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Ökologie und Ökonomie

Umweltschutz und Wirtschaft müssen kein Widerspruch sein. Im Gegenteil: Ökonomische Instrumente zeigen, wie man mit der Umwelt haushälterisch umgeht.

«Die Übernutzung der Umwelt ist ein Ausdruck der verzerrten Preissignale, welche die Kosten dieser Nutzung nicht berücksichtigen.» (Bild: Jonah Baumann)

Viele werden das Begriffspaar im Titel instinktiv als gegensätzlich und konfliktbeladen interpretieren. Denn die vorherrschende Ansicht ist, dass wirtschaftliche Entwicklung fast zwangsläufig auf Kosten der Umwelt geht – und umgekehrt. Die hochaktuelle Klimadebatte liefert ausgiebiges Anschauungsmaterial dafür. Wenn es auch unbestritten ist, dass Wirtschaftswachstum oft mit zusätzlichem Ressourcenbedarf verbunden ist – die Sache ist bei Weitem nicht so eindeutig. Jedenfalls nicht, wenn man Ökonomie – wie wir das in dieser Artikelserie tun – als wissenschaftliche Disziplin und nicht als «die Wirtschaft» interpretiert. Es ist nämlich kein Zufall, dass die beiden Begriffe im Titel sehr ähnlich klingen. Sie leiten sich beide aus dem altgriechischen Wort für «Haushalt» ab, da es in beiden Wissenschaften um den haushälterischen Umgang mit Ressourcen geht. Wir wollen in diesem Beitrag erläutern, wie die Erkenntnisse der Ökonomie helfen, möglichst schonend mit der Umwelt umzugehen.

Marktversagen bei Externalitäten

Wie wir im Artikel zur unsichtbaren Hand des Marktes ausgeführt haben, führt der Preismechanismus in der Regel zu einem effizienten Einsatz knapper Ressourcen. Das gilt aber nur, falls der Marktpreis die tatsächliche Knappheit korrekt widerspiegelt. In den klar definierten Fällen, in denen das nicht der Fall ist, kann ein staatlicher Eingriff die Effizienz verbessern. Das klassische Beispiel für ein solches Marktversagen sind externe Effekte. Sie existieren dann, wenn jemand nicht alle Kosten trägt, die bei seinen Aktionen für Dritte entstehen. Übermässige Umweltverschmutzung ist die prominenteste Ausprägung dieser Ineffizienz.

Ein Beispiel für einen externen Effekt: Ein Stahlwerk leitet seine Abwässer ungereinigt in einen Fluss und verringert so die Erträge der Fischer, die flussabwärts ihr Geschäft betreiben. Ohne staatliche Eingriffe ist die Verwendung der Umwelt für das Stahlwerk gratis, und deshalb unterschätzt es die wahren Kosten seiner Tätigkeit. Dies lässt sich anhand einer einfachen Angebots-Nachfrage-Grafik analysieren (siehe Abbildung).

Negative Externalitäten

Die Nachfragekurve in der Abbildung hat die übliche negative Steigung: Je höher der Stahlpreis, desto weniger wird gekauft. Für unsere Analyse ist jedoch die Angebotskurve von Bedeutung. Sie hat typischerweise eine positive Steigung, weil es sich lohnt, mehr Stahl zu verkaufen, wenn der Preis steigt. Die Produktionskosten sind die wichtigste Bestimmungsgrösse der Angebotskurve. Im Fall externer Effekte müssen wir diese privaten Kosten der Produzenten jedoch von den sozialen Kosten für die gesamte Gesellschaft unterscheiden. Das Stahlwerk selbst erfährt durch die von ihm verursachte Umweltverschmutzung keine Kosten, für die gesamte Gesellschaft sind diese aber durchaus relevant – im Beispiel, weil weniger Fische gefangen werden können.

Die von den sozialen Kosten bestimmte Angebotskurve As liegt daher in der Grafik links der Angebotskurve Ap, die lediglich von den privaten Kosten der Stahlproduktion bestimmt wird. Müsste das Stahlwerk nämlich neben den privaten Kosten zusätzlich auch die Kosten bezahlen, die durch die Umweltverschmutzung entstehen, würde es die angebotene Menge an Stahl zu jedem Preis reduzieren. Der vertikale Abstand der beiden Kurven entspricht dabei den Kosten der Umweltverschmutzung. Der Marktpreis pm liegt deshalb tiefer als der eigentlich effiziente Preis p*, der die relativen Knappheiten korrekt widerspiegelt, und das Stahlwerk produziert mehr Stahl (qm) als die gesamtwirtschaftlich optimale Menge q*.

Was ist die Lösung?

