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Arbeitslosenversicherung: Soziale Absicherung mit Nebenwirkungen

Die Arbeitslosenversicherung schützt vor Wohlstandsverlusten bei Arbeitslosigkeit und bietet Sicherheit. Eine grosszügige Absicherung mindert jedoch die Anreize bei der Jobsuche, verteuert die Schaffung neuer Jobs und trägt selbst zu mehr Arbeitslosigkeit bei. Wie gross sind die Nebenwirkungen?

«Regierungen weltweit haben seit Beginn der Corona-Krise den Zugang zu Arbeitslosengeldern vereinfacht, die Auszahlungen erhöht und die Bezugsdauer verlängert.» (Bild: Adobe Stock)

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Wer arbeitet, will mehr als nur gute Löhne. Die Sicherheit des Lohneinkommens steht ganz oben auf dem Sorgenbarometer. Die Arbeitslosenversicherung schützt die Arbeitenden vor Wohlstandsverlusten bei Arbeitslosigkeit und bietet Sicherheit. Eine grosszügige Absicherung mindert die Anreize bei der Jobsuche. Hingegen stärkt eine grosszügige Absicherung den Rücken bei Lohnverhandlungen. Hohe Sozialbeiträge sind für Unternehmen teuer und verringern ihre Anreize, Jobs zu schaffen. Das kann sich seinerseits negativ auf die Arbeitslosenrate auswirken. So kann die Arbeitslosenversicherung teilweise selbst zur Quelle von mehr Risiko für die Arbeitenden werden. Was bleibt, ist eine schwierige Abwägung zwischen den Vorteilen der Arbeitslosenversicherung und ihren negativen Nebenwirkungen. Eine Studie der Wissenschaftler Peter Fredriksson und Martin Söderström zeigt am Beispiel Schweden, wie gross die negativen Effekte tatsächlich sind.

Die Arbeitslosenversicherung schafft soziale Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität.[1] Gerade grosse Krisen wie die aktuelle Corona-Pandemie verdeutlichen ihre Wichtigkeit. Regierungen weltweit haben seit Beginn der Krise den Zugang zu Arbeitslosengeldern vereinfacht, die Auszahlungen erhöht und die Bezugsdauer verlängert. Solche Massnahmen können dem Einzelnen helfen. Zudem sorgt das Ersatzeinkommen dafür, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage weniger stark einbricht und stabilisiert damit die Konjunkturentwicklung. Gleichzeitig sollten aber auch mögliche Nebenwirkungen der Arbeitslosenversicherung nicht ausser Acht gelassen werden.

Denn eine grosszügige Arbeitslosenunterstützung bietet den Stellensuchenden oft einen schwächeren Anreiz, rasch eine neue Anstellung zu finden. Das verlängert die Arbeitslosigkeit. Zudem haben Arbeitslose aufgrund der Arbeitslosengelder eine finanziell ausreichende Einkommensalternative und können so bei einem Stellenangebot ein höheres Gehalt fordern. Auf der anderen Seite werden weniger Stellen ausgeschrieben, weil sie aufgrund der steigenden Lohnkosten für die Unternehmen weniger rentabel sind. Im Endeffekt kann eine grosszügige Arbeitslosenversicherung so zu höherer Arbeitslosigkeit führen.

Tatsächlich hängen Höhe und Dauer der Auszahlungen an Arbeitslose oft von der wirtschaftlichen Lage ab. Je höher die Arbeitslosigkeit ist, desto länger oder grosszügiger fällt die Unterstützung aus. Das wirft die Frage nach der Kausalität auf: Führt eine grosszügigere Arbeitslosenunterstützung zu höherer Arbeitslosigkeit oder ist sie eine Folge davon?

