Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Rohstoffhandel: Drehscheibe Schweiz»

Rohstoffpreise: Ein Spiegel der Weltkonjunktur?

Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig zeitnah verfügbare Frühindikatoren für die Konjunkturprognose sind. Rohstoffpreisindizes können hier eine Lücke füllen – allerdings verfälschen angebotsseitige Preisänderungen das Bild.

Rohöl ist für die Industrieproduktion essenziell. Offshore-Bohrplattform. (Bild: Shutterstock)

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Rohstoffpreise werden derzeit kaum als Frühindikator für die Konjunkturprognose eingesetzt. Der Grund dürfte vor allem in der Ambivalenz ihrer Signale für die Realwirtschaft liegen, nämlich inwieweit die Impulse für die Preisänderungen von der Nachfrage- oder der Angebotsseite stammen. Bei sorgfältiger Interpretation sollte ihr Informationsgehalt für die globale Wirtschaft aber nicht unterschätzt werden.

Rohstoffpreise dienen seit Langem als Frühindikator für die weltweite Inflation, da sie schnell verfügbar und hochfrequent sind.[1] Als vorauseilende Indikatoren für die reale Wirtschaftsentwicklung sind sie dagegen weniger verbreitet. Zu Recht?

Auf globaler Ebene gibt es vier Typen von Indikatoren, die für Konjunktur-, aber auch Inflationsprognosen herangezogen werden. Erstens: Indikatoren, die auf offiziellen Statistiken wie der Industrieproduktion basieren und auf die Konjunktur abzielen. Sie haben den Nachteil, dass sie mit beträchtlichen Verzögerungen veröffentlicht werden und schnell verfügbare Indikatoren wie Rohstoffpreise unberücksichtigt lassen.

Zweitens: Indikatoren, die auf Umfragen bei Experten, Unternehmen oder Verbrauchern basieren. Sie sind zeitnaher verfügbar, es gibt allerdings nur wenige international breit abgestützte Umfragen. Während Konsumentenpreise und Preise von Gütern und Dienstleistungen bei solchen Befragungen regelmässig berücksichtigt werden, fliessen diejenigen von Rohstoffen allenfalls implizit ein, vor allem wenn es um Einkaufspreise für Vorprodukte geht. Dieser Indikatortyp ist als Frühindikator sowohl für die Konjunktur als auch für die Inflation geeignet.

Die dritte Gruppe von Indikatoren basiert direkt auf Preis- oder Volumendaten. Dazu zählen typischerweise auch Rohstoffpreise. Nebst den Rohstoffpreisen liefern auch Frachtraten, das Frachtvolumen und die Rohstoffproduktion Informationen für Konjunkturanalysten. Ein potenzielles Problem mit Indikatoren dieser Kategorie besteht aber darin, dass sie nicht nur durch den Weltwirtschaftszyklus, sondern auch durch strukturelle Veränderungen beeinflusst werden können, die nicht mit der aktuellen zyklischen Lage zusammenhängen. Zum Beispiel werden bei einer grossen Nachfrage mehr Frachtschiffe gebaut. Wenn diese Schiffe Monate später vom Stapel laufen, hat die Nachfrage in der Zwischenzeit aber womöglich wieder nachgelassen. Als Folge der damit geschaffenen Überkapazitäten sinken die Preise.

Viertens gibt es auch auf globaler Ebene Sammelindikatoren, die auf verschiedenen Informationen basieren. Die OECD unterhält beispielsweise ein System von zusammengesetzten Leitindikatoren für ihre Mitgliedsländer und einige Nichtmitgliedsländer. Ein weiteres Indikatorensystem sind die Globalen Barometer, die von der KOF gemeinsam mit der brasilianischen Fundação Getúlio Vargas publiziert werden. Diese Barometer sind zusammengesetzte Indikatoren, die auf Umfragen zur wirtschaftlichen Entwicklung basieren.

Auch für die Analyse der Rohstoffmärkte werden meist zusammenfassende Preisindizes über verschiedene Rohstoffe hinweg verwendet. Diese Indizes wurden zur Analyse der Rohstoffmarktentwicklung einschliesslich der Konsequenzen für die Rohstoffversorgung, aber manchmal auch mit Blick auf die Konjunkturanalyse entwickelt. Beispiele dafür sind der All Primary Commodity Prices Index des Internationalen Währungsfonds (IMF) oder der HWWI-Rohstoffpreisindex des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Beide Indizes kombinieren Preise für Energieträger, Industrierohstoffe und Nahrungsmittel. Daneben existieren zahlreiche weitere Rohstoffindizes von Finanzmarktanalysten wie Bloomberg, Goldman Sachs und Thomson Reuters, die sich in erster Linie an Finanzmarktakteure richten. Der IMF-Index ist mit 68 Rohstoffpreisen wohl derjenige mit der breitesten Abdeckung. Allerdings wird der IMF-Index nur als monatliche Zeitreihe veröffentlicht, während die übrigen Finanzindizes fortlaufend erhältlich sind.

