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Sänger, Kulturproduzent und Gemeindepräsident von St. Moritz

Tourismusdestinationen sind Monokulturen. Das mag vielleicht nicht gelten für New York und Paris – für Randregionen wie Bali, die Malediven und sogar das Engadin trifft diese Beschreibung hingegen zu. Fast alle Anwohnerinnen und Anwohner sind hier mit dem Tourismus verbandelt. Entweder an der Front in der Hotellerie und in Restaurants oder im zweiten Glied als IT-Fachfrau für die Hotels, als Lehrer, als Schreinerin, als Klempner, als Treuhänder. In guten Zeiten ziehen dabei alle am gleichen Strick, in Krisenzeiten fühlt es sich eher an wie eine schwere Kette, welche alle in dieser Abhängigkeit verbindet.

Zudem ist diese Monokultur starken, saisonalen Schwankungen ausgesetzt. Das bringt zuweilen absurd anmutende Umstände mit sich: So muss etwa die neu eingeweihte Kläranlage von St. Moritz darauf ausgelegt sein, in Spitzenzeiten mit dem Unrat von rund 100ؘ’000 Menschen klarzukommen. In den übrigen neun Monaten des Jahres aber ist die Anlage drastisch unterfordert, wie ein 12-Zylinder-Rennwagen, der auf zwei Zylindern durch eine 30er-Zone tuckert.

 

Über Jahrzehnte hinweg akzeptierte man stillschweigend ein zum Teil ungesundes Mass an Ausbeutung der Natur

 

 

Ein weiterer Spagat, den es aus Sicht der lokalen Bevölkerung zu meistern gilt, betrifft die Frage: «Wie viel Tourismus darf es denn sein?» Über Jahrzehnte hinweg akzeptierte man stillschweigend ein zum Teil ungesundes Mass an Ausbeutung der Natur. «Stillschweigend» deshalb, weil die Entwicklung zum Tourismusort ganz langsam und oft nach dem gleichen Muster passiert: Menschen entdecken ein kleines Paradies, empfehlen es weiter, Einheimische sehen eine Chance, bauen etwas auf, und schon steckt man in dieser Spirale. Zum Glück hat in den letzten zehn, zwanzig Jahren ein Umdenken stattgefunden. Schliesslich bleibt es nicht ewig ein Paradies, wenn jeder Flecken niedergetrampelt werden darf. Diesen Balanceakt zu meistern, bleibt die vermutlich schwierigste Aufgabe der Tourismusdestinationen.

Was mich aber sehr optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass dieses Umdenken von den Gästen aktiv mitgetragen wird. Selbst in St. Moritz mit seiner einzigartigen 5-Sterne-Dichte und dem Ruf des Nobelkurorts wurde «Luxus» in den letzten Jahren stetig umdefiniert: statt des Neungängers mit Goldsteak lieber ein Slow-Food-Abend mit selbst gemachter Pasta und nachhaltig produziertem Wein. Statt des Leopardenfells lieber ein Pullover aus lokaler Wolle und Manufaktur. Selbst die alten, grossen Hotels, welche für gewöhnlich von ihrer Tradition leben, müssen sich hier ein Stück weit neu orientieren. Sofern es ihnen gelingt. Denn die wenigen E-Bikes, die im Hotel zur Verfügung stehen, sind stets ausgebucht, der hauseigene Rolls-Royce verstaubt derweil erhaben vor dem Haus.

Eine Tourismusdestination ist auch eine Bühne. Auffrischungen im Bühnenbild sind nötig. Ebenso in der Technik, der Ausstattung und zuweilen wohl auch in der Besetzung. Nur so kann die Geschichte spannend bleiben.

Zitiervorschlag: Christian Jott Jenny (2022). Reisen aus Sicht der Bereisten. Die Volkswirtschaft, 10. Mai.