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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Industrie 4.0: Hat die Revolution begonnen?»

Die Fabrik als gesellschaftlicher Ort

Nicht nur technische Erfindungen, auch Ideen und gesellschaftliche Konzepte haben die industriellen Revolutionen geprägt. Für die Industrie 4.0 heisst das: Die Herstellung ökologisch verträglicher Produkte wird eine der zentralen Herausforderungen sein.

Wahr gewordene Science-Fiction: Die Ideen und Konzepte für die Industrie 4.0 stammen bereits aus den Achtzigerjahren. BMW-Werk in Leipzig. (Bild: Keystone)

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Die Dampfmaschine wurde zum Mythos. Doch nicht sie war die Ursache der industriellen Revolution. Computer und Internet waren einschneidende technische Neuerungen. Doch sind sie nicht die alleinigen Treiber der Industrie 4.0. Die Fabrik ist ein gesellschaftlicher Ort. Will man ihre Geschichte und Zukunft verstehen, muss man grundlegende gesellschaftliche Strömungen, Denkmuster und Konzepte reflektieren, so etwa Flexibilisierung, Individualisierung, vernetztes Denken oder Dezentralisierungsprozesse. Nur so ist es möglich, technische und gesellschaftliche Entwicklungen zu gestalten.

Die Erfindung des Begriffs Industrie 4.0 war ein genialer Coup. Im Jahr 2011 wurde er erstmals auf der Industriemesse in Hannover der Öffentlichkeit präsentiert. Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft haben ihn in rasendem Tempo aufgenommen, und seither ist er in aller Munde. Tatsächlich war die Wortkreation geschickt gewählt, denn sie vereint das revolutionär Neue mit Kontinuität und Fortschritt (siehe Kasten). Indem sie mit 4.0 die im digitalen Zeitalter übliche Zählweise nutzt, wird die nächste Stufe industrieller Produktion angekündigt, und zugleich sind drei vorherige «Revolutionen» aufgerufen: Dampfmaschine, Fliessband und Computer.

Aus meiner Sicht als Historikerin erweist sich dieses 4-Stufen-Modell jedoch als zu schematisch und zu einfach. Zwar ging es bei der Begriffsprägung nicht um historische Genauigkeit, sondern darum, eine neue, vernetzte, digitale Produktionsweise zu forcieren. Die Begriffsprägung war vor allem eine politische Aufforderung, die Zukunft zu gestalten. Aber gerade dies erfordert es auch, einen differenzierten Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Gesellschaftliche Entwicklungen verstehen

Eine zukunftsweisende Geschichtsschreibung der Industrie 4.0 folgt keinem Technikdeterminismus, der allein neue Technologien als den Treiber zukünftiger Entwicklungen sieht. Ebenso wenig verfolgt sie eine enge objekt- und technikzentrierte Perspektive. Um zu ergründen, wie sich die Industrie der Zukunft entwickeln wird, ist es vielmehr unabdingbar, gesellschaftliche, kulturelle und ökonomische Entwicklungen zu analysieren und ihre Wechselwirkung mit den technischen Entwicklungen zu verstehen. Denn es zeichnet die Geschichte und die Zukunft der Fabrik aus, dass die industriellen Produktionsweisen immer wieder an veränderte Rahmenbedingungen angepasst worden sind.

Ein Beispiel für eine solche Geschichtsschreibung bietet die Industrialisierung. Sie hat den Mythos Dampfmaschine bereits vielfach entzaubert und stattdessen auf veränderte Konsumgewohnheiten und eine stärkere Nachfrage nach Kleidung hingewiesen. Denn sie waren unter anderem die gesellschaftlich-ökonomischen Voraussetzungen für die Maschinisierung der Produktion.

Fragt man nach gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, welche die Geschichte der Industrie 4.0 prägen, wird schnell klar, dass die Siebziger- und Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts eine fundamentale Zäsur darstellen. Allerdings lässt sich diese Zäsur keinesfalls auf den Einsatz von Elektronik und IT reduzieren. Vielmehr sind damals eng verflochtene gesellschaftlich-technologische Megatrends entstanden, welche die Fabrik zu einem anderen Ort machten. Diese Trends veränderten sämtliche Lebensbereiche. Sie prägten die Fabrik und machten deutlich, dass sie ein gesellschaftlicher Ort ist. Will man die Geschichte der Fabrik verstehen, muss man grundlegende Denkmuster und Konzepte sozialer Wirklichkeit reflektieren. Im Folgenden werden deshalb vier solche Megatrends skizziert.

