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Industriefirmen halten am Standort Schweiz fest

Trotz Corona-Krise wollen Schweizer Industriefirmen am Produktionsstandort Schweiz festhalten. Dies zeigt eine umfassende Umfrage der Universität St. Gallen von vergangenem Sommer.

Mitarbeitende der Mikron-Gruppe fertigen eine Maschine in Agno TI. (Bild: Keystone)

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Im Sommer 2020 hat das Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen (ITEM-HSG) zum vierten Mal den «Swiss Manufacturing Survey» durchgeführt. Das Ziel der jährlichen Befragung des in der Schweiz produzierenden Gewerbes ist es, die aktuelle Situation und die Erwartungen an die Zukunft abzubilden. Dazu beantworten die teilnehmenden Unternehmen unter anderem Fragen zu Herausforderungen, Innovationen und zur globalen Wertschöpfungsstruktur. In der letztjährigen Umfrage wird deutlich, dass Schweizer Unternehmen trotz Corona für die Jahre 2021 bis 2023 keine Reduktion der Fertigungskapazitäten am Standort Schweiz erwarten. Weltweit gehen die befragten Unternehmen allerdings von einer Abnahme der Fertigungskapazitäten aus.

Auch über ein Jahr nach ihrem Ausbruch dominiert die Corona-Pandemie das globale Wirtschaftsgeschehen. Aufgrund der weiterhin volatilen Lage ist es nicht leicht, Aussagen über die aktuelle wirtschaftliche Situation im Allgemeinen sowie die Entwicklung der Produktion in der Schweiz im Besonderen zu treffen. Unsicherheiten bergen insbesondere die Virusmutationen und die unterschiedlichen Strategien der Staaten.

Für die Schweiz schwanken die Konjunkturprognosen daher beträchtlich: Zu Beginn des ersten Lockdowns ging das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in der Konjunkturprognose von Mitte März 2020 davon aus, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) für das Jahr 2020 um 1,5 Prozent schrumpfen werde. Ende April 2020 aktualisierte es die Prognose auf ein Minus von 6,7 Prozent. Dies hätte dem stärksten Einbruch der Wirtschaftsaktivität seit 1975 entsprochen. Im März 2021 schätzte das Seco den Rückgang für 2020 schliesslich auf –2,9 Prozent.

Neben diesen Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Coronavirus erschwerten unter anderem der Brexit, die anhaltenden Spannungen zwischen den USA und China und die Wahlen in den USA die Erstellung der Prognosen. Ein weiterer, mittelfristig zu berücksichtigender Faktor ist die internationale Reaktion auf die chinesische Aussen- und Innenpolitik. Bereits heute verlagern einige Unternehmen Produktionskapazitäten aus China in andere südostasiatische Länder oder zurück in die Nähe des Heimatmarktes.[1]

200 Unternehmen befragt

Was bedeutet dies für die Schweizer Industrie? Einen guten Einblick liefert die Umfrage «Swiss Manufacturing Survey», die vom Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen zusammen mit der ETH Zürich jährlich durchgeführt wird.[2] Diese beleuchtet die Situation der produzierenden Industrie in der Schweiz. Im vergangenen Jahr haben zwischen Mitte April und Ende Juli 200 Unternehmen aus 20 Branchen vom Maschinenbau über die Elektro- und die Textilindustrie bis hin zur Pharmaindustrie daran teilgenommen. 60 Prozent der Teilnehmenden waren kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit weniger als 250 Mitarbeitenden. Dieser Wirtschaftssektor hat gemäss dem Bundesamt für Statistik einen Anteil von knapp 20 Prozent am Bruttoinlandprodukt (BIP). In der Umfrage werden die Unternehmen unter anderem zu ihren Standortentscheidungen, der Innovationsfähigkeit, der Bedeutung von Marktnähe sowie den Stärken des Schweizer Werkplatzes befragt.

Die Auswertung zeigt: Die Wertschöpfung der Schweizer Industrieunternehmen basiert stark auf eigenen weltweiten Produktionsstätten. Neben der Schweizer Heimatbasis befinden sich die Fertigungskapazitäten vor allem in den Regionen Europa (rund 40%), Asien (rund 25%) und Nordamerika (rund 20%). Demgegenüber sind Fertigungskapazitäten in Mittel- und Südamerika sowie in Afrika und Ozeanien deutlich seltener. Die Verteilung der Fertigungskapazitäten über diese Regionen ist in den letzten zwei Jahren weitestgehend konstant geblieben.

