Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Digitaler Wandel fordert Banken heraus»

Schweizer Fintech-Branche mit ersten Schwächezeichen

In der Schweiz gibt es über 400 Fintech-Firmen. Diese innovativen Unternehmen sind wichtige Zulieferer für etablierte Finanzinstitute. Doch die Rahmenbedingungen haben sich zuletzt tendenziell verschlechtert.

Steht im Fintech-Ranking der Hochschule Luzern an der Spitze: Finanzplatz Singapur. (Bild: Alamy)

Abstract lesen... Abstract

Auf dem ersten Platz des Fintech-Hub-Ranking 2021 der Hochschule Luzern liegt Singapur. Dahinter folgen Zürich, Stockholm und Genf. Ende 2020 zählte die Schweiz über 400 Fintech-Unternehmen, die meist wichtige Zulieferer für Banken sind. Das hierzulande in den Fintech-Sektor investierte Risikokapital belief sich für das Jahr 2020 auf 260 Millionen Franken. Tendenziell verschlechtern sich die Rahmenbedingungen für Fintech-Unternehmen in der Schweiz. Zu den Standortnachteilen gehören etwa die relativ hohen Lohnkosten, die hohen Lebenshaltungskosten, die restriktive Visumsvergabe sowie die geringe Bereitstellung von Onlinediensten durch Behörden.

Das Umfeld für Fintech-Unternehmen ist in der Schweiz gut – zumindest vordergründig. Im Fintech-Hub-Ranking der Hochschule Luzern 2021 liegt Zürich auf dem zweiten Platz, einzig geschlagen von Singapur, welches mit beträchtlichem Vorsprung die Spitzenposition einnimmt (siehe Abbildung). Genf liegt auf Platz 4 hinter Stockholm. Insgesamt wurden 35 Finanzplätze untersucht.

Das Ranking analysiert für jeden Standort die Rahmenbedingungen für Fintech-Unternehmen. Es basiert auf 74 Indikatoren, die Aussagen ermöglichen zu den politischen, ökonomischen, sozialen und technologischen Rahmenbedingungen eines Finanzplatzes.[1]

Als Fintech-Unternehmen gelten Firmen, deren strategischer Schwerpunkt auf der Bereitstellung technologiebasierter Lösungen für innovative Produkte, Dienstleistungen und Prozesse in der Finanzbranche liegt.

Fintech-Hub-Ranking 2021

Anmerkung: Die maximale Punktzahl eines Standortes liegt bei einem Wert von 140.

Quelle: Ankenbrand et al. (2021) / Die Volkswirtschaft

Die guten Rahmenbedingungen in der Schweiz zeigen sich auch in der Grösse und der Entwicklung des einheimischen Fintech-Sektors: Ende 2020 gab es in der Schweiz insgesamt 405 Fintech-Unternehmen. Fünf Jahre zuvor waren es noch 161 gewesen. Fast 150 Fintech-Firmen befanden sich Ende 2020 im Kanton Zürich; im Kanton Zug, dem Hotspot für Blockchain-Technologie, waren 117 Fintech-Firmen beheimatet; Genf zählte 39 Fintech-Firmen. In den meisten anderen Kantonen ist diese Zahl jeweils deutlich geringer.

Zugenommen hat auch das investierte Wagniskapital: Im Jahr 2020 flossen Investitionen in der Höhe von 260 Millionen Franken in den Fintech-Sektor – das ist zehn Mal mehr als 2015.

Wolken am Horizont

Obwohl die Schweiz ein gutes Umfeld für Fintech-Unternehmen bietet, sollte sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Denn die Rahmenbedingungen haben sich im Vergleich mit anderen Standorten in den letzten Jahren relativ verschlechtert. So hat Genf im Fintech-Hub-Ranking 2021 den dritten Platz an Stockholm verloren.

Zu den Standortnachteilen der Schweiz gehören insbesondere die relativ hohen Lohnkosten, die hohen Lebenshaltungskosten, die restriktive Visumsvergabe sowie die geringe Bereitstellung von Onlinediensten durch Behörden. So ist es in der Schweiz – im Gegensatz zu Estland – beispielsweise nicht möglich, eine Firmengründung rein elektronisch abzuwickeln. Die meisten Herausforderungen sind für die Schweiz zwar nicht neu, haben sich im relativen Vergleich zu den anderen führenden Fintech-Standorten im Laufe der Zeit aber tendenziell verschärft.

Kommt hinzu: Beim Geschäftsmodell der Schweizer Fintech-Firmen gibt es Anzeichen für eine Stagnation. Darauf deuten etwa die im letzten Jahr gesunkenen Medianwerte für die durchschnittliche Gesamtfinanzierung und der unveränderte Medianwert für die durchschnittliche Mitarbeiterzahl der Fintech-Firmen hin. Aus Sicht der Unternehmen selbst gilt die Kundenfindung als grösste Herausforderung, gefolgt von der Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal beziehungsweise erfahrenen Führungskräften.

Wenig hoffnungsvoll stimmt – unabhängig vom Fintech-Hub-Ranking – das schlechte Abschneiden von Genf und Zürich im jüngsten Global Financial Centers Index der britischen Z/Yen Group und des China Development Institute (CDI).[2] In diesem Index, der die Wettbewerbsfähigkeit von 116 Finanzzentren misst und als Indikator auch in das Fintech-Hub-Ranking einfliesst, ist Zürich im Jahr 2021 um 11 Plätze zurückgefallen. Die Limmatstadt liegt neu einen Rang hinter Genf auf Platz 21. Dies ist die tiefste Platzierung, die Zürich je erreicht hat. An der Spitze des Index finden sich unverändert New York, London und Hongkong. Das bessere Abschneiden von Zürich und Genf im Fintech-Hub-Ranking hat zum einen mit der unterschiedlichen Datenbasis zu tun und zum anderen mit Unterschieden in den angewandten Rankingmethoden.

Schub für Finanzplatz

Was vielleicht überraschen mag: Schweizer Fintech-Unternehmen sind mehrheitlich nicht als Konkurrenz zu traditionellen Finanzinstituten zu verstehen, sondern als innovative Speerspitze der Digitalisierung im Finanzbereich. Diese oftmals vergleichsweise kleinen Unternehmen stellen nicht so sehr Finanzprodukte für Endkunden, sondern meist innovative Softwarelösungen für etablierte Finanzunternehmen zur Verfügung. Dazu gehören etwa datengetriebene Analysedienstleistungen für das Investmentmanagement sowie Software für Kernbankensysteme.

Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Fintech-Branche käme daher langfristig der gesamten Schweizer Finanzbranche zugute. Dies könnte nicht zuletzt auch dazu führen, dass die Schweiz im Global Financial Centres Index künftig wieder besser abschneidet.

  1. Ein detaillierter Beschrieb der Methodologie findet sich in der «IFZ FinTech Study 2021», die unter HSLU.ch abrufbar ist. []
  2. Wardle und Mainelli (2021). []

Professor für Fintech, Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ), Hochschule Luzern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ), Hochschule Luzern

Literatur

  • Ankenbrand, T., Bieri, D. Frigg, M., Grau, M. und Lötscher, D. (2021). IFZ FinTech Study 2021. An Overview of Swiss Fintech, IFZ Zug.
  • Wardle, M., und Mainelli, M. (2021). The Global Financial Centres Index 30.

Professor für Fintech, Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ), Hochschule Luzern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ), Hochschule Luzern