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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Das Bruttoinlandprodukt unter Beschuss»

Ist das BIP die falsche Kennzahl?

Das BIP vermag Aspekte wie die Lebenszufriedenheit oder Umweltschäden nur ungenügend zu messen. Doch die Suche nach ergänzenden Indikatoren erweist sich als schwierig.

Das Bruttoinlandprodukt (BIP) sei die falsche Kennzahl, um das zu messen, worauf es wirklich ankomme. Dies schrieb der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kürzlich in einem Artikel für die Zeitschrift «Scientific American». Diese Erkenntnis ist alt – und entsprechend steht das BIP schon lange in der Kritik. Allerdings konnten diese Einwände der Bedeutung des BIP bisher nichts anhaben. Verschiedene Wirtschaftsinstitute sind das ganze Jahr mit nichts anderem beschäftigt, als laufend neue BIP-Prognosen zu erstellen. Und diese Vorhersagen werden dann in der Öffentlichkeit mit grossem Ernst diskutiert, egal ob sie später zutreffen oder nicht.

Tatsächlich ist das BIP die wichtigste Kennzahl, um den Gang einer Wirtschaft zu beschreiben. Das BIP misst die in einem Wirtschaftsraum über ein Jahr hinweg erzielte Wertschöpfung, die gleichzeitig den in Geld gemessenen Einkommen entspricht. Dabei gilt: Je höher das BIP, umso höher fallen Löhne, Unternehmensgewinne und Steuereinnahmen des Staates aus.

Wachsen oder schrumpfen

Wenn Unternehmen überleben wollen, müssen sie längerfristig Gewinne erzielen. Sonst gehen sie in Konkurs. Der gesamte Unternehmenssektor kann auf Dauer jedoch nur Gewinne erzielen, wenn gleichzeitig die Wirtschaft real wächst. Oder anders ausgedrückt: Nur solange das BIP wächst, ist eine Mehrheit der Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich. Findet kein Wirtschaftswachstum mehr statt, dann werden aus Gewinnen zunehmend Verluste, und die Wirtschaft gerät in eine Abwärtsspirale. Kurz: Es gibt nur die Alternative wachsen oder schrumpfen.

Aus wirtschaftlicher Sicht hat das BIP seinen Stellenwert also zu Recht, da sein Wachstum für eine moderne Wirtschaft überlebenswichtig ist. Problematisch wird das BIP jedoch, wenn es als Mass für das Wohlbefinden der Menschen verwendet wird. Denn dazu kann das BIP (pro Kopf) nichts aussagen. So spüren die meisten Menschen nicht, ob das BIP dieses Jahr um 1 Prozent oder um 2 Prozent wächst. Was Menschen hingegen merken, ist der Verlust ihres Arbeitsplatzes oder die Unsicherheit aufgrund einer hohen Kriminalitätsrate in einem Land.

Das BIP teilt uns weder mit, wie gleich oder ungleich Einkommen verteilt sind, noch gibt es Auskunft über die Lebenszufriedenheit der Menschen, über die Arbeitssituation, über die Sicherheit oder über das Ausmass der wirtschaftlichen Umweltschädigungen. Und auch produktive Tätigkeiten, die ohne Geldzahlungen erbracht werden, sind nicht Bestandteil des BIP.

Erst wenn man weitere Indikatoren dazunimmt, kann man Aussagen dazu machen, wie sich die Lebenssituation der Menschen in einem Land entwickelt. Das wird bis heute aber selten gemacht. Meist kriegen wir nur die Wachstumsraten des BIP serviert, und weitere Indikatoren müssen mühsam zusammengesucht werden.

«Schlechte» Schweizer Bildung?

Joseph Stiglitz fordert deshalb, dass weitere Indikatoren das BIP ergänzen sollen. Doch welche? An Vorschlägen mangelt es nicht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellt im Rahmen der Better-Life-Initiative beispielsweise 11 Indikatoren zur Verfügung, welche derzeit 40 Länder zumindest teilweise verwenden. Darunter finden sich die üblichen Verdächtigen wie Einkommen, Einkommensverteilung, Beschäftigung, Ausbildung, Gesundheit, Zustand der Umwelt oder auch Lebenszufriedenheit. Die Schweiz, die diese Indikatoren ebenfalls nutzt, schneidet dabei bei Einkommen, Beschäftigung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit ziemlich gut ab – erstaunlicherweise aber nicht bei der Ausbildung, wo sie nur an 17. Stelle liegt. Warum ist das so?

Der Grund dafür ist einfach: Wegen unseres dualen Bildungssystems mit der Berufslehre studieren weniger junge Menschen an Hochschulen als in anderen Ländern – was den Bildungsindikator nach unten drückt. Das heisst aber nicht, dass junge Menschen in der Schweiz schlechter ausgebildet sind. Der von der OECD verwendete Indikator vermittelt in diesem Fall ein falsches Bild.

Vorsicht geboten

Der Teufel steckt somit wie immer im Detail – und deshalb sind auch die Social-Well-Being-Indikatoren der OECD mit Vorsicht zu geniessen. Ohne genaue Kenntnis, wie und mit welchen Daten Indikatoren tatsächlich berechnet werden, sagen sie oft nicht viel aus. Und das gilt nicht nur für die Indikatoren aus der Küche der OECD, sondern auch für jene anderer Organisationen – wie zum Beispiel für die Indikatoren des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und der Europäischen Kommission.

Das Dilemma besteht bei all diesen Indikatoren darin, dass sich die für das Wohlbefinden der Menschen wirklich wichtigen Dinge, wie die Lebenszufriedenheit, nicht gut messen lassen. Und die gut messbaren Dinge, wie etwa der Anteil der Menschen mit tertiärem Bildungsabschluss, sind im Allgemeinen nicht besonders aussagekräftig.

Als Fazit können wir somit festhalten: Das BIP bleibt die wichtigste Kennzahl für die Wirtschaft. Aber es macht Sinn, das BIP mit einer überschaubaren Anzahl von Indikatoren zu ergänzen, die Auskunft über die Lebensqualität der Menschen und den Zustand der Umwelt vermitteln. Bei der Auswahl von Indikatoren ist jedoch Vorsicht geboten.

Wenn wir dann sehen, dass das BIP-Wachstum Lebensqualität und Umwelt beeinträchtigt, sollte die Politik darauf reagieren. Manchmal ist es besser, langsamer, dafür aber ökologischer und sozialverträglicher zu wachsen. Dieses Denken kennen wir bereits aus der Geldpolitik, wo die Zentralbank das Wachstum abwürgen darf, ja sogar muss, wenn das Inflationsrisiko zu hoch zu werden droht. Genau so sollten wir auch argumentieren, wenn gravierende Umweltrisiken oder Gesundheitsrisiken drohen.

Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten

Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten