Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Pharmaland Schweiz»

Hat das Geschäftsmodell von Big Pharma ausgedient?

Hohe Medikamentenpreise sind eine weltweite Herausforderung. Aus ökonomischer Sicht bietet sich ein globaler Preisregulator als Lösung an. Widerstand ist vorprogrammiert.

Covid-19-Impfung in Niger. Das Land weist eine Impfquote von unter 5 Prozent auf. (Bild: Keystone)

Abstract lesen... Abstract

Obwohl Big Pharma innert kürzester Zeit wirksame Covid-19-Impfstoffe auf den Markt gebracht hat, sind in den einkommensschwachen Ländern immer noch weniger als 4 Prozent der Bevölkerung geimpft. Funktioniert also das Geschäftsmodell der grossen Pharmakonzerne nicht mehr? Im Gegensatz zu anderen Branchen hängt das Geschäftsmodell von Big Pharma stark vom Patentschutz ab, denn dieser bietet ihnen Sicherheit für das finanzielle Risiko, das sie eingehen. Ein Ausweg wären eine weltweit koordinierte Finanzierung der Forschungs- und Entwicklungskosten sowie eine differenzierte Preisgestaltung.

Die Pharmakonzerne («Big Pharma») haben – teilweise mit staatlichen Geldern unterstützt – innert kürzester Zeit mehrere wirksame Covid-19-Impfstoffe auf den Markt gebracht: Bereits Ende 2020, weniger als ein Jahr nach der Ausrufung der Pandemie durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), waren erste Impfstoffe erhältlich. Diese Erfolgsgeschichte scheint zu bestätigen, dass das aktuelle Geschäftsmodell in der Pharmaentwicklung die sprichwörtliche Henne ist, die zum richtigen Zeitpunkt goldene Eier legt. Folglich sollte es durch nichts infrage gestellt werden.

Und doch gibt es auch fast zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie ein grosses globales Ungleichgewicht bei der Verteilung der Covid-19-Impfstoffe: Während Länder mit hohen oder mittleren bis hohen Einkommen drei Viertel der verfügbaren Impfstoffe verabreicht haben, gingen bisher weniger als 4 Prozent der Impfstoffe an einkommensschwache Länder.[1] Gemäss Schätzungen des Forschungsunternehmens Airfinity werden die G-7-Staaten und die Europäische Union Ende Jahr 1 Milliarde Impfdosen mehr besitzen, als sie benötigen. Davon dürften 10 Prozent ablaufen.[2]

Am anderen Ende der Impfskala finden sich viele afrikanische Länder südlich der Sahara. Ende 2021 werden voraussichtlich weniger als 5 Prozent der dortigen Bevölkerung vollständig geimpft sein.[3] Angesichts dieser Ungleichheit muss man sich deshalb fragen: Funktioniert das Geschäftsmodell von Big Pharma doch nicht?

Entwicklungs- und Schwellenländer fordern, den Patentschutz während der Covid-19-Pandemie auszusetzen. Stattdessen sollen die Pharmakonzerne ihre Impfstoffrezepte «freiwillig» und schnell an kompetente Unternehmen in Afrika, Lateinamerika und Asien weitergeben. Zu diesem Zweck soll das Trips-Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) suspendiert werden.[4] Die Pharmabranche ist hingegen der Ansicht, das derzeitige Modell reiche aus, um die benötigten Impfstoffdosen bis Anfang oder Mitte 2022 zu produzieren. Ihrer Ansicht nach liegt es an den Regierungen der reichen Länder, die im Voraus bestellten Dosen an die bedürftigen Regionen zu verteilen – und zu bezahlen.

Mehrere Modelle

Sollte man den Pharmaherstellern also ein kostenbasiertes Preisgestaltungsmodell mit vernünftigen Gewinnen aufzwingen? Oder sollte der Arzneimittelpreis wie bisher wertbasiert im Vergleich zu den bestehenden Behandlungs- oder Präventionsmethoden festgelegt werden? Die im Bereich der öffentlichen Gesundheit tätigen Nichtregierungsorganisationen (NGO) setzen sich für das erste Modell ein. Die Pharmakonzerne bevorzugen die zweite Variante, um dank Patentschutz den höchstmöglichen Preis verrechnen zu können, den der Markt zu zahlen bereit ist.

