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Richtig reagieren auf die Krise

Künstler arbeiten in der indischen Stadt Chennai an einem Graffito, das für die Impfung gegen das Coronavirus wirbt. (Bild: Keystone)

Als Chefökonom zweier multilateraler Entwicklungsbanken war ich in den letzten 18 Jahren mit zwei grossen weltweiten Krisen konfrontiert: Die Finanzkrise von 2008 fiel in meine Zeit bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Die aktuelle Corona-Pandemie ereilte mich bei der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB).

In turbulenten Zeiten wenden sich die Schwellenländer aus Europa, dem Nahen Osten und Asien an multilaterale Institutionen. Sie erwarten von uns ein schnelles, koordiniertes Handeln, obwohl unsere Strukturen eigentlich nicht darauf ausgelegt sind. Doch in der Krise müssen wir improvisieren und innovativ sein. Dabei hilft uns unsere gemeinsame Fähigkeit, rasch und mit angemessenen Lösungen auf die Bedürfnisse zu reagieren.

Die AIIB existiert erst seit 2016. Für eine so junge Institution ist eine Krise besonders herausfordernd. Aufgrund der Corona-Pandemie und ihrer sozioökonomischen Folgen musste die Bank schnell erwachsen werden. Glücklicherweise verfügte sie über das nötige Kapital für eine Corona-Krisenfazilität von 13 Milliarden Dollar, um ihre Mitglieder zu unterstützen. Davon hat die AIIB – allein oder mit anderen Entwicklungsbanken – bereits 9 Milliarden Dollar investiert. Dank der verbliebenen Reserven konnte sie auch den Kampf gegen neue Virusvarianten aufnehmen, die sich im Frühjahr 2021 in Südasien ausgebreitet haben.

Der Klimawandel wartet nicht

Doch der Kampf dauert an: Das Virus ist mittlerweile endemisch und bedroht die Schwellenländer Asiens besonders stark. Deshalb hat die AIIB ihre Krisenfazilität auch auf die Gesundheitsinfrastrukturen ausgeweitet. Sie sind nun fester Bestandteil des Investitionsportfolios.

Ein weiteres drängendes Problem, das noch tiefgreifender und heikler ist, hält die Welt in Atem: der Klimawandel. Er ist eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit, die Umwelt und unsere Biodiversität. Die Klimakrise gehört zum Finanzierungskerngeschäft der AIIB und ist eine der Prioritäten, welche die Bank 2020 in ihrer ersten Strategie definiert hat. Die AIIB hat sich verpflichtet, dass bis 2025 50 Prozent ihrer Investitionen klimarelevant sind. Ausserdem investiert sie nicht in Kohle und stellt sicher, dass sie mit dem Pariser Klimaschutzabkommen in Einklang ist. Das sind weitreichende, konsequente Entscheidungen für eine Bank, die in einer Weltregion operiert, in der fossile Brenn- und Treibstoffe noch immer dominieren.

Die AIIB ist bestrebt, die Nettoemissionen von Kohlendioxid auf null zu senken. Gleichzeitig muss sie sicherstellen, dass dies gerecht und inklusiv geschieht. Auch wenn sich die internationale Gemeinschaft auf allgemeine Ziele verständigt, müssen die Länder ihren Anpassungsprozess selbst bestimmen können. Die Entwicklungsbanken können sie dabei unterstützen, indem sie den Regierungen Optionen aufzeigen und private sowie institutionelle Mittel mobilisieren. Die AIIB arbeitet bewusst mit anderen Partnern zusammen, um Erfahrungen zu sammeln, zu integrieren und den Mitgliedsstaaten Lösungen für ihren anspruchsvollen Weg anzubieten. Ihr Ziel besteht letztlich darin, zusammen mit diesen Ländern die Infrastruktur der Zukunft aufzubauen.

Chefökonom der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB), Peking

Chefökonom der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB), Peking