Flexibilisierung

In den Siebzigern und Achtzigern wurde die Flexibilisierung zu einem Zauberwort. In einer Gesellschaft, in der die Pluralisierung der Lebensstile, Individualisierungsprozesse und die Flexibilisierung der Lebenswelten die Marktbedingungen radikal verändert hatten, wurde die Flexibilisierung der industriellen Produktion unabdingbar. Das Ende der Nachfrage nach standardisierten, immer gleichen Massengütern sowie schnell wechselnde Moden waren Ausdruck veränderter Konsumgewohnheiten.

Mit einer starren Automatisierung waren die geforderte Produktvielfalt, die höhere Qualität und die kurzen Innovationszyklen nicht zu erreichen. Die Frage war, wie man das automatisierte Produktionssystem, das bislang Massengüter hergestellt hatte, anpassen konnte. Wie der US-Soziologe Richard Sennett konstatierte, vertrugen sich Flexibilisierung, Individualisierung und Hochtechnologie gut. Denn die langsam einsetzende Computerisierung der Fabrik ermöglichte eine flexiblere Produktion, eine Verkettung und Integration verschiedener Prozesse und damit kürzere Innovationszyklen. Dennoch war dies kein technologisch leicht zu bewerkstelligender und geradliniger Prozess.

Mensch-Maschine-Kollaboration

Ebenfalls in den Achtzigerjahren begann sich gesellschaftlich ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Maschine abzuzeichnen. Wenn heute betont wird, dass Roboter zu sogenannten Cobots würden – dass sie also aus ihren Käfigen kommen und Hand in Hand mit den Menschen kooperieren –, so sind diese Überlegungen nicht neu. Bereits in den Achtzigerjahren sollten «Expertensysteme» in der Fabrik die Planungsprozesse unterstützen, Fehler reduzieren und dem Menschen assistieren.

Die Komplexität, die aus den Flexibilisierungsbemühungen und der veränderten Marktlage resultierte, veränderte das Mensch-Maschinen-Verhältnis. Das vorrangige Ziel war nicht mehr, den fehlerhaften Menschen zu ersetzen, sondern ein kollaboratives Verhältnis von Mensch und Maschine zu etablieren. Bereits in den späten Sechzigerjahren hatte der Computerwissenschaftler John Licklider von der Mensch-Computer-Symbiose gesprochen. In den Achtzigerjahren zog diese Denkweise in die Fabriken ein. Es war eine Antwort auf die zunehmende Komplexität – nicht nur in der Fabrik.

Netzwerke

Das Konzept einer kollaborativen Mensch-Maschine-Einheit kann nicht verstanden werden, ohne die Idee eines systemischen, vernetzten Denkens. Dieses Denken prägte die gesellschaftlichen Diskurse und Praktiken schon seit den Achtzigern, insbesondere aber seit den Neunzigerjahren. Die Menschen erlebten mit dem Internet eine immer stärkere Vernetzung im Alltag. Gleichzeitig wurden Netzwerktheorien auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einflussreich, um gesellschaftliche Prozesse zu erklären.

Wird heute im Kontext der Industrie 4.0. davon gesprochen, dass Produkte und Maschinen als «Akteure» Produktionsprozesse steuern, so schliesst dies an solche Netzwerktheorien an, die Menschen und Maschinen als steuernde und Anweisung erteilende Entitäten denken. Ein Beispiel für einen solch autonomen Akteur ist eine Maschine, die während des Arbeitsprozesses eigenständig Nachschub an Material fordert oder Fehler meldet und den Reparaturservice verständigt. Nur dieses Denken in symmetrischen Mensch-Technik-Netzen ermöglicht das Zusammenspiel von autonomer Technik mit der Rolle des Menschen, die in den Diskursen der Industrie 4.0 bei jeder Gelegenheit betont wird. Mensch und Maschine sind also keine Gegensätze mehr. Diese Einheit wurde bereits in der Kybernetik seit den Fünfziger- und Sechzigerjahren gesellschaftlich und theoretisch vorgedacht und ist heute Realität.

Dezentralisierung

Für die Industrie 4.0 charakteristisch ist des Weiteren eine dezentrale Denkweise. Die Steuerung erfolgt nicht mehr zentral. Vielmehr organisieren sich die Systeme selbst: Verantwortung, Zuständigkeiten und Aufgaben sind auf verschiedene Entitäten in einem Netz verteilt. Die Abkehr von hierarchisch-zentralistischen Denkweisen stellt gleichfalls seit den Siebziger- und Achtzigerjahren eine bedeutende gesellschaftliche Strömung dar. Sie verband sich mit einer neuen Dominanz des «Selbst». Das Konzept der Selbstorganisation floss damals in unterschiedliche Kontexte ein: in die Neurowissenschaften, in soziologische Theorien, in alternative Milieus als Gegenkonzept zu zentralisierter Macht oder als Selbstverwirklichung gegen standardisierte und autoritär vorgegebene Lebensentwürfe. In gewerkschaftlichen Konzepten schlug sich die Idee etwa in der selbstorganisierten und selbstbestimmten Gruppenarbeit nieder.

Diese vier Megatrends zeigen, dass die Unternehmen einerseits auf sie reagieren mussten, etwa wenn sie mit der Flexibilisierung der industriellen Produktion auf den Wandel der Lebens- und Konsumwirklichkeiten antworteten. Andererseits prägten gesellschaftliche Denkkonzepte wie Dezentralisierung, Vernetzung oder Selbstorganisation die technischen Entwicklungen – und forcierten so wiederum soziale Trends.

Produkte der Zukunft?

Kommen wir wieder zur Industrie 4.0. Was sind ihre neuartigen gesellschaftlichen Herausforderungen? Was ist das nächste gesellschaftliche «Big Thing»? Dies zu beantworten, bedeutet nicht, kurzfristige Trends zu prognostizieren, wie es die Marktforschung tut. Es geht um Grundsätzlicheres: Welche gesellschaftlichen Denkweisen, Konzepte und Werte werden die Lebenswirklichkeiten, den Konsum und damit die Produktion prägen? Für welche gesellschaftlichen Konzepte stehen beispielsweise die derzeit anvisierten intelligenten, individualisierten Produkte? Für eine weitere Individualisierung? Für schnelleren Konsum? Oder vielleicht für eine Gesellschaft der Singularitäten, wie sie der Soziologe Andreas Reckwitz diagnostizierte?

Kaum Zweifel dürften darüber bestehen, dass die Herstellung ökologisch verträglicher Produkte eine der zentralen Herausforderungen der Zukunft sein wird: Müssen sie so gestaltet sein, dass Teile der Produkte modular austauschbar sind, sodass sie reparier- und veränderbar sind, anstatt schnell weggeworfen zu werden? Welche Lebensdauer sollen sie haben? Und wie kann man eine nachhaltige, ressourcenschonende Produktion mit ökologisch verträglichen Materialien garantieren?
Die Frage an die Zukunft der Industrie 4.0 wird es also sein, inwieweit das Konzept in der Lage sein wird, Produkte herzustellen, welche den zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungen entsprechen.

Professorin für Technikgeschichte an der Technischen Universität Darmstadt

Was ist Industrie 4.0?

Geprägt hat den Begriff Industrie 4.0 die Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft, ein Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung.

Die Industrie 4.0 entwirft ein Konzept für die digitale und vernetzte Fabrik der Zukunft. Sie soll das Potenzial des Internets, mobiler Computer und Clouds nutzen und auf industrielle Prozesse anwenden. Ein Hauptmerkmal der Industrie 4.0 ist zum Beispiel, dass Maschinen, Fahrzeuge und Fertigungsanlagen eine zweite Identität im Internet erhalten – einen sogenannten digitalen Zwilling. Dadurch entsteht ein Internet der Dinge, das Menschen, Maschinen und Produkte miteinander vernetzt und eine Kommunikation mittels Daten ermöglicht. Mittels der Analyse dieser Daten können beispielsweise Unternehmen effizienter produzieren, Kunden individuellere Produkte bestellen und Produkte aus der Ferne laufend gewartet und verbessert werden.

Im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 ist immer wieder von der 4. industriellen Revolution die Rede. Es gibt aber viele Kritiker, die das Ganze eher als Evolution denn als Revolution ansehen.

Professorin für Technikgeschichte an der Technischen Universität Darmstadt