Überraschenderweise war das heutige Modell historisch nicht immer vorherrschend. In der Vor- und Nachkriegszeit etwa lizensierten viele Pharmaunternehmen ihre Produkte gegen eine Gebühr an andere Anbieter. Damit die Medikamentenpreise wettbewerbsfähig blieben, war die Gebühr meist moderat. Warum hatten sich die Pharmahersteller für dieses Vorgehen entschieden? Ausschlaggebend waren folgende Gründe: Damals gab es weniger Medikamente als heute, Patente wurden in geringerem Umfang angemeldet und gewährt, und die regulatorischen Zulassungsauflagen waren weniger streng. Entsprechend fielen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) sowie Marketing viel tiefer aus.

Erst als die Patente zur Norm und die Zulassungsvorschriften für verschreibungspflichtige Medikamente verschärft wurden, legten die meisten Pharmaunternehmen Forschung und Entwicklung sowie das Marketing unternehmensintern zusammen. Dies brachte einen doppelten Vorteil: Einerseits blieben die Budgets für Forschung und Entwicklung sowie Marketing der Öffentlichkeit verborgen, und andererseits brachte der Patentschutz dem Unternehmen eine Marktexklusivität von durchschnittlich zehn bis zwölf Jahren. Im Erfolgsfall winkten hohe Gewinne, da die Preise je nach Einzigartigkeit des neuen Medikaments auf der Grundlage dessen berechnet wurden, was der Markt tragen konnte.[5]

Weltweiter Aufschrei

Dieses Modell blieb jahrzehntelang bestehen, ohne hinterfragt zu werden. Denn es hatte unbestrittene Vorteile, indem es die Entwicklung zahlreicher innovativer Behandlungsmethoden begünstigte. Zu einem weltweiten Aufschrei kam es erstmals um die Jahrtausendwende im Zusammenhang mit Millionen von Aids-Toten und Aids-Waisenkindern in Afrika.

Dank neuer Behandlungsmethoden (auf Basis des heutigen Pharmageschäftsmodells) war das einst tödliche HIV für viele Patientinnen und Patienten in Industrieländern zu einer nur noch chronischen Erkrankung geworden. Weil zu Beginn der 2000er-Jahre der patentierte antiretrovirale Medikamentencocktail für eine Behandlung rund 15’000 Dollar pro Person und Jahr kostete, blieb das Medikament für eine Mehrheit der afrikanischen Patienten, die die Medikamente wie in den meisten armen Ländern aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, unerschwinglich. Dank Generika und Spendenfinanzierung ist der Preis für eine Behandlung mittlerweile auf weniger als 100 Dollar gesunken.

Eine ähnliche Empörung löste im Jahr 2013 eine neue, umfassende Hepatitis-C-Therapie aus, die 84’000 Dollar pro Behandlung kostete. Der US-amerikanische Pharmahersteller rechtfertigte den Preis mit dem Argument, das Verhältnis zwischen Qualität und Preis liege innerhalb der Norm der früheren Behandlungen wie insbesondere einer Lebertransplantation bei schwer kranken Patienten. Als das Unternehmen aber feststellte, dass der Preis für Einwohner von Entwicklungsländern zu hoch war, bot es Preisnachlässe an und erteilte mehreren Herstellern – insbesondere in Indien – freiwillig eine Lizenz gegen eine Gebühr von 7 Prozent. So konnte das Arzneimittel in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen deutlich günstiger angeboten werden.[6]

Hohe Risiken

Eine Erklärung, warum die Lizenzfreigabe oder der Verkauf zu tieferen Preisen in einkommensschwachen Ländern in der Pharmabranche kaum vorkommen, liegt im hohen Investitionsrisiko: Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen können die Forschungs- und Entwicklungskosten nur mithilfe von Exklusivrechten wie Patenten amortisiert werden.[7] Eine weitreichende Lizenzvergabe oder eine Preisdifferenzierung, selbst wenn sie auf die Märkte der ärmeren Länder beschränkt sind, bringen immer auch die Preise in den reichen Ländern unter Druck.

In bestimmten Märkten wie den USA steigen die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente Jahr für Jahr an, da es kaum eine Preisregulierung gibt. In Ländern, in denen die Medikamentenpreise enger überwacht werden, ist der Preisanstieg hingegen weniger markant.

Aus ökonomischer Sicht wäre eine weltweite Regulierungsbehörde sinnvoll. Diese «wohlwollende» globale Behörde würde die Preise der patentgeschützten Medikamente so festlegen, dass der Hersteller eine optimale, anreizerhaltende Rendite für Forschung und Entwicklung erzielt und gleichzeitig die gesamten Kosten für Forschung und Entwicklung vernünftig auf den Weltmarkt verteilen kann.

