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Doch kein Aus für das Bargeld

Es mag erstaunen: Während der Corona-Pandemie hat das Bargeldvolumen in der Schweiz zugenommen. Der Grund dafür liegt in seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel.

Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, präsentiert im September 2019 die neue Hunderternote in Ayent VS. (Bild: Keystone)

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Entgegen andauernden Prognosen ist Papier- und Münzgeld alles andere als am Ende seiner Tage: Die Covid-19-Pandemie mit ihren gestiegenen Onlinekäufen hat auch nichts daran ändern können. Denn Bargeld hat im digitalen Zeitalter vor allem eine Wertaufbewahrungsmittelfunktion, die in Krisenzeiten besonders zum Vorschein kommt. Entscheidungsträger haben aus diesem Grund besonders dafür Sorge zu tragen, dass die Rolle von Bargeld bewahrt wird.

Lockdowns und Hygienemassnahmen haben Zahlungen mit Kredit- und Debitkarten sowie Zahlungen über das Smartphone einen Schub verliehen. Zwischen März und September 2020 stiegen beispielsweise die Internet- und Versandhandelseinkäufe in der EU gegenüber dem Vorjahreszeitraum um über 10 Prozent.[1] Sind die Tage des Bargelds also gezählt? Wohl kaum. Denn was in der laufenden Bargeld-Debatte unterzugehen droht, ist die Erkenntnis, dass Banknoten auch in der postindustriellen Gesellschaft vor allem als Wertaufbewahrungsmittel dienen.

Gerade in unsicheren Zeiten wie während der Corona-Pandemie scheint die Nachfrage nach Bargeld besonders gross. So stiegen die sich im Umlauf befindenden Banknotenvolumina der Schweizerischen Nationalbank zwischen März 2020 und Februar 2021 um 5,9 Prozent, was einer Zunahme von 131 Milliarden Franken entspricht (siehe Abbildung). Im Vorjahreszeitraum hatte der Anstieg 3,3 Prozent betragen.[2] Dasselbe Phänomen lässt sich auch in der Eurozone sowie in den USA beobachten.

Banknotenumlauf der Schweizerischen Nationalbank (1950 bis Februar 2021)

Quelle: SNB: Notenbankgeldmenge; Berechnung des Autors / Die Volkswirtschaft

Das Vertrauen ins Papiergeld ist dabei ein eher jüngeres Phänomen. Ein vielleicht noch grösseres Vertrauen genoss bis in die Siebzigerjahre das Gold. So konnte man den Dollar bis ins Jahr 1971 gegen das Edelmetall umtauschen. Als Anfang 1976 weite Teile der Goldreserven weltweit mit Unterstützung des Internationalen Währungsfonds verkauft wurden, war das Papiergeld plötzlich auf sich gestellt – und zum «neuen» Gold umfunktioniert.

Da das Papiergeld quasi aus dem Nichts geschöpft ist, bezeichnet man es auch als Fiatgeld: Der Wert von Papiergeld ergibt sich nicht aus dem Herstellungsmaterial − schliesslich belaufen sich die Herstellungskosten Schweizer Banknoten auf durchschnittlich 40 Rappen pro Stück −, sondern vielmehr in Verbindung zu Gütern, Waren und Dienstleistungen, wie sie im Bruttoinlandprodukt erfasst sind.

Fragwürdige Bargeldlimits

Weitaus bedenklicher für den Fortbestand von Bargeld als die Digitalisierung sind an Dirigismus grenzende staatliche Regulierungen. Um Schwarzgeld und Terrorfinanzierung zu bekämpfen, haben zahlreiche europäische Länder Obergrenzen für Bargeldzahlungen eingeführt. In Frankreich und Portugal liegt das Limit beispielsweise bei 1000 Euro pro Einwohner. Genauso kritisch zu betrachten ist auch die Bestrebung der Zentralbanken, neu digitales Zentralbankgeld – sogenanntes digitales Bargeld – zu schaffen. Entsprechende Tests unter der Schirmherrschaft der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sind bereits weit fortgeschritten.[3] So wird die Europäische Zentralbank demnächst entscheiden, ob sie komplementär zu Bargeld auch einen digitalen Euro einführen wird.

Solche Pläne sind aus geldtheoretischer Sicht unbedacht, da sie die Relevanz der physischen Greifbarkeit des Geldes ausser Betracht lassen. Der Bankensturm auf die Filialen der britischen Bank Northern Rock im September 2007, als sich die verängstigten Kunden ihre Ersparnisse bar auszahlen liessen, verdeutlicht diese psychologische Komponente von Bargeld exemplarisch.

Hinzu kommt: Da beim digitalen Zentralbankgeld praktisch keine Herstellungskosten mehr anfallen, wäre die Versuchung für die Notenbanken noch grösser als heute, die Geldmenge auszuweiten. Dass digitales Notenbankgeld negativer Verzinsung zudem den Weg öffnen und zum «Schwundgeld» nach der Vorstellung des deutsch-argentinischen Finanztheoretikers Silvio Gesells umgestaltet würde, wird genauso wenig thematisiert. Mit Schwundgeld ist umlaufgesichertes Geld gemeint, das mit der Zeit an Wert verliert.

Das Vertrauen in eine Währung gefährden auch neue Banknotenserien – insbesondere, wenn die alte Serie ihre Gültigkeit verliert.[4] Bekanntermassen ist auch die jüngst zurückgerufene achte Banknotenserie der Schweizerischen Nationalbank nicht mehr als Zahlungsmittel gültig. Die USA sind in dieser Hinsicht vorbildlich. Zum einen haben sie – wie übrigens auch die Schweiz – nie eine Obergrenze für Barzahlungen festgelegt. Zum anderen sind sogar Dollarnoten, die im Ersten Weltkrieg gedruckt wurden, immer noch gültig.

Abschliessend lässt sich sagen: Digitales und physisches Geld können (und sollen) zusammen bestehen. Während Ersteres für Onlinezahlungen prädestiniert ist, eignet sich Bargeld als Wertaufbewahrungsmittel.

  1. Eurostat (2021). []
  2. Berechnung anhand SNB-Notenumlauf[]
  3. BIZ (2020). []
  4. SNB (2021). []

Dr. sc. ec. Dr. rer. pol., Dozent für internationale Makroökonomik, Università della Svizzera italiana (USI), Lugano

Dr. sc. ec. Dr. rer. pol., Dozent für internationale Makroökonomik, Università della Svizzera italiana (USI), Lugano