Schwedische Eigenheit gibt Aufschluss

Die Wissenschaftler Peter Fredriksson von der schwedischen Universität Uppsala und Martin Söderström vom Schwedischen Institut für Arbeitsmarkt und Bildungspolitik untersuchen die Auswirkungen der Arbeitslosenversicherung am Beispiel Schwedens. Die spezifischen Regeln in Schweden ermöglichen es ihnen, das Problem umgekehrter Kausalität zu vermeiden. Denn in Schweden gibt es einen Maximalbetrag («Deckel») bei der Arbeitslosenunterstützung, der nicht überschritten werden darf. Im Beobachtungszeitraum von 1992 bis 2014 wurde der Maximalbetrag nur sechs Mal angepasst.

Die Höhe dieses Maximalbetrags wird auf nationaler Ebene einheitlich bestimmt, hat aber regional unterschiedliche Folgen. Arbeitslose in Regionen mit hohen Löhnen sind häufiger von der Auszahlungsgrenze betroffen und profitieren daher stärker von einer Anhebung des Deckels als jene in Regionen mit niedrigen Löhnen, wo eine Anhebung kaum Auswirkungen hat.

Folglich lässt sich vergleichen, wie sich dieselbe Anpassung des Deckels unterschiedlich auf die lokalen Arbeitsmärkte auswirkt. Um zu untersuchen, wie sich Anpassungen bei der Versicherungshöhe auf die Arbeitslosigkeit auswirken, nutzen die Wissenschaftler Daten aus dem Personenregister und der öffentlichen Arbeitsverwaltung zwischen 1992 und 2004. Diese beinhalten Informationen zu Löhnen und Berufslaufbahn. Zusätzlich verwenden die Forscher Aufzeichnungen zu den Arbeitslosenquoten in 227 schwedischen Gemeinden.

Niedrige Ersatzrate bei hohen Löhnen

Mit diesen Daten schätzen die beiden Wissenschaftler, wie sich die Grosszügigkeit der Arbeitslosenunterstützung auf den lokalen Arbeitsmarkt auswirkt. Die Grosszügigkeit bemisst sich vor allem an der Ersatzrate – das heisst an dem Einkommensanteil, den die Arbeitslosenzahlung gemessen am vorherigen Lohn «ersetzt». Die Forscher berechnen die effektiven Ersatzraten für alle untersuchten Gemeinden. Die Höhe der Ersatzraten hängt dabei entscheidend vom erwähnten Maximalbetrag und dem lokalen Lohnniveau ab. Ein Beispiel: Bei hohen Löhnen wird nur der Maximalbetrag ausbezahlt, was angesichts der hohen Löhne eine relativ niedrige Ersatzrate bedeutet.

In Regionen mit hohen Löhnen sind viele Arbeitslose von der Auszahlungsobergrenze betroffen und erhalten nur den Maximalbetrag. Sie profitieren deshalb mehr als andere von einer Anhebung des Deckels, weil sie dadurch höhere Arbeitslosenzahlungen erhalten. Aus diesem Grund wirken sich Änderungen des Maximalbetrags besonders stark auf die Ersatzraten in Gemeinden mit hohem Lohnniveau aus.

Die kalkulierten Ersatzraten berücksichtigen auch die Unterschiede der Lohnverteilung. Konkret stellen die Forscher eine negative Beziehung zwischen Ersatzrate und Durchschnittslöhnen bei den 227 Gemeinden fest: Je reicher eine Gemeinde ist, umso niedriger sind die durchschnittlichen Ersatzraten. Denn dort befinden sich mehr Arbeitnehmer mit versicherten Löhnen über dem maximalen Auszahlungsbetrag.

Im Laufe der Zeit nahmen die Ersatzraten jedoch ab: Im Jahr 2014 betrugen sie im Schnitt 53 Prozent, während sie 1992 noch bei 83 Prozent lagen. Schwächer war dieser Rückgang in Gemeinden mit den höchsten Ersatzraten und einem niedrigen Durchschnittseinkommen. In Gemeinden mit niedrigen Ersatzraten und hohen Einkommen hingegen schwankten diese stärker. Die Differenz zwischen den Ersatzraten in diesen beiden Gruppen ist über die Zeit gestiegen.

Arbeitslosigkeit steigt mit zunehmender Lohnersatzrate

Konkret untersuchen die Forscher zwei Erhöhungen des Auszahlungsdeckels in den Jahren 2001 und 2002. Dabei teilten sie die Gemeinden in zwei Gruppen ein: Solche, die von der Anpassung am stärksten betroffen waren und solche, die am wenigsten betroffen waren. Gemeinden mit einer Ersatzrate über dem nationalen Durchschnitt und niedrigem Durchschnittseinkommen gehörten der letzteren Kategorie an. Mit Anhebung des Deckels ist in dieser Gruppe die Ersatzrate um 1,4 Prozent weniger stark angestiegen als in Gemeinden mit hohem Einkommen (siehe Abbildung). Einem ähnlichen Muster folgt die Arbeitslosenquote. Sie nahm stärker zu in Gemeinden mit hohem Einkommen, deren effektive Ersatzraten ebenfalls mehr stiegen.

Gemäss den empirischen Schätzungen steigt die Arbeitslosenquote um rund 3 Prozent, wenn die Ersatzrate um ein Prozent erhöht wird. Neben diesem makroökonomischen Effekt schätzen die Forscher auch, wie sich eine höhere Ersatzrate auf das individuelle Risiko, arbeitslos zu werden, auswirkt. Das Resultat: die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu werden, steigt um 1,4 Prozent, wenn die Ersatzrate um ein Prozent steigt.

Arbeitslosenquote und Ersatzrate in schwedischen Gemeinden mit hohem und niedrigem Einkommen (1998 bis 2006)

Quelle: Fredriksson und Söderström (2020)

Steigende Löhne, höhere Arbeitslosigkeit

Woher kommt diese Diskrepanz zwischen dem Anstieg der Arbeitslosenquote und dem individuellen Risiko des Jobverlusts? Eine Erklärung ist, dass Arbeitssuchende in den Lohnverhandlungen eine umso stärkere Position haben, je grosszügiger die Arbeitslosenunterstützung ausfällt. Das erhöht die Lohnkosten, so dass die Unternehmen weniger Stellen ausschreiben. Damit können Peter Fredriksson und Martin Söderström in der Tat zeigen, dass eine grosszügige Arbeitslosenunterstützung tendenziell zu höheren Löhnen führt.

Die Forscher finden zudem, dass der Anstieg der Arbeitslosenquote zeitlich verzögert eintritt, während sich die Gehälter schneller anpassen. Schliesslich können sie auch zeigen, dass die Ersatzraten angrenzender Gemeinden einen Einfluss haben. Erhöht sich die Ersatzrate einer benachbarten Gemeinde um ein Prozent, so steigt die Arbeitslosenrate um rund 1,5 Prozent.

Zwar schützt die Arbeitslosenversicherung die Arbeitnehmenden vor einem Wohlstandsverlust bei Arbeitslosigkeit und gewährt ihnen so Einkommenssicherheit. Sie hat jedoch auch negative Nebenwirkungen. Wie die Studie zeigt, suchen Arbeitslose mit grosszügigen Arbeitslosengeldern weniger intensiv nach neuen Stellen, so dass sie mit höherer Wahrscheinlichkeit arbeitslos bleiben.

 

  1. Dieser Artikel basiert auf der Studie von Fredriksson und Söderström (2020). []

Masterstudentin in Wirtschaftswissenschaften, Universität St. Gallen

Serie: Next Generation

Dieser Artikel ist Teil der Reihe «Next Generation». Darin fassen herausragende Studierende der Universität St. Gallen aktuelle und bedeutende Forschungsresultate von international renommierten Forschenden kompakt zusammen. Betreut und herausgegeben wird die Reihe von Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie und öffentliche Finanzen, und Michael Kogler, Lehrbeauftragter für Volkswirtschaftslehre. Weitere Artikel der Reihe finden Sie hier sowie auf der Website der Universität St. Gallen.

Literatur

Masterstudentin in Wirtschaftswissenschaften, Universität St. Gallen