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Tourismus ökonomisch eingeordnet

Der Tourismussektor wird in der Schweiz als wirtschaftlich eher unbedeutend wahrgenommen. In den Berggebieten ist er weiterhin ein Leitsektor.
Negative Handelsbilanz beim Tourismus: Ausländische Reisende in der Schweiz geben unter dem Strich weniger aus als Schweizer Touristen im Ausland. (Bild: Keystone)

Wie hat man während der Pandemie doch Besuche von Restaurants, Events, Freizeitanlagen und vor allem eines vermisst: die Geselligkeit. In der Krise erhielt der wirtschaftlich stark getroffene Tourismus in der breiten Bevölkerung und auch in der Politik viele Sympathiepunkte, wie etwa der Aufschrei in der Bevölkerung zeigte, als im Dezember 2020 die Restaurants erneut geschlossen wurden. Der Sektor ist im Vergleich zum Vorkrisenniveau massiv eingebrochen. Gemessen an den Logiernächten in der Hotellerie im Jahr 2020 betrug der Rückgang gegenüber 2019 rund 40 Prozent. Die einschneidenden Konsequenzen wurden mit etlichen Unterstützungspaketen stark abgefedert. Doch auch wenn der Tourismus als Teil der Erlebnisökonomie weit über seine wirtschaftliche Bedeutung hinaus gesellschaftlich verankert ist, gesamtwirtschaftlich wird er nur als zweitrangig wahrgenommen.

Tatsächlich trägt der Tourismus mit seinen beteiligten Branchen direkt rund 3 Prozent zum hiesigen BIP bei. Damit reiht sich die Schweiz 2019 etwas unter dem durchschnittlichen BIP-Anteil von 4,4 in der OECD ein. Fragt sich also, weshalb es dennoch angezeigt ist, sich für einen Wirtschaftszweig trotz seiner relativ geringen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung starkzumachen.

Eine Branche, die keine ist

Eines vorweg: Eigentlich handelt es sich beim Tourismus gar nicht um eine Branche. Vielmehr ist er ein Querschnittssektor mit ganz unterschiedlichen beteiligten Branchen. Die Abgrenzung, ob eine Transaktion touristisch ist, kann beim Tourismus nur nachfrageseitig über das Verhalten der Konsumenten erfolgen und nicht, wie üblich, angebotsseitig über einigermassen homogene Produktionsprozesse. Ein Beispiel: Wird ein Mittagessen von Einheimischen konsumiert, handelt es sich nicht um eine touristische Transaktion, beim Mittagessen einer auswärtigen Person in demselben Restaurant hingegen schon.

Die ökonomische Bedeutung des Tourismus ist deshalb auch nicht einfach der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) zu entnehmen. Vielmehr muss sie im Rahmen eines Satellitenkontos aufwendig errechnet werden. Dieser Querschnittscharakter verleiht den touristischen Dienstleistungen von der Beherbergung über den Transport bis hin zum Detailhandel eine grosse Heterogenität. Doch trotz dieser Eigenheiten wird der Tourismus als eigenständiges System wahrgenommen.

Schweizer Tourismusbilanz: Vom Überschuss zum Defizit

Die Einnahmen von internationalen Touristen in der Schweiz werden in der Zahlungsbilanz als Export verbucht. Umgekehrt stellen die Tourismusausgaben von Schweizern im Ausland einen Import dar. Über Jahrzehnte hinweg erwirtschaftete die Schweiz einen Tourismusbilanzüberschuss und leistete so einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich der Zahlungsbilanz. Ab 2012 kippte dieser Saldo leicht ins Negative. Und ab 2016 war die Schweizer Fremdenverkehrsbilanz das erste Mal substanziell negativ mit einem Minus von 0,8 Mrd. Franken.

