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Was ist der komparative Kostenvorteil?

«Mit Handel und damit Spezialisierung in der Produktion wird der Wohlstand aller beteiligten Länder erhöht.» (Bild: Shutterstock)

Im wirtschaftspolitischen Diskurs sind ökonomische Theoreme wichtig zur glaubwürdigen Unterstützung der eigenen Argumentation. Sie müssen in der Öffentlichkeit jedoch verstanden werden. Einfach sind Theoreme, welche intuitiv nachvollziehbar sind. Dazu gehört beispielsweise das Gesetz der Nachfrage, wonach bei steigendem Preis (ceteris paribus) die nachgefragte Menge sinkt. Massnahmen wie eine Erhöhung des CO2-Preises zur Reduktion der Emissionen oder eine Erhöhung des Kita-Preises zum Abbau von Warteschlangen für Betreuungsplätze werden unterstützt, sofern diese Wirkung gewollt, oder eben abgelehnt, wenn die Wirkung unerwünscht ist.

Eine Herausforderung sind ökonomische Theoreme, die intuitiv nicht nachvollziehbar erscheinen. Dazu gehört der komparative Kostenvorteil. Dieser besagt, dass für den Wohlstand eines Landes Handel – und damit eine Spezialisierung in der Produktion – immer besser ist als Autarkie mit Eigenherstellung aller benötigten Güter. Das Prinzip gilt auch, wenn das eine Land dem anderen Land in allen Belangen ökonomisch unterlegen ist, sprich in der Herstellung von allen Gütern weniger produktiv ist.

Schnell kommt der Verdacht auf, dass vom Handel zwischen zwei ungleichen Volkswirtschaften das starke Land auf Kosten des schwachen Landes profitiert. Eine solche Einschätzung steht zwar im Widerspruch zum Theorem des komparativen Kostenvorteils. Aber für die Öffentlichkeit ist es kontraintuitiv, dass Handel auch dem schwachen Land nützt.

Vielleicht ist das ein Grund, weshalb das Stimmvolk dem Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und Indonesien mit 51,6 Prozent Ja-Stimmen äusserst knapp zustimmte. Viele Nein-Stimmende haben wohl den Eindruck gehabt, dass von diesem Abkommen nur die Schweiz, aber nicht Indonesien profitieren würde.

Roger Federer als Gärtner?

Hier ein Versuch, den komparativen Kostenvorteil anhand eines alltagstauglichen Beispiels darzustellen: Tennis-Ass Roger Federer muss sich entscheiden, ob er eine Stunde auf dem Trainingsplatz verbringen soll oder ob er diese Stunde dafür nutzen soll, die Hecke in seinem Garten zu schneiden. Dafür könnte er auch einen Gärtner beauftragen. Zusätzlich wird angenommen – zugegeben etwas hypothetisch –, dass Roger Federer im Vergleich zum Gärtner nicht nur der bessere Tennisspieler, sondern auch der schnellere und präzisere Heckenschneider sei. Wie nutzt er die zur Verfügung stehende Stunde?

Die Antwort ist klar: Roger Federer hätte in diesem Fallbeispiel zwar in beiden Tätigkeiten einen Produktivitätsvorteil. Da dieser Vorteil beim Tennis aber ungleich grösser ist als beim Heckenschneiden, wird er die Hecke dem Gärtner überlassen. Im Ergebnis kommt es zu einer Arbeitsteilung, in welcher sich jede Seite spezialisiert. Der Gärtner seinerseits hat beim Heckenschneiden den geringeren Produktivitätsnachteil. Beide Seiten können so das Maximum aus der eingesetzten Stunde realisieren.

Allgemein ausgedrückt: Mit Handel und damit Spezialisierung in der Produktion wird der Wohlstand aller beteiligten Länder erhöht. Das gilt es bei nächsten Abstimmungen über Freihandelsabkommen stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen.

Dr. rer. pol., Vizedirektor und Leiter Wirtschaftspolitik Swissmem, Zürich

Dr. rer. pol., Vizedirektor und Leiter Wirtschaftspolitik Swissmem, Zürich