Im Jahr 2013 machte die gemeinnützige Stiftung The Global Fund einen Vorschlag für eine globale Preisdifferenzierung. Die meisten im Gesundheitsbereich tätigen Nichtregierungsorganisationen lehnten diese jedoch ab, weil sie befürchteten, dass dadurch die Verwendung von Zwangslizenzen und weitere Möglichkeiten des Trips-Abkommens stark eingeschränkt würden.[8] Da es keinen weltweiten «wohlwollenden» Schiedsrichter in Sachen gerechter Preisgestaltung gibt, bleiben Ungleichheiten bestehen, sodass die Patientinnen und Patienten in den armen Ländern manchmal viel höhere Preise als die Menschen in den reichen Staaten bezahlen müssen.

Darüber hinaus gibt es für die pharmazeutische Industrie kaum Anreize, vernachlässigte Tropenkrankheiten besser zu erforschen, weil die Kaufkraft der meisten Patientinnen und Patienten in tropischen Ländern oft gering ist. Dank öffentlich-privaten Partnerschaften, welche Geld für erforschte Erkrankungen zur Verfügung stellen, werden aber auch hier gewisse Fortschritte erzielt.

Gesundheitsexperten[9] plädieren seit Langem für ein weltweites WHO-Abkommen zu Forschung und Entwicklung in der Medizin. Laut diesem Vorschlag würden alle Mitgliedsstaaten gemäss ihren finanziellen Möglichkeiten in einen gemeinsamen Fonds einzahlen, der dringend benötigte Behandlungen weltweit fördern würde.

Obwohl dieser Vorschlag das aktuelle Geschäftsmodell von Big Pharma nicht stören würde und die Industrie zusätzliche Forschungsgelder zugunsten vernachlässigter Erkrankungen sogar begrüssen dürfte, versandete der Vorstoss in der WHO – mit Ausnahme einer freiwilligen Finanzierung von Pilotprojekten.[10] Denn nicht wenige Staaten sahen darin einen Versuch, das heutige, auf den Immaterialgüterrechten basierende Modell zu ändern. Zudem sind nur wenige Länder bereit, sich finanziell zu verpflichten.

Was nun?

Wie soll also das Geschäftsmodell von Big Pharma in Zukunft aussehen? Darüber werden auch künftig die Meinungen auseinandergehen – zumal sich die Staaten bisher nicht einmal bei Arzneimitteln einig sind, die zur Bekämpfung von vernachlässigten Erkrankungen oder der Pandemie in Entwicklungsländern bestimmt sind. Aus ökonomischer Perspektive wären eine Preisdifferenzierung oder eine abgestufte Preisgestaltung gewinnbringende Lösungen für alle.[11] Dafür wäre allerdings ein weltweiter Rahmen notwendig, der die Pharmakonzerne zur Festlegung von Preisen im Verhältnis zum Pro-Kopf-Einkommen verpflichtet. So könnten Preise in den armen Ländern gesenkt werden, und die reicheren Staaten müssten darauf verzichten, das gleiche tiefe Preisniveau zu verlangen.

Theoretisch liesse sich mit dieser Formel die Quadratur des Kreises einer gerechten Verteilung der Forschungs- und Entwicklungskosten innovativer Medikamente lösen. Allerdings ist zurzeit kein einziges Land bereit, eine Erhöhung der Arzneimittelpreise zu akzeptieren. Im Gegenteil: Auch die im Bereich der öffentlichen Gesundheit tätigen NGOs befürchten eine Verwässerung des Trips-Abkommens. Angesichts dieser Ausgangslage dürfte eine baldige Umgestaltung des aktuellen Geschäftsmodells ausbleiben.

  1. Our World in Data (2021). []
  2. Airfinity (2021). []
  3. Für aktualisierte Daten zu den Impfungen pro Region siehe Pandemic (2021). []
  4. Bei der WTO laufen derzeit Verhandlungen zur teilweisen Suspendierung des Trips-Abkommens im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie. Entwicklungen sind nur bis Redaktionsschluss berücksichtigt. []
  5. Siehe Temin (1979, insbesondere S. 435–441), um zu verstehen, warum sich das Geschäftsmodell der Pharmaindustrie im Bereich F&E geändert hat. []
  6. Siehe Gilead (2015). []
  7. Cockburn (2009). []
  8. Saez (2014). []
  9. Siehe Love und Hubbard (2007). []
  10. Third World Network (2016). []
  11. Siehe Danzon und Towse (2003). []

Honorarprofessorin für Immaterialgüterrecht, National Law University Delhi, Indien; Lehrbeauftragte für Rechtswissenschaften, Georgetown University, USA

Literatur

Honorarprofessorin für Immaterialgüterrecht, National Law University Delhi, Indien; Lehrbeauftragte für Rechtswissenschaften, Georgetown University, USA