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Open Banking: Abwarten rächt sich

Der neue Trend in der Schweizer Finanzbranche heisst Open Banking. Was auf den ersten Blick sehr technisch daherkommt, wird den Finanzplatz tiefgreifend verändern.

Open Banking: Abwarten rächt sich

Die Hypothek direkt bei der Immobilienfirma abschliessen? Open Banking öffnet den Markt für branchenfremde Anbieter. (Bild: Keystone)

Fintech-Experten warnen: Die Schweiz drohe den Open-Banking-Trend zu «verschlafen».[1] Open Banking meint den standardisierten, gesicherten Datenaustausch zwischen einer Bank und vertrauenswürdigen Drittanbietern auf Wunsch der Kundinnen und Kunden über eine standardisierte Schnittstelle (API). Was hat es damit auf sich?

Zunächst muss man wissen: In der EU sind die Banken durch die Richtlinie PSD2 verpflichtet, ihre Schnittstellen auf Kundenwunsch hin zu öffnen. Und auch die USA planen eine entsprechende Vorschrift.[2] Im Gegensatz dazu hat die Schweiz einen marktgetriebenen, selbstbestimmten Weg gewählt.[3]

Entgegen der eingangs vorgebrachten Kritik funktioniert die Selbstregulierung aus Sicht der Finanzdienstleisterin und Börsenbetreiberin SIX aktuell gut. Dies zeigt sich am Beispiel von Open Wealth – einer Brancheninitiative für standardisierte Schnittstellen in der Vermögensverwaltung, die von der St. Galler Kantonalbank in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma Synpulse lanciert wurde. Innerhalb von nur neun Monaten nach der Definition der Standards konnten die Schnittstellen bereits über die bLink-Plattform von SIX bei der St. Galler Kantonalbank umgesetzt werden. Damit ist die Schweiz bereits weiter als der regulierte EU-Raum, der mit PSD2 noch auf Schnittstellen im Zahlungsbereich fokussiert.

Vor Kurzem ist auch die Zürcher Kantonalbank mit dem Angebot live gegangen. Aufseiten der Drittanbieter haben sich über bLink zudem die drei Portfolio-Management-Systeme Assetmax, Alphasys und Etops an die APIs angeschlossen. Die als Verein organisierte Open-Wealth-Initiative gewinnt kontinuierlich weitere Banken und Fintech-Unternehmen als Mitglieder und ist bestrebt, den Standard zu internationalisieren. Open Wealth birgt ein enormes Innovationspotential und bietet dem Schweizer Finanzplatz die Chance, die globale Führungsposition in der Vermögensverwaltung weiter auszubauen.

Klar ist: Für den Erfolg des marktgetriebenen Ansatzes braucht es ein koordiniertes Vorgehen. Insbesondere müssen sich die Akteure idealerweise auf gemeinsame technische Standards einigen. In der Schweiz koordiniert deshalb der breit abgestützte Branchenverband Swiss Fintech Innovations (SFTI) das entsprechende Vorgehen. So fasst der Verband beispielsweise alle anerkannten API-Standards und -Sicherheitsempfehlungen für verschiedene Geschäftsbereiche zusammen. Darüber hinaus klärt die Schweizerische Bankiervereinigung rechtliche und sicherheitstechnische Fragen im Zusammenhang mit Open Banking ab und bündelt die Interessen der Branche gegenüber den Behörden und der Öffentlichkeit. Mit API-Plattformen wie bLink von SIX (siehe Kasten), dem Open Business Hub von Swisscom oder der ix.Open-Finance-Plattform von Inventx stehen funktionstüchtige Lösungen bereit, die eine effiziente Umsetzung und Skalierung der Schnittstellen im Markt erlauben.

Grosses Potenzial

Bei allem Fortschritt beim Thema Open Banking muss man aber auch festhalten: Wir befinden uns noch am Anfang einer Entwicklung, welche die Finanzbranche nachhaltig verändern wird. Aus Sicht der Kundinnen und Kunden ist das Potenzial von Open Banking gross – auch wenn sich die meisten dessen noch nicht bewusst sind. Beispielsweise ermöglicht Open Banking, dass wir alle unsere Bankkonti über eine App steuern können («Multibanking») – und uns nicht bei jeder Bank einzeln einloggen müssen. Oder kleine und mittlere Unternehmen (KMU) können den manuellen Aufwand in der Buchhaltung reduzieren, indem sie ihre Kontodaten über eine API direkt in ihr Buchhaltungstool integrieren lassen. Die Möglichkeiten sind – ähnlich einem App-Store – sowohl im Unternehmens- als auch im Privatkundenbereich für jede einzelne API vielfältig.

