlässige Informationen für kleinere Unternehmen breit zugänglich zu machen. Diese könnten ihnen bei der Anpassung ihrer Geschäftsstrategien und der Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit hilfreich sein. Verschiedene Akteure im Bereich der Exportförderung haben ihre Unterstützung zugesagt und Interesse bekundet, das Global Trade Helpdesk sowohl als Ressource für ihre Mitarbeitenden als auch für ihre Kunden zu nutzen. Insbesondere während des Covid-Lockdowns und bei der Prüfung von Strategien zur Anpassung an neue Marktbedingungen könne dieses wertvoll sein.

Julius Bradford Lamptey, Leiter Forschung der ghanaischen Industrie- und Handelskammer, sagte, dass seine Gebete für seine Business-Support-Institution erhört wurden und er die Plattform nutzen könne, um Firmen viel schneller eine evidenzbasierte Beratung anzubieten. Ausserdem könne er das Tool mit den Firmen teilen, damit diese in Zukunft ihre eigenen Recherchen durchführen könnten.[10]

Aufschwung vereinfachen

Ein umfassender globaler Aufschwung nach der Krise erfordert besser informierte und proaktive KMU. Diese müssen in der Lage sein, aufkommende Handelsmöglichkeiten effektiv zu identifizieren und zu vergleichen und sich mit wichtigen Partnern zu vernetzen. Der Entschluss des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) und des ITC, ihre Bemühungen zu bündeln, um zuverlässige Daten leicht verfügbar zu machen, hat sich als richtig erwiesen; noch bevor die Pandemie die Bedeutung der Digitalisierung bekräftigte.

Die Verbindung zwischen dem Global Trade Helpdesk und den Informationssystemen der einzelnen Länder muss in den kommenden Jahren intensiviert werden. Dies wird eine der wichtigsten Aufgaben sein, um die Wirkung der Onlineplattform zu maximieren und selbsttragend zu werden. Denn: Je breiter die Partnerschaft, desto besser sind die Informationen für Unternehmen an beiden Enden der Wertschöpfungskette zugänglich.

Durch die Verwendung digitaler Informationsplattformen wie des Global Trade Helpdesk, die Akzeptanz des papierlosen Handels, die Anpassung an neue Nachhaltigkeitstrends und die Erschliessung digitaler Vertriebskanäle werden KMU in den kommenden Jahren besser in der Lage sein, neue Chancen zu nutzen.

  1. International Trade Centre (2020). []
  2. Inter-American Development Bank (2020b). []
  3. Shafi, Mohsin; Liu, Junrong und Wenju Ren (2020). []
  4. Inter-American Development Bank (2020a). []
  5. International Chamber of Commerce (2020). []
  6. Market Access Map, COVID tab. (Abgerufen am 20. Januar 2021). []
  7. Fibl und Ifoam (2021). []
  8. Euromonitor (2021). []
  9. WTO (2020). []
  10. Siehe ITC News (2020b). []

Generalsekretärin, Internationales Handelszentrum (WTO/UNO), Genf

Dr. rer. soc., Leiterin Handelsförderung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Global Trade Helpdesk

Die Onlineplattform Global Trade Helpdesk ermöglicht es Kleinproduzenten ihr Exportpotenzial einfach abzuschätzen und Importeuren in der Schweiz geeignete Lieferanten zu identifizieren. Ein Beispiel: Möchte ein tunesischer Olivenölexporteur seine Chancen ermitteln, grössere Mengen in die Schweiz zu exportieren, kann er sofort auf alle notwendigen Informationen zugreifen. Der Exporteur kann die Attraktivität des Schweizer Marktes in Bezug auf Grösse, Marktanteil und Wachstum sowie den geschätzten potenziellen Exportwert für tunesisches Olivenöl schätzen.

Tunesien exportierte 2019 unverarbeitetes Olivenöl im Wert von 1,56 Millionen Dollar in die Schweiz. Gemäss der Plattform beträgt der potenzielle Exportwert bis 2025 9,8 Millionen Dollar. Mit anderen Worten: eine erhebliche Zunahme des Exportwachstums und eine bedeutende Chance für den Exporteur.

Um davon zu profitieren, muss der tunesische Exporteur aber die 20 inländischen Vorschriften kennen, darunter Lizenzanforderungen, Zertifizierungsanforderungen und Exportsteuern. Ausserdem muss das Olivenöl die 45 verbindlichen Auflagen des Schweizer Marktes erfüllen, wie zum Beispiel Toleranzgrenzen für Rückstände, Anforderungen an die Produktqualität sowie Zertifizierungs-, Kennzeichnungs- und Rückverfolgbarkeitsvorschriften. Alle notwendigen Informationen und Anforderungen sind auf der Plattform verfügbar.

Darüber hinaus kann sich der Exporteur über die 22 privaten Nachhaltigkeitsstandards informieren, zum Beispiel Biosuisse. Diese sind hilfreich, um eine Marktnische mit höherer Wertschöpfung zu erschliessen.

Ist der tunesische Exporteur daran interessiert, seine Waren auf dem Schweizer Markt zu verkaufen, kann er auf der Plattform Kontaktinformationen zu potenziellen Käufern, Trade-Finance-Anbietern, Agenturen für geistiges Eigentum und relevanten Exportfördergesellschaften abrufen. Diese können ihm helfen, seinen Exportplan in die Tat umzusetzen.

Literatur

Generalsekretärin, Internationales Handelszentrum (WTO/UNO), Genf

Dr. rer. soc., Leiterin Handelsförderung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern