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Eine Berufsausbildung lohnt sich noch immer

Der Anteil der Beschäftigten mit einer Tertiärausbildung hat in der Schweiz in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen. Trotzdem bleiben die berufsbildenden Abschlüsse auf dem Schweizer Arbeitsmarkt relevant.

Lernender in der Gärtnerei der Stiftung LBB in Basel. Der Anteil Beschäftigter mit Berufslehre als höchstem Abschluss ist stark zurückgegangen. (Bild: Keystone)

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Die Bildungsstruktur in der Schweiz hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verändert. Insbesondere hat der Anteil Personen mit einem Tertiärabschluss deutlich zugenommen, während gleichzeitig der Anteil Beschäftigter mit einer beruflichen Grundbildung als höchstem Abschluss substanziell gesunken ist. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielschichtig und lassen sich nicht auf einzelne, nachfrageseitige Faktoren reduzieren. Es lassen sich teils grosse, aber über die Zeit zumeist stabile Unterschiede zwischen den verschiedenen Bildungsabschlüssen feststellen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die berufsbildenden Abschlüsse auf dem Schweizer Arbeitsmarkt relevant bleiben.

Zwischen 1999 und 2019 hat sich der Anteil Beschäftigter mit einem Hochschulabschluss – das heisst einem Abschluss einer universitären Hochschule, einer Fachhochschule oder einer pädagogischen Hochschule – von 10 auf 29 Prozent erhöht und damit beinahe verdreifacht. In derselben Zeit sank der Anteil Beschäftigter mit beruflicher Grundbildung als höchstem Abschluss von 52 auf 36 Prozent. Wie kam es dazu?

Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass sich das Bildungswesen seither institutionell verändert hat. So wurden im Verlauf der Neunzigerjahre die pädagogischen Hochschulen und die Fachhochschulen in die Tertiärstufe integriert und mit der Berufsmatura ein neuer Zugang zur Hochschulbildung geschaffen. Dadurch erwerben nun nach der beruflichen Grundbildung immer mehr Personen einen Tertiärabschluss.

Gleichzeitig erhöhte sich auch die Gymnasialquote – allerdings vor allem bis Ende der Neunzigerjahre, seither ist sie fast konstant. Trotzdem schlägt sich der Anstieg der Gymnasialquote weiterhin im Arbeitsmarkt nieder. Denn zurzeit verlassen ältere Kohorten mit nur wenigen ehemaligen Gymnasiasten den Arbeitsmarkt. Das hat zur Folge, dass der Anteil Personen mit Maturitätsabschluss weiter steigt, obwohl in den letzten Jahren die Gymnasialquote im Bildungssystem kaum noch stieg.[1] Weil viele nach dem Gymnasium eine Universität oder eine Fachhochschule besuchen, erhöht sich dadurch vor allem der Anteil Beschäftigter mit Hochschuldiplom als höchstem Abschluss.

Zusätzlich sind ab Mitte der Neunzigerjahre viele Beschäftigte mit Hochschulabschluss zugewandert.[2] Und: Die Erwerbsbeteiligung speziell von hoch qualifizierten Frauen nahm zu.

Ist der Strukturwandel verantwortlich?

Was ist für diese Entwicklung verantwortlich? Die veränderte Nachfrage der Unternehmen oder das Verhalten der Individuen (Angebot)? Die Einwanderung von Hochqualifizierten etwa deutet auf einen entsprechenden Bedarf der Unternehmen hin, sie ist aber ebenso von den Bildungssystemen und -entscheidungen in anderen Ländern beeinflusst. Die veränderte Nachfrage der Firmen könnte auch von Verschiebungen in der Branchenstruktur getrieben sein.[3] Allerdings geben unsere Auswertungen kaum Hinweise darauf, da die Tendenz zu einer Höherqualifizierung praktisch alle Branchen erfasst. Können vielleicht Veränderungen im individuellen Wert von Ausbildungen genauere Hinweise darauf geben, ob die beobachteten Entwicklungen eher angebots- oder nachfragegetrieben sind?

Im Auftrag des Bundes ist die Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB) dieser Frage nachgegangen.[4] Unter dem individuellen Wert von Ausbildungen wird dabei der messbare Arbeitsmarkterfolg von Personen mit verschiedenen Ausbildungen verstanden.

Grosse Unterschiede bei Medianlöhnen

Ein besonders wichtiges Knappheitssignal auf Arbeitsmärkten sind die Löhne. Während der Medianlohn in der Schweiz in den letzten 20 Jahren real stets etwas anstieg, blieben die Medianlöhne innerhalb der Bildungsgruppen vergleichsweise stabil. Der Medianlohnanstieg ist somit wesentlich dadurch zu erklären, dass mehr Personen eine Tertiärausbildung erwerben und damit besser verdienen. Vergleicht man etwa den monatlichen Medianlohn von Hochschulabsolventen mit dem monatlichen Medianlohn von Personen ohne nachobligatorischen Abschluss, dann beträgt die Differenz rund 4900 Franken. Bei Personen mit einem vergleichbaren Tertiärabschluss (z. B. einem Hochschulabschluss) zeigen sich hingegen kaum Lohnunterschiede – egal ob sie als Erstausbildung eine berufliche Grundbildung oder ein Gymnasium besucht haben.[5]

Darüber hinaus zeigt sich, dass sich die Lohnverteilungen von Personen mit verschiedenen Bildungswegen teilweise in erheblichem Ausmass überlappen: So liegt beispielsweise das neunte Dezil für Personen mit obligatorischer Schulbildung höher (siehe Abbildung 1a) als das erste Dezil für Personen mit Tertiärausbildung (siehe Abbildung 1b). Es gibt somit stets eine gewisse Anzahl Personen, die ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss mehr verdienen als Personen mit Tertiärabschluss. Dies illustriert, dass ein Tertiärabschluss weder eine zwingende Voraussetzung noch eine Garantie für eine überdurchschnittlich gut bezahlte Stelle darstellt, auch wenn hohe Löhne besonders bei Personen mit Hochschulabschluss häufiger sind. Einen wichtigen Teil der Erklärung dieses Phänomens stellen die grossen Lohnunterschiede zwischen verschiedenen Branchen dar.

Abb. 1: Lohnverteilung nach Bildungsweg (1. und 9. Dezil; 1999–2018)

a) Personen ohne Tertiärabschluss

b) Personen mit Tertiärabschluss

Quelle: BFS: Sake, Sesam / Die Volkswirtschaft

Lesebeispiel: Die Grafiken zeigen die Verteilung der monatlichen Bruttolöhne für eine 100-Prozent-Stelle nach Bildungsweg. Die untere Linie zeigt jeweils das erste Dezil, die obere Linie das neunte Dezil. Für Abbildung 1a heisst das: Die bestverdienenden 10 Prozent mit einem obligatorischen Schulabschluss verdienten 2018 mehr als 7945 Franken. Die am wenigsten verdienenden 10 Prozent verdienten weniger als 3327 Franken. Die übrigen 80 Prozent der Absolventen der obligatorischen Schule ohne weiteren Abschluss verdienen einen Lohn innerhalb der dunkelblau gefärbten Fläche.

Berufsbildung «schützt» vor Tieflöhnen

Weiter zeigen die Abbildungen, dass die Tieflöhne – das heisst die ersten Dezile – sowohl bei Personen ohne als auch mit Tertiärabschluss ziemlich nahe beieinanderliegen: Ohne Tertiärabschluss betragen die Löhne des untersten Dezils rund 3000 bis 4000 Franken (siehe Abbildung 1a), mit Tertiärabschluss sind es rund 5000 bis 6000 Franken (siehe Abbildung 1b). Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die berufliche Grundbildung einen gewissen «Schutz» vor Tieflöhnen bietet: Das erste Lohndezil von Personen mit beruflicher Grundbildung liegt in beiden Abbildungen leicht höher. Beispielsweise lag im Jahr 2018 das erste Lohndezil für Personen mit einer beruflichen Grundbildung als höchstem Abschluss rund 610 Franken höher als für Personen mit einem allgemeinbildenden Abschluss auf Sekundarstufe II.

Es finden sich ausserdem Unterschiede in der Beschäftigungssituation von Personen mit verschiedenen Bildungswegen. Unsere Resultate zeigen, dass Personen mit einer beruflichen Grundbildung als höchstem Abschluss eine deutlich tiefere Erwerbslosigkeit als Personen mit einem Gymnasialabschluss aufweisen. Zudem verfügen Personen mit einer beruflichen Grundbildung über eine höhere Erwerbsquote im Vergleich zu Personen mit einem Gymnasialabschluss, unabhängig davon, ob sie einen Abschluss auf Tertiärstufe erworben haben.

Die Berufsbildung bleibt relevant

Trotz der starken Zunahme von Tertiärabschlüssen, die oft über eine gymnasiale Matura erreicht werden, gilt: Die berufliche Grundbildung in der Schweiz hat in den vergangenen 20 Jahren ihre herausragende Stellung als Erstausbildung behalten. Die Indikatoren zum Arbeitsmarkterfolg von Absolventen einer beruflichen Grundbildung (mit oder ohne anschliessenden Tertiärabschluss) zeigen weiterhin erfreuliche Aussichten in Form von hohen Erwerbsquoten und niedriger Erwerbslosigkeit.

Gerade mit einer anschliessenden Tertiärausbildung lassen sich in den Arbeitsmarktindikatoren auch keine Nachteile gegenüber Personen ausmachen, die via Gymnasium einen Tertiärabschluss erwerben. Dieser Befund spricht für den Erfolg der seit den Neunzigerjahren erhöhten Durchlässigkeit zwischen beruflicher Grundbildung und Tertiärstufe sowie der Aufwertung der höheren Berufsbildung.

Es sind insgesamt keine Anzeichen für ein Missverhältnis von Angebot und Nachfrage an Personen mit beruflicher Grundbildung erkennbar, wodurch die Erwerbsaussichten beziehungsweise der Wert ihrer Ausbildung beeinträchtigt wäre. Die Tatsache, dass Personen mit beruflicher Grundbildung im Mittel häufiger erwerbstätig sind, und der Befund, dass die berufliche Grundbildung etwas besser gegen tiefe Löhne versichert, sprechen im Gegenteil für eine anhaltend hohe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt.

Allerdings zeigt sich auch, dass sich die Entwicklungen in den einzelnen Branchen zum Teil deutlich unterscheiden. Personen, die in Branchen mit rückläufiger Beschäftigung arbeiten beziehungsweise einen Abschluss in einem branchentypischen Beruf erworben haben, stehen deshalb vor der entscheidenden Frage: Kann ich in andere Branchen und Berufe wechseln, ohne Nachteile in Form von Lohneinbussen in Kauf zu nehmen?

Die Mobilität zwischen Stellen, Branchen und Berufen sowie die Durchlässigkeit im Bildungssystem dürften auch in Zukunft mitentscheidend dafür sein, dass die Beschäftigten auf Veränderungen wie den technologischen Wandel reagieren können. Bislang haben die Beschäftigten jedenfalls Bildungswege gewählt, die sie offenbar gut auf die Herausforderungen des Arbeitsmarktes vorbereitet haben.

  1. Siehe SKBF (2018). []
  2. Siehe beispielsweise Wanner und Steiner (2018). []
  3. Siehe dazu Nathani et al. (2017) und Aepli et al. (2017). []
  4. Siehe Aepli, Kuhn, Schweri (2021). Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), mandatiert von der Aufsichtskommission für den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung (AK ALV). []
  5. Dies deckt sich mit empirischen Studien, die sich spezifisch mit dieser Frage beschäftigen (Backes-Gellner und Geel 2014, Oswald-Egg und Renold 2021, Saltiel 2021). []

Dr. rer. oec., Senior Researcher, Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB), Zollikofen BE

Dr. oec. publ., Senior Researcher und Dozent, Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB), Zollikofen BE

Dr. rer. oec., Professor und Co-Leiter des Forschungsschwerpunktes «Steuerung der Berufsbildung», Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB), Zollikofen BE

Literatur

Dr. rer. oec., Senior Researcher, Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB), Zollikofen BE

Dr. oec. publ., Senior Researcher und Dozent, Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB), Zollikofen BE

Dr. rer. oec., Professor und Co-Leiter des Forschungsschwerpunktes «Steuerung der Berufsbildung», Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB), Zollikofen BE