Angebot oder Nachfrage?

Ein generelles Problem im Zusammenhang mit Rohstoffpreisen und deren Verwendung als konjunkturelle Frühindikatoren ist, dass die Preisschwankungen sowohl angebotsseitige als auch nachfrageseitige Ursachen haben können.

Die Nachfrage nach Rohstoffen wird stark vom Baugewerbe und dem verarbeitenden Gewerbe beeinflusst. Ein klassischer Bau- und Industriewerkstoff ist Stahl, der aus Eisen und häufig auch aus Nickel besteht. Ebenfalls wichtig ist Kupfer, das in Stromkabeln, Legierungen und Rohren zum Einsatz kommt. Das Leichtmetall Aluminium wiederum wird von der Fahrzeug-, der Verpackungs- und der Bauindustrie nachgefragt. Auch Energierohstoffe wie Öl und Gas sind für die industrielle Produktion vonnöten; Rohöl und seine Folgeprodukte werden aber auch im Bau eingesetzt. Die Lebensmittelindustrie wiederum ist auf Rohstoffe wie Getreide oder Ölsaaten angewiesen. Somit kann man sagen: Steigt die Nachfrage, zieht die Konjunktur vermutlich an.

Die Sache ist aber komplexer, da ein Preisanstieg auch auf einen Rückgang des Angebots zurückgehen kann. Zudem sind in normalen Zeiten angebotsbedingte Schwankungen anders zu interpretieren als nachfragebedingte. Die Entwicklung oder Erschliessung neuer Rohstoffvorkommen oder eine gute Ernte lassen die Preise tendenziell sinken und wirken somit über eine Steigerung der Realeinkommen beziehungsweise der Kaufkraft positiv auf die Gesamtwirtschaft. Anders ist es, wenn die globale Wirtschaft kriselt – dann sinken die Rohstoffpreise, weil die Nachfrage nachlässt. Des Weiteren werden angebotsseitige Schwankungen häufig durch geopolitische Spannungen oder Unsicherheiten ausgelöst (siehe Abbildung 1) und können drastisch ausfallen. Dies ist auf dem Ölmarkt besonders augenfällig. So sank etwa das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) infolge der ersten Ölkrise im Jahr 1975 und des vom Opec-Kartell forcierten Preisanstiegs um fast 7 Prozent. Zum Vergleich: Im Corona-Jahr 2020 betrug der BIP-Rückgang «nur» 3 Prozent.

Daher muss man sich bei der Konjunkturanalyse angesichts von steigenden Rohstoffpreisen stets fragen, ob es Angebotsprobleme gibt oder ob die Preise wegen einer lebhaften weltweiten Nachfrage und damit wegen eines Wirtschaftsaufschwungs steigen. Im letzteren Fall können die hohen Preise den Aufschwung dämpfen, aber normalerweise nicht abrupt beenden, wie es in den angebotsbedingten Ölpreiskrisen in den 1970er- und 1980er-Jahren der Fall war. Das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage für die Preisbestimmung wird ausserdem fallweise überlagert von Schwankungen, die durch spekulative Attacken oder Herdenverhalten an den Finanzmärkten erzeugt oder verstärkt werden.

Diese Ambivalenz zwischen Angebot und Nachfrage ist weniger problematisch, wenn man Rohstoffpreise als Frühindikatoren für die Preisentwicklung heranzieht. Denn Preisänderungen wichtiger Vorprodukte schlagen sich unabhängig von ihrem Ursprung direkt in den Produzenten- und Verbraucherpreisen nieder.

Abb. 1: Jährlicher Rohölpreis pro Barrel Brent seit 1950

Anmerkung: Die in der Mikroökonomie typischerweise vermittelte Lehrmeinung ist, dass Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen, welche somit relative Knappheiten anzeigen und dann eine optimale Allokation gewährleisten. Dass dies bei Rohstoffpreisen nur bedingt stimmt, zeigt ein Blick auf die Entwicklung des Ölpreises über die letzten 70 Jahre: Seit 1950 blieb er praktisch unverändert, bis er im Jahr 1974 – und erneut 1979 – regelrecht explodierte. Dies waren rein politisch bedingte Preisänderungen infolge des Nahostkonflikts. Bis 2005 ist kein Trend feststellbar, aber eine hohe Volatilität, die nur bedingt durch die Weltkonjunktur erklärbar ist. Bis 2012 klettert der Preis auf ein vorläufiges Maximum, unterbrochen nur von einem starken Einbruch im Jahr 2009 aufgrund der Finanzkrise, um dann bis 2017 noch stärker einzubrechen, gefolgt von einem neuen Hoch 2018. Der Einbruch am aktuellen Rand begann schon 2019, ist also nicht allein Ausdruck der Corona-Krise. Es zeigt sich hier, dass markante Entwicklungen der Weltkonjunktur in der Zeitreihe zwar erkennbar sind, diese aber überlagert werden von drastischen Bewegungen, die einesteils gänzlich nicht ökonomischer Natur sind, andernteils wohl massgeblich auf geopolitische Faktoren oder auf Spekulation und Herdenverhalten zurückgeführt werden müssen. Wo der Ölpreis nicht als Wink der «unsichtbaren Hand» interpretiert werden kann, ist er auch als Konjunkturindikator fragwürdig, und das Gleiche gilt sinngemäss für andere Rohstoffpreise.