Seither gaben Schweizerinnen und Schweizer für touristische Dienstleistungen im Ausland mehr Geld aus als ausländische Gäste in der Schweiz. Der Passivsaldo blieb auch 2017 (–1,8 Mrd. Franken), 2018 (–1,1 Mrd. Franken) und 2019 (–0,8 Mrd. Franken) bestehen. Selbst im ersten Pandemiejahr 2020 betrug er noch –0,3 Milliarden Franken. Vorteilhafte Wechselkurse zum Franken, eine günstige Mobilität sowie ein stetiges Wohlstandswachstum in der Schweiz haben die «Importe» – das heisst Ferien von Schweizern im Ausland – befeuert. Umgekehrt waren die Frankenstärke und die Hochpreisinsel Schweiz in dieser Zeit nicht gerade gute Argumente für Ferien von ausländischen Gästen in der Schweiz.

Alpenraum: Eine von vier Stellen tourismusabhängig

Als dienstleistungsintensiver Sektor schafft der Tourismus viele Arbeitsplätze. Zu den direkten Arbeitsplätzen werden beispielsweise Arbeitsstellen in der Beherbergung, bei den Bergbahnen oder in Reisebüros gezählt. Indirekte Arbeitsplätze entstehen durch Zulieferer, so zum Beispiel im Gross- und Detailhandel, im Baugewerbe oder im Auto- und Transportgewerbe. In der Schweiz waren 2019 rund 173’000 Vollzeitäquivalente direkt vom Tourismus abhängig. Das entspricht schweizweit rund 4,5 Prozent der Beschäftigung. Hinzu kommen noch rund 80’000 bis 90’000 Stellen in Zulieferbetrieben. In alpinen Gebieten ist dieser Anteil deutlich höher. Dort ist der Tourismus sogar für rund 16 Prozent der direkten Arbeitsstellen verantwortlich. Zusätzlich kommen dort rund 11 Prozent indirekte Stellen hinzu.[1] Damit ist im alpinen Raum jede vierte Stelle direkt oder indirekt vom touristischen Geschehen abhängig.

Über das Ankurbeln des regionalen Wertschöpfungskreislaufes generiert der Tourismus ausserdem direkt wie indirekt Wertschöpfung in Form von Löhnen, Steuern, Gewinnen und Zinsen. Die im Jahre 2019 erzielte direkte Wertschöpfung von rund 19,5 Milliarden Franken wurde zu zwei Dritteln in der Beherbergung, in der Gastronomie sowie beim Passagierverkehr erwirtschaftet. Insgesamt trug sie rund 3 Prozent zum BIP der Schweiz bei. Auch dieser Anteil ist im Berggebiet deutlich höher: Dort steuert der Tourismus sogar rund 13 Prozent direkt und nochmals rund 8 Prozent indirekt zur regionalen Wirtschaftsleistung bei.[2]

Damit avanciert der Tourismus im Berggebiet zu einer Leitwirtschaft. Kantonal oder lokal kann dieser Beitrag tatsächlich noch viel höher sein: So beträgt er im Kanton Bern rund 7 Prozent des regionalen Bruttoinlandprodukts, und im Berner Oberland trägt er direkt und indirekt sogar 24 Prozent bei.[3] Diese Zahlen dokumentieren die hohe regionale ökonomische Relevanz des Tourismus im Berggebiet.

Verhinderer von Abwanderung

Der Tourismus hat auch eine regionale Ausgleichsfunktion. Die meisten wertschöpfungsstarken Wirtschaftszweige sind schwergewichtig im Mittelland oder in den grossen Agglomerationen zu finden. Ebenso kann die Landwirtschaft im Mittelland und in den Voralpen effizienter produzieren. Der Tourismus als Dienstleistungssektor ist daher in vielen Berggebieten schlechthin die zukunftssichernde Leitindustrie und eröffnet auch eine Verknüpfung von ganz unterschiedlichen Branchen vor Ort. Damit trägt er in diesen Regionen zur wirtschaftlichen Attraktivität und zur Integration des Berggebietes in die Gesamtwirtschaft bei. Wo der Tourismus floriert, kann er die Abwanderung stoppen und unerwünschte Disparitäten zwischen Berg- und urbanen Gebieten verringern. Bezeichnend dafür ist, dass zwischen 2008 und 2019 68 Prozent der vom Bund finanzierten NRP-Investitionsprojekte zur Förderung der Regionalwirtschaft aus dem Tourismus stammten.[4]

Mit den geschaffenen Arbeitsplätzen generiert der Tourismus auch Einkommen. Dabei spielt die Arbeitsproduktivität gemessen als Wertschöpfung pro Vollzeitstelle eine wichtige Rolle, um die schwache Produktivität der touristischen Arbeitsstellen zu erfassen. Bereits der Umstand, dass der Anteil des Tourismus an der Beschäftigung (6,9%) höher ist als der Anteil am BIP (4,4%), deutet darauf hin, dass eine typische Stelle im Tourismus über eine geringere Arbeitsproduktivität verfügt und mit der Entwicklung in anderen Wirtschaftszweigen kaum mithalten kann. Wenn die regionale Entwicklung daher zu stark auf den Tourismus fokussiert, wird die Regionalentwicklung mit einem schwach produktiven Sektor gefördert und festigt so die wirtschaftlichen Unterschiede in der Region auch in Zukunft.

Eine touristische Entwicklung macht insbesondere dort Sinn, wo ein überdurchschnittliches touristisches Attraktionspotenzial vorhanden ist und gemeinsam mit anderen Wirtschaftszweigen vorangetrieben werden kann. Denn der Tourismus hat die Eigenheit, die Wertschätzung von Gästen in Wertschöpfung transformieren zu können. Ein Beispiel dafür ist etwa die Grimselregion, wo die Regionalentwicklung gemeinsam vom Tourismus und der Energiewirtschaft vorangetrieben wird und wo es mit dem Angebot Grimselwelt sogar zu Synergien zwischen den beiden kommt.

Eine persönliche Revolution ist nötig

Allerdings: Die touristische Entwicklung ist immer mehr mit abnehmenden ökonomischen Grenzerträgen und zunehmenden ökologischen und sozialen Kosten konfrontiert. Das zeigen etwa die Herausforderungen beim Wintertourismus. Auch hinsichtlich der immer wichtigeren Schonung von Ressourcen steht der Tourismus mit seinem hohen Ressourcenbedarf zunehmend unter Druck. Deshalb braucht es eine nachhaltigere Entwicklung im Tourismus. Konkret bedeutet das, dass das touristische Wachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden muss. Zudem braucht es eine Entkarbonisierung in allen Teilbereichen des Tourismus sowie weitere vielfältige Innovationsbestrebungen in Sachen Nachhaltigkeit. Eine Tourismuspolitik mit klugen Anreizen bei der Innovations- oder der Beherbergungsförderung kann hier starke Akzente setzen.

Nur so können die in Zukunft noch anspruchsvolleren Erwartungen an den Tourismus – etwa jene an eine positive Zahlungsbilanz – erfüllt werden. Ein solcher Exportüberschuss könnte auch die schwache gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Tourismus relativieren. Die beiden Tourismusprofessoren Jost Krippendorf und Hansruedi Müller haben es bereits 1986 gefordert: Als Auftakt und Voraussetzung für diese grosse Veränderung braucht es eine «kleine persönliche Revolution» jedes und jeder Einzelnen.[5]

  1. Siehe Rütter-Fischbacher und Rütter (2016). []
  2. Siehe Rütter-Fischbacher und Rütter (2016). []
  3. Siehe Rütter et al (2013). []
  4. Siehe Hoff et al. (2021). []
  5. Siehe Krippendorf und Müller (1986). []

Bibliographie
  • Hoff, O.; B. Burri, P. Lütolf, C. Abegg und T. Schwehr (2021). Weiterentwicklung der NRP-Investitionsförderung 2024+. Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft. Bern.
  • Krippendorf, J. und H. R. Müller (Hrsg.) (1986). Alpsegen Alptraum. Für eine Tourismus-Entwicklung im Einklang mit Mensch und Natur. Bern.
  • Rütter-Fischbacher, U. und H. Rütter (2016). Wertschöpfungs- und Beschäftigungswirkung im ländlichen und alpinen Tourismus. Studie im Auftrag des Schweizer Tourismus-Verband. Rüschlikon.
  • Rütter, H.; Rütter-Fischbacher, U.; Höchli, C.; Bandi, M. und Lehmann, T. (2013). Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus im Kanton Bern. Rüschlikon.

Zitiervorschlag: Monika Bandi Tanner (2022). Tourismus ökonomisch eingeordnet. Die Volkswirtschaft, 09. Mai.