In den Jahren 2018 und 2019 – also noch vor der Corona-Krise – waren die Industriebetriebe in der Schweiz solide aufgestellt: 60 Prozent der befragten Unternehmen hielten ihre Fertigungskapazitäten konstant. Etwa ein Viertel erhöhte sie sogar, während 12 Prozent Kapazitäten abbauten. Ein ähnliches Bild zeigt sich für ganz Europa. Deutlich wachstumsstärker waren damals Asien und Nordamerika, wo je über 37 Prozent der befragten Unternehmen ihre Produktionskapazitäten erhöhten.

Positiver Ausblick für Schweiz

Trotz Pandemie war das Vertrauen in den Produktionsstandort Schweiz auch im vergangenen Sommer relativ gross: 42 Prozent der Befragten erwarteten für die Jahre 2020 bis 2023 eine Zunahme der Fertigungskapazitäten in der Schweiz (siehe Abbildung). Je 28 Prozent gingen von einer konstanten Entwicklung beziehungsweise von einem Abbau aus. Aufgrund der Corona-Krise waren die Einschätzungen aber deutlich pessimistischer als im Vorjahr: Damals gab fast die Hälfte der Unternehmen an, einen Ausbau der Fertigungskapazitäten vornehmen zu wollen, und lediglich 18 Prozent planten einen Abbau.

Erwartete Fertigungskapazitäten von Schweizer Industrieunternehmen

Anmerkung: Dargestellt sind die Zukunftserwartungen in Bezug auf die Fertigungskapazitäten des «Swiss Manufacturing Survey» 2020 und der Vorjahresbefragung.

Quelle: Friedli et al. (2019) sowie (2020) / Die Volkswirtschaft

Weniger optimistisch waren die Unternehmen, was die Fertigungskapazitäten im Ausland anbelangt. So planten sie für die Jahre 2020 bis 2023 in allen Weltregionen eine Reduktion. Besonders düster waren die Aussichten für Nordamerika und Asien, wo 65 Prozent beziehungsweise 60 Prozent mit einem Abbau rechneten. Lediglich 10 Prozent beziehungsweise 14 Prozent rechneten in diesen Regionen mit einem Ausbau. In Europa erwarteten beispielsweise 54 Prozent der Unternehmen eine Reduktion der Fertigungskapazitäten und lediglich 16 Prozent eine Zunahme.

KMU leiden stärker

Je nach Unternehmensgrösse ändert sich das Bild: KMU schätzen beispielsweise die künftige globale Entwicklung negativer ein als Unternehmen mit über 250 Mitarbeitenden. Dieser Unterschied wird vor allem im Falle von Asien deutlich, gilt aber auch für Europa und Asien. Für die Schweiz lassen sich hingegen keine signifikanten Abweichungen zwischen KMU und grossen Unternehmen beobachten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die meisten Unternehmen wollen ihre aktuellen Fertigungskapazitäten in der Schweiz bis 2023 beibehalten, während sie weltweit tendenziell mit einem Abbau rechnen. Trotz einiger Herausforderungen wie beispielsweise hohen Lohnkosten und einer starken Währung bringt die Schweiz offensichtlich Qualitäten wie hoch qualifizierte Arbeitskräfte und ein stabiles soziopolitisches Umfeld mit, die das Land als Produktionsstandort attraktiv machen. Betrachtet man das Produktionsvolumen pro Kopf, ist die Schweiz «Produktionsweltmeister» – mit grossem Abstand vor Deutschland und den USA.[3]

Um global wettbewerbsfähig zu bleiben, ist der Produktionsstandort Schweiz somit weiterhin zentral. Die aktuelle Diskussion über sich verkürzende und robustere Wertschöpfungsketten im Zuge der aktuellen Pandemie könnte somit zu einem weiteren Ausbau der Fertigungskapazitäten in der Schweiz führen. Aufschlussreich wird die laufende Befragung sein, die am 6. April begonnen hat.

  1. Rohde (2020). []
  2. Friedli et al. (2018;2019;2020) []
  3. Ferdows (2021). []

Professor für Produktionsmanagement, Direktor des Instituts für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Literatur

Professor für Produktionsmanagement, Direktor des Instituts für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen