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Freihandelsabkommen: Importeure zahlen zu viel Zoll

Schweizer Importeure bezahlen jedes Jahr 400 Millionen Franken an Zöllen, die sie aufgrund von Freihandelsabkommen nicht leisten müssten. Abhilfe schaffen soll ein besseres Informationsangebot des Bundes.

Autoimporteuren entgeht viel Geld – weil sie die Freihandelsabkommen zu wenig nutzen. (Bild: Alamy)

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Die Schweiz verfügt über ein umfassendes Netzwerk an Freihandelsabkommen mit Partnerländern in der ganzen Welt. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) untersucht regelmässig die Nutzung von Freihandelsabkommen durch Schweizer Unternehmen. Zu diesem Zweck wurden Importeure der Branchen Textilien, Sportartikel, Autos und Detailhandel zu ihren Erfahrungen bei der Nutzung von Freihandelsabkommen befragt. Die Mehrheit der Befragten führt die Verzollung von Importwaren nicht selber durch, sondern verlässt sich auf Spediteure. Die Unternehmen sind generell eher schlecht über Freihandelsabkommen informiert und wünschen sich bessere Unterstützung.

Für die Schweizer Volkswirtschaft ist der internationale Handel von zentraler Bedeutung. Um den Zugang von Schweizer Unternehmen zu wichtigen Märkten zu sichern, verfügt die Schweiz über ein Netzwerk von mehr als 30 Freihandelsabkommen. Im Rahmen dieser Abkommen werden nicht nur bessere Bedingungen für Schweizer Exporteure geschaffen, die Schweiz vereinbart darin auch eine Reduktion oder einen vollständigen Abbau der Zölle auf importierte Waren. Diese Zolleinsparungen ermöglichen den Unternehmen, Ressourcen und Vorleistungen günstiger aus dem Ausland zu beziehen.

Die Freihandelsabkommen werden grundsätzlich gut genutzt, wie Untersuchungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigen.[1] Allerdings besteht weiteres Potenzial. So bezahlen Schweizer Importeure insgesamt jährlich über 400 Millionen Franken zu viel an Zöllen. Insbesondere Gross- und Detailhändlern, die Textilien, Sportartikel und Autos importieren, entgehen dadurch Millionenbeträge. Um besser zu verstehen, weshalb diese Branchen die Freihandelsabkommen nicht stärker nutzen, hat das Seco im Mai 2021 eine Onlinebefragung durchgeführt.

Die Umfrage wurde von insgesamt 122 Unternehmen der Branchen Textilien, Sportartikel, Autos und Detailhandel beantwortet. Bei rund drei Vierteln handelt es sich um kleine und mittlere Unternehmen (KMU), ein Viertel sind Grossfirmen mit über 250 Mitarbeitenden.

Informationsfluss verbessern

Die Umfrage macht deutlich: Die befragten Unternehmen sind zu wenig über Freihandelsabkommen informiert. Bei der Frage «Wie gut fühlen Sie sich über die Bedingungen informiert, welche erfüllt sein müssen, um Freihandelsabkommen zu nutzen?» nennen die Unternehmen im Durchschnitt einen Wert von 5,7 auf einer 10-Punkte Skala. Bei Unternehmen, die selber verzollen, liegt der Wert deutlich höher, bei 7,5 Punkten.

Die meisten befragten Unternehmen sprechen sich für mehr Informationsangebote zur Nutzung von Freihandelsabkommen aus: Zwei Drittel wünschen sich ein Informationsportal zur Nutzung von Freihandelsabkommen. Mehr als die Hälfte fände ein Tool zur Berechnung der präferenziellen Zölle hilfreich. Jedes zweite Unternehmen würde ein Angebot von Onlinekursen zur Anwendung von Freihandelsabkommen begrüssen, und rund 40 Prozent der Befragten fordern generell mehr Informationen zu Freihandelsabkommen. Als Informationsquellen zur Nutzung von Freihandelsabkommen nutzen die Unternehmen heute in erster Linie Spediteure sowie Websites des Bundes (siehe Abbildung).

Welche Informationsquellen zur Nutzung von Freihandelsabkommen kennen bzw. nutzen Sie? (2021)

Anmerkung: Antworten von Unternehmen der Branchen Textilien, Sportartikel, Autos und Detailhandel. Lesebeispiel: 66,4 Prozent kontaktieren ihre Spediteure, um sich über die Nutzung von Freihandelsabkommen zu informieren.

Quelle: Seco (2021) / Die Volkswirtschaft

Nebst fehlenden Informationen gibt es weitere Gründe dafür, weshalb die Importeure die Freihandelsabkommen nicht nutzen. Vielen Unternehmen fehlt beispielsweise ein Ursprungsnachweis des Lieferanten. Einen solchen braucht es jedoch, um von einem Freihandelsabkommen zu profitieren. Weiter erfüllen einige Waren die Ursprungsregeln nicht, oder es handelt sich um Handelsware aus Drittländern. Einige Lieferungen von ausserhalb Europas wiederum werden teilweise über die EU importiert und dort zuerst verzollt. Als Folge davon können sie aufgrund von sogenannten Direktversandregeln nicht mehr präferenziell in die Schweiz importiert werden. (Direktversandregeln sehen vor, dass Waren, welche im Rahmen eines Freihandelsabkommens verzollt werden, direkt vom Ursprungsland ins Bestimmungsland geliefert werden müssen).

Wichtige Spediteure

Knapp 90 Prozent der Befragten setzen für die Verzollung auf einen externen Dienstleister. In 9 von 10 Fällen handelt es sich dabei um Spediteure – also um Firmen, die für den Versand von Gütern verantwortlich sind. Die restlichen Unternehmen, die nicht selber verzollen, überlassen die Verzollungen ihren Zulieferern im In- oder Ausland.

Warum sind externe Dienstleister derart gefragt? Als Hauptgründe nennen die Firmen, die mit einem Spediteur zusammenarbeiten, fehlende interne Ressourcen (70%) sowie eine fehlende Informatikinfrastruktur (62%).

Gut 60 Prozent der Unternehmen, die mit einem externen Dienstleister zusammenarbeiten, geben an, der Dienstleister nutze bei den Importen ein Freihandelsabkommen; 6 Prozent sind der Meinung, dies sei nicht der Fall. Hingegen weiss fast jedes dritte dieser Unternehmen nicht, ob ihr Verzollungsdienstleister von einem Freihandelsabkommen Gebrauch macht. Auch hier zeigt sich, dass noch Informationspotenzial besteht. Hinzu kommt: Nur wenige Unternehmen vereinbaren mit dem Verzollungsdienstleister vertraglich, dass dieser bei der Verzollung von Lieferungen ein Freihandelsabkommen nutzen muss. Gleichzeitig geben die Unternehmen an, Spediteure seien ihre wichtigste Informationsquelle zur Nutzung von Freihandelsabkommen. Dabei drängt sich folgende Frage auf: Falls Unternehmen die notwendigen internen Ressourcen aufbauen, um die Verzollung ihrer Importe selbst durchzuführen, steigt dadurch auch die Nutzung der Freihandelsabkommen?

Das Ziel der Seco-Analysen ist es, Massnahmen zu identifizieren, um die Nutzung der Freihandelsabkommen vor allem bei Produkten mit hohem Zollersparnispotenzial zu erhöhen. Basierend auf den aus der Umfrage gewonnenen Erkenntnissen, prüft die Bundesverwaltung nun Massnahmen, inwiefern das Informationsangebot zur Nutzung von Freihandelsabkommen verbessert werden kann. Zudem ist als Nächstes eine Befragung zur Nutzung von Freihandelsabkommen bei Exportunternehmen geplant.

  1. Siehe «Nutzung von Freihandelsabkommen» unter Seco.admin.ch[]

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Internationaler Warenverkehr, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Hochschulpraktikant, Internationaler Warenverkehr, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Hochschulpraktikant, Internationaler Warenverkehr, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Internationaler Warenverkehr, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Hochschulpraktikant, Internationaler Warenverkehr, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Hochschulpraktikant, Internationaler Warenverkehr, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern