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Dank Bürgschaftskrediten erfolgreich durch die Corona-Krise

Um in der Pandemie finanzielle Soforthilfe zu leisten, haftet der Bund für Unternehmenskredite im Umfang von insgesamt 17 Milliarden Franken. Beinahe unbemerkt im Hintergrund haben die vier Bürgschaftsgenossenschaften für einen reibungslosen Ablauf gesorgt.

Viele Unternehmen litten unter dem Lockdown von März bis Mai 2020 und waren auf Covid-Kredite angewiesen. (Bild: Keystone)

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Kaum öffentlich wahrgenommen, waren sie dennoch zentral bei der Corona-Krisenbewältigung: Die vier Bürgschaftsgenossenschaften, die auch in Normalzeiten KMU zu Bankkrediten verhelfen, spielten eine entscheidende Rolle bei der Vergabe der Covid-19-Hilfskredite. Insgesamt betreuten die Genossenschaften 138’000 Hilfskredite im Umfang von rund 17 Milliarden Franken – das sind 65-mal mehr Kredite als in normalen Jahren. Im Rückblick ziehen die Genossenschaften eine positive Bilanz: Die Kreditausfälle sind bisher deutlich tiefer als prognostiziert. Aber auch nach der Pandemie ist ihre Arbeit längst nicht erledigt.

Das Basler Reisebüro Pink Travel hätte die Corona-Krise ohne den Covid-19-Kredit wohl nicht überstanden. Wie Pink Travel ging es auch rund 138’000 anderen Firmen, die von der unkomplizierten und raschen Vergabe der vom Bund indirekt verbürgten Kredite im Frühling 2020 profitierten. Was kaum jemand weiss: Eine zentrale Rolle im Krisenmanagement spielten die vier vom Bund anerkannten Bürgschaftsgenossenschaften (BG). Zusammen mit der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV), dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) arbeiteten sie damals unter Hochdruck, um den Banken die unbürokratische Auszahlung der Kredite an betroffene Unternehmen zu erlauben.

Mit den Covid-19-Krediten war in Rekordzeit ein Konstrukt aufgegleist, das Firmen innert kürzester Zeit finanziell unter die Arme griff (siehe Kasten 1). Für die Verwaltung der verbürgten Kredite sind die Bürgschaftsgenossenschaften zuständig. Angesichts der immensen Nachfrage nach Kapital eine Herkulesaufgabe, selbst für die erfahrenen Genossenschaften. Denn seit Frühling 2020 wurden rund 138’000 Hilfskredite im Umfang von rund 17 Milliarden Franken gesprochen. Das sind 65-mal mehr Kredite, als in normalen Jahren von den Bürgschaftsgenossenschaften behandelt werden. Um die Menge der Anträge bewältigen zu können, mussten die Genossenschaften ihr Personal aufstocken und befristet sogar ein Team des Unternehmensberaters PWC dazuholen.

Die KMU-Experten

Das unvergleichbare Hilfsangebot von Politik, Verwaltung und Wirtschaft ermöglichte es vielen KMU, die Corona-Krise erfolgreich zu überbrücken. Entscheidender Erfolgsfaktor war nicht zuletzt die jahrelange Erfahrung und Routine der Bürgschaftsgenossenschaften bei der Abwicklung von verbürgten Krediten. Der Bund allein hätte wohl nicht so schnell und unbürokratisch handeln können. Wer also sind diese Genossenschaften, und was steckt hinter ihrem Geschäftsmodell?

Vor rund 100 Jahren als Selbsthilfeorganisationen des Gewerbes entstanden, ermöglichen Bürgschaftsgenossenschaften KMU einen erleichterten Zugang zu Bankkrediten, wenn diese etwa für Neugründungen, Investitionen oder Nachfolgeregelungen zusätzliches Geld benötigen. Sie übernehmen die Haftung, um bei einem Zahlungsausfall die Rückzahlung an die Bank zu gewährleisten. So konnten sie in den vergangenen Jahrzehnten unzähligen KMU, die ansonsten wohl keine Bankkredite erhalten hätten, dennoch einen Zugang zu Kapital ermöglichen. So war es auch beim KMU Pink Travel, das bereits lange vor der Corona-Krise mit den Bürgschaftsgenossenschaften in Berührung kam.

Bereits vor rund 20 Jahren wurde der Reiseanbieter im Rahmen einer Angebotsausweitung zum ersten Mal von der BG Saffa, einer der vier vom Bund anerkannten Bürgschaftsgenossenschaften, finanziell unterstützt. Neben der gesamtschweizerisch tätigen BG Saffa für von Frauen geführte Unternehmen sind dies die drei regional ausgerichteten Organisationen BG Ost-Süd, BG Mitte und Cautionnement romand (siehe Kasten 2).

Geschichte des Bürgschaftswesens

Historisch bedingt, unterscheiden sich die Genossenschaften insbesondere bezüglich Grösse und Organisation. Die BG Saffa ist die kleinste der vier Genossenschaften. Sie feiert dieses Jahr das 90-jährige Bestehen und geht auf die erste schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit – kurz: Saffa – von 1928 zurück. Mit dem Erlös der Ausstellung gründeten die damaligen Frauenorganisationen 1931 die BG Saffa, die seither selbstständige Unternehmerinnen fördert.

Die anderen drei Genossenschaften sind auf eine bestimmte Region spezialisiert, wobei Cautionnement romand bis vor der Corona-Krise die grösste Bürgschaftsgenossenschaft war. Mit der Covid-Pandemie hat sich das geändert. Neu hat die BG Ost-Süd nicht nur das grösste Einzugsgebiet, sondern auch das grösste Bürgschaftsvolumen.

Eine Bürgschaftsgenossenschaft kann im regulären Geschäft pro Unternehmen für maximal 1 Million Franken mit einer Laufzeit von höchstens zehn Jahren bürgen. Sie trägt 35 Prozent des Ausfallrisikos, der Bund die restlichen 65 Prozent. Das KMU muss dafür eine Risikoprämie von 1,25 Prozent entrichten und profitiert im Gegenzug meist von besseren Bankzinskonditionen. Im Jahr 2020 bürgten die Genossenschaften – abgesehen von den Covid-19-Krediten – für insgesamt 1863 Kreditnehmende und knapp 316 Millionen Franken.

Was Bürgschaftsgenossenschaften auszeichnet, ist das Herzblut, das von den beteiligten Akteuren in die Arbeit gesteckt wird. Denn bei den Bürgschaftsgenossenschaften geht es auch um die persönliche Betreuung des Unternehmens – und Vertrauen ist in Krisenzeiten wichtiger denn je. Die Begleitung umfasst die Pflege der Kontakte zu den beteiligten Unternehmen und Banken, die Betreuung von Amortisationsplänen und Sanierungen. Zudem machen die Genossenschaften im Konkursfall die Gläubigerrechte geltend. Auch zu Pink Travel pflegt die BG Saffa seit Jahren einen engen Kontakt, und sie tauscht sich regelmässig mit ihr aus.

Comeback mit Bürgschaftskredit

Seit der Vergabe der ersten Covid-Kredite ist inzwischen mehr als ein Jahr vergangen. Aus Sicht der Bürgschaftsgenossenschaften lässt sich rückblickend eine positive Zwischenbilanz ziehen. So blieben die prophezeiten Massenentlassungen und -konkurse grossmehrheitlich aus. Und die Kreditausfälle bewegen sich Stand Oktober 2021 mit 1,5 Prozent weiterhin auf niedrigem Niveau. Zum Vergleich: Zu Beginn der Pandemie rechnete das Seco noch mit Ausfällen von 15 Prozent. Schliesslich konnten knapp 20 Prozent des Kreditvolumens bereits wieder vollständig zurückbezahlt werden.

Auch Pink Travel wird gemäss eigenen Angaben die gesetzte Rückzahlungsfrist von acht Jahren nicht benötigen. Dies auch dank dem leichten wirtschaftlichen Aufschwung und den neuen Möglichkeiten, wieder zu reisen. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) prognostizierte schon im Juni, das Bruttoinlandprodukt werde um 4 Prozent wachsen, Schweizer Güter im Ausland seien gefragt, der Arbeitsmarkt entspanne sich. Das lässt Unternehmen wie Pink Travel positiv nach vorne schauen und Investitionen planen. Und damit kehrt auch für die Bürgschaftsgenossenschaften so langsam wieder Normalität ein. Denn auch diese Investitionen wollen finanziert sein.

Wie vor Corona werden die Genossenschaften auch nach Covid den Unternehmen in jeglichen Finanzierungsfragen zur Seite stehen – wegen Covid nun möglicherweise mit etwas mehr Publizität. Waren sie im Kreditwesen bisher eher unauffällig, wurden sie bei der Überwindung der Krise zur zentralen Kraft und blicken nun gemeinsam mit den gestärkten KMU in eine prosperierende Zukunft. Die Bürgschaftsgenossenschaften als KMU-Experten sind durch ihre Funktion für das Wohl der Schweizer Wirtschaft mitverantwortlich – in der Vergangenheit, der Gegenwart und auch in Zukunft.

Geschäftsführerin, Bürgschaftsgenossenschaft SAFFA, Basel

Kasten 1: Die Covid-19-Überbrückungskredite

Mit Überbrückungskrediten (Covid-19-Kredite) wurden Unternehmen und Start-ups, die aufgrund der Corona-Massnahmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, unbürokratisch, gezielt und rasch unterstützt. Die Frist für Kreditgesuche ist am 31. Juli respektive am 31. August 2020 (für Start-ups) abgelaufen. Die Kredite wurden von der Hausbank der KMU vergeben und wurden durch den Bund via die vier Bürgschaftsgenossenschaften verbürgt: Beträge bis zu 0,5 Mio. Franken wurden dabei zu 100 Prozent vom Bund verbürgt und zu einem Zinssatz von 0 Prozent vergeben. Höhere Beträge bis zu 20 Mio. Franken (sogenannte Covid-19-Kredite Plus) wurden zu 85 Prozent vom Bund verbürgt und zu 0,5 Prozent verzinst. Für die übrigen 15 Prozent tragen die Banken das Verlustrisiko. Das Programm baute auf den bereits bestehenden Strukturen der vier Bürgschaftsgenossenschaften auf: Sie organisierten den Bürgschaftsprozess, prüften die Anträge und stehen auch weiterhin bis zur Rückzahlung der Kredite im engen Austausch mit den Unternehmen und den Banken.

Kasten 2: Die 4 Schweizer Bürgschaftsgenossenschaften

In der Schweiz gibt es vier vom Bund anerkannte Bürgschaftsgenossenschaften (BG): die drei regional ausgerichteten Genossenschaften BG Mitte, BG Ost-Süd und Cautionnement romand sowie die gesamtschweizerisch tätige Bürgschaftsgenossenschaft der Frauen Saffa. Die BG können für Kredite bis zu einer Million Franken je Unternehmen bürgen. Der Bund trägt deren Verlustrisiko zu 65 Prozent und übernimmt einen Teil der Verwaltungskosten. Die Verwaltungskostenbeiträge ermöglichen es den BG, die Gesuchprüfungs- und Überwachungskosten tief zu halten und so den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) vorteilhafte Konditionen zu offerieren. Bei den Covid-19-Krediten trägt der Bund teilweise das ganze Risiko (siehe Kasten 1).

Mehr Informationen auf www.kmu-buergschaften.ch

Geschäftsführerin, Bürgschaftsgenossenschaft SAFFA, Basel