Für die Banken ist Open Banking eine Investition in die Zukunft. Allerdings ist derzeit trotz der positiven Entwicklung in der Schweiz für viele noch unklar, welche konkreten Anwendungsfälle sich dereinst ergeben werden. Somit geht es zunächst vor allem darum, sich auf einer strategischen Ebene mit Open Banking auseinanderzusetzen und Erfahrungen sowie notwendige Kompetenzen im Rahmen einer ersten konkreten Anwendung aufzubauen. Dabei ist es wichtig, neben der Monetarisierung der Schnittstellen weitere wesentliche Vorteile von Open Banking zu berücksichtigen. Banken verbessern mit entsprechenden Anwendungen das Nutzererlebnis ihrer Kunden, erschliessen sich neue Märkte und steigern ihre Transaktionsvolumina.

«Embedded Finance»

Open Banking und Open Finance, also die Bereitstellung von verschiedenen Typen von Finanzdaten (wie Konto, Vermögen oder Vorsorge), sind dabei nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer grundlegenden Veränderung der heutigen Wertschöpfungskette für Finanzprodukte auf Basis von APIs.[4]

Der nächste Ausbauschritt lässt sich unter dem Stichwort «Embedded Finance» zusammenfassen – also der Integration einer Finanzdienstleistung in ein bisher nicht finanzielles Angebot. Ein Beispiel: Embedded Finance ermöglicht Banken, das Angebot und die Beantragung von Krediten direkt in die Buchhaltungslösung eines Unternehmens zu integrieren.

«Banking-as-a-Service» geht ein wenig weiter. Sprich: Auch branchenfremde Firmen bieten Finanzdienstleistungen an. Um den regulatorischen Anforderungen zu genügen, agiert im Hintergrund meist ein Infrastrukturanbieter, der bereits über eine Banklizenz verfügt.

So kann man etwa beobachten, wie der deutsche Immobilienvermittler Engel & Völkers angekündigt hat, ein Bankkonto mit entsprechender Karte für seine Kunden anzubieten. Damit tritt das Unternehmen in Konkurrenz zu etablierten Banken. Karte und Konto sind dabei vermutlich nur der Anfang, und weitere Angebote wie Hypotheken werden folgen. Fintech-Unternehmen oder die grossen Techkonzerne drängen auf dieser Basis bereits seit Längerem mit konkurrenzfähigen Finanzprodukten auf den Markt, so auch in der Schweiz. Grundsätzlich lässt sich sagen: Mit Banking-as-a-Service sinkt für neue Anbieter die Einstiegsbarriere, Finanzprodukte anzubieten, da sie weder eine Banklizenz noch ein eigenes Kernbankensystem benötigen.

Strategie klären

Open Banking als Beginn einer neuen API-basierten Welt zwingt somit die Banken, ihre strategische Positionierung am Markt zu hinterfragen: Bin ich als Bank in der Lage, näher an die Bedürfnisse meiner Kunden heranzukommen, um sie besser als jeder andere zu erfüllen und somit die Kundenschnittelle zu halten? Oder sollte ich gegebenenfalls andere Anbieter dabei unterstützen, die Bedürfnisse der Kunden zu erfüllen?

Je früher die Schweizer Banken den ersten Schritt in Richtung Open Banking machen, desto grösser ist die Chance, im Wettbewerb auch zukünftig mit attraktiven Angeboten für die Kunden bestehen zu können.

  1. Netzwoche (2021). []
  2. Reuters (2021). []
  3. SIF (2020). []
  4. Mastercard (2021). []

Bibliographie
    • Mastercard (2021). Marktanalyse zu Open Banking in der Schweiz, 2. September.

 

 

 

 

Zitiervorschlag: Sven Siat (2021). Open Banking: Abwarten rächt sich. Die Volkswirtschaft, 23. Dezember.

Grossbanken bei bLink an Bord

Die Finanzdienstleisterin und Börsenbetreiberin SIX hat für den Schweizer Finanzplatz die Open-Finance-Lösung bLink entwickelt: Finanzinstitute und Drittanbieter können sich über die Plattform einfach und sicher verlinken und datenbasierte Services austauschen. Als ganzheitliche Lösung ermöglicht bLink die effiziente Skalierung von Schnittstellen-Standards, Partnerschaften und umfassenden Ökosystemen. Aktuell sind zwei Schnittstellen im Bereich Kontoinformationen und Zahlungsverkehr sowie drei Schnittstellen im Bereich Vermögensverwaltung (Open Wealth) live. Zurzeit machen die Banken UBS, Credit Suisse, Zürcher Kantonalbank und St. Galler Kantonalbank sowie die Fintechs Klara, Bexio, Swiss Salary, Counteo, Limmobi, Assetmax, Alphasys und Etops bei bLink mit.