Nirgends tritt das Problem externer Effekte deutlicher zutage als im Umweltbereich. Die Verschmutzung der Gewässer, das Ozonloch oder die globale Erwärmung können direkt auf dieses Marktversagen zurückgeführt werden. Die Übernutzung der Umwelt ist ein Ausdruck der verzerrten Preissignale, welche die Kosten dieser Nutzung nicht berücksichtigen. Aus diesem Grunde reicht freiwilliger Umweltschutz allein nicht aus, um das Problem zu lösen. Natürlich hilft es, wenn sich Menschen freiwillig umweltschonender verhalten, aber der Anreiz zum Trittbrettfahren – sein eigenes Verhalten nicht anpassen und auf andere hoffen – ist deutlich zu gross. Das gilt insbesondere bei globalen Umweltproblemen wie der Klimaerwärmung. Deshalb braucht es für einen effizienten Einsatz der Ressource staatliche Eingriffe.

Die offensichtlichsten Staatseingriffe bestehen in Regulierungen der Wirtschaftstätigkeit: Die umweltschädigende Tätigkeit wird mit Verboten und Vorschriften eingedämmt. Frühe umweltpolitische Massnahmen liessen sich vor allem dieser Methode zuordnen. Allerdings zeigte sich mit der Zeit, dass dieser Ansatz zu ineffizienten, weil starren Vorschriften führt, die den individuellen Kosten der Vermeidung von Umweltschäden nicht Rechnung tragen und umweltschonende Innovationen zu wenig begünstigen. Diese Methode krankt letztlich daran, dass keine direkten Anreize über Preisveränderungen vermittelt werden. Deshalb wurden in den letzten Jahrzehnten immer mehr Bemühungen unternommen, den Preismechanismus und damit die Marktkräfte stärker zu nutzen.

Die Grundidee dieses marktwirtschaftlichen Umweltschutzes ist es, mithilfe einer sogenannten Lenkungsabgabe, einer Steuer also, dem Umweltverbrauch einen Preis zu geben. Dadurch soll die Knappheit der Ressource in den Entscheiden berücksichtigt werden. Werden die Erträge dieser Steuer gleichmässig an die Bevölkerung zurückverteilt, spricht man von einer reinen Lenkungsabgabe: Sie erreicht die gewünschte Lenkungswirkung ohne eine Erhöhung des staatlichen Einkommens. In der Abbildung würde also eine Steuer erhoben, die im Idealfall gerade so hoch wäre, dass sie die private Angebotskurve Ap so weit nach links verschiebt, dass sie genau auf der sozialen Angebotskurve As zu liegen kommt. Damit würde der externe Effekt vollständig internalisiert: Der Verursacher wird mit den tatsächlichen Kosten für die gesamte Volkswirtschaft konfrontiert.

Wirtschaftswachstum begünstigt Umweltpolitik

Aus wissenschaftlicher Sicht besteht also kein relevanter Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie – beide plädieren für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt. Doch zurück zu unserer Frage zu Beginn des Artikels: Schädigt in der Realität die Entwicklung «der Wirtschaft» die Umwelt nicht über die Massen, weil es nicht gelingt, effiziente Massnahmen politisch zu implementieren? Zu einem gewissen Grad stimmt das. Allerdings zeigt sich im internationalen Vergleich, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau die Umweltverschmutzung im Verhältnis zum BIP sinkt. Das hat einerseits mit dem Übergang von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften zu tun und andererseits vor allem mit der Tatsache, dass mit wachsendem Wohlstand die Zahlungsbereitschaft einer Gesellschaft für Umweltqualität steigt.

Diese gegenläufige Tendenz sieht man auch daran, dass nur in wachsenden Wirtschaften die politische Bereitschaft besteht, eine wirklich griffige Umweltpolitik zu verfolgen. Ist ein Land arm oder schrumpft seine Wirtschaft, so sind die Themen Umweltqualität und Klima meist relativ weit hinten auf der politischen Prioritätenliste.

Professor am Departement Volkswirtschaftslehre, Universität Bern

Serie: Ökonomie kurz erklärt

In der sechsteiligen Serie «Ökonomie kurz erklärt» vermittelt der Berner Ökonomieprofessor Aymo Brunetti auf verständliche Weise Schlüsselthemen der Volkswirtschaftslehre. Die Beiträge beruhen teilweise auf seinem Lehrbuch «Volkswirtschaftslehre – Lehrmittel für die Sekundarstufe II und die Weiterbildung». Weitere Themen sind: Womit befasst sich die Volkswirtschaftslehre?, Die unsichtbare Hand, Wachstum versus Konjunktur, Banken und Finanzkrisen sowie Ausserordentliche Geldpolitik.

Die ganze Serie als Booklet zum Herunterladen und Ausdrucken:

Professor am Departement Volkswirtschaftslehre, Universität Bern