Quelle: Ourworldindata (bis 1985); Eia (ab 1986) / Die Volkswirtschaft

Der Praxistest

Um herauszufinden, inwiefern sich die globale Konjunkturentwicklung in den Rohstoffpreisen widerspiegelt, ist ein Vergleich mit der weltweiten Industrieproduktion aufschlussreich (siehe Abbildung 2). Das CPB Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis veröffentlicht eine monatliche Zeitreihe der globalen Industrieproduktion. Diese Daten haben wir dem IMF-Rohstoffpreisindex gegenübergestellt.

Abb. 2: Rohstoffpreise und Industrieproduktion

Anmerkung: Die Abbildung zeigt die monatliche Wachstumsrate des IMF-Rohstoffpreisindex und der Industrieproduktion gegenüber dem Vorjahresmonat. Zur einheitlichen Darstellung sind beide Zeitreihen standardisiert.

Quelle: IMF, CPB, Berechnung der Autoren / Die Volkswirtschaft

Das zyklische Muster der beiden Indizes verläuft recht ähnlich. Markant sind in beiden Zeitreihen die konjunkturellen Tiefs. Die Rezession 2001 nach dem Platzen der Dotcom-Blase sowie die grosse Rezession 2008/09 sind klar ersichtlich, ebenso die rasche Erholung. Auf der anderen Seite fällt auf, dass die Rohstoffpreise um das Jahr 2015 deutlich stärker nachgaben als die Industrieproduktion. Grund dafür war eine deutlich gestiegene Rohstoffförderung, weil die Anbieter die künftige Nachfrage überschätzten:[2] Zu Beginn des Jahrtausends führten der Aufstieg Chinas und die dynamische Entwicklung der Schwellenländer zu einer Hausse bei den Rohstoffpreisen. Dieser Boom zog zeitlich verzögert hohe Investitionen in die Förderung nach sich. Das höhere Angebot traf dann ab 2011 zunehmend auf eine nicht mehr so dynamische Entwicklung in den aufstrebenden Ländern. Somit kam es zu einer schärferen Korrektur der Preise.

Ein zusätzliches Werkzeug

Es zeigt sich an diesem Beispiel, wie wichtig die Analyse der Nachfrage- und Angebotseffekte ist, um die Ursachen der Entwicklung der Rohstoffpreise zu interpretieren. Sind Rohstoffpreise als konjunkturelle Frühindikatoren also völlig ungeeignet?

Nein, im Gegenteil: Die Korrelation der beiden in der Grafik dargestellten Zeitreihen ist mit 0,67 hoch (1,00 entspräche völliger Gleichheit). Obwohl Rohstoffpreise selten für die Konjunkturprognose verwendet werden, weisen sie bestimmte Vorteile auf: Preise werden praktisch ständig in Echtzeit erhoben und veröffentlicht. Auch werden sie nachträglich nicht mehr revidiert. Gerade die Covid-Krise zeigt, dass es einen Bedarf an solchen rasch verfügbaren, klaren Indikatoren gibt.

Rohstoffpreise sind somit ein ergänzender Indikator für die Weltkonjunktur. Nicht zuletzt aufgrund ihrer zeitnahen Verfügbarkeit sind sie für die Konjunkturanalyse einen Blick wert.

  1. Siehe schon Silbering (1923). []
  2. Ehrlich (2016). []

Leiter Konjunkturumfragen, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Professor für Volkswirtschaftslehre, Leiter des Forschungsbereichs Konjunktur, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Literatur

  • Ehrlich, Lars (2016). Talfahrt der Rohstoffpreise, Wirtschaftsdienst, 2016, Heft 2: 148–149.
  • Silbering, Norman J. (1923). British Prices and Business Cycles, 1779–1850, The Review of Economics and Statistics, Vol. 5, Supplement 2: 223–247.

Leiter Konjunkturumfragen, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Professor für Volkswirtschaftslehre, Leiter des Forschungsbereichs Konjunktur, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich